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&
Beruf

ZB 2-2015

Erfahrungsbericht

Mein Leben mit Autismus

Dr. Christine Preißmann erhielt im Alter von 27 Jahren die Diagnose Asperger-Syndrom. Heute ist sie 44 Jahre alt und arbeitet als Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie an der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im hessischen Heppenheim. Sie berichtet von ihren persönlichen Erfahrungen als berufstätige Autistin.

Dr. Christine Preismann steigt in ihr Auto, (c) Andreas Arnold
„Ich wünsche mir ganz selbstverständliche Teilhabe, weil wir Menschen sind, so wie alle anderen auch” – Dr. Christine Preißmann, (c) Andreas Arnold
Für mich sind bei der Arbeit die Rahmenbedingungen das Wichtigste. Ich arbeite mit einer Teilzeitstelle im Suchtbereich einer psychiatrischen Klinik. Auf meiner Station kommt mir der strukturierte Tagesablauf sehr entgegen. Hier wird Pünktlichkeit erwartet, unvorhergesehene Änderungen sind selten. Ich gehe gern arbeiten und gebe mir große Mühe.

Häufig überlagern Defizite unsere Stärken Überhaupt sind Menschen mit Autismus in mancher Hinsicht nahezu perfekte Arbeitnehmer. Sie sind in der Regel pünktlich und zuverlässig, legen keinen großen Wert auf häufige gemeinsame Pausen mit Arbeitskollegen, sondern bleiben lieber an ihrer Arbeit. Oft wollen sie dabei ein akkurates und bestmögliches Ergebnis erzielen. Häufig werden aber ihre Fähigkeiten durch die bestehenden Defizite, beispielsweise im sozialen und kommunikativen Bereich überlagert, so dass es oft gar nicht gelingt, die bestehenden Ressourcen zu erkennen und zu fördern. Es wird also immer wieder eine Herausforderung darstellen, die Fähigkeiten der Betroffenen optimal zu nutzen und Bereiche zu finden, in denen die vorhandenen Schwächen und Schwierigkeiten keine große Rolle spielen.

Arbeit gibt meinem Leben Struktur Ich selbst arbeite nun schon seit über zehn Jahren an der Klinik und freue mich, dass meine Vorgesetzten meine Arbeitsleistung zu schätzen wissen. Es ist anstrengend und nicht leicht, aber die Arbeit gibt meinem Leben die notwendige Struktur und hat mir in dieser Zeit die ruhigsten und besten Jahre in meinem Leben beschert.

Ich finde es sehr wichtig, Hilfen im Hinblick auf Arbeit und Beruf anzubieten, denn noch immer haben die meisten autistischen Menschen im Berufsleben keine Chance. Viele auch sehr intelligente Betroffene werden früh berentet, weil man mit ihren Besonderheiten nicht zurechtkommt.

Ich wünsche mir selbstverständliche Teilhabe Lange hat man ausschließlich die Schwierigkeiten von Menschen mit Autismus thematisiert. Inzwischen stellen einige große Firmen ganz gezielt die speziellen Fähigkeiten von Menschen mit Autismus heraus, das hat uns viel Aufmerksamkeit durch die Medien beschert. Aber ich sehe das nicht nur positiv. Man soll uns nicht nur bedauern, aber man soll uns auch nicht nur deshalb Aufmerksamkeit schenken, weil wir etwas ganz besonders gut können. Ich wünsche mir Aufmerksamkeit und Unterstützung und die ganz selbstverständliche Teilhabe einfach deshalb, weil wir Menschen sind, so wie alle anderen auch.


WEITERE INFORMATIONEN

Veröffentlichungen
Die Ärztin Dr. Christine Preißmann will mit Vorträgen und Publikationen zu einem besseren Verständnis für Menschen mit Autismus beitragen. In ihrem Buch "Asperger – Leben in zwei Welten" beschreibt sie Möglichkeiten zur Unterstützung auch am Arbeitsplatz. Im Stuttgarter Landtag hat sie im Oktober 2014 ausführlich über ihre Entwicklung, ihr Berufsund ihr Sozialleben berichtet.

Als Video unter: www.youtube.com


LVR-Fachtagung
Autismus und Beruf

Anlässlich eines gemeinsamen Modellprojektes luden das Integrationsamt beim Landschaftsverband Rheinland (LVR), die Autismus-Sprechstunde für Erwachsene der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Köln sowie das Integrationsunternehmen Füngeling Router gGmbH am 21. März 2015 zu einer Fachtagung nach Köln ein. Die Teilnehmer diskutierten über Möglichkeiten zur Qualifizierung und langfristigen Beschäftigung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung.

 

Mehr unter: www.ass.lvr.de

 

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.