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Beruf

Johann-Andreas Werhahn spricht mit einem Mitarbeiter / (c) Paul Esser ZB 4/2010

Interview

„Wir sind Autodidakten“

Die Georg Plange GmbH & Co. KG, ein  mittelständischer Mühlenbetrieb mit 165  Beschäftigten in Neuss und Duisburg-Homberg, bildet seit zwei Jahren eine junge Frau mit Autismus zur Industriekauffrau aus. Ein Gespräch mit dem Arbeitgeber Johann-Andreas Werhahn.

ZB Herr Werhahn, wie sind Sie und Ihre Geschäftsleitungskollegen dazu gekommen, eine junge Frau mit Autismus auszubilden?

Johann-Andreas Werhahn Das kam über private Verbindungen zwischen einer Mitarbeiterin und den Eltern zustande. Wir wussten gar nicht so genau, worauf wir uns einlassen, wollten es aber ausprobieren.

ZB Hat Sie denn niemand vorbereitet?

Werhahn Wir haben natürlich vorher mit den Eltern gesprochen und später auch mit den Lehrern. Aber wie wollen Sie sich auf Situationen vorbereiten, die nicht vorhersehbar sind? Die Ausbildung war ja eine völlig neue Erfahrung für die junge Frau. Wir sind tatsächlich so etwas wie Autodidakten im Umgang mit einem autistischen Menschen. Selbst nach zwei Jahren lernen wir immer noch dazu. Und es schadet uns nicht. Wichtig ist, dass wir alle im Unternehmen hinter dieser Entscheidung stehen.

ZB Das klingt, als ob Sie sich auf ein Experiment eingelassen haben! Worin besteht die Herausforderung?

Werhahn Man sieht der Auszubildenden ihre "Anderssein" nicht an. Vor Ihnen steht eine hübsche junge Frau, die einfach nur sehr schüchtern wirkt. Erst im weiteren Verlauf, zum Beispiel wenn man ihr etwas erklärt, wird deutlich, dass etwas "anders" ist. Denn sie kommuniziert nicht wie andere Menschen. Sie reagiert wenig mit Feedback auf ihr Gegenüber! Erst am Ergebnis ihrer Arbeit sieht man, ob sie die Anweisung richtig verstanden hat, was meistens der Fall ist. Dieses ungewohnte  Verhaltensmuster erfordert viel Geduld und Flexibilitat auf Seiten der Vorgesetzten.

ZB Durchläuft die junge Frau eine ganz "normale" Ausbildung?

Werhahn Ja, sie hat mit ihrem Realschulabschluss ja durchaus die Voraussetzungen dafür. Wahrend der Ausbildung besucht sie ganz normal die Berufsschule. Im Betrieb durchläuft sie die üblichen Abteilungen. Gerade ist sie im Einkauf tätig. Wir tasten uns an die einzelnen Aufgaben heran, um zu sehen, was geht. In der Schule kommen die Stärken und Schwächen deutlicher zum Ausdruck. Sie braucht noch mehr Zeit, um sich entwickeln und Defizite überwinden zu können.

ZB Trotzdem ist es keine Ausbildung wie jede andere...

Werhahn Das stimmt. Andererseits gibt es heutzutage viele junge Leute, die zwar nicht behindert sind, aber mehr oder weniger große, ganz andere Defizite im Verhalten oder bei Arbeitstugenden zeigen. Da mussen Sie als Ausbildungsbetrieb mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch viel Geduld und Mühe aufwenden. Sie leisten da ein großes Stück Erziehungsarbeit...

ZB Verlangen Sie da nicht ein bisschen viel von den Vorgesetzten, den Ausbildern?

Werhahn Wir unterschätzen das nicht. Gerade deshalb versuchen wir, den Menschen zu erklären, warum wir das - als Unternehmen - machen. Man muss sich doch nur mal in die Situation der Eltern versetzen, die sich um die Zukunft ihres Kindes sorgen. Und wenn wir mal ehrlich sind, jeder von uns hat doch schon so viel von der Gesellschaft erhalten; wir haben jetzt die Gelegenheit, etwas zurückzugeben und einen ganz praktischen, sichtbaren Beitrag fur das Allgemeinwohl zu leisten.

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Wichtiger Hinweis:
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