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Veronika Köller an ihrem Arbeitsplatz

Lern- und geistig behinderte Menschen

Erfolgreich vermittelt - und danach?

Menschen mit einer Lern- oder geistigen Behinderung haben, unterstützt durch einen Integrationsfachdienst, gute Chancen auf eine dauerhafte Beschäftigung – so das Ergebnis einer Studie.

Veronika Köller an ihrem Arbeitsplatz ZB 1/2006

Lern- und geistig behinderte Menschen

Erfolgreich vermittelt - und danach?

Menschen mit einer Lern- oder geistigen Behinderung haben, unterstützt durch einen Integrationsfachdienst, gute Chancen auf eine dauerhafte Beschäftigung – so das Ergebnis einer Studie.

Dauerhaft beschäftigt?

Vor rund zehn Jahren hat das Integrationsamt beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe in Münster im Rahmen eines Modellprojektes sieben Integrationsfachdienste für Menschen mit einer Lern- oder geistigen Behinderung eingerichtet. Ihre Mitarbeiter haben von 1994 bis 1997 insgesamt 141 „umfänglich lernbehinderte“ Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt.

Ein gutes Ergebnis. Doch wie dauerhaft war dieser Erfolg? Was ist aus den Betroffenen geworden? Um dieser Frage nachzugehen, wurde eine Studie in Auftrag gegeben, die den beruflichen Verbleib und Werdegang der vermittelten Personen untersuchen sollte. Da, wo es Abbrüche und Kündigungen gab, wurde den Gründen nachgegangen. Außerdem interessierte die Situation der Betroffenen an ihrem jeweiligen Arbeitsplatz.

Die Befragung von 125 Personen ergab, dass knapp 66 Prozent noch auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt waren. Die durchschnittliche Dauer der Beschäftigung betrug fünf Jahre und acht Monate. Die Eingliederungsergebnisse können damit, insbesondere im Hinblick auf ihre Nachhaltigkeit, als außerordentlich erfolgreich bezeichnet werden.

Fazit: Menschen mit einer schweren Lern- oder geistigen Behinderung haben – trotz hoher allgemeiner Arbeitslosigkeit – durchaus gute Chancen, auf dem ersten Arbeitsmarkt dauerhaft Fuß zu fassen!

Wann gelingt es?

Die Studie bestätigte auch, dass eine Unterstützung durch den Integrationsfachdienst die Arbeitsleistung und die soziale Integration stark lernbehinderter Menschen positiv beeinflusst und sich dadurch die Chancen auf eine dauerhafte Beschäftigung deutlich verbessern. Entscheidend sind hierbei insbesondere ein zufriedenstellendes Arbeitstempo, eine einigermaßen selbstständige Arbeitsausführung und möglichst geringe Verhaltensprobleme und Auffälligkeiten. Wie erwartet, wirken sich eine geradlinige „behindertenspezifische Schul- und Ausbildungskarriere“ ohne Brüche sowie eine berufliche Basisqualifikation, zum Beispiel eine Helfer- oder Werkerausbildung, günstig aus.

Geeignete Branchen sind vor allem das Verarbeitende Gewerbe, zum Beispiel Metall-, Holz- und Kunststoffverarbeitung, sowie der Dienstleistungsbereich, zum Beispiel Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser oder Einzelhandel. Die in der Studie am häufigsten genannten länger währenden Tätigkeiten sind Lager- und Verpackungsarbeiten, aber auch das Bedienen von Maschinen, Reinigen und Entsorgen sowie Montage. Bei Frauen stehen hauswirtschaftliche Tätigkeiten an erster Stelle. Lohnkostenzuschüsse sind für den Einstieg in eine Erwerbstätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zweifelsohne förderlich, langfristig jedoch nicht ausschlaggebend für die Stabilität des Arbeitsverhältnisses. So konnte zum Beispiel nach Auslaufen der Lohnkostenförderung kein Anstieg der Kündigungen festgestellt werden.

Was ist zu tun?

Stark lern- oder geistig behinderte Mitarbeiter, die ein gutes Verhältnis zu ihren Kollegen haben und von diesen verlässlich unterstützt werden, haben weitaus bessere Chancen, auf lange Sicht an ihrem Arbeitsplatz zu bestehen. Auf jeden Fall benötigen sie im Betrieb einen direkten Ansprechpartner, bei dem sie sich jederzeit Rat und Hilfe holen können.

Genauso wichtig ist eine Anpassung der Arbeitsbedingungen an die Bedürfnisse des behinderten Mitarbeiters, dies gilt vor allem für die Arbeitszeiten. Daneben spielen aber auch die Auswahl geeigneter Tätigkeiten, die Arbeitsorganisation und individuelle Hilfen, zum Beispiel eine intensive Einarbeitung durch einen Integrationsfachdienst, eine entscheidende Rolle.

Wenn Probleme auftreten, ermöglicht eine Betreuung durch den Integrationsfachdienst ein frühzeitiges Eingreifen und professionelle Hilfe – nicht nur zu Beginn einer Beschäftigung, sondern darüber hinaus, wann immer Bedarf besteht. Nicht zuletzt Vorgesetzte und Arbeitskollegen, die eine gewisse Fürsorge und Verantwortung für den lernbehinderten Mitarbeiter übernehmen (sollen), benötigen solche Unterstützung in Krisensituationen.

Nähere Infos: Projekt Integration – 8 Jahre danach: Verbleib- und Verlaufsstudie. Download der Studie im Internet unter www.lwl.org

ZB 1/2006

Üben, bis es sitzt

Veronika Köller ist leicht geistig behindert. Seit zehn Jahren arbeitet sie auf dem ersten Arbeitsmarkt.

„Ich hab’s geschafft!“ Das kann Veronika Köller mit Fug und Recht behaupten. Sie feierte letztes Jahr ihr 10-jähriges Jubiläum bei Balda-Heinze in Herford, einem Unternehmen, das Kunststoffteile fertigt, zum Beispiel für Mobiltelefone. Bevor die 44-Jährige den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt wagte, war sie in einer Werkstatt für behinderte Menschen beschäftigt. „Aber ich wollte eine richtige Arbeit machen und mein eigenes Geld verdienen“, erklärt Veronika Köller.

Unterstützt wurde die resolute Westfälin dabei von Renate Vogtländer und Volker Marten, Mitarbeiter beim Integrationsfachdienst in Herford – einem von sieben Diensten, die am „Projekt Integration“ mitgearbeitet haben. Renate Vogtländer vermittelte für Veronika Köller ein mehrwöchiges Praktikum bei ihrem heutigen Arbeitgeber, welches direkt in ein festes Beschäftigungsverhältnis im so genannten Veredelungsbereich mündete. Während des Praktikums konnten sich Betrieb und Mitarbeiterin näher kennen lernen und aufeinander einstellen. Für die schwerbehinderte Frau, die weder lesen noch schreiben kann, war es anfangs eine große Umstellung: „In der Werkstatt ging es lockerer zu und ich musste nicht so viel arbeiten.“

Mit dem Bus zur Arbeit fahren, sich im Betrieb zurechtfinden, mit Kritik umgehen und einen langen Arbeitstag durchhalten … all dies musste Veronika Köller erst lernen. Deshalb stellte Renate Vogtländer einen „Übungsplan“ auf und spielte die Situationen mit ihr mehrmals durch, zum Beispiel wie sich Veronika Köller am Arbeitsplatz Hilfe holen kann, wenn sie nicht mehr weiter weiß. Die Beraterin arbeitete Veronika Köller auch ein. Später übernahm Volker Marten diese Aufgabe. Die anfallenden Arbeiten sind unterschiedlich: Einmal müssen Handyschalen in einen Behälter gepackt werden, ein anderes Mal wird an einer Maschine gestanzt oder Kunststoffteile sind zu entgraten. Jeder Arbeitsschritt wird so lange erklärt und demonstriert, bis Veronika Köller alles selbstständig umsetzen kann. „Anfangs hatten wir etwas Bedenken wegen der Qualität der Arbeit“, erinnert sich Petra Bahl, stellvertretende Leiterin des Bereichs Veredelung. „Aber wenn man ihr etwas gut erklärt, dann sitzt es auch.“

Trotzdem wurde entschieden, Veronika Köller nicht in den laufenden Arbeitsprozess einzubeziehen, zum Beispiel am Band. Das vorgegebene Arbeitstempo würde Veronika Köller überfordern. Wie ihre 120 Kolleginnen und Kollegen in der Abteilung arbeitet sie sieben Stunden am Tag, fünf Tage in der Woche. Der einzige Unterschied: als schwerbehinderte Mitarbeiterin stehen ihr fünf Tage mehr Urlaub zu. „Den nehme ich allerdings nur, wenn es auch wirklich passt“, betont Veronika Köller, „wenn viel zu tun ist und der Schuh drückt, bin ich da!“

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.