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ZB 2-2014

Psychische Behinderungen

Arbeit ist die beste Medizin

Dr. Manfred Lütz während seiner Rede beim LVR Praxisdialog, (c) LVR
Dr. Manfred Lütz beim LVR Praxisdialog, (c) LVR
Psychische Belastungen sind derzeit ein großes Thema in den Betrieben. Aber was ist mit den Menschen, die bereits erkrankt sind? Sie brauchen Arbeit und unsere Unterstützung! Ein Interview mit dem Chefarzt Dr. Manfred Lütz, Eindrücke vom LVR Praxisdialog, Beispiele aus der Praxis.

 

Ein Drittel der Deutschen wird irgendwann im Leben mal psychisch krank. Immer mehr Beschäftigte werden aufgrund psychischer Probleme krankgeschrieben oder in Rente geschickt. Macht uns die moderne Arbeitswelt "verrückt"?

Dr. Manfred Lütz Tatsache ist, dass die schweren psychischen Erkrankungen in den vergangenen Jahrzehnten nicht zugenommen haben.

BERÜHRUNGSÄNGSTE

Aber immer mehr Menschen fühlen sich am Arbeitsplatz überlastet und klagen über Burn-out. Wie passt das zusammen?

Dr. Lütz Burn-out ist keine psychische Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation klassifiziert sie als Z-Kategorie, als eine Lebensschwierigkeit. Das Verhängnisvolle dieses schillernden Begriffs ist seine Unbestimmtheit. Unter dem Decknamen Burn-out können echte Depressionen auftreten, aber auch bloße Befindlichkeitsstörungen, die keiner Therapie bedürfen, und schließlich existenzielle Krisen, bei denen Therapie nicht helfen kann, weil existenzielle Krisen keine Krankheit sind. Wenn jemand einen schrecklichen Chef hat oder von seinem Beruf überfordert ist, dann kann das schwer belasten. Aber auch da hilft keine Psychotherapie, sondern nur eine Änderung der Situation.

Psychisch Kranke haben es besonders schwer, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen …

Dr. Lütz Dabei wäre Arbeit oft die beste Therapie! Sie schenkt Selbstvertrauen, strukturiert den Alltag, sorgt für gesellschaftliche Anerkennung... Das Problem sind Vorurteile und Berührungsängste auf Seiten der "Normalen". Die Psychiatrie hat von allen medizinischen Disziplinen in den vergangenen Jahrzehnten die größten Fortschritte gemacht. Das haben viele Menschen noch gar nicht mitbekommen. Man kann schwerste psychische Störungen heute vergleichsweise schnell heilen oder lindern.

CHEF ODER THERAPEUT?

Wenn nun ein Beschäftigter am Arbeitsplatz psychisch auffällig ist, was raten Sie dem Arbeitgeber?

Dr. Lütz Versuchen Sie nicht den Therapeuten zu spielen, bleiben Sie in der Arbeitgeberrolle! Wenn es Probleme gibt, sprechen Sie ganz sachlich die Auswirkungen auf die Arbeitssituation an. Zum Beispiel, wenn die Arbeitsleistung nachlässt. Machen Sie deutlich, was Sie erwarten und was passiert, wenn sich nichts ändert. Machen Sie aber auch deutlich, dass dann, wenn eine behandlungsbedürftige psychische Störung vorliegt und der Mitarbeiter therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt, er von Ihnen jede mögliche Unterstützung bekommt. So eine Haltung trägt zu einer guten Arbeitsatmosphäre bei.

PORTRÄT

Dr. Manfred Lütz in seinem Büro, (c) dpa - Report
Dr. Manfred Lütz, (c) dpa - Report
Manfred Lütz
(60) ist promovierter Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, katholischer Theologe sowie Autor sehr erfolgreicher Sachbücher (zum Beispiel: "Irre! – Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen. Eine heitere Seelenkunde"). Seit 1997 leitet er als Chefarzt das Alexianer-Krankenhaus für psychisch Kranke in Köln.

 

 

 

 

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