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ZB 3-2017

Multiple Sklerose

Den Einzelfall betrachten

Cartoon Die meisten Menschen mit Multipler Sklerose (MS) können sehr gut ihrer Arbeit nachgehen. Wichtig ist ein offener Umgang mit der Erkrankung, der es ermöglicht, die Arbeitsbedingungen an die individuellen Bedürfnisse anzupassen. Zum Arbeitsalltag mit MS: Zahlen, Fakten, Erfahrungsberichte.

Multiple Sklerose, die "Krankheit mit 1.000 Gesichtern" ist wohl der meist zitierte Satz in Verbindung mit dieser chronischen Erkrankung. Und er trifft den Kern der Sache. Der Krankheitsverlauf ist so verschieden wie die Menschen, die daran erkrankt sind. Häufig leiden sie an Symptomen, die auch bei anderen Erkrankungen auftreten. Bis die Diagnose feststeht, vergehen mitunter viele Jahre.

Meist beginnt Multiple Sklerose mit starken Schüben. Also mit Symptomen, die nach zwei Tagen bis vier Wochen ganz oder teilweise wieder verschwinden. Zum Beispiel eine Entzündung des Sehnervs oder Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen. Solche akuten Symptome werden oft mit Kortison behandelt, woraufhin sie meist schnell nachlassen. In vielen Fällen wird die Diagnose gestellt, wenn es den Patientinnen und Patienten schon wieder besser geht. Je nach Krankheitsverlauf können sie mit Medikamenten gut eingestellt werden. Einige haben nur kleine Einschränkungen, zum Beispiel Müdigkeitserscheinungen und Konzentrationsschwierigkeiten. Sie können ihren Alltag – und somit auch den Arbeitsalltag – gut alleine bewältigen. Andere wiederum sind sehr stark körperlich eingeschränkt – aber geistig "top fit", sitzen mitunter im Rollstuhl und sind auf Hilfe anderer angewiesen. Wichtig ist immer, den Einzelfall zu betrachten: Die meisten Menschen mit MS können sehr gut ihrer Arbeit nachgehen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

DEN ARBEITSPLATZ AN DIE BEDÜRFNISSE ANPASSEN

Nachdem die betroffenen Menschen eine Einschätzung ihres Krankheitsbildes durch Ärzte und Therapeuten erhalten haben, suchen sie meist den Weg zu einer Beratungsstelle oder Selbsthilfegruppe. Für MS-Erkrankte ist die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft – kurz DMSG – eine gute Anlaufstelle. Beim DMGS-Landesverband Niedersachsen hilft Monika Theismann Ratsuchenden weiter. Auch sie ist "Betroffene": Ihr Mann erkrankte vor 30 Jahren an MS. "Häufig gestellte Fragen an mich sind: Wie geht’s weiter? Können wir Kinder bekommen? Wie sieht es finanziell aus? Wie kommen wir klar, wenn ein Partner nicht mehr arbeiten geht? Wie und wo beantrage ich den Schwerbehindertenausweis? Wie sieht es mit der Rentenvorsorge aus?" Die 52-Jährige weiß: "Viele sind schon erleichtert, mit jemandem sprechen zu können, der ihre Sorgen und Nöte versteht." Genauso wichtig ist es nach ihrer Erfahrung, mit konkreten Informationen weiterzuhelfen – zum Beispiel mit Kontakten zu Pflegediensten, zu den Integrationsämtern oder zu anderen Stellen, wo sie Unterstützung erhalten.

Deutschlandweit leben nach neuen Zahlen des Bundesversicherungsamtes mehr als 200.000 MS-Erkrankte. Jährlich erhalten circa 2.500 Menschen die Diagnose MS. Viele Menschen, die Multiple Sklerose haben, stehen aktiv im Arbeitsleben. Über ihre berufliche Situation gibt eine aktuelle Studie Auskunft. Danach leiden die betroffenen Menschen oft an Fatigue, einem Erschöpfungssyndrom, oder sie haben kognitive sowie körperliche Einschränkungen. Weitere Symptome sind: Empfindungs-, Koordinations- und Sehstörungen, Muskelschwäche, Schmerzen, erhöhte Muskelspannung sowie Depressionen.

Daraus folgt, dass vor allem Tätigkeiten, die eine hohe Konzentration erfordern wie lange PC-Arbeiten, Besprechungen oder komplexe Aufgaben, für die MS-Erkrankten problematisch sein können. Das gilt auch für körperlich belastende Tätigkeiten wie Heben, Tragen und langes Stehen oder Aufgaben, die mit viel Stress und hoher Verantwortung einhergehen. Insbesondere Termin- und Zeitdruck, wenige Pausen, Hitze und Lärm werden als sehr belastend empfunden.

HÄUFIGES SYMPTOM: FATIGUE, STARKE ERSCHÖPFUNG

Wenn Krankheitssymptome die berufliche Tätigkeit einschränken, kann eine entsprechende Arbeitsgestaltung helfen. Erleichterung bringen in vielen Fällen flexible Arbeitszeiten und andere organisatorische Maßnahmen sowie technische Hilfsmittel, etwa Mobilitäts- und Sehhilfen. Dabei ist es wichtig, den Arbeitsplatz an die individuellen Bedürfnisse des MS-Kranken anzupassen. Dies gelingt besser, wenn die betroffenen Beschäftigten mit ihren Vorgesetzen sowie Kolleginnen und Kollegen offen über ihre Krankheit sprechen können.

Aber auch die Größe des Unternehmens spielt bei der Umsetzung eine Rolle. "Sehr kleine Betriebe mit vier, fünf Beschäftigten, zum Beispiel im Handwerk, haben oft nicht die Möglichkeiten, eine Person mit MS weiter zu beschäftigen", sagt Monika Theismann. "Für meinen Mann hat der Arbeitgeber einen anderen geeigneten Arbeitsplatz gefunden. Anstatt an der Werkbank zu arbeiten, bekam er eine Stelle in der Kundenbetreuung, wo er überwiegend Telefonate geführt hat." Monika Theismann betont: "Wir raten in der Regel dazu, offen mit der Behinderung umzugehen. Aber natürlich hängt das stark vom Verhältnis zum Arbeitgeber ab. Je nach Beeinträchtigung kann es besser sein, zurückhaltend zu reagieren."

 

WEITERE INFORMATIONEN

Was ist Multiple Sklerose?

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische Erkrankung des Zentralen Nervensystems, die das Gehirn und das Rückenmark umfasst und meist im frühen Erwachsenenalter beginnt. Besonders häufig betroffen sind Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 40 Jahren. Die Krankheit lässt noch viele Fragen unbeantwortet und ist in Verlauf, Beschwerdebild und Therapieerfolg von Patient zu Patient so unterschiedlich, dass sich allgemeingültige Aussagen nur bedingt machen lassen. Vermutlich wirken genetische Faktoren mit Umweltfaktoren wie Viren, Bakterien und UV-Strahlung zusammen. Sie lösen eine Abwehrreaktion des Immunsystems aus, die sich gegen den eigenen Körper richtet. So kommt es, dass das Immunsystem die Hüllschicht von Nervenfasern zerstört. An den beschädigten Stellen entstehen Entzündungsherde, die vernarben. Diese Verhärtungen verlangsamen oder verhindern die Signalübertragung der Nervenimpulse.

Wichtig: Multiple Sklerose ist nicht ansteckend, nicht zwangsläufig tödlich, kein Muskelschwund und keine psychische Erkrankung. Auch das häufig verbreitete Vorurteil, dass MS in jedem Fall zu einem Leben im Rollstuhl führt, ist so nicht richtig.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.