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Behinderung
&
Beruf

ZB 3-2015

Praxisbeispiel
Fruchtbare Zusammenarbeit

Patrick Becker hat seinen Platz gefunden: Der ehemalige Sonderschüler arbeitet heute in der Baumschule Huben in Baden-Württemberg. Unterstützt werden der 23-Jährige und sein Arbeitgeber vom Integrationsfachdienst.

Der Förderschüler Patrick Becker und seine Kollegin Ina Christ sitzen in einem Elektrowagen, (c) Andreas Arnold
Ina Christ schätzt die tatkräftige Hilfe des ehemaligen Förderschülers Patrick Becker, (c) Andreas Arnold
Dienstags ist immer Obsttag. Heute heißt das: Patrick Becker und Ina Christ müssen raus aufs Gelände zu den Bäumen. Mit einem Elektrowagen fahren sie zu den in langen Spalieren aufgereihten Pflanzen. Dort lädt Patrick Becker erst ein Dutzend Birnenbäume auf den Wagen, dann noch Aprikosen- und Kirschbäume – so lange, bis die Ladefläche voll ist. Die Pflanzen sollen zum Verkaufsgelände der Baumschule Huben und dort den Kunden zum Kauf angeboten werden. "Das ist richtig harte Arbeit. Ich bin froh, dass der Patrick mir hilft", sagt Ina Christ.

Großer Unterstützungsbedarf Seit vier Jahren arbeitet Patrick Becker als angelernte Hilfskraft bei der Baumschule in Ladenburg, nördlich von Heidelberg. Für den heute 23-Jährigen ist diese Festanstellung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt keine Selbstverständlichkeit. Patrick Becker hat die Eugen-Neter-Schule in Mannheim besucht, eine Schule für geistig behinderte Menschen. Heute lebt er in einer Wohngemeinschaft – alle anderen dort sind nach dem Abschluss der Schule in eine Werkstatt für behinderte Menschen gewechselt. Patrick Becker ist stolz, dass er – wie er sagt – "eine richtige Arbeit" hat. "Und ich verdiene als einziger Geld", ergänzt er. Doch ohne besondere Unterstützung – und ohne den Einsatz seines Chefs Andreas Huben (siehe Interview) – würde auch er in einer Werkstatt arbeiten.

Einfache Aufgaben Patrick Becker hat Schwierigkeiten, Neues zu lernen. Der Förderschüler Patrick Becker mit einem Wasserschlauch, (c) Andreas Arnold
Ina Christ schätzt die tatkräftige Hilfe des ehemaligen Förderschülers Patrick Becker, (c) Andreas Arnold
Arbeitsabläufe müssen schrittweise und immer wieder eingeübt werden.  Deshalb unterstützt er die Baumschulmeisterin Ina Christ vor allem bei einfacheren Tätigkeiten wie Gießen, Unkraut jäten oder dem Etikettieren einer neuen Lieferung Himbeersträucher. Ina Christ schätzt ihn nicht nur, weil er gerne kräftig anpackt. "Mit Patrick zusammen macht die Arbeit mehr Spaß", sagt sie. Und der schwerbehinderte Mitarbeiter hat in ihr eine feste Bezugsperson.

Die Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen hat in dem  Familienunternehmen Tradition. Fünf schwerbehinderte Mitarbeiter gehören zu dem 80-köpfigen Team. Seit einigen Jahren pflegt der Betrieb außerdem eine enge Zusammenarbeit mit der Eugen-Neter-Schule. Einmal pro Woche kommt ein Lehrer mit einem halben Dutzend Schüler in die Baumschule. Dort reparieren sie Transportwagen oder topfen Pflanzen um. Dabei gewinnen sie nicht nur erste Einblicke in die Arbeitswelt. Sie haben auch die Chance, ihr Können unter Beweis zu stellen, wie Patrick Becker. Er fiel durch besonderen Einsatz in der Gruppe auf. Für den Lehrer war klar: "Der kann das" – und nahm Kontakt zu Katja Kaffanke vom Integrationsfachdienst Mannheim auf.

Finanzielle Förderung Die Sozialpädagogin betreut Schüler mit  sonderpädagogischem Förderbedarf beim Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Dabei unterstützt sie nicht nur die behinderten Schüler ganz individuell, sie hilft auch den Arbeitgebern. Sie klärt über finanzielle Förderung auf – für die Übernahme von behinderten Schülern gibt es besondere Unterstützung: 60 Prozent Eingliederungszuschuss zum Bruttolohn hat die Baumschule im ersten Jahr von der Bundesagentur für Arbeit erhalten. Weitere vier Jahre übernimmt das KVJS-Integrationsamt 40 Prozent des Bruttolohns. Danach greift die Regelförderung mit Zuschüssen in ähnlicher Höhe. Die Integrationsfachkraft hilft auch beim Ausfüllen der erforderlichen Anträge. Von großer Bedeutung für die Baumschule ist aber die persönliche Unterstützung durch Katja Kaffanke vor Ort.

Sichtbare Fortschritte Ohne sie wäre das Arbeitsverhältnis schon im ersten Jahr gescheitert. Patrick Becker kam einfach nicht mehr zur Arbeit, keiner wusste warum. "Er sagt nicht, wenn ihm etwas zu viel wird", sagt Katja Kaffanke. Sie fand heraus, dass die Arbeitstage für Patrick Becker zu lang waren. Nach dem körperlich anspruchsvollen Acht-Stunden-Job lagen noch zwei Stunden Heimfahrt mit dem Bus vor ihm. Gemeinsam wurde eine Lösung gefunden. Heute arbeitet Patrick Becker 25 Stunden pro Woche, verteilt über vier Tage. Die Baumschule hat sich auch darauf eingestellt, dass Patrick Becker ungerne in größeren Gruppen arbeitet, und an heißen Tagen erinnert Ina Christ ihn schon mal daran, genug zu trinken. Auch Katja Kaffanke ist weiterhin regelmäßig vor Ort und schaut nach dem Rechten. Das Engagement trägt Früchte: Patrick fühlt sich sichtbar wohl bei der Arbeit. Gelegentlich sucht er sich sogar schon selbstständig Aufgaben. "Es ist schön zu sehen, welche Fortschritte er macht", sagt Ina Christ.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.