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ZB 2-2016

Betriebliche Prävention
Den Dialog suchen!

Prävention gewinnt für die Schwerbehindertenvertretung zunehmend an Bedeutung. Unternehmen profitieren von deren Engagement beim Betrieblichen Eingliederungsmanagement und bei der Integrationsvereinbarung. Dazu aus der Praxis: zwei Betriebe, die erfolgreich mit diesen Instrumenten arbeiten.

Halbporträt von Michael Przybylla, Gesamtschwerbehindertenvertretung bei der AOK Hessen, (c) Andreas Arnold
Beharrlichkeit und eine enge Zusammenarbeit zahlen sich aus, weiß Michael Przybylla, Gesamtschwerbehindertenvertreter bei der AOK Hessen, (c) Andreas Arnold
Für Annelie Buntenbach vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ist die Sache klar: "Es wird immer wichtiger, dass die Schwerbehindertenvertretung ihre Aufgaben wahrnehmen kann und im Interesse der behinderten oder der von Behinderung bedrohten Menschen aktiv wird." Sie begründet ihre Überzeugung mit den zunehmend älter werdenden Belegschaften und mit der steigenden Zahl von Erkrankungen bei Beschäftigten.

Fachkräfte halten Tatsächlich ist schon heute jeder fünfte Erwerbstätige älter als 55 Jahre. In dieser Altersgruppe ist ein vergleichsweise hoher Anteil schwerbehindert. Auch die Zahl der schwerbehinderten Beschäftigten hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Allein von 2007 bis 2013 um mehr als 18 Prozent. Diese Entwicklung verlangt von den Betrieben verstärkte Anstrengungen in Sachen Prävention. Es geht darum, die Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern zu erhalten, Fehlzeiten zu senken und Fachkräfte im Arbeitsprozess zu halten.

Eine sachkundige und engagierte Schwerbehindertenvertretung spielt in der Prävention eine wichtige Rolle.  Die ist im Betrieb der Experte in Fragen der Beschäftigung schwerbehinderter Menschen und der Wiedereingliederung lang erkrankter Mitarbeiter.

Zuerst ist aber der Arbeitgeber am Zug: Wenn Schwierigkeiten auftauchen, die den Arbeitsplatz eines schwerbehinderten Menschen gefährden, ist er verpflichtet, die Schwerbehindertenvertretung und das Integrationsamt zu beteiligen.

BEM weitgehend etabliert Zum Schutz langzeiterkrankter Mitarbeiter hat der Gesetzgeber diese Präventionsvorschrift 2004 erweitert und das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) für alle Beschäftigten eingeführt (siehe Info-Grafik). Da aus einer Langzeiterkrankung eine Behinderung entstehen kann, profitieren grundsätzlich alle Betroffenen von einer Beteiligung der Schwerbehindertenvertretung. Sie weiß, welche Unterstützung es für Menschen mit Behinderung im Unternehmen gibt. Dazu zählen die Antragstellung auf Anerkennung einer Schwerbehinderung, Fördermöglichkeiten für den Umbau des Arbeitsplatzes wie auch die Zuständigkeit und Leistungen von Rehabilitationsträgern.

Eine Untersuchung zwei Jahre nach Einführung des Betrieblichen Eingliederungsmanagements ergab, dass es in jedem zweiten größeren Unternehmen und in jedem vierten Kleinbetrieb genutzt wird. Nach Einschätzung der Gewerkschaften hat es sich in größeren Unternehmen mit betrieblicher Interessenvertretung inzwischen "halbwegs etabliert".

Integrationsvereinbarung vernachlässigt Ein anderes präventives Instrument ist dagegen vielerorts in Vergessenheit geraten: die Integrationsvereinbarung. Welche Rolle sie für die Prävention spielt, erklärt Rosita Schlembach vom LWV Hessen Integrationsamt: "Die Integrationsvereinbarung greift früher als das BEM. Durch gezielte Maßnahmen kann der Betrieb gesundheitlichen Problemen und nachfolgenden Schwierigkeiten am Arbeitsplatz vorbeugen. Beispielsweise durch ergonomische und behinderungsgerechte Arbeitsplätze oder auch durch Weiterbildungsangebote. Im besten Fall spart man sich das BEM." Aus diesem Grund wirbt die Vorsitzende des BIH-Ausschusses Information und Bildung für Integrationsvereinbarungen: "Die Schwerbehindertenvertretung hat das Recht, den Arbeitgeber an den Verhandlungstisch zu holen."

Den Dialog suchen Über Integrationsvereinbarungen können Betriebsrat oder Personalrat und Schwerbehindertenvertretung mit dem Arbeitgeber regeln, wie die Teilhabe von schwerbehinderten Menschen im eigenen Unternehmen gefördert wird. Die Vorteile liegen auf der Hand: konkrete Ziele und Maßnahmen, klare Spielregeln und eine bessere Beteiligung der Schwerbehindertenvertretung. "Das Problem ist, dass viele Integrationsvereinbarungen erst gar nicht abgeschlossen werden, weil sich die Verhandlungspartner nicht einigen können", erklärt Annelie Buntenbach. Deshalb schlägt die Gewerkschaft vor, mit Einigungsstellen und Bußgeldern mehr Druck auf die Arbeitgeber auszuüben.

Anders die Integrationsämter: "Wir raten, mit kleinen Schritten und realistischen Vorschlägen auf den Arbeitgeber zuzugehen", so Rosita Schlembach von der BIH. Dabei kann die Schwerbehindertenvertretung auf die Unterstützung des Integrationsamtes zählen. Es berät im Vorfeld der Verhandlungen und nimmt auf Einladung als unparteiischer Moderator an den Gesprächen mit dem Arbeitgeber teil. "Wir wünschen uns, dass dieses Angebot stärker in Anspruch genommen wird", sagt Rosita Schlembach.

 

STATEMENT

Porträt von Annelie Buntenbach vom DGB, (c) Simone M. Neumann
Annelie Buntenbach, (c) Simone M. Neumann
"BEM funktioniert dort, wo Interessenvertretungen existieren, die sich darum kümmern, dass es Betriebsvereinbarungen gibt, wo die Beschäftigten Vertrauen haben und die Unternehmen es ehrlich wollen."

Annelie Buntenbach, Mitglied des geschäftsführenden Bundesvorstandes des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB)

 

 

STATEMENT

Porträt von Rosita Schlembach vom BIH-Ausschuss Information und Bildung, (c) Rolf K. Wegst
Rosita Schlembach, (c) Rolf K. Wegst
"Anders als das BEM ist eine gelebte Integrationsvereinbarung ein wirklich präventives Instrument für mehr Teilhabe in den Betrieben und Dienststellen."

Rosita Schlembach, Vorsitzende des BIH-Ausschusses Information und Bildung

 

 

 

 

WEITERE INFORMATIONEN

Integrationsvereinbarung

Eine Integrationsvereinbarung steuert die betriebliche Integrationsarbeit über konkrete und messbare Ziele. Alle Arbeitgeber sind verpflichtet, mit der Schwerbehindertenvertretung und dem Betriebs- oder Personalrat eine verbindliche Integrationsvereinbarung abzuschließen. Auf Antrag der Schwerbehindertenvertretung muss der Arbeitgeber die Verhandlungen aufnehmen. (Gesetzliche Grundlage: § 83 SGB IX)

Prävention

Treten personen-, verhaltens- oder betriebsbedingte Schwierigkeiten auf, die das Arbeitsverhältnis eines schwerbehinderten Menschen gefährden, muss der Arbeitgeber nach Lösungen suchen, wie der Arbeitsplatz erhalten werden kann. Dazu beteiligt er unter anderen die Schwerbehindertenvertretung und das Integrationsamt. (Gesetzliche Grundlage: § 84 Abs. 1 SGB IX)

Betriebliches Eingliederungsmanagement

Wenn ein Beschäftigter innerhalb eines Jahres insgesamt länger als sechs Wochen arbeitsunfähig ist, muss der Arbeitgeber handeln: Er klärt mit dem Betriebs- oder Personalrat, bei schwerbehinderten Menschen außerdem mit der Schwerbehindertenvertretung, wie die Arbeitsunfähigkeit dauerhaft überwunden werden kann. Bei schwerbehinderten Menschen zieht er das Integrationsamt hinzu. (Gesetzliche Grundlage: § 84 Abs. 2 SGB IX)

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.