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ZB 3-2016

Das geht alle an!
Sucht und Psyche

Porträt einer Frau, im Hintergrund eine weitere Frau – unscharf, (c)contrastwerkstatt/Fotolia.com
Der Schlüssel liegt in der sozialen Unterstützung: Führungskräfte, Kollegen, Interessenvertretung – alle können dazu beitragen, das psychosoziale Klima im Betrieb zu verbessern, (c) contrastwerkstatt/Fotolia.com
Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen sind mit großem menschlichen Leid verbunden – und sie verursachen hohe Kosten. Was können Betriebe präventiv tun? Ein Gespräch mit Dr. med. Ulrich Kemper und Reinhold Heeringa vom Präventionsfachdienst Sucht und Psyche in Gütersloh. Sie verfolgen einen systematischen Ansatz. Außerdem im Schwerpunkt: Manager in der Leistungsfalle und die Arbeit eines betrieblichen Ansprechpartners.

Vor elf Jahren erschien der letzte ZB-Schwerpunkt zur Sucht. Damals haben wir an Betriebe appelliert, das Thema zur Chefsache zu machen. Was hat sich seither verändert?

Porträt von Reinhold Heeringa, (c) Oliver Krato
Reinhold Heeringa bildet seit 20 Jahren betriebliche Ansprechpartner aus und berät Arbeitgeber bei Arbeitsstörungen schwerbehinderter Menschen. Der Sozialpädagoge gehört zum siebenköpfigen Mitarbeiterteam des Fachdienstes, (c) Oliver Krato
Reinhold Heeringa
Die betriebliche Suchtprävention hat deutliche Fortschritte gemacht. Die meisten Betriebe sind heute für das Thema sensibilisiert. Das war, als ich 1966 eine Lehre zum Dreher begann, noch ganz anders. Am ersten Tag rief mir der Meister gleich zu: "Junge, hol mir mal ein Bier!"

Dr. Ulrich Kemper Das Unterstützungsangebot für Suchtkranke ist heute in Deutschland recht gut, jedenfalls sehr viel besser als für psychisch Kranke. Das ist auch der Grund, warum wir vor etwa drei Jahren unser Hilfsangebot auch auf psychische Probleme am  Arbeitsplatz ausgedehnt haben – es ist in dieser Form bundesweit einmalig.

Welche Rolle spielen psychische Belastungen im Arbeitsleben bei der Entwicklung einer Sucht?

Dr. Kemper Die Entstehung einer Sucht ist komplex und noch nicht abschließend erforscht. Fest steht, dass psychische Belastungen und Suchterkrankungen eng miteinander verknüpft sind. Für die Behandlung ist es zunächst nicht wichtig, die Ursache zu kennen. Erst einmal müssen wir dem Patienten helfen, aus der Sucht herauszukommen. Nach der Therapie, wenn der Betroffene in sein altes Arbeitsumfeld zurückkehrt, schaut man natürlich, was verändert werden muss, um einen Rückfall zu vermeiden.

Sie gehen direkt in die Betriebe, um ihnen präventive Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Welche Idee steckt dahinter?

Heeringa Der Schlüssel liegt in der sozialen Unterstützung. Wir leiten Führungskräfte und andere betriebliche Akteure an, psychische Probleme am Arbeitsplatz zu erkennen und das psychosoziale Klima im Betrieb zu verbessern. Es geht hier nicht zuletzt um Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten: Kollegen helfen Kollegen, Vorgesetzte bringen ihren Mitarbeitern Wertschätzung entgegen, Arbeitgeber nehmen ihre Fürsorgepflicht ernst ...

Porträt von Dr. med. Ulrich Kemper, (c) Oliver Krato
Dr. med. Ulrich Kemper ist Chefarzt der Bernhard-Salzmann-Klinik für Suchtmedizin in Gütersloh, eine Einrichtung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Er leitet den Präventionsfachdienst Sucht und Psyche, der im Auftrag des LWL-Integrationsamtes Westfalen arbeitet, (c) Oliver Krato
Dr. Kemper
Die Betriebe lernen, ihre eigenen Ressourcen zu nutzen. Beispielsweise, indem sie einen betrieblichen Ansprechpartner für Mitarbeiter mit Sucht- oder psychischen Problemen einsetzen.

Was kann ein betrieblicher Ansprechpartner leisten?

Heeringa Er ersetzt natürlich nicht den Therapeuten! Seine Aufgabe ist es, sachkundig Auskunft zu geben, bei Bedarf an Beratungsstellen zu vermitteln und Konflikte zu regulieren, um arbeitsrechtliche Schritte zu vermeiden. Auch Kollegen und Vorgesetzte können sich an ihn wenden, alle Gespräche sind vertraulich.

Dr. Kemper Der betriebliche Ansprechpartner kann seine Funktion nur erfüllen, wenn die Betriebsleitung ihn unterstützt und ihm den nötigen Freiraum gibt.

Häufig übernehmen Schwerbehindertenvertretungen diese Aufgabe ...

Dr. Kemper Die Schwerbehindertenvertretung ist ein Glücksfall für die Prävention! Sie bringt gute Voraussetzungen mit. Ideal ist es, wenn sie auch Mitglied im BEM-Team und im Gesundheitsmanagement ist. Durch intensive Schulung gewinnt sie die nötige Handlungssicherheit.

Was können Vorgesetzte tun, wenn ein Mitarbeiter am Arbeitsplatz auffällig wird?

Heeringa Die Führungskraft sollte frühzeitig handeln und einschreiten. Das heißt, in Gesprächen Rückmeldung geben, Probleme abklären und dem betroffenen Mitarbeiter Unterstützung anbieten. Wenn er seine arbeitsvertraglichen Pflichten wiederholt verletzt, müssen Sanktionen wie eine Abmahnung konsequent umgesetzt werden. Diese Interventionsgespräche folgen einem bestimmten Schema, das häufig in einer Betriebs- oder Dienstvereinbarung festgehalten wird.

Lässt sich diese Vorgehensweise auf psychisch kranke Beschäftigte übertragen?

Heeringa Nein, hier muss man sehr viel flexibler und kreativer vorgehen. Jede psychische Erkrankung setzt ein eigenes Verhaltensmuster in Gang. Bei einer Phobie steht die Vermeidung angstauslösender Situationen im Vordergrund, bei einer Psychose sind es Beziehungskonflikte und die Desorientierung. Die betrieblichen Ansprechpartner lernen bei uns, damit umzugehen.

Dr. Kemper Man sollte sich aber davor hüten, Diagnosen zu stellen und eine psychische Überforderung als krankhaft zu bewerten! Es ist zum Beispiel ganz normal, dass mit dem Alter nicht nur die körperliche, sondern auch die psychische Belastungsfähigkeit nachlassen. Das sollten Betriebe berücksichtigen. Einen Fliesenleger über 50, der nicht mehr auf den Knien arbeiten kann, wird man ja auch versuchen, anders einzusetzen, um ihn als erfahrene Fachkraft nicht zu verlieren.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Zahlen & Daten

Der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) zufolge leben in Deutschland 1,77 Millionen Alkoholkranke. Schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen sind von Schlaf- und Beruhigungsmitteln abhängig. Die am häufigsten konsumierte illegale Droge ist Cannabis. Daneben wächst auch die Bedeutung substanzungebundener Süchte wie Glücksspiel und Medienabhängigkeit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Suchterkrankungen zu den psychischen Behinderungen.
Mehr Informationen im DHS-Jahrbuch Sucht sowie im Internet unter:
www.dhs.de

Zwischen 1997 und 2015 nahmen die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen um 217 Prozent zu (DAK Gesundheitsreport
2016). Die gesundheitsschädlichsten Stressfaktoren am Arbeitsplatz sind hohe Arbeitsintensität, wenig Handlungsspielraum und geringe soziale Unterstützung.* Die Hans-Böckler-Stiftung hat ausgerechnet, dass arbeitsbedingte psychische Belastungen in Deutschland jährlich Kosten von rund 30 Milliarden Euro verursachen.

* iga-Report 31, www.iga-info.de

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.