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Titel ZB 4/2009 ZB 4-2009

Menschen mit erworbener Hirnschädigung

Mit konsequenter Förderung zurück in den Beruf

Nach einer Schädel-Hirn-Verletzung müssen die Betroffenen am Arbeitsplatz langsam wieder an die beruflichen Anforderungen herangeführt werden. Eine enge Begleitung durch spezialisierte Reha-Berater ist dabei unverzichtbar.

Titel ZB 4/2009

ZB 4 / 2009

Menschen mit erworbener Hirnschädigung

Mit konsequenter Förderung zurück in den Beruf

Nach einer Schädel-Hirn-Verletzung müssen die Betroffenen am Arbeitsplatz langsam wieder an die beruflichen Anforderungen herangeführt werden. Eine enge Begleitung durch spezialisierte Reha-Berater ist dabei unverzichtbar.

Eine Hirnschädigung kann jeden jederzeit treffen: Als Opfer eines Verkehrs-, Arbeits- oder Sportunfalls oder infolge einer Erkrankung, etwa bei Schlaganfall, Gehirnblutung (Aneurysma), Hirntumor oder Multipler Sklerose. Dieses Schicksal erleiden jährlich in Deutschland über 500.000 Menschen. Darunter viele junge Leute. Eine Verletzung des Gehirns als Zentralorgan hat fast immer schwerwiegende Folgen, die das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen dramatisch verändern können.

Neuropsychologische Störungen

Neben motorischen Störungen, zum Beispiel im Bereich der Grob- und Feinmotorik, des Gleichgewichts und der Koordination, können auch Hör- und Sehbehinderungen, Sprach- und Sprechstörungen oder epileptische Anfälle auftreten. Was aber oft noch schwerer wiegt, sind Störungen im Bereich der geistigen Leistungsfähigkeit, im Gefühlsleben oder Störungen im Sozialverhalten. Diese neuropsychologischen Einschränkungen betreffen zum Beispiel die Aufmerksamkeit, das Gedächtnis, die Lernfähigkeit, die zeitliche und örtliche Orientierung, das Sprachvermögen sowie die Fähigkeit, Probleme zu lösen.

Rückkehr an den Arbeitsplatz

Nach der medizinischen Erstversorgung im Krankenhaus schließt sich in der Regel ein länger dauernder stationärer Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik an. Um die Möglichkeit einer Rückkehr ins Arbeitsleben zu erproben und gezielt berufsrelevante Fähigkeiten zu trainieren, kann anschließend eine medizinisch-berufliche Rehabilitation durchgeführt werden. Für Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung, die vor der Erkrankung oder Verletzung noch im Erwerbsleben standen, ist die berufliche Wiedereingliederung ein vorrangiges Ziel. Untersuchungen zeigen, dass bei konsequenter, intensiver Förderung über 60 Prozent der Betroffenen beruflich mit Erfolg integriert werden können. Doch nicht alle bekommen die Chance, ins Arbeitsleben zurückzukehren, da es bei weitem nicht genügend ambulante Reha-Einrichtungen gibt, die auf die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung ausgerichtet sind und eine Wiedereingliederung im Betrieb unterstützen können. Wo ein solches Angebot vorhanden ist, begleiten Experten der Reha-Einrichtung – die Reha-Berater – die betriebliche Wiedereingliederung. Bei einem ersten Arbeitsplatzgespräch, an dem neben dem Rehabilitanden in der Regel die direkten Vorgesetzten, Vertreter der Personalabteilung, der Betriebsrat, die Schwerbehindertenvertretung und der Betriebsarzt teilnehmen, werden die Möglichkeiten einer stufenweisen beruflichen Wiedereingliederung besprochen.

Behutsam wiedereingliedern

Dabei geht es auch um die Gestaltung eines individuellen Wiedereingliederungsplans mit den zeitlichen und inhaltlichen Belastungssteigerungen sowie um notwendige behinderungsgerechte Arbeitsplatzanpassungen. Regelmäßig führen die Reha-Berater mit dem Vorgesetzten und anderen Beteiligten Feedbackgespräche am Arbeitsplatz, um den weiteren Verlauf der Maßnahme festlegen zu können. Bei Bedarf erhält der Rehabilitand zusätzliche Hilfestellung, zum Beispiel, wie er Einschränkungen kompensieren kann. Falls diese Maßnahmen nicht ausreichen, ist zu prüfen, ob das Anforderungsprofil des Arbeitsplatzes oder der Tätigkeitsbereich verändert werden muss.

Integrationsamt sichert Arbeitsverhältnis

Mit dem Wiedereintritt in eine arbeitsvertragliche Tätigkeit endet die Begleitung durch die Experten der Reha-Einrichtung. Zur Sicherung des Arbeitsverhältnisses bieten die Integrationsämter mit der Begleitenden Hilfe im Arbeitsleben ein breites Leistungsspektrum an. Voraussetzung ist, dass der Betroffene anerkannt schwerbehindert oder gleichgestellt ist. Wo Verzögerungen bei der Zuständigkeitsklärung der Reha-Träger den nahtlosen Wiedereingliederungsprozess zu behindern drohen, können die Integrationsämter in begründeten Fällen auch von ihrer Möglichkeit, in Vorleistung zu gehen, Gebrauch machen.

 

ZB 4/2009

Interview
"Es fehlen arbeitsplatznahe Reha-Angebote"

Über die berufliche Wiedereingliederung von Menschen mit erworbener Hirnschädigung sprach die ZB mit Professor Dr. med. Wolfgang Fries, der in München eine eigene Praxis für ambulante neurologische Rehabilitation mit dem Schwerpunkt soziale und berufliche Re-Integration leitet.

ZB Wo liegen die besonderen Schwierigkeiten für Menschen mit erworbener Hirnschädigung bei der Rückkehr ins Arbeitsleben?

Prof. Dr. Wolfgang Fries: Die Betroffenen sind in der Regel körperlich und mental noch nicht sehr belastbar. Viele haben Schwierigkeiten mit dem „Multitasking“, wenn mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen sind. Gleiches gilt für das Planen, Entscheiden und zielgerichtete Handeln. Hinzu kommen häufig spezifische neurologische Probleme, wie Sprachstörungen, die eine zusätzliche psychische Barriere, zum Beispiel Angst vor dem Telefonieren, erzeugen können.

ZB Wie sehen gute Bedingungen für eine erfolgreiche betriebliche Wiedereingliederung aus?

Prof. Dr. Fries: Eine wichtige Voraussetzung ist, dass der Betroffene seine Einschränkungen und Belastungsgrenzen realistisch einschätzen und akzeptieren kann. Natürlich sind ein gutes Betriebsklima und soziales Verantwortungsgefühl der Vorgesetzten von Vorteil. Wichtig ist aber auch, dem Arbeitgeber Anreize aufzuzeigen, etwa, dass die stufenweise Wiedereingliederung ihn nichts kostet und der betroffene Mitarbeiter mit zunehmender Leistungsfähigkeit wieder einen produktiven Beitrag leistet.

ZB Benötigen hirngeschädigte Menschen spezielle Angebote?

Prof. Dr. Fries: Unbedingt! Bislang stehen jedoch geeignete arbeitsplatznahe Angebote zur medizinisch-beruflichen Rehabilitation, die parallel zur langsam auslaufenden therapeutischen Behandlung auch eine stufenweise Wiedereingliederung im Betrieb unterstützen könnten, noch nicht flächendeckend zur Verfügung. Dabei kann erst ein entsprechendes Erproben am Arbeitsplatz zu einer gesicherten Einschätzung über die dauerhafte Arbeitsfähigkeit führen.

ZB Wie lässt sich die Situation dennoch verbessern?

Prof. Dr. Fries: Das Wissen in den Betrieben über die besonderen Bedürfnisse hirngeschädigter Menschen muss verbessert werden. Entsprechend qualifizierte Integrationsfachdienste können ebenfalls einen wichtigen Beitrag leisten, etwa als Bindeglied zwischen den Experten der Reha-Einrichtungen und dem Betrieb.

ZB 4/2009

Was können Betriebe tun?

Bereitschaft mitbringen Unerlässlich für das Gelingen der Wiedereingliederung sind Unterstützung und Entgegenkommen von Arbeitgeberseite. Nicht nur die Betriebsleitung, auch der direkte Vorgesetzte und die Kollegen sollten den Sinn der Maßnahme verstehen und die Bemühungen der Reha-Berater als Hilfestellung erleben können.

Zuhören Die Reha-Experten können Ihnen wichtige Hinweise geben, um die Auswirkungen der Hirnschädigung, zum Beispiel Verhaltensauffälligkeiten, besser zu verstehen und mit dem Mitarbeiter am Arbeitsplatz richtig umzugehen.

Betreuungsperson bereitstellen Übertragen Sie einem erfahrenen Kollegen oder Vorgesetzten die Aufgabe, sich um den schädel-hirn-verletzten Mitarbeiter zu kümmern und diesem als fester Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen.

Aufmerksam sein Eine gute körperliche Verfassung kann leicht dazu führen, dass die neuropsychologischen Folgen für den Berufsalltag unterschätzt werden. Seien Sie aufmerksam für Zeichen der Überforderung und sprechen Sie mit dem Betroffenen.

Feedback geben Geben Sie dem Mitarbeiter regelmäßig ein ehrliches Feedback zu seinem Leistungsstand und Ihren Erwartungen. Wenn es Ihnen schwer fällt, Kritik zu üben, ziehen Sie den Reha-Berater zu Hilfe.

Heike Schaber malt Buchstaben auf die Hand ZB 4/2009

Beispiele aus der Praxis

"Ich wollte es schaffen und niemand wollte mich scheitern lassen!"

Mit 33 Jahren erlitt Heike Schaber einen Schlaganfall. Dank ihres starken Willens und der Unterstützung von Vorgesetzten und Kollegen ist es der Sekretärin gelungen, beruflich wieder Fuß zu fassen.

Heike Schaber strahlt Zuversicht und Energie aus. Diese persönliche Stärke hat ihr auch geholfen, als sie schwer erkrankte: Im Alter von 33 Jahren erlitt sie einen Schlaganfall. Zu der Zeit war sie als Chefsekretärin im Vertrieb des Halbleiterkonzerns Infineon Technologies AG in Neubiberg bei München beschäftigt. Infolge der Erkrankung hatte sie massive Sprach- und Sprechstörungen, die auch das Lesen, Schreiben und die Zahlenverarbeitung beeinträchtigten. Zusätzlich waren feinmotorische Bewegungen mit der rechten Hand stark erschwert.

Ausbaufähige Teamassistenten-Stelle

Nach einer zehnwöchigen stationären Rehabilitation nahm sie von Oktober 2004 bis März 2005 an einer medizinisch-beruflichen Maßnahme in der Praxis für ambulante neurologische Komplexbehandlung und Nachsorge von Professor Dr. Fries in München teil. Hier wurde sie gezielt gefördert und auf die Rückkehr in den Beruf vorbereitet. „Mein größtes Ziel war, wieder arbeiten zu dürfen“, so Heike Schaber. Die Praxis Fries begleitete auch die stufenweise Wiedereingliederung ab April 2005 und hatte alles im Vorfeld mit dem Arbeitgeber und der Krankenversicherung als Kostenträger geregelt. Bei einem Ortstermin bei Infineon besprachen zwei Mitarbeiterinnen der Praxis Fries, der Vorgesetzte Jörg Wagner und Heike Schaber die Einzelheiten der Wiedereingliederung: Zum Einstieg erhielt sie eine leichte, ausbaufähige Teamassistentenstelle in ihrer früheren Abteilung, der „Internal Sales“. Ihr Arbeitsplatz, ein Vorzimmer, war gut abgegrenzt und sie konnte die Tür schließen, um Lärm und andere Störfaktoren auszuschalten. Die Arbeitszeit betrug anfangs 20Wochenstunden und erhöhte sich monatlich um fünf Stunden pro Woche.

Wohlwollender Chef

„Ich hatte einen herzlichen Empfang“, erinnert sich Heike Schaber an ihre Rückkehr ins Büro. Ihr Vorgesetzter hatte das Team informiert, so dass die Kollegen mit der besonderen Situation umgehen konnten. Kundenkontakt hatte die Sekretärin anfangs nur zu Übungszwecken, zum Beispiel, um einen Termin am Telefon zu bestätigen. Zunächst konnte Heike Schaber mit kleinen leichten Projektarbeiten den Kollegen zuarbeiten. „Wir haben gesehen, dass ihr Wille, in den Beruf zurück zu kommen, enorm war und sie machte große Fortschritte“, so der Abteilungsleiter Jörg Wagner. Ende Juli 2005 war die berufliche Wiedereingliederung erfolgreich abgeschlossen. Seither arbeitet Heike Schaber wieder in Vollzeit. Nach drei Reorganisationen, bei denen sie intern versetzt wurde, hat sie sich in einem neuen Umfeld behauptet und eine gleichwertige Position wie vor ihrer Erkrankung erreicht. Dies ist möglich, weil ihr heutiger Chef Verständnis zeigt, wenn Fehler vorkommen. Wichtige, komplexe Daten und Zahlen erhält Heike Schaber zum Beispiel schriftlich. Ihr Englisch muss sich noch verbessern, wie Heike Schaber selbstkritisch feststellt. „Müsste ich mich heute auf dem Arbeitsmarkt bewerben, müsste ich bestimmt qualitative und finanzielle Einbußen hinnehmen. Ich wollte es wieder schaffen und niemand wollte mich scheitern lassen.“

ZB 4/2009

Beispiele aus der Praxis

"Die vertraute Arbeitsumgebun Paul Bisheimer programmiert eine Produktionsanlage g hat Kräfte mobilisiert"

Nach einem schweren Schädel-Hirn-Trauma hat der junge Zerspanungsmechaniker Paul Bisheimer sich den Weg zurück in ein normales Leben und in seinen erlernten Beruf erkämpft.

Die Erinnerung an seinen schweren Autounfall im August 2005 ist ausgelöscht. Vier Wochen lag der damals 19-jährige Paul Bisheimer, der ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte, im Koma. Als er erwachte, konnte er zunächst nicht sprechen und die linke Körperseite war gelähmt. Völlig offen war zu dieser Zeit auch, ob der junge Mann aus Andernach, der ein halbes Jahr zuvor seine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker mit Fachrichtung Drehtechnik als Jahrgangsbester abgeschlossen hatte, je wieder an seinen Arbeitsplatz würde zurückkehren können.

Erste Station: Ausbildungswerkstatt

Ein ganzes Jahr verbrachte Paul Bisheimer zur Rehabilitation in der BDH-Klinik im rheinland-pfälzischen Vallendar. „Nach dem Unfall musste ich alles neu lernen: sprechen, essen, sitzen, gehen …“ Mit großer Willensstärke absolvierte er ein intensives therapeutisches Programm. Während die körperlichen Funktionen nahezu vollständig wieder hergestellt werden konnten, war vor allem sein Kurzzeitgedächtnis noch stark beeinträchtigt. Aus dem lebenslustigen Autofan war durch den Unfall ein in sich gekehrter, stiller junger Mann geworden. „Im Arbeitsbereich unserer Einrichtung haben wir ihn auf die Wiedereingliederung in den Betrieb vorbereitet. Die vertraute Umgebung mit den Werkzeugen und dem Geruch des Metalls haben Kräfte in ihm mobilisiert“, erklärt Lothar Lehmler, leitender Berufspädagoge an der BDH-Klinik in Vallendar. Zurück in der Firma machte Paul Bisheimer ein mehrwöchiges Praktikum in der Ausbildungswerkstatt seines Arbeitgebers, der Integral Accumulator KG in Remagen. Das mittelständische Unternehmen fertigt Hydrospeicher und Ventile für die Automobilindustrie. Der Ausbildungsleiter wurde nach Anleitung durch den Berufspädagogen sein Mentor.

Missverständnis der Kollegen

Schließlich konnte Paul Bisheimer im Rahmen einer stufenweisen Wiedereingliederung, die fast ein Jahr dauerte und von der Rentenversicherung finanziert wurde, an seinem alten Arbeitsplatz eingesetzt werden. Dort führte er anfangs zwei bis drei Tage die Woche einfache Tätigkeiten an CNC-Maschinen aus. Als Gedächtnisstütze für den Ablauf der Arbeitsgänge diente ihm ein von der Rentenversicherung bereit gestelltes Laptop mit Checklisten. „Fast wäre die Wiedereingliederung doch noch gescheitert“, so Lothar Lehmler, der den Eingliederungsprozess eng begleitete. Die Kollegen, die nicht wussten, was mit Paul Bisheimer los war, hatten den jungen Mann mit schwierigen Aufgaben „getestet“ und tief verunsichert. „Das hätte nicht passieren dürfen, aber wir haben daraus gelernt“, so der Leiter der Vorfertigung Christoph Lindner, der mit den Kollegen anschließend ein klärendes Gespräch führte. Um eine Überforderung zu vermeiden, stellte die Firma den behinderten Mitarbeiter zunächst als Maschinenbediener wieder ein. Dank seiner guten Leistungen ist Paul Bisheimer, der auch wieder Auto fährt, inzwischen in seiner ursprünglichen Position als Maschinenrüster tätig. Akzeptiert von den Kollegen und geschätzt von seinem Chef, der sagt: „Ich bin froh, dass wir ihn haben“.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.