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Mann als Anhalter am Straßenrand ZB 4/2011

Arbeitsmarkt

Wo bleibt die Teilhabe am Aufschwung?

Die deutsche Wirtschaft boomt, die Arbeitslosigkeit sinkt. Nur schwerbehinderte Menschen profitieren bislang kaum davon. Daten, Fakten, Hintergründe ...

 

Jobwunder und Fachkräftemangel – zwei Schlagworte beherrschen in den letzten Wochen und Monaten die Diskussion über die Lage am Arbeitsmarkt in Deutschland. Erstmals seit vielen Jahren liegt die Arbeitslosenzahl wieder unter drei Millionen. Betriebe bieten deutlich mehr Ausbildungsplätze an und in einigen Branchen sucht man händeringend nach qualifiziertem Personal. Doch während die Wirtschaft weiter wächst und sich der Arbeitsmarkt entspannt, geht der Aufschwung an einem Teil der Bevölkerung vorüber: Die Zahl der schwerbehinderten Menschen ohne Arbeit ist in den letzten drei Jahren um zehn Prozent gestiegen.

Die Krise kam nach der Krise

Die Arbeitslosigkeit unter den schwerbehinderten Menschen nahm jahrelang kontinuierlich ab, bis sie 2008 ihren niedrigsten Stand erreichte (siehe Grafik). Und selbst als sich die weltweite Wirtschaftskrise zum Jahreswechsel 2008/2009 in der allgemeinen Arbeitslosenstatistik negativ bemerkbar machte, waren schwerbehinderte Arbeitnehmer noch kaum betroffen. Die Trendwende setzte erst im darauf folgenden Frühjahr ein. Zu einem Zeitpunkt, als sich die Lage auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt schon wieder entspannte, verloren immer mehr Menschen mit Handicap ihren Job. Hier wirkte sich der besondere Kündigungsschutz zeitverzögernd aus. Werden in einem Betrieb Mitarbeiter entlassen, bleiben behinderte Menschen aufgrund der Sozialauswahl in der Regel zunächst verschont. Wenn sie jedoch entlassen werden, trifft es sie umso nachhaltiger, da es für sie schwerer ist, einen neuen Arbeitsplatz zu bekommen.

Nachdem die Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen zum Jahresbeginn 2011 erneut einen Sprung nach oben machte, geht sie seither leicht aber stetig zurück. Im Juli 2011 waren knapp 180.000 schwerbehinderte Menschen arbeitslos gemeldet. Ein Wert, der immer noch drei Prozentpunkte über dem Vorjahresergebnis liegt. Unbefriedigend ist diese Entwicklung auch deshalb, weil die allgemeine Arbeitslosigkeit im gleichen Zeitraum viel deutlicher schrumpfte.

Doppeltes Handicap: Behinderung und Alter

Die Wirtschaftskrise traf vor allem das exportorientierte Verarbeitende Gewerbe. Deshalb verloren in erster Linie Beschäftigte großer Industrieunternehmen in Süd- und Westdeutschland ihren Job. Und damit auch viele schwerbehinderte Arbeitnehmer, die hier bisher gute Beschäftigungschancen hatten, wie der Deutsche Gewerkschaftsbund betont.

Die Entlassungswelle traf unter den schwerbehinderten Arbeitnehmern vor allem die 50- bis 65-Jährigen. In dieser Altersgruppe stieg 2010 die Arbeitslosigkeit um elf Prozent auf knapp 95.000. Mit dem Alter hat es nach Expertenmeinung auch zu tun, wenn sich die Situation der Betroffenen entgegen dem allgemeinen Trend nicht entscheidend verbessert. Denn ältere Personen sind generell schwerer in Arbeit zu vermitteln.

„Jobwunder“ durch Zeitarbeit

Dass die deutschen Unternehmen und ihre Belegschaften so glimpflich durch die Wirtschaftskrise gekommen sind und der Arbeitsmarkt nicht wie befürchtet „eingebrochen“ ist, wird häufig als „Jobwunder“ bezeichnet. Fachleute haben dafür jedoch eine einleuchtende Erklärung: Die Auftragsflaute wurde hierzulande durch vernünftige Rahmenbedingungen der Sozialpartner aufgefangen – vor allem durch flexible Beschäftigungsmodelle wie Kurzarbeit oder Abbau voller Arbeitszeitkonten.

Der Rückgang der allgemeinen Arbeitslosigkeit spiegelt sich wider in steigenden Beschäftigungszahlen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes boomt jedoch vor allem die Zeitarbeit. Eine Beschäftigungsform, die aufgrund häufig wechselnder Einsatzorte und der von Mitarbeitern geforderten hohen Flexibilität nur bedingt für Menschen mit Behinderungen in Frage kommt.

Fachkräftemangel – eine echte Chance?

Während das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Ende 2010 in einer Studie zu dem Ergebnis kam, ein Fachkräftemangel sei nicht zu erkennen, sieht die Bundesagentur für Arbeit Engpässe in einzelnen Berufsgruppen und Regionen. Aktuell herrsche Fachkräftemangel bei einigen Ingenieurberufen, etwa in den Bereichen Maschinen- und Fahrzeugbau oder Elektrotechnik, bei Ärzten sowie in der Altenpflege.

Dies könnte eine Chance für gut ausgebildete schwerbehinderte Menschen sein, gerade auch für ältere Arbeitnehmer, die Erfahrung als Spezialisten in den genannten Branchen mitbringen. Ein Potenzial, das Unternehmen schon heute zur Verfügung steht!

Grafik: Arbeitslosigkeit 2001-2011, (c) Atelier Stepp

 

 

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