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ZB 1-2016

HIV und Aids

Ein rein soziales Problem

HIV trifft überwiegend Menschen im Erwerbsalter. Mit dem Thema sind viele Ängste und Fragen verbunden. Kann ein Mensch mit HIV arbeiten? Dazu Zahlen, Fakten und die Erfahrungsberichte von zwei Arbeitnehmern.

Heike Gronski von der Deutschen Aids-Hilfe neben einem Plakat mit   der Aufschrift
HIV-positive Arbeitnehmer werden häufig als Bedrohung wahrgenommen:
Noch immer führt die Diagnose HIV-positiv bei vielen Menschen zu großer Verunsicherung und irrationalen Ängsten. Das gilt auch im Berufsleben – ein unaufgeregter Umgang mit HIV-positiven Mitarbeitern ist nicht selbstverständlich. Es kommt immer wieder zu Diskriminierung, Mobbing oder sogar zur Kündigung der Betroffenen.

Die rechtliche Seite ist dabei ganz klar: HIV-positive Arbeitnehmer sind durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz geschützt. Ein entsprechendes Urteil* hat das Bundesarbeitsgericht 2013 gefällt. In dem verhandelten Fall wurde einem HIV-positiven Labor-Mitarbeiter während der Probezeit gekündigt. Der Arbeitgeber, ein Arzneimittelproduzent, fürchtete um seinen guten Ruf und argumentierte mit drohenden Schadensersatzklagen und einem Risiko für die Arbeitssicherheit. Laut Urteil gilt jedoch auch eine symptomlose HIV-Infektion als Behinderung im Sinne des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes. Eine Kündigung aufgrund einer HIV-Infektion ist damit diskriminierend und unwirksam.

Veraltetes Halbwissen Ursache für die Diskriminierungen ist häufig ein veraltetes Halbwissen. "In vielen Köpfen hat sich das Bild von HIV und Aids der 1980er und frühen 1990er Jahre festgesetzt", erklärt Heike Gronski, Referentin der Deutschen Aids-Hilfe. Vor 30 Jahren bedeutete die Infektionskrankheit tatsächlich massive gesundheitliche Einschnitte und war häufig Todesursache. "Diese Vorstellung herrscht auch heute noch vor: HIV wird als Supergau im Leben eines Menschen empfunden", sagt Heike Gronski. Inzwischen hat sich die Situation aber grundlegend gewandelt. Wird die Infektion früh erkannt und medikamentös behandelt, hat sie kaum noch gesundheitliche Einschränkungen zur Folge. Menschen mit HIV haben dann eine annähernd normale Lebenserwartung bei guter Lebensqualität.

Keine Leistungsunterschiede Die britische Studie „Working with HIV“** aus dem Jahr 2009 hat mögliche Auswirkungen der Infektionskrankheit auf die Berufstätigkeit unter die Lupe genommen. Dabei wurde weder bei der Anzahl der jährlichen Krankheitstage noch bei der Leistungsfähigkeit ein Unterschied zwischen HIV-positiven und HIV-negativen Mitarbeitern festgestellt. Längere Fehlzeiten gab es bei den infizierten Studienteilnehmern direkt nach der Diagnose. "Das ist ein einschneidendes Erlebnis, das die Betroffenen in ein Loch reißen kann", sagt Heike Gronski. Zur psychischen Belastung kommt, dass der Körper sich erst an die Medikamente gewöhnen muss. Gerade in der Anfangszeit oder bei einer Umstellung der Therapie kann es verstärkt zu Nebenwirkungen kommen. Nach erfolgreicher medikamentöser Einstellung werden die Medikamente aber in der Regel gut vertragen. Was bleibt, sind Kontrollbesuche beim Arzt.

Übertragungsmöglichkeiten Große Unkenntnis gibt es nicht nur hinsichtlich des Verlaufs einer HIV-Infektion, es herrschen auch völlig falsche Vorstellungen von den Übertragungswegen. HIV-infizierte Menschen werden selbst im Berufsalltag immer wieder als Bedrohung für die eigene Gesundheit wahrgenommen. "Besonders viele Vorurteile
und Ängste gibt es in der Kinderbetreuung, in der Gastronomie und im medizinischen Bereich", so die Erfahrung von Heike Gronski. Dabei kann das Virus weder durch das Benutzen derselben Kaffeetasse, noch durch Anniesen oder Küssen übertragen werden. Selbst im Erste-Hilfe-Fall genügen die üblichen Schutz- und Hygienemaßnahmen. Ein Infektionsrisiko besteht nur, wenn Viren in ausreichender Menge mit offenen Wunden und Schleimhäuten in Berührung kommen. Das ist im Berufsleben bei Einhaltung der üblichen Hygienemaßnahmen nicht möglich. Hinzu kommt: Bei erfolgreicher HIV-Therapie ist die Menge der Viren im Blut so gering, dass das Übertragungsrisiko selbst dann sehr niedrig ist. Das bedeutet: Im Arbeitsalltag besteht praktisch kein Infektionsrisiko für Kollegen oder Kunden.

Entsprechend dürfen Menschen mit der Diagnose HIV-positiv auch alle Berufe ausüben. Außerdem muss der Arbeitgeber nicht über eine Infektion informiert werden. "Es gibt keine Offenbarungspflicht", sagt Markus Drosten, Leiter des Sachgebiets Kündigungsschutz und Begleitende Hilfe beim Integrationsamt Hamburg, das bei der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration angesiedelt ist. „Eine Ausnahme besteht, wenn aufgrund der Erkrankung eine Tätigkeit nicht ausgeübt werden darf“, führt er aus. Das gilt laut Aids-Hilfe aber nur für Chirurgen, wenn noch HIV im Blut nachgewiesen werden kann. Dann dürfen sie einige Operationen nicht durchführen. Schwierigkeiten kann es auch geben, wenn mit dem Beruf Dienstreisen in Länder verbunden sind, in denen Einreise- und Aufenthaltsbeschränkungen für Menschen mit HIV gelten.

Outing bei der Arbeit Ein sensibles Thema ist, wenn Arbeitnehmer am Arbeitsplatz von ihrer Infektion erzählen, gerade vor dem Hintergrund der großen Ängste, die mit HIV verbunden sind. "Wir hören immer wieder von sehr heftigen Reaktionen, wenn eine HIV-Infektion bekannt wird", erzählt Heike Gronski. "Dabei sind die Probleme, die durch HIV am Arbeitsplatz auftauchen, rein sozialer Natur." Nach Schätzungen der Aids-Hilfe informieren mehr als drei Viertel der Betroffenen Arbeitgeber und Kollegen nicht über ihre Krankheit. Im Praxisbeispiel auf der folgenden Seite berichten zwei Arbeitnehmer von sehr unterschiedlichen Erfahrungen, die sie mit ihrem Outing bei der Arbeit gemacht haben. Grundsätzlich gilt: Wenn ein Arbeitgeber oder die Schwerbehindertenvertretung erfährt, dass ein Mitarbeiter HIV-positiv ist, darf diese Information nicht an Dritte weitergegeben werden. Heike Gronski rät den Arbeitnehmern, vor einem Outing mögliche Folgen zu bedenken und sich gegebenenfalls beraten zu lassen. Kommt es bereits zu Diskriminierung in einem Unternehmen, kann die Aids-Hilfe hinzugezogen werden, im Betrieb aufklären und Vorurteile abbauen.

Schwerbehindertenstatus Hilfe bietet auch das Integrationsamt. "Voraussetzung ist allerdings, dass eine Schwerbehinderung anerkannt ist oder aber ein GdB von 30 oder 40 und eine Gleichstellung durch die Agentur für Arbeit erfolgt ist", sagt Markus Drosten vom Integrationsamt Hamburg. Bei der Diagnose HIV können sich die Betroffenen einen Grad der Behinderung (GdB) von zehn anerkennen lassen. Ein höherer GdB ist möglich, wenn dauerhafte Nebenwirkungen durch die erforderlichen Medikamente oder psychische Probleme wie eine Depression hinzukommen. Der Schwerbehindertenstatus besteht, wenn der GdB bei mindestens 50 liegt. "Dann bieten wir die Begleitung durch die Integrationsfachdienste an", sagt Markus Drosten.

* Bundesarbeitsgericht vom 19. Dezember 2013 (6 AZR 190/12), in: Behindertenrecht 1/2016
** National AIDS Trust (Hrsg.): Working with HIV. A summary of NAT’s HIV employment research. London, 2009

WEITERE INFORMATIONEN

HIV und Aids

HIV ist die Abkürzung für "Humanes Immundefizienz-Virus". Das Virus schädigt das Immunsystem. Wird eine HIV-Infektion nicht behandelt, können lebensbedrohliche Erkrankungen auftreten und man spricht von Aids. HIV ist nicht heilbar, durch eine lebenslange Einnahme von Medikamenten aber gut behandelbar. Menschen mit HIV haben bei rechtzeitiger Diagnose und Behandlung eine fast normale Lebenserwartung. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) leben in Deutschland derzeit rund 83.400 Menschen mit HIV. Die Deutsche Aids-Hilfe schätzt, dass rund zwei Drittel der Infizierten berufstätig sind. Dem RKI zufolge wurden 2014 bundesweit 3.525 Neudiagnosen gemeldet. Ein Anstieg um sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Zwei Ursachen sind die steigende Zahl von Flüchtlingen und eine verbesserte Datenerhebung. In Europa – vor allem Osteuropa – ist die Zahl der HIV-Neudiagnosen noch stärker gestiegen.

Mehr unter: www.aidshilfe.de

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.