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ZB 3-2016

Betrieblicher Ansprechpartner

Guter Wille reicht nicht

Der Automobilzulieferer Koyo Bearings Deutschland geht aktiv mit Suchterkrankungen von Mitarbeitern um: Es gibt eine Betriebsvereinbarung und einen speziell ausgebildeten Ansprechpartner zum Thema Sucht.

Martin Schubert im Gespräch mit zwei Koyo-Beschäftigten, (c) Oliver Krato
"Ich bin jemand, der konkrete Hilfe zur Selbsthilfe leistet", sagt Martin Schubert (Mitte), (c) Oliver Krato
Meist sind es die Vorgesetzten, die Martin Schubert einschalten, wenn einer der Mitarbeiter auffällt. Etwa weil er seine Arbeit plötzlich nicht mehr zuverlässig erledigt, sich die montäglichen Fehltage häufen oder sein Atem immer wieder nach Alkohol riecht. Martin Schubert ist betrieblicher Ansprechpartner Sucht bei der Koyo Bearings Deutschland GmbH. Bei dem Zulieferer für die Automobilindustrie im westfälischen Halle geht man schon seit vielen Jahren systematisch mit Suchterkrankungen von Mitarbeitern um – betroffen sind sowohl nicht behinderte als auch behinderte Beschäftigte. 1997 wurde die betriebliche Suchthilfe bei Koyo erstmals in einer Betriebsvereinbarung festgeschrieben, seitdem gibt es dazu regelmäßige Schulungen für Vorgesetzte sowie einen festen Ansprechpartner. "Guter Wille reicht bei diesem Thema nicht aus", so die Erfahrung von Martin Schubert. Auch weil Sucht ein Tabuthema ist. "Es gibt viele Unsicherheiten und große Ängste – bei Betroffenen und Vorgesetzten."

Klare Regeln Einen festen Rahmen bietet hier die Betriebsvereinbarung, die regelmäßig aktualisiert wird. In ihr ist festgelegt, was unternommen wird, um dem Entstehen von Süchten vorzubeugen. So herrscht im Betrieb ein absolutes Alkoholverbot. In ihr steht auch, wie bei einer Suchterkrankung von Mitarbeitern vorgegangen wird. "Die klaren Regeln, ein Stufenplan und die genaue Aufgabenverteilung ermöglichen, dass wir systematisch und Hand in Hand arbeiten", erklärt Martin Schubert.

Martin Schubert mit einem Vorgesetzten der Firma Koyo, (c) Oliver Krato
Martin Schubert (re.) wird häufig von den Vorgesetzten eingeschaltet, (c) Oliver Krato
Am Anfang stehen Gespräche zwischen Vorgesetztem und dem betreffenden Mitarbeiter. "Der Vorgesetzte muss gar nicht wissen, ob der Mitarbeiter süchtig ist. Es reicht, wenn dieser immer wieder ungewöhnliches Verhalten zeigt", erklärt Martin Schubert. In den Gesprächen wird der Mitarbeiter sachlich auf die Auffälligkeiten angesprochen, es wird nach den Ursachen gesucht, Hilfe angeboten und eine Änderung des Verhaltens bei der Arbeit eingefordert. Erst dann wird Martin Schubert eingeschaltet. "Ich bin jemand, der konkrete Hilfe zur Selbsthilfe leisten und so auch Weichen stellen kann", erklärt er. Der 60-Jährige stellt für den Mitarbeiter den Kontakt zur Suchtambulanz her, vermittelt Ansprechpartner in Beratungsstellen, informiert über die Möglichkeiten zur Anerkennung einer Schwerbehinderung oder sucht nach einer passenden Selbsthilfegruppe. Und er führt immer wieder Gespräche mit dem Betroffenen, in denen weiterer Hilfebedarf abgeklärt wird, wie eine Rückfallprophylaxe nach einer abgeschlossenen Therapie. "Man muss sich in der Helferrolle aber der eigenen Grenzen bewusst sein", warnt Martin Schubert. "Der Betroffene muss selbst die Notwendigkeit erkennen, etwas zu tun."

Netzwerk knüpfen Das notwendige Rüstzeug für seine Aufgaben hat Martin Schubert bei einer Ausbildung des Integrationsamtes beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) zum betrieblichen Ansprechpartner Sucht erworben. "Dabei konnte ich auch mein Netzwerk knüpfen", erzählt er. Gute Erfahrung hat er mit Experten des LWL-Integrationsamtes gemacht, die er bei Bedarf beratend hinzuzieht.

Wenn die Mitarbeiter ihr Verhalten nicht ändern und die Arbeit leidet, tritt ein Stufenplan in Kraft. Diese Interventionskette ist mit Sanktionen verbunden wie die Vorlage eines ärztlichen Attests ab dem ersten Fehltag oder eine Abmahnung. Sie bietet aber keine Erfolgsgarantie. "Wir sind mit der Prävention auch schon gescheitert und haben uns von dem Mitarbeiter getrennt", erzählt Martin Schubert. Häufiger kommt es aber zu einem positiven Ende, so wie im aktuellen Fall.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.