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ZB 2-2015

Interview

Autisten brauchen klare Regeln

Autismus ist eine schwer fassbare Behinderung. Professor Kai Vogeley ist Experte auf diesem Gebiet. Als Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie leitet er eine Autismus-Sprechstunde für Erwachsene an der Uniklinik Köln.

Porträt von Professor Kai Vogeley, (c) Paul Esser
(c) Paul Esser
Herr Professor Vogeley, das Asperger-Syndrom wird oft als die "milde" Form des Autismus bezeichnet …

Professor Kai Vogeley Die Bezeichnung "mild" ist unglücklich, da viele Betroffene durchaus schwer unter ihrer Behinderung leiden und extrem beeinträchtigt sein können. Im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus, dem Kanner-Syndrom, bestehen aber neben den autistischen Symptomen keine zusätzlichen Beeinträchtigungen, wie eine geistige Behinderung.

Das Bild von autistischen Menschen in den Medien ist häufig klischeebeladen. Gibt es den typischen Autisten?

Vogeley Es gibt zwar viele Gemeinsamkeiten, aber auch viele Unterschiede zwischen den Betroffenen. Typisch sind die bekannten Schwierigkeiten in der Kommunikation und im Sozialverhalten. Darüber hinaus gilt aber: Wenn Sie einem Menschen mit Autismus begegnet sind, dann sind Sie auch nur einem begegnet. Entsprechend vielfältig sind ihre beruflichen Stärken und Interessen.

Projekte wie bei SAP vermitteln den Eindruck, alle autistischen Menschen seien Programmier-Genies oder Computer-Nerds...

 

Vogeley Einige Betroffene haben auf dem Gebiet der Informationstechnik tatsächlich ihre Stärken. Es gibt aber auch Menschen mit Autismus, die erfolgreich im kreativen oder sozialen Bereich arbeiten. Meist handelt es sich dabei aber um Tätigkeiten, die stark strukturiert sind und insofern den Bedürfnissen autistischer Menschen entgegenkommen.

Autisten gelten als Einzelgänger, die kein Interesse an sozialen Kontakten haben. Wie sieht es mit ihrer Teamfähigkeit aus?

 

Vogeley Menschen mit Autismus sind durchaus teamfähig, wenn es klare Regeln gibt, die eindeutig ausgesprochen werden. Viele von ihnen möchten in Kontakt mit anderen sein, hätten gern Freunde oder einen Partner. Aber sie wissen nicht, wie das geht. Sie kennen die unausgesprochenen Regeln im menschlichen Miteinander nicht und verhalten sich im Kontakt unbeholfen. Deshalb vermeiden sie informelle Situationen, wie das Mittagessen mit Kollegen oder gemeinsame Aktivitäten nach Dienstschluss. Wenn ich das als Kollege weiß, kann ich viel besser damit umgehen.

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