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ZB 1-2020

Interview

"Gehen Sie in die Offensive!"

Fragen an Christian Vedder vom KVJS-Integrationsamt in Karlsruhe, der die BIH in der Jury des Rheuma-Preises vertritt.

Porträt von Christian Vedder, (c) Foto: Uli Deck
Christian Vedder, (c) Foto: Uli Deck
Herr Vedder, was hat Sie bei Ihrer Mitarbeit im RheumaPreis bisher am meisten beeindruckt?

Christian Vedder Jedes Mal aufs Neue beeindruckt mich der Mut, sich überhaupt zu bewerben: einer unbekannten Jury die eigene Lebensgeschichte mit der Rheumaerkrankung zu schildern. Dann gehen mir viele Geschichten von Bewerberinnen und Bewerbern durch den Kopf. Alle haben diesen unbedingten Willen, im Job trotz oder gerade wegen der Rheumaerkrankung ihr Ding zu machen.

Doch 20 Prozent der Berufstätigen mit Rheuma geben in den ersten drei Jahren der Erkrankung ihre Berufstätigkeit auf. Woran scheitern sie?

Vedder Die ersten Jahre können für Beschäftigte mit einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung besonders schwierig sein: Sie müssen lernen, wie sie ihren Alltag – auch ihren beruflichen – mit der Erkrankung bewältigen können, ohne sich zu übernehmen. Das benötigt Zeit. Doch in manchen Unternehmen herrscht nach wie vor ein Arbeitsumfeld, das Beschäftigten mit Rheumaerkrankung diese Zeit nicht gibt. Sowohl Arbeitgeber als auch Kolleginnen und Kollegen reagieren häufig nicht adäquat, weil sie Rheuma immer noch für eine Alte-Leute-Krankheit halten. Sie haben kein Bewusstsein dafür, wie schwer es dem Mitarbeiter oder der Mitarbeiterin mit Rheumaerkrankung schon gefallen sein kann, morgens aufzustehen. Deswegen muss Rheuma in den Köpfen der Menschen präsenter werden. Das schafft Verständnis.

Was bedeuten diese Zahlen für die Betriebe?

Vedder Den Betrieben geht wertvolles Know-how verloren, das in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels dringend gebraucht wird. Außerdem hat eine Studie2 aus dem Jahr 2012 gezeigt, dass Deutschland bis zu 20 Milliarden Euro im Jahr zusätzlich hätte erwirtschaften können, wenn chronisch kranke Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei der Bewältigung und Behandlung ihrer Erkrankung besser unterstützt worden wären.

Und wie kann es besser laufen?

Vedder Wie sagt man bei uns im Badischen? "Man muss mitnander babbeln." Deshalb rate ich Beschäftigten mit Rheuma: Gehen Sie offensiv mit Ihrer Erkrankung um! Kommunikation und ein offener Umgang miteinander sollten immer der erste und beste Weg sein. So können Vorbehalte aus der Welt geräumt und Lösungen gefunden werden, von denen alle profitieren: Das Unternehmen kann seine Beschäftigten langfristig halten und umgekehrt verlieren diese ihre berufliche Teilhabe nicht. Mit solchen partnerschaftlich gefundenen Lösungen wird der Verbleib von Menschen mit Rheuma im Berufsleben zur Normalität.

2 Booz & Company/Bertelsmann, 2012

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.