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Behinderung
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Beruf

Titelbild ZB 1/2013, (c) Stockbyte/Thinkstock ZB 1/2013

Übergang Schule-Beruf

Willkommen im Betrieb!

Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen – das ist für viele schwerbehinderte junge Menschen eine enorme Herausforderung. Ein spezielles Verfahren zur beruflichen Orientierung kann ihnen den Weg ebnen.

In den vergangenen Jahren haben immer mehr schwerbehinderte Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit sonderpädagogischem Förderbedarf quasi automatisch den Weg in eine Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) eingeschlagen. Eine Befragung von Förderschulen in Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2010 hat ergeben, dass nur fünf Prozent der Schulabgänger der Einstieg in eine betriebliche Ausbildung oder Beschäftigung geglückt ist. Rund 60 Prozent wechselten in eine WfbM. Im übrigen Bundesgebiet sah es bislang nicht anders aus. Doch jetzt gibt es Ansätze, die diesen Trend umkehren könnten.

Wohin geht mein Weg?
Das Berufliche Orientierungsverfahren

Kevin Börsig in der Metzgerei, (c) Jasmin Langer
Kevin Börsig gefällt es in der Bio-Metzgerei. (c) Jasmin Langer
„Hier bei Bohn’s Bio-Metzgerei, was möchten Sie bestellen?“ Mit einer Hand presst Kevin Börsig den Telefonhörer ans Ohr, mit der anderen kreuzt er eine Bestellliste an. „Ob er das packt, in einer Metzgerei?, dachte Wolfgang Weis vom Integrationsfachdienst in Karlsruhe, als er den zurückhaltenden jungen Mann in einer „Sonderschule für Geistigbehinderte“ kennen lernte. Seit zweieinhalb Jahren arbeitet Kevin Börsig für den Familienbetrieb im baden-württembergischen Forst. Erst als Schülerpraktikant, dann als Teilnehmer einer Qualifizierungsmaßnahme und seit März 2013 als Festangestellter. Er macht Einkäufe und Botengänge, schneidet Gemüse, steckt Spieße, beschriftet Dosen… und verstärkt den Telefondienst. Über diese Karriere staunen nicht nur seine Eltern.

Dass der Übergang von der Schule in den Beruf für Kevin Börsig perfekt verlaufen ist, verdankt er nicht zuletzt einem so genannten „Beruflichen Orientierungsverfahren“ für schwerbehinderte Schüler, das in Baden- Württemberg unter der Bezeichnung „Berufsvorbereitende Einrichtung“ seit ein paar Jahren erfolgreich erprobt wird. In den meisten anderen Bundesländern gibt es heute ähnliche Projekte, zum Beispiel „STAR – Schule trifft Arbeitswelt“ in Nordrhein- Westfalen (ergänzt um eine spezielle Lehrerfortbildung), „Berufsorientierung individuell“ in Bayern oder „Übergang Schule-Beruf” in Brandenburg. Allen diesen Ansätzen ist gemeinsam, dass in den letzten zwei bis drei Schuljahren eine wesentlich bessere Vorbereitung für das spätere Berufsleben erfolgt und dass die Integrationsfachdienste bereits in dieser frühen Phase tätig werden. Hatten diese Angebote bisher noch Modellcharakter, so sollen sie in Zukunft im jeweiligen Land flächendeckend eingeführt werden. Die Initiative dafür liegt bei den einzelnen Bundesländern.

Was kann ich? Was will ich?
Die Kompetenzanalyse

Franziska Thiem neben einem ihrer Pferde, (c) Christoff Geissel
Franziska Thiem kann gut mit Tieren umgehen. (c) Christoff Geissel
Hufe trappeln, der warme Geruch von Heu liegt in der Luft. Sanft striegelt Franziska Thiem über das Fell der Stute, immer wieder, bis es glatt und glänzend ist. Vor drei Jahren machte die 22-jährige Pferdepflegerin hier auf dem Reiterhof von Anja Ötting in Leverkusen ihr erstes Praktikum. Schnell zeigte sich, dass die Schülerin einer Förderschule für Geistige Entwicklung ein besonderes Talent für den Umgang mit Tieren hat. Als sie nach der Schule dort als Pferdehelferin anfangen konnte, ging ihr „größter Traum aus Kindheitstagen“ in Erfüllung. Besonders stolz ist Franziska Thiem auf die bestandene Prüfung zur Pferdepflegerin im November 2012.

Jeder junge Mensch, der vor der Berufswahl steht, muss sich über seine Stärken und Schwächen, seine beruflichen Wünsche und Neigungen im Klaren werden. Die Stärken vieler Jugendlicher, die eine Förderschule besuchen, liegen eher auf praktischem Gebiet. Ob sie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt bestehen können, hängt aber nicht nur von ihren praktischen Fertigkeiten ab, sondern in hohem Maße auch von so genannten Schlüsselkompetenzen, also Eigenschaften wie Selbsteinschätzung, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Eine Kompetenzoder Potenzialanalyse ermittelt mit wissenschaftlich fundierten Tests und Methoden, wo die individuellen Stärken liegen und wo Entwicklungsmöglichkeiten bestehen. Sie ist deshalb fester Bestandteil eines beruflichen Orientierungsverfahrens.

Wie schaffe ich den Sprung?
Die Berufswegekonferenz

Detlef Grimm in Malerkleidung, Pinsel und Farbeimer, (c) Claudius Pflug
Detlef Grimm interessiert sich fürs Handwerk, (c) Claudius Pflug
„Detlef, bringst du bitte mal die Farbeimer rüber? Frank Turbanisch von der H + L-Hausverwaltung in Nauen/Brandenburg begutachtet die frisch gespachtelten Stellen in der Wand. Zusammen mit seinem jungen Assistenten Detlef Grimm leistet er technischen Gebäudeservice, wie kleinere Malerarbeiten. Schon in der Förderschule für geistige Entwicklung wusste Detlef Grimm, dass er später einmal „etwas Handwerkliches“ machen möchte. Eine Werkstatt für behinderte Menschen sei jedenfalls nichts für ihn, erklärte er seinen Lehrern. Seit Herbst 2012 wird Detlef Grimm während einer „Unterstützten Beschäftigung“ von Frank Turbanisch angelernt. Die beiden sind ein eingespieltes Team.

Der Berufsweg eines schwerbehinderten Schülers, der nicht wie selbstverständlich in eine WfbM führen soll, will gut geplant sein. Der Ort, wo dies geschieht, ist die so genannte Berufswegekonferenz. Organisiert wird sie von der Schule zu Beginn des beruflichen Orientierungsverfahrens. Der behinderte Schüler und alle, die seinen Einstieg ins Arbeitsleben unterstützen können, kommen hier zusammen: seine Eltern bzw. der Betreuer oder die Betreuerin, der Lehrer oder die Lehrerin, ein Mitarbeiter des Integrationsfachdienstes, der Reha- Berater der Arbeitsagentur und manchmal auch ein Vertreter einer WfbM und des Sozialhilfeträgers. Auf der Berufswegekonferenz entscheidet sich, ob ein Wechsel auf den allgemeinen Arbeitsmarkt nach der Schule angestrebt wird. Ist das der Fall, planen die Teilnehmer gemeinsam die nächsten Schritte.

Ist das der richtige Ort für mich?
Das Betriebspraktikum

Florian Lodotzki wartet mit einem Rollstuhl auf seine Patienten, (c) Eva Kemper
Florian Lodotzki arbeitet in einer Reha-Klinik, (c) Eva Kemper
Florian Lodotzki wirft einen kurzen Blick auf seinen Fahrplan für den „Hol- und Bringdienst“. Als nächstes wird er den Gast aus Zimmer 1009 im Rollstuhl zur Wassergymnastik fahren. Die Klinik am Park in Bad Sassendorf/ Westfalen ist eine große Reha-Einrichtung. Die Patienten sind dankbar, dass jemand sie durch den weitläufigen Gebäudekomplex begleitet. Und Florian Lodotzki, der wegen einer spastischen Lähmung selbst gehbehindert ist, nimmt sie mit einem offenen Lächeln in Empfang. Schon das Schülerpraktikum in der Klinik war für Florian Lodotzki ein Volltreffer – nach zwei gescheiterten Versuchen in einem Schwimmbad und in einem Warenlager.

Gerade für schwerbehinderte junge Menschen, die erst herausfinden müssen, ob sie den Anforderungen der Arbeitswelt gewachsen sind, erweisen sich Betriebspraktika als unverzichtbar. Hier kann der Jugendliche sich und seine beruflichen Vorstellungen selbst erproben. Dabei werden er und der Betrieb von den Lehrern und den Beratern des Integrationsfachdienstes eng begleitet. Ein Praktikum kann je nach Bedarf unterschiedlich organisiert werden: als Schnupperpraktikum, mehrwöchiges Schülerbetriebspraktikum oder als Langzeitpraktikum über mehrere Monate hinweg, parallel zum Schulbesuch. Nicht selten mündet ein erfolgreiches Praktikum in eine betriebliche Qualifizierung am Arbeitsplatz. Der Übergang von der Schule in den Beruf ist damit gelungen.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.