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Behinderung
&
Beruf

ZB 2/2008

Blinde und sehbehinderte Menschen

Ihre Stärken beruflich nutzen

Blinde und sehbehinderte Menschen haben es häufig besonders schwer, im Beruf Fuß zu fassen. Dabei  haben sie oft spezielle Fähigkeiten und Fertigkeiten entwickelt. Neue Chancen am Arbeitsmarkt und Beispiele aus der Praxis.

Blind sein und arbeiten – geht das? Viele Sehende können sich das nicht
vorstellen. Sie haben noch nie davon gehört, dass blinde Menschen als
Computerspezialisten, Sozialarbeiter oder Industriemechaniker tätig sind.
Auch die Vielfalt an modernen Hilfen, von der Braille-Zeile bis hin zur Arbeitsassistenz, kennen die wenigsten. Zur fehlenden Information kommen
häufig Klischees und Vorurteile, wie die blinde Psychotherapeutin und Autorin Eva-Maria Glofke-Schulz feststellt: „Einerseits traut man uns Blinden
viel zu wenig zu und glaubt, uns beinahe über eine Straße tragen zu müssen, andererseits redet man vom sechsten Sinn, den wir haben sollen“.

Ursachen und Merkmale

In Deutschland leben etwa 155.000 blinde und schätzungsweise eine halbe Million sehbehinderte Menschen. In vielen Fällen wird die Behinderung durch eine Schädigung des Sehnervs oder der Netzhaut verursacht, denn diese Erkrankungen sind noch nicht heilbar und auch die entsprechenden Zellgewebe können noch nicht ersetzt oder transplantiert werden. Manche der Betroffenen kommen mit der Behinderung auf die Welt, bei anderen tritt sie erst in einem späteren Lebensalter auf – entweder plötzlich, zum Beispiel durch einen Unfall, oder schleichend, wie bei einigen erblich bedingten Erkrankungen.

Nicht jeder, der eine Brille trägt, ist sehbehindert. Auch ist eine verminderte
Sehschärfe nicht das allein bestimmende Merkmal einer Sehbehinderung.
Es gibt zum Beispiel Menschen, deren Gesichtsfeld so stark eingeschränkt
ist, dass sie nur noch einen punktgroßen Ausschnitt ihrer Umgebung
sehen können. Andere leiden unter einer extrem hohen Blendempfindlichkeit
oder können keine Farben wahrnehmen. Auch starkes Schielen
oder eine verschleierte Sicht durch eine trübe Linse – wie beim Grauen Star
– können das Sehvermögen deutlich herabsetzen.

Entgegen landläufiger Vorstellung, bedeutet blind zu sein nicht unbedingt, gar nichts (mehr) zu sehen: Nur etwa fünf Prozent der blinden Menschen verfügen über keinen Sehrest, können also auch nicht hell und dunkel unterscheiden.

Auswirkungen im Beruf

Wenn das Sehvermögen schlechter wird oder gar verloren geht, werden
viele Verrichtungen des alltäglichen Lebens – auch im Beruf – zum Problem:
beispielsweise Schriftstücke lesen, Papierformulare ausfüllen oder
Präsentationen verfolgen. Die Betroffenen haben außerdem Schwierigkeiten,
sich selbstständig zu orientieren und fortzubewegen – dies beginnt
auf dem Weg zur Arbeit und setzt sich im Betriebsgebäude fort. Ein großes
Handicap blinder Menschen in der Kommunikation ist der fehlende Blickkontakt. Sie müssen sich auf die Stimme ihres Gesprächspartners verlassen und sind auf Beschreibungen angewiesen.

Wie stark jemand durch eine Sehschädigung beeinträchtigt ist, hängt jedoch
auch davon ab, in welchem Umfang die behinderungsbedingten Einschränkungen durch andere Fähigkeiten, Hilfen und Strategien kompensiert werden können: etwa durch einen feinen Tastsinn, ein gutes Gehör,Kombinationsvermögen oder das Einhalten einer systematischen Ordnung. Diese Stärken können auch beruflich genutzt werden. Darüber hinaus gibt es effektive technische und personelle Hilfen. Hier sind insbesondere Computertechnik und Arbeitsassistenz zu nennen, die vielen blinden Menschen erst eine qualifizierte berufliche Tätigkeit
ermöglichen.

Neue berufliche Perspektiven

Frühere Untersuchungen belegen, dass blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen auf dem Arbeitsmarkt besonders benachteiligt sind. Dies liegt zum einen daran, dass die Zahl beruflicher Tätigkeiten, die für die Betroffenen in Frage kommen, behinderungsbedingt begrenzt ist. Zudem
sind in den vergangenen Jahren Arbeitsplätze verloren gegangen, weil traditionelle „Blindenberufe“, wie der Telefonist in der Vermittlung oder der Masseur, kaum noch nachgefragt werden. Doch haben sich auch neue berufliche Perspektiven eröffnet: So bietet beispielsweise die IT-Branche zunehmend Beschäftigungsmöglichkeiten, etwa als Fachinformatiker, ITKaufmann oder Webdesigner. Auch Call-Center – sofern sie seriös arbeiten – sind ein Zukunftsmarkt für Betroffene. Gleichzeitig entstehen neue Berufsbilderund Einsatzfelder, zum Beispiel die medizinische Tastuntersucherin in der Brustkrebsvorsorge oder die Schreibkraft mit einer Zusatzqualifikation für das Verfassen medizinischer
Fachtexte. Mittlerweile werden eine ganze Reihe kreativer Ansätze für
neue Beschäftigungsmöglichkeiten entwickelt. Sie reichen von der Sprachanalyse bei der Polizei bis hin zur Sensorik, der Geruchs- und Geschmacksprüfung in der Lebensmittelproduktion.

* aus: „Löwin im Dschungel – Blinde und sehbehinderte
Menschen zwischen Stigma und Selbstwerdung“,
Psychosozial-Verlag, Gießen

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Wichtiger Hinweis:
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