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ZB 2/2011

„Fehlbeurteilungen vermeiden“

Fragen an Peter Brodisch den Leiter des Netzwerkes Epilepsie und Arbeit in München.

Herr Brodisch, die Diagnose Epilepsie bedeutet für viele Betroffene das Aus im Job. Woran liegt das?

Porträt: Peter Brodisch, (c) Klaus D. Wolf
Peter Brodisch, (c) Klaus D. Wolf
Peter Brodisch Schuld sind oft Fehlbeurteilungen bei der Frage, ob der epilepsiekranke Mitarbeiter an seinem Arbeitsplatz weiter beschäftigt werden kann. Dazu kommt Angst ... epileptische Anfälle können ja erschreckend aussehen. Bei einem Grand-mal-Anfall hat man den Eindruck: Da stirbt gleich jemand! Viele Betroffene schämen sich für ihre Erkrankung und ziehen sich resigniert zurück. Oder sie leugnen die Anfälle, obwohl diese offensichtlich sind.

Wie kommt es zu den Fehlbeurteilungen?

Brodisch Die arbeitsmedizinischen Richtlinien für epilepsiekranke Beschäftigte, die BGI 585, sind noch zu wenig bekannt. Dazu werden oft Empfehlungen vom Schreibtisch aus getroffen, die zusätzliche Hürden aufbauen. So wie im Fall eines Betroffenen, der auf Anraten seines Neurologen nur noch unter ständiger Aufsicht an seinem Arbeitsplatz hätte tätig sein dürfen! In der Praxis zeigte sich, dass dies weder notwendig, noch für den Betrieb zumutbar war.

Es fehlt also an fachkundiger Beratung vor Ort?

Brodisch Genau. Mit dem bundesweiten Projekt „Netzwerk Epilepsie und
Arbeit“ wollen wir diese Versorgungslücke schließen. Dabei bauen wir auf
schon vorhandenen regionalen Angeboten auf. In unseren Fachteams arbeiten zum Beispiel Mitarbeiter von Epilepsie-Beratungsstellen, Neurologen, Betriebsärzte, Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Integrationsämter und Integrationsfachdienste eng zusammen.

Wie sieht die Arbeit eines Fachteams konkret aus?

Brodisch Die Fachteams beraten epilepsiekranke Arbeitnehmer, Arbeitgeber und beteiligte Experten. Zunächst wird der neurologische Hintergrund abgeklärt, also der Anfallsverlauf und die Behandlungsprognose. Dann werden bei einer Betriebsbegehung anfallsbedingte Selbst- und Fremdgefährdungen am Arbeitsplatz erörtert. Maßnahmen zur Arbeitssicherheit und zum richtigen Umgang mit Epilepsie im Betrieb werden festgelegt, zum Beispiel die Erste Hilfe.

In Bayern sind Fachteams bereits im Einsatz. Wie sieht ihre bisherige
Bilanz aus?

Brodisch Im vergangenen Jahr haben wir 100 Klienten in 70 Berufsfeldern
beraten. Darunter waren auch viele „Risikoarbeitsplätze“, wo es erhebliche Probleme gab. In vier von fünf Fällen konnte der Arbeitsplatz erhalten
werden.

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Netzwerk Epilepsie und Arbeit
Das Projektbüro bei der Inneren Mission in München verantwortet bis Februar 2013 die Entwicklung regionaler Fachteams in ganz Deutschland. Mehr Informationen und Kontakt:
www.epilepsie-arbeit.de

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Hilfe für Betroffene und Arbeitgeber
Fachkundige Beratung und Unterstützung in allen Fragen der Beschäftigung von Menschen mit Epilepsie leisten spezialisierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei den Integrationsämtern und den von ihnen beauftragten Integrationsfachdiensten. Ratsuchende können sich an ihr zuständiges Integrationsamt wenden!

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.