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Jeanette Wölpper bei ihrer Ausbildung

Projekt "discovering hands"

Neues Berufsbild für blinde Frauen: Medizinische Tastuntersucherin

Mit einem Weiterbildungskurs blinden Frauen ein neues medizinisches Tätigkeitsfeld erschließen und gleichzeitig die Qualität der Brustkrebs-Früherkennung verbessern: das sind die Ziele von „discovering hands“.

Jeanette Wölpper bei ihrer Ausbildung ZB 4/2007

Projekt "discovering hands"

Neues Berufsbild für blinde Frauen: Medizinische Tastuntersucherin

Mit einem Weiterbildungskurs blinden Frauen ein neues medizinisches Tätigkeitsfeld erschließen und gleichzeitig die Qualität der Brustkrebs-Früherkennung verbessern: das sind die Ziele von „discovering hands“.

Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 50.000 Frauen an Brustkrebs, 18.000 sterben daran. „Je früher ein Tumor erkannt wird, desto größer sind die Heilungschancen. Deshalb kommt der Vorsorge eine große Bedeutung zu“, so Dr. Frank Hoffmann. Der Duisburger Frauenarzt hatte die Idee, die Tastuntersuchung der weiblichen Brust von blinden Frauen durchführen zu lassen und mit Hilfe ihres feinen Tastsinns die Früherkennung von Brustkrebs zu verbessern. Weil es bislang noch keine anerkannte Ausbildung für diese Tätigkeit gibt, initiierte er 2006 mit dem Berufsförderungswerk in Düren und dem Integrationsamt des Landschaftsverbandes Rheinland in Köln das Modellprojekt „discovering hands“ (Entdeckende Hände), das auch vom Integrationsamt gefördert wird. Ziel des Projektes ist es, ein neues Berufsbild für blinde Frauen zu schaffen: die Medizinische Tastuntersucherin (MTU).

Weiterbildungskurs aufgebaut

Miroslawa Gräßer und Jeannette Wölpper sind die ersten blinden Frauen, die eine Ausbildung zur MTU durchlaufen haben. Im Frühjahr 2007 wurden sie für den neunmonatigen Pilotkurs des Projektes ausgewählt. „In beruflicher Hinsicht sind Blinde oft nicht konkurrenzfähig mit Sehenden, aber in diesem Fall haben wir den anderen etwas voraus“, so Jeannette Wölpper. Blinde Menschen schärfen ihren Tastsinn durch tägliches Training. „Allein durch das Punkt-Schrift-Lesen sind wir sensibilisiert“, erklärt die 27-Jährige.

Während der zweijährigen Projektlaufzeit von August 2006 bis Juli 2008 entsteht ein anerkannter Weiterbildungskurs für eine Tätigkeit als Medizinische Tastuntersucherin. Zunächst entwickelten die Projektpartner – die gynäkologisch-fachärztliche „Praxis für Frauen“ in Duisburg um Dr. Frank Hoffmann, die Universitätsfrauenklinik Essen in der wissenschaftlichen Begleitung und das Berufsförderungswerk Düren – in einem Pilotkurs den medizinisch-fachlichen Lehrplan samt anerkannter Prüfungsordnung und die entsprechenden blindengerechten Lehr- und Lernmittel. In einem anschließenden Ausbildungskurs mit fünf Teilnehmerinnen, der im Oktober 2007 begann, wird derzeit das Kurskonzept erprobt und optimiert.

Tastverfahren entwickelt

„Die größte Schwierigkeit bestand darin, eine Untersuchungsmethode zu entwickeln, die es blinden Frauen ermöglicht, einen verdächtigen Befund genau zu lokalisieren“, erklärt Dr. Frank Hoffmann. Gemeinsam mit den Fachleuten des Berufsförderungswerkes in Düren, die das erforderliche Know-how für ein blindengerechtes Verfahren einbrachten, entwickelte er die sogenannte „Klinische Brustuntersuchung durch blinde Frauen“. Dabei werden spezielle Markierungsstreifen auf der Brust angebracht. Die Untersucherin tastet dann innerhalb dieses Koordinatensystems nach kleinsten Knötchen. Die intensive Brustuntersuchung dauert rund eine halbe Stunde. Ein Arzt hat im normalen Praxisalltag dafür nur wenige Minuten Zeit.

Miroslawa Gräßer bezeichnet es als Glücksfall, dass sie an dem Projekt teilnehmen konnte. Früher arbeitete die 33-Jährige als Telefonistin in einer Taxi-Zentrale. Nach Umstrukturierungen wurde sie arbeitslos. „Mein Traumberuf war Krankenschwester, aber das ist für eine blinde Frau leider unmöglich.“ Wer sich für Medizin interessiere und gerne mit Menschen arbeite, für den sei die Tätigkeit einer MTU ein „sehr attraktives Aufgabengebiet“.

Pilotkurs abgeschlossen

Während der ersten sechs Monate wurden die beiden Teilnehmerinnen des Pilotkurses im Berufsförderungswerk in Düren theoretisch und praktisch ausgebildet. Sie lernten allgemeine medizinische Grundlagen, zum Beispiel die Anatomie der weiblichen Brust, medizinisches Schreiben für Gutachten oder für ärztliche Berichte und Gesprächsführung. Außerdem übten die blinden Frauen, wie die klinische Brustuntersuchung fachgerecht durchgeführt wird. Im Juni 2007 fand vor der Ärztekammer Nordrhein die theoretische Abschlussprüfung statt. Danach schloss sich ein drei Monate dauerndes Praktikum an, das mit einer weiteren Prüfung endete. Zwei Monate verbrachten die angehenden MTUs in einer Frauenarztpraxis, einen Monat lang waren sie in einer Klinikambulanz tätig, wo sie Erfahrungen mit krankhaften Tastbefunden sammelten und den therapeutischen Bereich kennen lernten.

„Auf unserem Lehrplan standen auch 200 Stunden Kommunikation“, so Miroslawa Gräßer. „Wir haben zum Beispiel gelernt, den Patientinnen allgemein verständlich zu erklären, was wir bei der Untersuchung tun. Gleichzeitig wurde uns beigebracht, im Gespräch mit dem Arzt die medizinischen Fachbegriffe zu verwenden.“ Sie hat die Erfahrung gemacht, dass viele Patientinnen positiv überrascht sind über die Zeit, die Aufmerksamkeit und die einfühlsame Zuwendung, die ihnen von den MTUs zuteil wird. „Wenn wir eine Auffälligkeit ertasten, klärt der Arzt den Befund mit Hilfe der Sonografie oder Mammografie ab. Denn die Diagnose zu stellen ist Aufgabe des Arztes.“

Wissenschaftlich begleitet

Wie gut blinde MTUs im Vergleich zu (sehenden) Ärzten die Tastuntersuchung durchführen, wird neben anderen Fragen im Rahmen einer Evaluation von der Universitätsfrauenklinik in Essen untersucht. Die Ergebnisse liegen Ende 2008 vor, rechnet Ralf Esser von der Unternehmensberatung MV Projekt, der für das Projektmanagement zuständig ist. Er bekräftigt: „Die medizinische Tastuntersuchung ist keine Beschäftigungstherapie, sondern eine qualifizierte Tätigkeit, die nach ersten Erfahrungen stark nachgefragt wird.“

Mehr Informationen …
im Internet unter www.discovering-hands.de.


Prüfung bestanden!

Miroslawa Gräßer und Jeannette Wölpper haben im Oktober 2007 ihre Abschlussprüfung vor der Ärztekammer Nordrhein mit Auszeichnung (sehr gut) bestanden. Sie sind damit die ersten MTUs deutschlandweit.

 

 

 

 

Peter Anders im Interview ZB 4/2007

„Resonanz überaus positiv“

Bietet die Ausbildung zur Medizinischen Tastuntersucherin blinden Frauen eine berufliche Perspektive? Die ZB fragte Peter Anders, Mitarbeiter des Integrationsamtes beim Landschaftsverband Rheinland in Köln.

ZB Das Integrationsamt fördert das Modellprojekt „discovering hands“ im Rahmen des Sonderprogramms Aktion Integration mit rund 200.000 Euro. Warum dies große Engagement?

Peter Anders Wir halten dieses innovative Projekt für förderungsfähig, weil es zum einen ein neues Berufsfeld für behinderte Menschen erschließt und zum anderen – da es sich ja an blinde Frauen richtet – eine Zielgruppe angesprochen wird, die nachgewiesen Schwierigkeiten hat, Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden. Wir sehen hier gute berufliche Perspektiven und Alternativen zu den klassischen Einsatzbereichen für blinde Menschen, etwa der Telefonzentrale.

ZB Wann wird es die Ausbildung regulär geben?

Anders Wenn am Ende des Projektes die Ärztekammer Nordrhein die Weiterbildung zur „Medizinischen Tastuntersucherin“ erwartungsgemäß zertifiziert, wird das Berufsförderungswerk Düren als Bildungsträger für die berufliche Weiterbildung für blinde und sehbehinderte Menschen im Rheinland diesen Kurs in sein Angebot aufnehmen. Läuft alles nach Plan, wird im Sommer 2008 der erste reguläre Ausbildungskurs starten. Nach einer Schätzung könnten in den nächsten Jahren rund 800 blinde Frauen eine Ausbildung zur MTU erhalten.

ZB Welche Möglichkeiten der Beschäftigung gibt es für eine Medizinische Tastuntersucherin?

Anders Sie kann als Honorarkraft – das heißt auf selbstständiger Basis – oder als Angestellte in ärztlichen Praxen oder Klinikambulanzen tätig sein. Bedarf an ihrer Arbeitsleistung ist auf jeden Fall vorhanden und der kalkulierte Preis einer Untersuchung von 25 Euro liegt in einem vertretbaren Rahmen. Bislang ist die Resonanz auf das Projekt jedenfalls überaus positiv – sowohl bei den Patientinnen als auch bei den Ärzten als Arbeitgeber.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.