Symbol Gebärdensprache Symbol Leichte Sprache

Behinderung
&
Beruf

ZB 2/2012

Gerhard Steinseifer Brauereibedarf GmbH & Co. KG

Wir führen zusammen, was zusammen gehört …

Bei Steinseifer im westfälischen Wenden arbeiten an der neuen automatischen Leergut-Sortieranlage behinderte und nichtbehinderte Mitarbeiter als Team erfolgreich zusammen. Das mittelständische Unternehmen erzielt wirtschaftlichen Erfolg durch Innovation und soziales Engagement.

Karsten Prinz arbeitet an der Leergut-Sortieranlage, (c) Barbara Kampa
Karsten Prinz arbeitet an der Leergut-Sortieranlage, (c) Barbara Kampa
Die Website www.steinseifer.eu zeigt auf den ersten Blick, was Steinseifer kann. Ein buntes, dynamisches Flaschen-Laufband, dazu das Firmenprofil mit einem prägnanten Slogan: „Wir führen zusammen, was zusammen gehört – Professionelles Leergut-Management“. Was dabei besonders überrascht: Steinseifer wirbt an prominenter Stelle für sich als ein vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) geförderter Integrationsbetrieb und erklärt: „Bei uns finden auch behinderte Menschen einen guten Arbeitsplatz“. Solche Aufmacher findet man selten bei kommerziellen Websites. Wie verbindet dieses mittelständische Unternehmen kommerziellen Erfolg und Engagement in Sachen Inklusion, der gemeinsamen Arbeit von Menschen mit und ohne Behinderung?

Innovation inklusive Arbeit Professionelles Leergut-Management ist gefragt. Die umweltorientierte Getränke-Produktion, die auf Mehrwegflaschen setzt, hat in den letzten Jahren zu einer starken Nachfrage geführt. Immer mehr Brauereien vergeben ihre Leergut-Logistik komplett an externe Dienstleister. Das Leergut muss zusammengeführt, richtig sortiert und wieder bereitgestellt werden.

Horst Kanngießer, geschäftsführender Gesellschafter von Steinseifer: „Wir haben früh auf diesen Zukunftsmarkt gesetzt und spezielles Knowhow entwickelt. Wir sind die Problemlöser, die sicherstellen, dass das Mehrweg Kreislaufsystem reibungslos funktioniert.“ Das mittelständische Unternehmen floriert. Steinseifer ist einer der beiden größten Dienstleister in diesem Markt, mit sieben Standorten im gesamten Bundesgebiet. Hauptsitz ist Wenden im Sauerland. Hier sind etwa 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Horst Kanngießer: „Um der wachsenden Nachfrage unserer Kunden gerecht zu werden, haben wir Anfang 2010 eine neue automatische Flaschen-Sortieranlage geplant.“ Das LWL-Integrationsamt in Münster machte Steinseifer den Vorschlag, die Investition in die neue Anlage mit einem Integrationsprojekt zur Beschäftigung schwerbehinderter Menschen zu verbinden. Die Geschäftsleiterin Susanne Kanngießer erinnert sich: „Wir haben den Vorschlag mit Interesse aufgegriffen und uns mit den Fachleuten zusammengesetzt.“ Der Beitrag des Integrationsamtes: behinderungsgerechte Gestaltung der Arbeitsplätze, Einarbeitung und flexible Begleitung der schwerbehinderten Mitarbeiter durch einen Integrationsfachdienst, Mitwirkung bei der Kalkulation und Unterstützung durch Ko-Finanzierung des Projektes.

Das Konzept in fünf Punkten … Gemeinsam wurde mit Steinseifer ein tragfähiges Konzept auf den Weg gebracht:
1 Innovation:
Die Anschaffung einer automatischen Sortieranlage ersetzt das manuelle Sortieren am Band.
2 Produktivität:
Die Sortierleistung wird von 50.000 auf 100.000 Flaschen pro Schicht verdoppelt. Der Umsatz des Unternehmens wird deutlich gesteigert.
3 Erleichterung der Arbeit:
Schweres Heben von Kisten wird reduziert. Die Flaschen werden automatisch erkannt. Sie kommen bereits sortiert an der Abnahmestation an und lassen sich einfach und schnell in die passenden Kästen einordnen.
4 Neue, inklusive Arbeit:
Für das 24-köpfige Team, das die Anlage im Schichtbetrieb betreut, werden sieben schwerbehinderte Menschen neu eingestellt. Durch die automatische Sortierung können bestimmte Arbeiten an der Anlage auch von Personen mit Lernschwierigkeiten übernommen werden, zum Beispiel als Alternative zu einer Beschäftigung in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM).
5 Attraktive Ko-Finanzierung:
Die Kosten der neuen Anlage belaufen sich mit Montage auf etwa 312.000 Euro. Der Betrieb erhält dazu Zuschüsse von 140.000 Euro (Land Nordrhein-Westfalen und LWL-Integrationsamt je die Hälfte) sowie für fünf Jahre ein zinsloses Darlehen des LWLIntegrationsamtes von 60.000 Euro. Auch für den LWL „rechnet“ sich diese Investition, denn die geförderten Arbeitsplätze im Betrieb sind etwa die Hälfte günstiger als die Plätze in einer WfbM.

Neue Erfahrungen im Betrieb Im Frühjahr 2010 wurde die neue Anlage montiert. Das war der technische Teil. Der Aufbau der Integrationsabteilung wurde dann mit großer Umsicht und Verantwortung schrittweise in Angriff genommen. Susanne Kanngießer: „Unsere Projektleiterin Bettina Wurm hat eine spezielle Qualifikation als betriebliche Ansprechperson für psychisch behinderte Menschen beim LWL erworben.“ Bettina Wurm: „Als bekannt wurde, dass wir ein Integrationsprojekt planen, war die erste Reaktion in der Belegschaft: Oh Gott, was kommt da auf uns zu?“ Doch in vielen persönlichen Gesprächen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist es Bettina Wurm und Susanne Kanngießer gelungen, Vorurteile zu entkräften und Verständnis zu wecken.

Nach und nach wurden dann die sieben neuen Kolleginnen und Kollegen mit Handicap eingestellt. Thomas Weber und Karsten Prinz waren im Sommer 2010 bei den Ersten. Nach einem Praktikum haben sich die beiden schnell ins Team integriert. Bettina Wurm: „Die jungen Leute meistern ihren Job toll!“ Der Integrationsfachdienst in Olpe hat die Arbeitserprobung begleitet und ist auch ansonsten immer ansprechbar. Für die Geschäftsleiterin Susanne Kanngießer ist das Projekt in jeglicher Hinsicht gelungen: „Wir haben ein gleichberechtigtes Team. Die Leute kommen gut miteinander klar. Die Integrationsabteilung ist für Steinseifer aber vor allem auch wirtschaftlich ein Erfolg.“ Die Erfahrungen sind so gut, dass der Betrieb bereits die Einrichtung einer zweiten Anlage vorbereitet.

Info: Integrationsabteilungen - Gelebte Inklusion

Integrationsprojekte beschäftigen eine überdurchschnittlich hohe Zahl schwerbehinderter Menschen (zwischen 25 und 50 Prozent). Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten hier ganz selbstverständlich zusammen – gelebte Inklusion. In Westfalen-Lippe gibt es aktuell rund 110 Integrationsprojekte mit insgesamt 1.200 schwerbehindertenBeschäftigten. Dazu zählen neben den rechtlich und wirtschaftlich selbstständigen Integrationsunternehmen auch die 20 Integrationsabteilungen in privatwirtschaftlichen Betrieben. Das Programm „Integration unternehmen“ des Landes Nordrhein-Westfalen fördert gezielt solche Projekte und hat in den vergangenen drei Jahren zu einem deutlichen Anstieg von Neugründungen geführt.

ZB Online

Alle Ausgaben
Aktuelle Ausgabe
2019 2018 2017 2016
2015 2014 2013 2012
2011 2010 2009 2008
2007 2006 2005

Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.