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Behinderung
&
Beruf

ZB 1/2006

Üben, bis es sitzt

Veronika Köller ist leicht geistig behindert. Seit zehn Jahren arbeitet sie auf dem ersten Arbeitsmarkt.

„Ich hab’s geschafft!“ Das kann Veronika Köller mit Fug und Recht behaupten. Sie feierte letztes Jahr ihr 10-jähriges Jubiläum bei Balda-Heinze in Herford, einem Unternehmen, das Kunststoffteile fertigt, zum Beispiel für Mobiltelefone. Bevor die 44-Jährige den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt wagte, war sie in einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt. „Aber ich wollte eine richtige Arbeit machen und mein eigenes Geld verdienen“, erklärt Veronika Köller.

Unterstützt wurde die resolute Westfälin dabei von Renate Vogtländer und Volker Marten, Mitarbeiter beim Integrationsfachdienst in Herford – einem von sieben Diensten, die am „Projekt Integration“ mitgearbeitet haben. Renate Vogtländer vermittelte für Veronika Köller ein mehrwöchiges Praktikum bei ihrem heutigen Arbeitgeber, welches direkt in ein festes Beschäftigungsverhältnis im so genannten Veredelungsbereich mündete. Während des Praktikums konnten sich Betrieb und Mitarbeiterin näher kennen lernen und aufeinander einstellen. Für die schwerbehinderte Frau, die weder lesen noch schreiben kann, war es anfangs eine große Umstellung: „In der Werkstatt ging es lockerer zu und ich musste nicht so viel arbeiten.“

Mit dem Bus zur Arbeit fahren, sich im Betrieb zurechtfinden, mit Kritik umgehen und einen langen Arbeitstag durchhalten … all dies musste Veronika Köller erst lernen. Deshalb stellte Renate Vogtländer einen „Übungsplan“ auf und spielte die Situationen mit ihr mehrmals durch, zum Beispiel wie sich Veronika Köller am Arbeitsplatz Hilfe holen kann, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Die Beraterin arbeitete Veronika Köller auch ein. Später übernahm Volker Marten diese Aufgabe. Die anfallenden Arbeiten sind unterschiedlich: Einmal müssen Handyschalen in einen Behälter gepackt werden, ein anderes Mal wird an einer Maschine gestanzt oder Kunststoffteile sind zu entgraten. Jeder Arbeitsschritt wird so lange erklärt und demonstriert, bis Veronika Köller alles selbstständig umsetzen kann. „Anfangs hatten wir etwas Bedenken wegen der Qualität der Arbeit“, erinnert sich Petra Bahl, stellvertretende Leiterin des Bereichs Veredelung. „Aber wenn man ihr etwas gut erklärt, dann sitzt es auch.“

Trotzdem wurde entschieden, Veronika Köller nicht in den laufenden Arbeitsprozess einzubeziehen, zum Beispiel am Band. Das vorgegebene Arbeitstempo würde Veronika Köller überfordern. Wie ihre 120 Kolleginnen und Kollegen in der Abteilung arbeitet sie sieben Stunden am Tag, fünf Tage in der Woche. Der einzige Unterschied: als schwerbehinderte Mitarbeiterin stehen ihr fünf Tage mehr Urlaub zu. „Den nehme ich allerdings nur, wenn es auch wirklich passt“, betont Veronika Köller, „wenn viel zu tun ist und der Schuh drückt, bin ich da!“

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.