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Beruf

ZB 1-2016

Praxisbeispiele

Ein menschlicher Umgang

Die Infektionskrankheit HIV stößt im Berufsleben auf sehr unterschiedliche Reaktionen. Zwei Arbeitnehmer erzählen ihre Geschichten.

Dirk Stöllger lacht in die Kamera, neben ihm auf einem Schrank die   gelben Drumbo-Spardosen der Co
Dirk Stöllger hat seinen Kollegen erzählt, dass er HIV-positiv ist ... und er hat damit nur positive Erfahrungen gemacht, (c) Claudius Pflug
Inzwischen ist es zwölf Jahre her. In der wöchentlichen Montags-Runde der Berliner Commerzbank-Filiale waren die aktuellen Aufgaben und Termine schon besprochen. Auf der Tagesordnung stand noch der Punkt "Sonstiges", als Dirk Stöllger das Wort ergriff. "Ich war jetzt ja zwei Wochen krank und das zieht folgende Änderungen nach sich", eröffnete der Wertpapierberater. Er werde von seinem Amt als Ersthelfer zurücktreten, um niemanden zu gefährden. Und wenn er selbst blutende Wunden habe, sollten die anderen unbedingt Handschuhe anziehen. "Ich lebe offen schwul – nach diesen Sätzen war meinen Kollegen alles klar", erinnert sich Dirk Stöllger. Zwei Wochen zuvor hatte er die Diagnose HIV-positiv erhalten. In der Besprechung waren alle so betroffen, dass die Bankfiliale an jenem Tag Stunden verspätet öffnete.

Arbeitgeber als Maßstab Für Dirk Stöllger war von Anfang an klar, dass er Arbeitgeber und Kollegen über die Krankheit informieren würde. Angst vor Diskriminierung hatte er nie. "Das liegt an meinem Arbeitgeber: wie er zum Anderssein steht und mit Vielfalt umgeht", sagt der heute 46-Jährige. Diskriminierung werde bei der Commerzbank nicht geduldet, Diversity großgeschrieben.

Angst um den guten Ruf Ganz andere Erfahrungen hat Thomas Meyer (Name geändert) gemacht. Auch er ist HIV-positiv, er arbeitet als Krankenpfleger in einer kleinen Klinik in Süddeutschland. Sein richtiger Name und der des Krankenhauses dürfen hier nicht genannt werden – ihm wurde schon vor Jahren vom Arbeitgeber deutlich signalisiert, dass ein öffentlicher Umgang mit der Infektion nicht erwünscht ist. "Die fürchten um ihren guten Ruf – und dass sie Patienten verlieren", glaubt der 30-Jährige. Auch mit Kollegen darf er nicht über die HIV-Infektion sprechen. "Warum, wurde mir nie gesagt." Als er sich vor Jahren in dem Haus bewarb, verschwieg er die HIV-Infektion bewusst. Er hatte Angst, sonst chancenlos zu sein. Später erfuhr er, dass die Klinikleitung dennoch von seiner Infektion erfahren hatte. "Über meine Einstellung wurde hitzig debattiert", erzählt er. "Auch weil ich – rechtlich völlig korrekt – meine HIV-Infektion geheim gehalten habe."

Große Solidarität Dirk Stöllger hat mit seinem Outing positive Erfahrungen gemacht. "Meine Erfahrung ist: Wenn man offensiv mit dem Thema umgeht, bekommt man Hilfe und Unterstützung – und die braucht man", erklärt er. In der ersten Zeit nach der Diagnose ging es ihm extrem schlecht. Er vertrug die Medikamente nicht. Die Nebenwirkungen führten dazu, dass er kaum laufen konnte. "Arbeiten war fast nicht möglich", erinnert er sich. Kam er dennoch ins Büro, verbrachte er viel Zeit auf der Toilette, er hatte ständig Durchfall. Damals wurde ihm ein Grad der Behinderung von 60 anerkannt. Dirk Stöllger erfuhr viel Solidarität durch die Kollegen. "Weil sie wussten, was mit mir los war", so seine Überzeugung. Berührungsängste waren kein Thema, im Gegenteil: "Als es mal an Besteck mangelte, fragte ein Kollege demonstrativ, ob er den von mir schon benutzten Löffel haben könnte." Seit elf Jahren bekommt Dirk Stöllger Medikamente der neueren Generation. Seitdem spürt er kaum noch Nebenwirkungen. "Ich kann wieder ein normales Leben führen und meinem Beruf nachgehen", sagt er. Was bleibt, sind regelmäßige ärztliche Kontrolltermine.

Rückansicht von Thomas Meyer, der einen Kapuzenpulli trägt und  eine Straße entlanggeht, (c) Klau
Thomas Meyer wurde vom Arbeitgeber verboten, über seine Infektion zu sprechen, (c) Klaus D. Wolf
Berührungsängste werden forciert
Auch Thomas Meyer hatte immer  mal wieder mit Nebenwirkungen der notwendigen Medikamente zu kämpfen, besonders mit Kreislaufproblemen. Vor einem Jahr wechselte er zuletzt das Präparat. Heute geht es ihm gut. "Auf meine Arbeit hatte das aber keine Auswirkungen. Ich habe weniger Krankheitstage als andere Kollegen", sagt er. Trotz Verbot informierte Thomas Meyer das Team über seine HIV-Infektion. "Damit die Kollegen wissen, wie sie sich verhalten müssen, wenn ich mich mal verletze", erklärt er. Eine Krankenpflegerin versorgte ihn von da an regelmäßig mit aktuellen Stellenangeboten. "Da könne ich mich doch mal bewerben", soll sie empfohlen haben. Das ging so lange, bis er eines Tages laut wurde. "Die wollte mich loswerden", erinnert er sich. Diskriminiert wurde Thomas Meyer auch, als er selbst als Patient in einem anderen Krankenhaus lag. "Die Pflegekräfte streiften sich zwei Paar Handschuhe über, um mein Bett zu wechseln oder mir das Essen zu reichen", sagt er. Der Grund für solches Verhalten? "Keine oder falsche Informationen über die Ansteckungsmöglichkeiten", glaubt der 30-Jährige. Dann erzählt er von Schulungen zu Infektionskrankheiten, an denen er und seine Kollegen regelmäßig teilnehmen müssen. Berührungsängste werden dort forciert: "Die Dozenten empfehlen explizit, bei Kontakt mit HIV-positiven Patienten zwei Paar Handschuhe zu tragen."

Dirk Stöllger ist heute freigestellter Betriebsrat bei der Commerzbank. In dem Konzern ist seine Immunschwächekrankheit allgemein bekannt, er hat schon den einen oder anderen HIV-positiven Kollegen beraten. "Jeder muss für sich selbst die Entscheidung treffen, ob er sich outet", sagt er. "Aber für mich ist der offene Umgang genau das Richtige."

Thomas Meyer arbeitet jetzt seit fast zehn Jahren in der Klinik in Süddeutschland, die Aufregung unter den Kollegen um seine Infektion hat sich gelegt. "Ich würde gerne offen zu meiner HIV-Infektion stehen", sagt er. Doch seine Angst vor weiterer Diskriminierung ist groß. "Ich wünsche mir, dass mit HIV-Infizierten menschlicher umgegangen wird", sagt er.

WEITERE INFORMATIONEN

Slideshow "HIV und Aids – ein rein soziales Problem"

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