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Jacqueline Krömer an ihrem Bildschirmarbeitsplatz, auf dem Monitor sind Buchstaben und Zahlen deutlich vergrößert, (c) Martin Klindtworth Arbeitgeber Deutsche Bahn

Traumjob Bahnhof

„Grundsätzlich kann jeder Arbeitsplatz für behinderte Menschen geeignet sein“, sagt DB-Personalchef Ulrich Weber. Was das bedeutet, zeigt Jacqueline Krömer.

ZB 1-2016

Arbeitgeber Deutsche Bahn

Traumjob Bahnhof

Bei der Deutschen Bahn in Bielefeld ist Jacqueline Krömer eine geschätzte Kollegin. Dank technischer Hilfsmittel spielt ihre Sehbehinderung im Arbeitsalltag keine Rolle.

Jacqueline Krömer an ihrem Bildschirmarbeitsplatz, auf dem Monitor sind Buchstaben und Zahlen deutlich vergrößert, (c) Martin Klindtworth
Eine extra große Schrift ermöglicht Jacqueline Krömer die Arbeit am Computer, (c) Martin Klindtworth
Werner Schulze ist ganz sicher: "Viele Firmen würden behinderte Menschen ausbilden, wenn sie wüssten, wie problemlos das sein kann." Werner Schulze ist Arbeitsgebietsleiter Operations beim Bahnhofsmanagement der Deutschen Bahn (DB) in Bielefeld. Insgesamt 55 Angestellte der DB Station&Service arbeiten in dem historischen Gebäude in Bielefeld, sie kümmern sich um ankommende Fahrgäste, sorgen für die Wartung und die Sicherheit des Bahnhofs. Zu dem Team gehört seit September 2014 erstmals eine schwerbehinderte Auszubildende. Jacqueline Krömer erlernt hier den Beruf der Kauffrau für Büromanagement.

Kleines Restsehvermögen Jacqueline Krömer ist seit ihrem elften Lebensjahr stark sehbehindert. Damals wurde die Augenkrankheit Grüner Star bei ihr zu spät erkannt. Trotz mehrerer Operationen konnte nur ein Restsehvermögen erhalten werden. "Ich kann nur noch minimal mit zwei äußeren Punkten der Augen sehen", erklärt die heute 18-Jährige. Menschen nimmt sie nur verschwommen wahr, Teile des Gesichtsfeldes fehlen ganz. Anzusehen ist ihr das nicht. Beim Erzählen fixiert sie ihr Gegenüber, in den Fluren des Gebäudes ist sie zügig und selbstständig unterwegs. Auch bei der Arbeit gibt es keine Unterschiede: "Jacqueline Krömer ist eine Kollegin wie jede andere auch", sagt Werner Schulze.

Mit gerade 14 Jahren hatte Jacqueline Krömer den ersten Kontakt zur Arbeitswelt am Bahnhof. Damals kam sie als Praktikantin. Der Übergang von behinderten Jugendlichen ins Berufsleben wird in Nordrhein-Westfalen mit dem Projekt "STAR – Schule trifft Arbeitswelt" (siehe Info-Box) gefördert. Dazu gehört während des gesamten Prozesses eine enge Begleitung durch Mitarbeiter des Integrationsfachdienstes, die die Jugendlichen und Arbeitgeber beraten und unterstützen. Wesentliche Elemente von STAR sind, neben Potenzialanalyse und Berufsfelderkundungen, frühzeitige Praktika zur Berufsorientierung. Damit trifft das Programm den Nerv der Arbeitgeber. "Ein Praktikum ist das A und O", betont Werner Schulze. "Wir sehen, ob das die richtige Person für uns ist, und die Praktikanten bekommen ein Gefühl, ob die Arbeit etwas für sie ist." Jacqueline Krömer war begeistert von dem Praktikum, für sie stand der Traumjob fest.

Runder Tisch Aber nicht nur die Jugendliche war überzeugt. "Jacqueline kam super an. Sie war unheimlich interessiert und freundlich – das passte direkt", erinnert sich Werner Schulze. Dann setzte er alle Hebel in Bewegung. "Wir hatten hier ja gar keinen Ausbildungsplatz", sagt er. Er sprach mit Vorgesetzten und holte die Schwerbehindertenvertretung ins Boot. "Wir arbeiten sehr eng zusammen", sagt Alfons Kruse, Gesamtschwerbehindertenvertreter der DB Station&Service. "Behinderte Menschen auszubilden ist eine gesellschaftliche Aufgabe." Schließlich lud Werner Schulze zu einem runden Tisch ein, an dem auch Vertreter des Integrationsamtes beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und der Agentur für Arbeit teilnahmen. Dort wurden mögliche mit der Sehbehinderung verbundene Probleme besprochen und es wurde nach Lösungen gesucht.

Werner Schulze hält Papiere in der Hand und erklärt Jacqueline Krömer etwas, (c) Martin Klindtworth
Ein gutes Team: Jacqueline Krömer und Werner Schulze, (c) Martin Klindtworth

"Die Unterstützung ist hervorragend", erzählt Werner Schulze. 40 Prozent der Ausbildungskosten von Jaqueline Krömer trägt die Agentur für Arbeit. Außerdem förderte sie technische Hilfsmittel, die genau auf die Bedürfnisse der Auszubildenden abgestimmt sind und ihr die Arbeit am Computer ermöglichen. Dazu gehört ein spezielles Programm, das die Buchstaben und Zahlen auf dem Computerbildschirm deutlich vergrößert und so für die Auszubildende lesbar macht. In ihrem hellen Büro unter dem Dach bearbeitet die angehende Kauffrau jetzt Mahnungen, kontiert Rechnungen oder leitet Aufträge weiter. "Ich mache alles, was mit Zahlen zu tun hat", sagt Jacqueline Krömer. Eine elektronische Lupe ermöglicht ihr das Lesen von Ausdrucken. Für die Berufsschule wurde ihr zusätzlich ein Laptop finanziert. "Mit den technischen Hilfsmitteln kann sie so arbeiten wie ihre nicht behinderten Kollegen", sagt Werner Schulze.

Individuelle Förderung Zusätzlich wird die Ausbildung über das Sonderprogramm Handlungsfeld II der Initiative Inklusion mit einer Prämie von 3.000 Euro (Ausbildungsprämie) gefördert. Einer Weiterbeschäftigung nach der Ausbildung stehe nichts im Wege, versichert Werner Schulze. Nur der DB-Standort steht noch nicht fest. Jacqueline Krömer hat schon große Pläne: "Berlin könnte ich mir gut vorstellen."

 

WEITERE INFORMATIONEN

Schule trifft Arbeitswelt (STAR)

STAR bereitet Schüler mit Behinderungen rechtzeitig auf das Arbeitsleben vor und eröffnet zusammen mit Arbeitgebern Chancen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. STAR ist ein NRW-weites Projekt, bei dem das Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales NRW, das Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW, die Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit und die Integrationsämter der Landschaftsverbände Westfalen-Lippe und Rheinland eng zusammenarbeiten. STAR wird vom nordrhein-westfälischen Arbeitsministerium aus Mitteln des Landes und des Europäischen Sozialfonds (ESF), Bundesmitteln aus dem Ausgleichsfonds (Initiative Inklusion) und durch Ausgleichsabgabemittel der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe als  Projektträger finanziert.

Mehr unter: www.star.lwl.org und www.star.lvr.de

ZB 1-2016

Interview

Gleichberechtigtes Miteinander

Ulrich Weber ist Personalvorstand der Deutschen Bahn AG. Die Ausbildung und Beschäftigung schwerbehinderter Menschen haben für ihn einen hohen Stellenwert.

Porträt von Ulrich Weber, (c) Marc Darchinger
Ulrich Weber, (c) Marc Darchinger
Welche konkreten Ziele verfolgt die Deutsche Bahn (DB) im Hinblick auf die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen?

Ulrich Weber Die Integration und Beschäftigung schwerbehinderter Menschen sind fester Bestandteil unserer Personalstrategie. Seit 2010 gilt bei der DB eine Konzernbetriebsvereinbarung. Darin ist das gleichberechtigte Miteinander behinderter und nicht behinderter Menschen fest verankert. Das ist ein wichtiges Signal in das Unternehmen hinein. Ich bin davon überzeugt: Die vertrauensvolle Zusammenarbeit, die wir mit unseren Interessenvertretungen pflegen, ist die beste Voraussetzung dafür, dass wir bei der Integration vorankommen.

Setzen Sie besondere Akzente – beispielsweise auf die Ausbildung?

Weber Die DB zählt zu den fünf größten Ausbildern in Deutschland. Die Ausbildung junger Menschen sichert nicht nur unsere Zukunft als Unternehmen, sie liegt uns auch besonders am Herzen. Das gilt vor allem für die Ausbildung von Menschen mit Behinderung. So haben wir die Zahl der Auszubildenden mit Behinderung in den letzten fünf Jahren auf über 60 verdoppeln können.

Sie beschäftigen rund 13.000 schwerbehinderte Menschen, konzernweit liegt die Quote bei 6,2 Prozent. In welchen Unternehmensbereichen werden sie eingesetzt?

Weber Wir sind sehr stolz darauf, dass wir schwerbehinderte und gleichgestellte Mitarbeiter in allen Hauptberufsgruppen beschäftigen, zum Beispiel in der Instandhaltung für Schienenfahrzeuge, wo ihr Anteil bei 7,3 Prozent liegt. Wir gehen davon aus, dass grundsätzlich jeder Arbeitsplatz für behinderte Menschen geeignet sein kann.

Was unternimmt die Deutsche Bahn aktuell, um Inklusion im Unternehmen zu fördern?

Weber Wir haben gemeinsam mit der Konzernschwerbehindertenvertretung einen eigenen Aktionsplan erstellt. Ziel ist es, die UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen. Jedes Jahr werden die besten Beispiele gelungener Inklusion bei der DB ausgezeichnet.

Was ist Ihnen dabei persönlich ein besonderes Anliegen?

Weber Besonders wichtig ist mir, weiter an der gleichberechtigten Beschäftigung schwerbehinderter Mitarbeiter in den Betrieben zu arbeiten. Auch deswegen lege ich großen Wert auf einen engen und guten persönlichen Kontakt zur Schwerbehindertenvertretung. Die Interessen des Konzerns und die Interessen der behinderten Beschäftigten liegen oft sehr eng beieinander.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.