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Titelbild ZB 2/2011 ZB 2/2011

Epilepsie

Ein überschätztes Risiko?

Verunsicherte Arbeitgeber sind oft der Grund, warum Epilepsie-Patienten ihren Job verlieren oder gar nicht erst bekommen. Dahinter steht vor allem die Angst vor Arbeitsunfällen. Fachkundige Beratung vor Ort könnte viele Beschäftigungsverhältnisse retten.

Menschen mit Epilepsie leiden nicht nur an ihrer Krankheit, sondern wesentlich stärker unter den Vorurteilen ihrer Mitmenschen. Früher war es der Aberglaube an eine dämonische Besessenheit, welche die Kranken verfemte. Heute sind es Vorurteile anderer Art, zum Beispiel, die Epilepsie sei eine Geisteskrankheit und werde vererbt. Obwohl diese Vorstellungen wissenschaftlich längst widerlegt sind, halten sie sich hartnäckig. Nur langsam gelingt es durch Aufklärung davon zu überzeugen, dass Epilepsien Krankheiten sind wie andere auch, mit milden und schweren Verläufen, und dass sie heute wirkungsvoll behandelbar sind und oft sogar ausgeheilt werden.

Mit Medikamenten und richtiger Lebensweise anfallsfrei

Etwa fünf Prozent der Bevölkerung erleiden mindestens einmal im Laufe
ihres Lebens einen epileptischen Anfall, ohne anfallskrank zu werden. Es handelt sich hierbei um Gelegenheitsanfälle, die durch einen bestimmten
Anlass ausgelöst werden, zum Beispiel durch Fieberkrämpfe, eine schwere Infektion, durch Alkohol oder Drogenentzug. Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung treten diese Anfälle aber auch spontan immer wieder auf. Bei ihnen liegt eine Epilepsie vor. In Deutschland sind fast 800.000 Menschen betroffen.

Die typische Erscheinungsform einer Epilepsie ist der Anfall, ausgelöst durch eine Funktionsstörung des Gehirns. Die Ursachen sind vielfältig: Ein
Großteil der Epilepsien entsteht durch eine Schädigung des Gehirns, zum
Beispiel durch Sauerstoffmangel bei der Geburt, Hirnhautentzündung, Tumore oder Schädel-Hirn-Trauma.

Epileptische Anfälle können ganz unterschiedlich verlaufen (siehe Info-
Kasten). Die Abstände zwischen den Anfällen betragen mitunter Tage, Wochen, manchmal sogar viele Monate oder Jahre. Viele Betroffene haben in dieser Zeit keine gesundheitlichen Probleme. Das heißt, sie sind nur
durch die Symptome eingeschränkt, die während eines Anfalls auftreten.
Epilepsien werden überwiegend medikamentös mit Antiepileptika behandelt.
Optimal eingestellt werden 70 bis 75 Prozent aller Epilepsie-Patienten
dauerhaft anfallsfrei. Eine geregelte Lebensführung ist ebenfalls von großer
Bedeutung, um Anfälle zu vermeiden. Dazu gehören ausreichend
Schlaf, ein regelmäßiger Tagesablauf und das Meiden von Alkohol.

Übereilte Kündigung oder Frühverrentung

Neben ihrer Krankheit plagen die Betroffenen auch Existenzsorgen. Viele sind arbeitslos oder frühverrentet. Nach Angaben der Deutschen Epilepsievereinigung ist nicht einmal jeder zweite epilepsiekranke
Mensch im erwerbsfähigen Alter in Arbeit. Verunsicherte Arbeitgeber
sind oft der Grund, warum Epilepsie-Patienten ihren Job verlieren.
Sie befürchten Arbeitsunfälle und Haftungsansprüche. Tatsächlich sind aber Menschen mit Epilepsie nicht häufiger in Arbeitsunfälle verwickelt als andere Mitarbeiter. Dies gilt auch für gewerblichtechnische Berufe, wie Studien des Chemiekonzerns BASF und des Berufsbildungswerks Bethel belegen.

Das konkrete Unfallrisiko hängt in erster Linie von der Art der Anfälle, deren Verlauf und von der Arbeitsplatzsituation ab. Nur durch eine genaue Beschreibung des Anfallablaufs ist eine individuelle Gefährdungsbeurteilung möglich. Die Sicherheit am Arbeitsplatz lässt sich bei Bedarf oft schon durch einfache Veränderungen erhöhen, etwa mit Schutzabdeckungen über offenen Maschinen. Bei schwerbehinderten Beschäftigten kann der Technische Beratungsdienst des Integrationsamtes Vorschläge entwickeln und die Realisierung unterstützen. Das Integrationsamt gewährt bei Bedarf weitere Leistungen, zum Beispiel Assistenz bei Dienstreisen, wenn epilepsiebedingt keine Fahreignung vorliegt und die Nutzung eines Pkws zwingend erforderlich ist.

Haftung nur bei „grob fahrlässigem“ Handeln

Ein epileptischer Anfall während der Arbeitszeit stellt im Allgemeinen keinen Arbeitsunfall dar. Es sei denn, betriebliche Umstände haben wesentlich zur Entstehung oder zur Schwere des Unfalls beigetragen, zum Beispiel bei einem Sturz in eine Maschine. Bei einem Arbeitsunfall tritt die gesetzliche Unfallversicherung ein. Der Arbeitgeber haftet nur bei grob fahrlässigem
oder vorsätzlichem Handeln. Er hat keine Regressansprüche der Versicherung oder strafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten, wenn er die Einsatzmöglichkeiten des anfallskranken Mitarbeiters sachgerecht geprüft
und entsprechende Vorkehrungen getroffen hat. Dazu zählt eine fachkundige Beratung durch den Betriebsarzt und durch die betriebliche Fachkraft für Arbeitssicherheit.

Der Beschäftigte hat gegenüber dem Betrieb eine Informationspflicht,
wenn bei einem epileptischen Anfall Risiken für ihn selbst oder Dritte entstehen könnten. Nach zweijähriger Anfallsfreiheit wird das Gefährdungsrisiko von Fachleuten jedoch als so gering eingeschätzt, dass in der Regel sogar Berufe wie Industriemechaniker, OP-Schwester oder Erzieherin wieder ausgeübt werden dürfen. Ausnahmen bilden Berufe wie Zimmerer (Absturzhöhen) oder Taxi- und Lkw-Fahrer. Hier wird eine anfallsfreie Zeit von fünf Jahren ohne Medikation verlangt.

Mehr Informationen
... bietet ein Infoblatt von REHADAT in Zusammenarbeit mit dem LWL-Integrationsamt Westfalen und dem Epilepsie-Zentrum Bethel:

Epilepsie und Arbeitsleben
Größe: 554,10 KB / Stand: 20.05.2011

 

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.