Symbol Gebärdensprache Symbol Leichte Sprache

Behinderung
&
Beruf

ZB 3-2019

Blinde und sehbehinderte Menschen

Gut im Job!

Blinde und sehbehinderte Menschen sind in aller Regel sehr gut ausgebildet und hoch motiviert. Von diesen Qualifikationen profitieren sie aber nicht in gleicher Weise wie Sehende. Dabei können sie in vielen Berufen erfolgreich sein.

Annette Fröhlich ist mit dem Langstock unterwegs, (c) Thomas Brenner
Nur etwa ein Drittel der Menschen mit Sehbehinderung arbeitet auf dem ersten Arbeitsmarkt. Annette Fröhlich gehört dazu, (c) Thomas Brenner
Sehgeschädigt sein und arbeiten? Viele Sehende können sich das gar nicht vorstellen. Dabei arbeiten blinde Menschen als Fachinformatiker, Sozialarbeiter, Verwaltungsfachkräfte, Rechtsanwälte oder Physiotherapeuten. Ermöglicht hat diese positive Entwicklung unter anderem der technische Fortschritt bei den sehbehinderten- und blindenspezifischen Hilfsmitteln: Braillezeilen, Vergrößerungsprogramme und die Möglichkeit, sich Texte vorlesen zu lassen, sind schon seit einigen Jahren Standard. Zudem gibt es für viele Arbeitsplätze individuelle Einzellösungen, sodass Menschen mit einer Seheinschränkung auch im Handwerk oder im gewerblich-technischen Bereich beschäftigt sein können. Wo die Technik an ihre Grenzen stößt und regelmäßiger personeller Unterstützungsbedarf am Arbeitsplatz erforderlich ist, können Arbeitsassistenten zur Seite stehen.

Ursachen und Merkmale Nach Angaben des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands leben in Deutschland schätzungsweise 1,2 Millionen sehbehinderte und blinde Menschen. In vielen Fällen wird die Behinderung durch eine Schädigung des Sehnervs oder der Netzhaut verursacht. Manche der Betroffenen kommen mit der Behinderung auf die Welt, bei anderen tritt sie erst in einem späteren Lebensalter auf – entweder plötzlich, zum Beispiel durch einen Unfall, oder fortschreitend, wie bei einigen erblich bedingten Erkrankungen. Eine verminderte Sehschärfe muss nicht das allein bestimmende Merkmal einer Sehbehinderung sein. Es gibt zum Beispiel Menschen, deren Gesichtsfeld so stark eingeschränkt ist, dass sie nur noch einen winzigen Ausschnitt ihrer Umgebung sehen können. Auch eine verschleierte Sicht durch eine trübe Linse – wie beim Grauen Star – kann das Sehvermögen deutlich herabsetzen. Häufig kommen Begleitsymptome wie eine stark erhöhte Blendempfindlichkeit oder Nachtblindheit hinzu. Entgegen landläufiger Vorstellung bedeutet blind zu sein nicht unbedingt, gar nichts (mehr) zu sehen: Viele Betroffene können noch hell/dunkel unterscheiden oder Handbewegungen vor dem Gesichtsfeld wahrnehmen. Nur etwa fünf Prozent der blinden Menschen verfügen über keinerlei restliches Sehvermögen.

Jürgen Kempf, Integrationsfachdienst in Stuttgart, (c) Thomas Brenner
(c) Thomas Brenner

 

 

"Es gibt viele individuelle Lösungen, um sehbehinderte Menschen am Arbeitsleben teilhaben zu lassen. Wir beraten vor Ort."

Jürgen Kempf
Integrationsfachdienst in Stuttgart

 

 

 

 

Orientierung und Mobilität Damit Menschen mit Seheinschränkungen am Arbeitsleben teilhaben können, ist es wichtig, dass sie möglichst lange mobil bleiben. "Ist das Restsehvermögen nur noch gering, ist der Langstock eine große Hilfe. Dessen Gebrauch lernen Betroffene im Rahmen eines Mobilitätstrainings; die Kosten übernimmt die Krankenkasse", erklärt Jürgen Kempf, Fachberater für blinde und sehbehinderte Menschen beim Integrationsfachdienst in Stuttgart. "Hier üben sie auch, sich im Straßenverkehr sicher zu bewegen. Häufig zurückgelegte Wege, zum Beispiel der zum Arbeitsplatz, werden zusammen mit einem speziell dafür ausgebildeten Rehalehrer für Orientierung und Mobilität eingehend trainiert. Eine große Hilfe sind hierbei Apps für das Smartphone, die mithilfe GPS-gestützter Navigation und über Sprachausgabe den Weg weisen." Und was sind die Voraussetzungen dafür, dass sich Menschen mit einer Sehbehinderung in Gebäuden, zum Beispiel an der Arbeitsstelle, sicher orientieren können? Jürgen Kempf kennt und benennt die neuralgischen Punkte: "Sind Anfang und Ende von Treppen jeweils gut sichtbar markiert? Wie ist die Beleuchtungssituation in Gängen und auf dem Weg zur Kantine? Verfügen die Tasten des Aufzugs über eine Beschriftung in Punktschrift und über eine Sprachansage?" Problematisch für die Betroffen sei es auch, wenn sie auf unerwartete Hindernisse stießen. "Ein im Gang abgestellter Putzwagen kann für einen blinden Menschen durchaus ein großes Problem darstellen", so der Fachberater. "Generell ist es sehr wichtig, dass alle Gegenstände ihren festen Platz haben und so jederzeit wiedergefunden werden können."

Geräuscharme Arbeitsumgebung Neben den räumlichen Gegebenheiten spielt auch die Geräuschkulisse eine große Rolle. "Gerade Menschen mit geringem  oder fehlendem Sehrest sind in einem hohen Maß auf Informationen angewiesen, die sie über das Gehör aufnehmen können. Für sie ist eine möglichst geräuscharme Arbeitsumgebung sehr wichtig, um störende Hintergrundgeräusche sicher von den für sie relevanten Informationen unterscheiden zu können", erklärt der Experte. Akustische Hinweise und Erklärungen sind auch im zwischenmenschlichen Kontakt für blinde Menschen sehr wichtig. Ihnen fehlen viele Informationen, die sehende Menschen bei ihrem Gegenüber über Gestik, Mimik und den Blickkontakt ablesen können. Hilfreich sind hier genaue Beschreibungen oder verbale Hinweise des Gesprächspartners. "Menschen mit einer Seheinschränkung haben oft ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Dennoch sollte man sich nicht darauf verlassen, von den Betroffenen immer gleich an der Stimme erkannt zu werden. Die Nennung des eigenen Namens bei der Begrüßung sollte, vor allem bei unverhofften Begegnungen, selbstverständlich sein", rät Fachberater Jürgen Kempf.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Was bedeutet blind und sehbehindert?

Blindheit und Sehbehinderung werden unter dem Oberbegriff Sehschädigung zusammengefasst.

  • Blind: Nach dem deutschen Sozialrecht gilt als blind, wer auf dem besseren Auge ein Sehvermögen von weniger als zwei Prozent besitzt. Das bedeutet: Auch wer noch über einen Sehrest verfügt und zum Beispiel Lichtschein wahrnimmt, kann als "blind" eingestuft sein.
  • Hochgradig sehbehindert: Das Sehvermögen ist auf zwei bis fünf Prozent der Norm herabgesetzt.
  • Sehbehindert: Das Sehvermögen auf dem besseren Auge beträgt – trotz Sehhilfen wie Brille oder Kontaktlinsen – höchstens 30 Prozent.

Diese Abstufungen sind wichtig für die Beurteilung des Grades der Behinderung und für Nachteilsausgleiche.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Tipps für den Betrieb

Bei Bedarf externe Unterstützung holen: Erste Anlaufstellen sind die Technischen Beratungsdienste der Integrationsämter und die Integrationsfachdienste. Hier erhalten Sie auch Informationen über die Finanzierung von Maßnahmen.

Den Arbeitsplatz behinderungsgerecht ausstatten: Häufig eingesetzte technische und optische Hilfsmittel sind zum Beispiel Vergrößerungsprogramme für den PC, Sprachausgabesysteme und Kameralesesysteme zur vergrößerten Darstellung von Papierdokumenten. Auch die Beleuchtungssituation muss überprüft und an die jeweilige Sehbehinderung (hoher Lichtbedarf oder Blendempfindlichkeit) angepasst werden. Schwenkarme für den Bildschirm gehören zur Standardausstattung.

In Kontakt bleiben: Dem betroffenen Kollegen regelmäßig Unterstützung anbieten. Wenn erwünscht, andere Kollegen und Vorgesetzte über die Auswirkungen der Sehbehinderung am Arbeitsplatz informieren. So können Missverständnisse und Unsicherheiten bei allen Beteiligten bereits im Vorfeld vermieden werden.

 

 

ZB Online

Alle Ausgaben
Aktuelle Ausgabe
2019 2018 2017 2016
2015 2014 2013 2012
2011 2010 2009 2008
2007 2006 2005

Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.