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Das Team der Bäckerei Schulze ZB 2/2008

Zur Dikussion

Werkstatt für behinderte Menschen - allgemeiner Arbeitsmarkt: ein unüberbrückbarer Gegensatz?

Die Zahl der Werkstattbeschäftigten steigt stetig. Gesucht werden alternative Lösungen für Menschen, deren Leistungsfähigkeit eine Werkstattaufnahme nicht zwingend erforderlich macht. Ein Beitrag zur Versachlichung der Diskussion von Karl-Friedrich Ernst, Vorsitzender der BIH.

Jochen Krehl (39) hat es geschafft: Nach 18 Jahren in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeitet der geistig behinderte Mann seit 2002 als Backstubenhelfer in der Bäckerei Schulze in Plüderhausen bei Stuttgart. „Einige Aufgaben erledigt Jochen selbstständig, zum Beispiel Streuselküchle mit Pudding füllen, Kuchen belegen und teilweise auch Zutaten abwiegen. Er fehlt uns, wenn er mal nicht da ist!“, so der Inhaber der Bäckerei Theophil Schulze, der insgesamt 60 Mitarbeiter beschäftigt.

Handlungsbedarf erkannt

Dass der Übergang aus der Werkstatt für behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt möglich ist, zeigt nicht nur das Beispiel von Jochen Krehl. Doch stattdessen steigt die Zahl derjenigen, die das besondere Angebot einer Werkstatt für behinderte Menschen in Anspruch nehmen, aufgrund von Fehlentwicklungen immer weiter an. Dies ist seit vielen Jahren ein ungelöstes sozialpolitisches Problem. Nicht zuletzt der Koalitionsvertrag der Bundesregierung und aktuelle Beschlüsse der Arbeits- und Sozialministerkonferenz der Länder unterstreichen den Handlungsbedarf. Gesetzesüberlegungen des Bundesarbeitsministeriums für einen neuen Leistungstatbestand „Unterstützte Beschäftigung“ im Sozialgesetzbuch IX, mit dem die individuelle betriebliche Qualifizierung und Einarbeitung wesentlich behinderter Menschen auf Arbeitsplätzen in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes gefördert werden soll, gehen in die gleiche Richtung. Zahlreiche fachpolitische Stellungnahmen zu dem Thema in der letzten Zeit und eine breite Vielfalt an Modellprojekten und regionalen Ansätzen sollen ebenso dazu beitragen, die Situation zu verbessern. Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH) hat im letzten Jahr zusammen mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe eine Stellungnahme mit einer Situationsbeschreibung und Lösungsvorschlägen veröffentlicht (vgl. ZB 1/2007). Sie hat in der Fachöffentlichkeit große Beachtung gefunden, teilweise aber auch – nicht ganz unerwartet – Widerspruch ausgelöst.

Im Interesse der Betroffenen

Bedauerlicherweise wird die fachliche Diskussion gelegentlich sehr polemisch geführt. Nicht wenige Werkstätten und Interessenverbände unterstellen denjenigen, die Veränderungen erreichen wollen, „sozialromantische Vorstellungen“ und „schnöde pekuniäre Motive“, wie es zuletzt der Vorsitzende der BAG der Werkstätten für behinderte Menschen in der Zeitschrift Werkstatt:Dialog formulierte. Sie fürchten weiter um ihre Leistungsträger in den Werkstätten und verweisen starr auf das Recht zur Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben, das sie gefährdet sehen. Eine Versachlichung der Diskussion ist dringend zu wünschen.


Die Werkstätten für behinderte Menschen in Deutschland haben in den letzten Jahrzehnten einen ganz wichtigen und unersetzbaren Beitrag geleistet, um denjenigen behinderten Menschen, die den Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes nicht gewachsen sind, eine ihnen adäquate Form der beruflichen Teilhabe zu bieten. Immerhin 260.000 Menschen sind gegenwärtig in Deutschland auf diese Hilfeform angewiesen. Niemand will die erreichten sozialpolitischen Errungenschaften in Frage stellen. Und niemand bestreitet, dass der größte Teil der in den Werkstätten beschäftigten Menschen dort seinen richtigen Platz hat. Gleichzeitig ist es aber dringend notwendig, den ungebremsten Anstieg der Werkstattfälle spürbar zu verlangsamen, indem man für Menschen, deren Leistungsfähigkeit die Eingliederung in eine Werkstatt nicht zwingend erforderlich macht, nach Alternativen sucht. Dies ist im Interesse dieser Menschen, die in die Lage versetzt werden, ihren Lebensunterhalt eigenständig zu bestreiten, aber selbstverständlich auch im Interesse der öffentlichen Haushalte, wenn das gegenwärtige System auch in Zukunft finanzierbar bleiben soll. Schließlich ist der allgemeine Arbeitsmarkt auch aus Sicht des SGB IX das angestrebte Ziel.

Automatismus durchbrechen

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Von 2000 bis 2010 ist von einer Fallzahlensteigerung in den Werkstätten von 40,9 Prozent auszugehen und der Übergang von Beschäftigten aus der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt liegt bei gerade einmal 0,32 Prozent. Sicher wesentlich mit verursacht durch den schwierigen Arbeitsmarkt der letzten Jahre hat sich ein Automatismus entwickelt, wonach ganze Abgangsklassen der Förderschulen im Klassenverband in die Werkstatt für behinderte Menschen eingegliedert werden, ohne individuelle Alternativen zu prüfen.

Regionale Ansätze in den Ländern, zum Beispiel die „Aktion 1000“ des Integrationsamtes des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS), mit dem in diesem Bundesland innerhalb von fünf Jahren 1.000 Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt für Abgänger von Sonderschulen für geistig behinderte Menschen und Werkstattübergänger erreicht werden sollen, zeigen demgegenüber erstaunliche Erfolge. Nach dem dritten Jahr dieser Aktion waren bereits 717 Arbeitsplätze für die Zielgruppe erreicht, so dass aus heutiger Sicht davon auszugehen ist, dass das ehrgeizige Ziel nicht nur erreicht, sondern sogar deutlich übertroffen wird.

Ein Mix von Maßnahmen

Ermöglicht wurde dies durch ein ganzes Bündel von Maßnahmen und nur im Zusammenwirken dieser Maßnahmen konnten die guten Ergebnisse erreicht werden: So wurden die Integrationsfachdienste in Baden-Württemberg nachhaltig in die Vermittlung von wesentlich behinderten Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt eingebunden. Es wurden zusätzliche Förderprogramme für einstellungsbereite Arbeitgeber aufgelegt. Schon in einer frühen Phase wird inzwischen die schulische Vorbereitung in so genannten Berufsvorbereitenden Einrichtungen (BVE) als neue Form der Werkstufe der Sonderschulen intensiviert. Neben dem schulischen Ansatz leistet auch ein vom KVJS entwickelter neuer beruflicher Ansatz (Kooperative berufliche Bildung – KobV), der als ursprünglich regional nur begrenztes Modell inzwischen an zusätzlichen Standorten eingerichtet wird, einen wichtigen Beitrag. Hierbei handelt es sich um eine von der Bundesagentur für Arbeit geförderte Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BvB), bei der die Werkstatt für behinderte Menschen Bildungsträger ist, ohne dass die Teilnehmer in die Werkstatt aufgenommen werden.

Vernetzung verstärken

Fast die wichtigste Maßnahme der Aktion 1000 ist es, dass sich die zahlreichen Beteiligten an diesem komplexen Prozess, nämlich die Schulen, die Kultusverwaltung, interessierte Werkstätten, die Verbände behinderter Menschen, die Stadt- und Landkreise als Träger der Eingliederungshilfe, die kommunalen Landesverbände, die Bundesagentur für Arbeit und schließlich der KVJS als Initiator weit stärker als bisher vernetzt und abgestimmt haben. Dies geschieht auf Landesebene, wo die grundsätzlichen Strategien entwickelt und begleitet werden und geschieht regional in so genannten Netzwerk- und Berufswegekonferenzen in allen Stadt- und Landkreisen. Dort wird für die in Betracht kommenden Menschen individuell nach passenden Lösungen gesucht. Auch viele Agenturen für Arbeit leisten dabei inzwischen einen unverzichtbaren Beitrag. Neu ist schließlich, dass die Träger der Eingliederungshilfe eigene finanzielle Mittel in diesen Prozess investieren, der bisher ausschließlich aus Mitteln der Ausgleichsabgabe getragen wurde. Auch in anderen Bundesländern gibt es eine solche Entwicklung.

Die Bemühungen um eine Verbesserung des Übergangs aus der Werkstatt auf den Arbeitsmarkt müssen weiter gehen. Wesentlich behinderte Menschen verlieren durch eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt natürlich nicht ihre Behinderung, aber sie gewinnen an Selbstbestimmung und Eigenständigkeit.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.