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ZB 1-2020

Rheuma

Aufklären ist das A und O

Eine Rheumaerkrankung muss nicht das berufliche Aus bedeuten. Gezielte Entlastung am Arbeitsplatz und wirksamere Medikamente ermöglichen es heute Menschen mit Rheuma, langfristig berufstätig zu sein.

Porträt von Jana Schmalisch, (c) Suzanne Eichel
Vorbilder: Jana Schmalisch ..., (c) Suzanne Eichel
Jana Schmalisch ist ein lebenslustiger Mensch, fröhlich und optimistisch. Doch an manchen Tagen wird ihr förmlich der Wind aus den Segeln genommen, es schmerzen sie die Gelenke in Händen und Füßen und der Rücken. Sie weiß, dann ist "Herr Bechti" mal wieder zu Besuch. "Herr Bechti", so hat Jana Schmalisch ihre Krankheit getauft: Morbus Bechterew.

Was ist Rheuma? Morbus Bechterew ist eines von über 400 verschiedenen Krankheitsbildern, die unter dem Sammelbegriff "Rheuma" zusammengefasst werden. Der Name Rheuma kommt aus dem Griechischen und bedeutet "ziehender, reißender Schmerz". In Deutschland leiden 1,5 Millionen Menschen an entzündlich-rheumatischen Erkrankungen – auch schon in jungen Jahren. Von den meisten Krankheitsbildern sind Frauen häufiger betroffen als Männer.

Jana Schmalisch plagen bereits mit 15 Jahren Rücken- und Knieschmerzen, als Jugendliche hat sie das Gefühl, ihre Muskeln seien zu kurz. "Ich bin die Treppen oft nur rückwärts hochgelaufen", erinnert sich die heute 43-Jährige. Doch an Rheuma denkt damals niemand. Im Erwachsenenalter werden die Schmerzen im Rücken schlimmer, schließlich kann sie ihre Füße nicht mehr anheben oder abrollen. Die Ärzte erkennen, dass es Jana Schmalisch doppelt getroffen hat: Neben dem Morbus Bechterew wird bei ihr auch Spondylolisthese diagnostiziert, eine Wirbelsäuleninstabilität, die die Fußheberschwäche verursacht. Jana Schmalisch muss ihren Lebenstraum vom eigenen Restaurant aufgeben.

Rheuma – und dann? "Patienten sind heute durchschnittlich immer noch etwa ein halbes Jahr in Abklärung, bis die Diagnose ‚Rheuma‘ feststeht", so Prof. Dr. Matthias Schneider vom Universitätsklinikum in Düsseldorf. Das kann entscheidend sein, denn wissenschaftliche Studien zeigen: Je frühzeitiger Rheuma diagnostiziert wird, desto besser lässt sich die Krankheit behandeln, wenn auch nicht heilen. "Die Medizin weiß mittlerweile sehr genau über die Entzündungsstoffe Bescheid, die bei Rheuma eine Rolle spielen, und kann diese gezielt blockieren", erklärt der Rheumatologe weiter. Zusammen mit physikalischen Therapien wie Krankengymnastik lindern spezielle Medikamente die Symptome, sodass weitere Gelenkschäden aufgehalten und die Bewegungsfähigkeit verbessert werden können.

Auch Jana Schmalischs Weg mit dem Rheuma geht bergauf, als sie hoch dosiertes Kortison und eine speziell auf ihre Krankheit zugeschnittene Rheumatherapie erhält. Wenngleich sie ein Leben lang mit der chronischen Erkrankung kämpfen muss und die medikamentöse Behandlung auch Nebenwirkungen hat, freut sie sich doch über jede Linderung. Heute arbeitet Jana Schmalisch an der Universität Hamburg als Lehrveranstaltungs- und Prüfungsmanagerin. Ihr Vorgesetzter Manuel Schröder stimmt sich mit seiner Mitarbeiterin eng ab, um Jana Schmalischs Aufgaben bei Bedarf ihrem Gesundheitszustand anzupassen. Mit dieser Flexibilität kann die 43-Jährige in ihrem Beruf voll aufgehen.

Porträt von Petra Ammann, (c) Foto: Uli Deck
... Petra Ammann ..., (c) Foto: Uli Deck
Probleme ansprechen
Ähnlich wie Jana Schmalisch leidet auch Carolin Tödtmann schon früh an Rückenschmerzen. Als Schülerin spielt sie leidenschaftlich Geige, aber nach den Proben streiken zunehmend ihre Fingergelenke und der Rücken schmerzt. Also sattelt Carolin Tödtmann um: eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten statt eines Musikstudiums, dann eine Fortbildung zur Verwaltungsfachwirtin. Doch kurz vor Carolin Tödtmanns 30. Geburtstag werden die Schmerzen in der Wirbelsäule von einem Tag auf den anderen unerträglich. Auch bei ihr lautet die Diagnose: Morbus Bechterew. "Wenn eine entzündlich-rheumatische Erkrankung nicht entdeckt wird, liegt es häufig daran, dass die Patienten noch jung sind und die Entzündungswerte übersehen werden. Denn immer noch gilt Rheuma als eine Erkrankung alter Menschen", sagt Prof. Dr. Matthias Schneider, der sich als Mitinitiator des Rheuma-Preises für mehr Aufklärung einsetzt.

Carolin Tödtmann wendet sich sofort nach der Diagnose an ihren Arbeitgeber Kreis Herford – und die Ehrlichkeit zahlt sich aus: Um ihr die Arbeit im Jobcenter zu ermöglichen, bekommt Carolin Tödtmann Hilfe von der Schwerbehindertenvertrauensperson und der BEM-Beauftragten. Sie unterstützen die erwaltungsfachwirtin beim Betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) und können erreichen, dass Carolin Tödtmann unter anderem einen speziellen Morbus-Bechterew-Bürostuhl und die Möglichkeit zur Telearbeit erhält. Die behinderungsgerechte Arbeitsplatzausstattung wird von der Fachstelle für behinderte Menschen im Beruf1 gefördert.

Behinderungsgerechte Arbeitsplatzgestaltung Bei einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung ist grundsätzlich zu prüfen, wie der Arbeitsplatz an die individuellen körperlichen Beeinträchtigungen angepasst werden kann. Hilfestellung leistet hier der Technische Beratungsdienst des  Integrationsamtes. Die Umgestaltung eines Büros kann beispielsweise darin bestehen, ein zusätzliches Stehpult anzuschaffen, das in Ergänzung zu einem ergonomisch geformten Bürostuhl dafür sorgt, dass der erkrankte Arbeitnehmer während der Arbeit in Bewegung bleibt und die Körperhaltung nach seinen Bedürfnissen wechseln kann. Auch ergonomisch geformte Schreibgeräte, die ohne Kraftaufwand benutzt werden, können die Arbeit erleichtern.

Carolin Tödtmann kehrt nach längerer Arbeitsunfähigkeit an ihren behinderungsgerecht gestalteten Arbeitsplatz zurück: "Seitdem bin ich nur noch phasenweise auf Schmerzmittel angewiesen und nicht wieder ins Krankengeld gerutscht", sagt sie glücklich. Die heute 37-Jährige und ihr Arbeitgeber stimmen daher überein: Die Vereinbarung von chronischer Erkrankung und Arbeit ist Carolin Tödtmann so gut gelungen, weil sie von Anfang an sehr offen mit ihrer Erkrankung umgegangen ist und Probleme konstruktiv angesprochen hat.

Porträt von Carolin Tödtmann, (c) Oliver Krato
... und Carolin Tödtmann haben den Rheuma-Preis 2019 gewonnen, (c) Oliver Krato
Individuelle Lösungen
finden Nicht immer müssen sich rheumatische Symptome schon in der Jugendzeit ankündigen. Petra Ammann ist 44 Jahre alt, als das Rheuma sie von einem Tag auf den anderen überrascht: Plötzlich kann sie morgens nicht mehr aufstehen. "Es war ein Albtraum", erinnert sie sich. Doch Petra Ammann hat Glück im Unglück: In der Rheumatologie steht schnell die Diagnose rheumatische Arthritis fest. Typisch für dieses Krankheitsbild sind chronische Entzündungen, die zu einer fortschreitenden Zerstörung der Gelenke führen können. Um diesen Prozess bei Petra Ammann zu stoppen, setzen die Ärzte sofort mit der Behandlung ein. Schon nach wenigen Wochen gehen ihre Beschwerden deutlich zurück.

Carolin Tödtmann auf einem Morbus-Bechterew-Bürostuhl, (c) Oliver Krato
Entlasten die Gelenke und vermeiden Fehlhaltungen: ein spezieller Morbus-Bechterew-Bürostuhl ..., (c) Oliver Krato
Trotzdem: Das Berufsleben hält für Petra Ammann von Anfang an viele Herausforderungen bereit. Zunächst werden ihre Schmerzen als Fibromyalgie diagnostiziert. Petra Ammann arbeitet zu dieser Zeit in der Kantine des Mercedes-Benz-Werks Mannheim und muss krankheitsbedingt häufig ausfallen. Ihr Arbeitgeber bietet ihr daher an, sie im Bereich "Verpackung und Verladung" wiedereinzugliedern. Petra Ammann ergreift die Chance.

Ergonomisch geformte Computermaus, (c) Oliver Krato
... eine ergonomisch geformte Computermaus ..., (c) Oliver Krato
Innerbetriebliche Umsetzung
Wenn Menschen mit Rheuma ihre bisherige berufliche Tätigkeit nicht mehr ausüben können, ist zu überlegen, ob eine innerbetriebliche Umsetzung auf einen anderen Arbeitsplatz infrage kommt. In manchen Fällen kann es auch möglich sein, eine ganz neue Stelle mit geringerer körperlicher Beanspruchung zu schaffen. Als Jahre später dann die Diagnose Rheuma feststeht, erhält Petra Ammann mit weiterer Unterstützung des KVJS-Integrationsamtes und seines Technischen Beratungsdienstes eine Umgestaltung ihres Arbeitsplatzes. Für Petra Ammans Vorgesetzte, Karen Henne, sind solche individuellen Lösungen für ihre Beschäftigten im Krankheitsfall selbstverständlich: "Schließlich sind unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Basis unseres Erfolgs." Durch die Umgestaltungsmaßnahmen bessern sich Petra Ammanns Beschwerden deutlich. Sie erhöht sogar ihre Arbeitszeit von 22 auf 32 Stunden.

Fußstütze, (c) Foto: Oliver Krato
... und eine Fußstütze, (c) Oliver Krato
Teilzeit
Chronisch kranke Arbeitnehmer können – wie alle anderen auch – bei ihrem Arbeitgeber einen Antrag auf Teilzeit stellen. Hierfür spielt die Erkrankung keine Rolle. Diesen müssen sie offiziell nicht mit ihrer Erkrankung begründen. Ist eine Schwerbehinderung anerkannt, haben sie sogar Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung, soweit die kürzere Arbeitszeit wegen Art und Schwere der Behinderung erforderlich ist. Es sei denn, wichtige betriebliche Gründe sprechen dagegen, zum Beispiel wenn der Arbeitsablauf oder die Sicherheit im Betrieb dadurch wesentlich beeinträchtigt würden.

Rheuma-Preis 2019 Jana Schmalisch, Carolin Tödtmann und Petra Ammann verbindet mehr als nur ihre Rheumaerkrankung. Die drei Frauen sind Preisträgerinnen des Preises 2019. Der von der BIH ideell, aber nicht finanziell unterstützte RheumaPreis würdigt Beschäftigte und Arbeitgeber, die gemeinsam Lösungen für die Vereinbarung von Arbeit und Rheuma gefunden haben. Ihr Beispiel macht Mut!

1 In NRW übernehmen die Fachstellen einen Teil der Aufgaben der Inklusionsämter.


WEITERE INFORMATIONEN

Was ist Rheuma?

Rheuma ist der Oberbegriff für über 400 verschiedene Krankheitsbilder. Der sogenannte rheumatische Formenkreis umfasst vier Hauptgruppen:

  • Entzündlich-rheumatische Erkrankungen
    Zum Beispiel dauerhafte Gelenkentzündungen durch eine Fehlfunktion des Immunsystems (rheumatoide Arthritis)
  • Degenerative Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen
    Zum Beispiel verschleißbedingte Knorpelzerstörung (Arthrosen)
  • Weichteilrheumatismus
    Zum Beispiel die Überlastung oder Reizung von Muskeln,Bändern, Sehnen, Organen oder Gefäßen
  • Stoffwechselerkrankungen mit rheumatischen Beschwerden

Zum Beispiel Knochenverlust (Osteoporose)

Mehr Informationen unter: www.rheumapreis.de, www.rheuma-liga.de, www.bechterew.de und www.dgrh.de

 

WEITERE INFORMATIONEN

Tipps für den Arbeitsplatz

Günstige Bedingungen für Beschäftigte mit Rheuma:

  • Flexible Arbeitszeiten (variabler Arbeitsbeginn, freie Pausengestaltung)
  • Teilzeitarbeit (Rechtsanspruch für schwerbehinderte Beschäftigte)
  • Planbarkeit der Arbeit (Zeit für Physiotherapie oder ärztliche Behandlung)
  • Gleichmäßig temperierte Räume
  • Bewegungsspielraum (wechselnde Körperhaltung, Bewegung bei der Arbeit)
  • Behinderungsgerechte Arbeitsplatzausstattung (ergonomische Einrichtung, technische Hilfsmittel)

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.