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Dr. Dieter Schartmann im Interview

ZB 3/2005

Was sagt der Experte dazu?

" Wir sind auf einem guten Weg"

Seit dem 1. Januar 2005 sind die Integrationsämter für das Angebot der Integrationsfachdienste verantwortlich. Ein Gespräch mit Dr. Dieter Schartmann, Vorsitzender des Unterausschusses „Integrationsbegleitung“ bei der BIH.

ZB Alle reden von der neuen Strukturverantwortung – was heißt das?

Dr. Dieter Schartmann: Es bedeutet, dass die Integrationsämter jetzt dafür Sorge tragen, dass ein flächendeckendes Angebot an Integrationsfachdiensten zur Verfügung steht, und zwar eines mit möglichst einheitlicher Struktur und in erforderlicher Qualität. Dazu gehört, dass sie die Fachdienste steuern, zum Beispiel hinsichtlich ihrer personellen Ausstattung, der Qualitätssicherung und der Dokumentation. Kurz gesagt: Wo Integrationsfachdienst drauf steht, soll auch Integrationsfachdienst drin sein! Was die Finanzierung angeht, so leisten die Integrationsämter eine Art Vorfinanzierung. Diese ermöglicht es dem Integrationsfachdienst, sein gesamtes Angebot vorzuhalten. Dafür werden von den Integrationsämtern in diesem Jahr erhebliche Summen zur Verfügung gestellt.

ZB Was können Sie zum Stand der Umsetzung sagen?

Dr. Schartmann: Wir sind auf einem guten Weg. Dies bestätigt eine aktuelle Umfrage der BIH: Die Integrationsfachdienste sind von wenigen Ausnahmen abgesehen für alle ihre Aufgaben und Zielgruppen „gerüstet“. Jetzt kommt es darauf an, dass dieses Angebot von den verschiedenen Leistungsträgern genutzt und entsprechend refinanziert wird. Denn auf Dauer lohnt sich ein Beratungsangebot nur, wenn es nachgefragt wird. Auch hier gilt der Grundsatz: Angebot und Nachfrage regeln den Markt.

ZB Wie wird das Angebot bislang genutzt?

Dr. Schartmann: Im ersten Quartal 2005 wurden die Integrationsfachdienste von Trägern der beruflichen Rehabilitation in rund 1.050 Fällen damit beauftragt, nicht schwerbehinderte Menschen in Arbeit zu vermitteln. Vor allem die Rentenversicherungsträger greifen zunehmend auf die Dienstleistungen der Integrationsfachdienste zurück. Wenngleich das Volumen noch beträchtlich ausgeweitet werden könnte. Beauftragungen mit dem Ziel „Sicherung des Arbeitsverhältnisses“ oder „stufenweise Wiedereingliederung“ sind dagegen immer noch Ausnahmen. Die Rehabilitationsträger haben in vielen Regionen noch nicht die Möglichkeit erkannt, die in der flexiblen Herangehensweise der Integrationsfachdienste für ihre Versicherten liegt. Jede Umschulung oder stationäre Reha-Maßnahme beispielsweise ist teurer als der Versuch, in geeigneten Fällen unmittelbar und betriebsnah zu agieren, um den Arbeitsplatz zu erhalten oder einen neuen zu finden.

ZB Wer ist von dieser Zurückhaltung betroffen? Oder anders gefragt: Wer fällt durch’s Netz?

Dr. Schartmann: Insbesondere für Menschen mit einer seelischen Erkrankung, die weder schwerbehindert noch gleichgestellt sind, ist das ein großes Problem. Wenn Unterstützung benötigt wird, um ein gefährdetes Arbeitsverhältnis zu stabilisieren, kann bei diesen Personen die Beauftragung des Integrationsfachdienstes nur durch einen Rehabilitationsträger erfolgen – nicht durch das Integrationsamt, das nur für anerkannt schwerbehinderte Menschen zuständig ist.

Ein anderes Problemfeld ist die Vorbereitung, Begleitung und Betreuung von behinderten jungen Menschen beim Übergang von der Schule in den Beruf. Hier hat die Bundesagentur für Arbeit als zuständiger Leistungsträger bislang nur in ganz wenigen Fällen einen Integrationsfachdienst beauftragt.

ZB Wie kann die Nutzung durch die anderen Auftraggeber gesteigert werden?

Dr. Schartmann: Zum einen muss das Angebot bekannter werden. Das heißt, wir müssen die konkreten Leistungen der Integrationsfachdienste transparenter machen, für eine hochwertige Qualität sorgen und für das Angebot werben.

ZB Was erwarten Sie von den Integrationsfachdiensten?

Dr. Schartmann: Sie müssen auch selbst aktiv werden und sich um Beauftragungen der zuständigen Leistungsträger bemühen. Das gehört zu ihren Aufgaben. Es ist wichtig, dass sie ihr Angebot bei den potenziellen Auftraggebern – von den Rehabilitationsträgern, Agenturen für Arbeit, über Werkstätten für behinderte Menschen bis hin zu den Sonderschulen – bekannt machen und für die Nutzung werben. Die Integrationsämter werden sie dabei unterstützen, zum Beispiel, indem sie Materialien für die Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung stellen.

ZB Wie sieht Ihre Bilanz aus – mehr als ein halbes Jahr nach Übernahme der Verantwortung für die Integrationsfachdienste?

Dr. Schartmann: Der Wechsel der Strukturverantwortung von der Bundesagentur für Arbeit zu den Integrationsämtern hat aus unserer Sicht gut geklappt, aber er ist noch nicht abgeschlossen. Die Grundpfeiler sind gesetzt, doch es gibt noch an einigen Stellen Klärungsbedarf.

Was wir weiterhin tun können, ist, attraktive Strukturen aufzubauen, zum Beispiel durch eine entsprechende Qualifizierung der Fachkräfte und durch das Sicherstellen einer guten Beratungsqualität, die sowohl den schwerbehinderten Menschen wie auch den potenziellen Auftraggebern nutzt. Auf Dauer ist es jedoch nicht möglich, Kapazitäten an Fachpersonal vorzuhalten, die nicht in Anspruch genommen werden. Deshalb ist es das Ziel der Integrationsämter, mit den Rehabilitationsträgern und der Bundesagentur für Arbeit eine verbindlichere Kooperation zu erreichen, als es in der Startphase gelungen ist.

 

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.