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Elfie Lißmann und Anita Kühnel beim Arbeiten am Pc, © Karsten Socher Leichte Sprache

Damit es jeder versteht!

Amtsdeutsch, Fachchinesisch, politische Phrasen – diese Art von Sprache macht (nicht nur) Menschen mit Lernschwierigkeiten das Leben schwer. Der Verein „Mensch zuerst“ in Kassel übersetzt schwer Verständliches in Leichte Sprache.

ZB 3/2013

Leichte Sprache

Damit es jeder versteht!

Amtsdeutsch, Fachchinesisch, politische Phrasen – diese Art von Sprache macht (nicht nur) Menschen mit Lernschwierigkeiten das Leben schwer. Der Verein „Mensch zuerst“ in Kassel übersetzt schwer Verständliches in Leichte Sprache.

Bei Barrierefreiheit denken viele zuerst an Rampen und Aufzüge. Doch genauso wie eine Treppe eine Barriere für einen Rollstuhlfahrer darstellt, ist eine schwer verständliche und komplizierte Ausdrucksweise ein Hindernis für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Leichte Sprache kann diese Barriere abbauen.

Der Verein „Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland“, eine Selbsthilfevereinigung von und für Menschen mit Lernschwierigkeiten, hat sich zum Ziel gesetzt, die Leichte Sprache zu verbreiten. Im Büro des Vereins in Kassel arbeiten drei Menschen mit Lernschwierigkeiten als Prüfer für Leichte Sprache. Es handelt sich um Beschäftigte der Baunataler Werkstätten, die bei „Mensch zuerst“ auf Außenarbeitsplätzen tätig sind. Sie prüfen Übersetzungen in Leichter Sprache und bringen Mitarbeitern von Behörden und Einrichtungen die Regeln der Leichten Sprache bei. Eine von ihnen ist die 54-jährige Anita Kühnel.

Die ZB besuchte Anita Kühnel und ihre Unterstützerin Elfie Lißmann bei „Mensch zuerst“ in Kassel, um mehr über die Leichte Sprache zu erfahren.

Elfie Lißmann und Anita Kühnel an einem Treppenaufgang, © Karsten Socher
Elfie Lißmann und Anita Kühnel vom Verein "Mensch zuerst" in Kassel
Was genau ist Leichte Sprache?


Anita Kühnel
Also das ist eine Sprache, die jeder verstehen kann, auch wir Menschen mit Lernschwierigkeiten ... Übrigens, die Bezeichnung „geistig behindert“ lehnen wir ab, sie macht uns schlecht!

Elfie Lißmann Von der Leichten Sprache profitieren alle, die sich beim Lesen und Verstehen von Texten schwertun. Dazu gehören gehörlose Menschen und Menschen, die die deutsche Sprache nicht so gut beherrschen.

Warum ist die Leichte Sprache so wichtig?

Anita Kühnel
Damit wir verstehen können, um was es geht. Wenn ich zum Beispiel Post vom Amt kriege dann will ich wissen, was da drin steht. Damit ich das auch selbst beantworten kann ...

Elfie Lißmann Menschen mit Lernschwierigkeiten wollen selbstbestimmt leben und ihre Interessen selbst vertreten. Das geht aber nur mit einer Sprache, die sie verstehen. Deshalb gibt es die Leichte Sprache. Sie ermöglicht den ungehinderten Zugang zu Informationen.

Frau Lißmann, worauf muss bei Übersetzungen in Leichte Sprache besonders geachtet werden?

Elfie Lißmann Die entscheidenden Informationen dürfen nicht fehlen, sie müssen aber einfach formuliert sein. Ist ein Text übersetzt, wird er von Menschen mit Lernschwierigkeiten wie Frau Kühnel überprüft. Erst wenn der Text von zwei Prüfern verstanden wird, bekommt er das Gütesiegel für Leichte Sprache.

Frau Kühnel, wie prüfen sie die übersetzten Texte?

Anita Kühnel Also ich lese den Text und streiche an, was ich nicht verstehe. Frau Lißmann erklärt mir, was gemeint ist. Danach überlege ich, wie man das schreiben kann, damit es alle verstehen. Mit Hilfe von Frau Lißmann ändere ich den Text am Computer. Dann schicke ich den geänderten Text an die Übersetzerin zurück.

Was sind denn das für Texte?

Elfie Lißmann Zunächst mal viele Informationsbroschüren für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Aber auch andere Sachen, wie Wahlprogramme von Parteien, Verträge und Gesetze ...

Gesetze?! Das stelle ich mir sehr schwierig vor!

Elfie Lißmann
Nun ja, es sind Erklärungen, so direkt kann man das ja gar nicht übersetzen. Für rechtsgültige Dokumente muss natürlich der Text zusätzlich in juristischer Sprache da stehen.

Was wünschen sie sich für die Zukunft?

Anita Kühnel Wir wollen, dass Leichte Sprache ein Recht wird, dafür haben wir viele Tausend Unterschriften gesammelt und an den Bundestag geschickt.

 

Netzwerk Leichte Sprache

Das Netzwerk mit derzeit 29 Mitgliedern in Deutschland und Österreich engagiert sich für die Verbreitung der Leichten Sprache: durch Vorträge und Schulungen, durch eigene Texte und Übersetzungen sowie durch das Aufstellen von Regeln.
Mehr Informationen unter www.leichtesprache.org.

 

 

 

ZB 3/2013

Meilensteine der Leichten Sprache

  • Die Idee einer einfachen Sprache entwickelte sich aus der weltweiten „People-first-Bewegung“ heraus: Menschen mit Lernschwierigkeiten wollen mitreden, selbst bestimmen und sich selbst vertreten. Voraussetzung ist eine Sprache, die alle verstehen können.
  • Das erste Wörterbuch in Leichter Sprache, geschrieben von Betroffenen, erscheint in Deutschland 1999. Inzwischen gibt es mehrere Wörterbücher, zum Beispiel von Mensch zuerst – Netzwerk People Deutschland oder der Bundesvereinigung Lebenshilfe.
  • Die UN-Behindertenrechtskonvention 2008 stärkt den Anspruch auf barrierefreie Information und Kommunikation, auch mit Hilfe einer einfachen Sprache.
  • Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung, BITV 2.0, verpflichtet Bundesbehörden, bestimmte Informationen ihrer Internetauftritte bis 2014 in Leichte Sprache zu übersetzen.
  • Ein Recht auf Leichte Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten analog der Gebärdensprache für gehörlose Menschen wird aktuell vom Netzwerk Leichte Sprache gefordert.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.