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ZB 4/2011

"Auf die Qualifikation kommt es an"

Über die Arbeitsmarktsituation schwerbehinderter Menschen sprach die ZB mit dem Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise.

ZB Die allgemeine Arbeitslosigkeit geht seit vielen Monaten zurück. Wie erklären Sie sich, dass schwerbehinderte Menschen von diesem Trend bisher kaum profitieren?

Frank-Jürgen Weise, (c) BA
Frank-Jürgen Weise, (c) BA
Frank
-Jürgen Weise Es gibt zwei Aspekte. Zum einen gehören viele Schwerbehinderte inzwischen gleichzeitig zur Gruppe der älteren Arbeitnehmer über 50 Jahre. Behinderung und Alter schrecken offenbar viele Arbeitgeber ab. Zum anderen gibt es bei Arbeitgebern immer noch viele Vorbehalte, was die Leistungsfähigkeit von Behinderten angeht. Hier ist Aufklärung nötig.

ZB In einem Interview in der ZEIT antworteten Sie mit Blick auf Langzeitarbeitslose: „Wenn es am ersten Arbeitsmarkt nicht klappt, muss es halt der zweite oder dritte Arbeitsmarkt sein.“ Gilt das auch für schwerbehinderte Arbeitslose?

Weise Ja, ich würde da nicht unterscheiden. Zwar genießen behinderte Menschen besonderen Schutz, der Arbeitsmarkt ist aber für alle gleich und da geht es doch vor allem darum, was für einen Beitrag zum Gelingen ein Mensch leisten kann. Der zweite, also geförderte, Arbeitsmarkt kann ein Einstieg sein, der schließlich auch auf den ersten Arbeitsmarkt führt.

ZB Die Bundesagentur und Rehabilitationsträger investieren jährlich Millionen in die Ausbildung und Umschulung schwerbehinderter Menschen. Wenn es tatsächlich schon an gut ausgebildeten Fachkräften mangelt: Warum finden dann trotzdem so wenig Betroffene einen Arbeitsplatz?

Weise Wie gesagt, es gibt Vorbehalte gegenüber behinderten Menschen. Aber ich bin sicher, dass sich das mit dem zunehmenden Mangel an Fachkräften ändern wird. Die Arbeitgeber werden ihre Personalengpässe nur lösen können, wenn sie alle Ressourcen anzapfen – dazu gehören auch
Menschen mit Behinderung. Aber es gilt: Auf die Qualifikation kommt es
an. Ein Ingenieur oder IT-Experte, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, wird
seine Chance bekommen. Ein Hilfsarbeiter wird es schwer haben.

ZB Der Bundesagentur wird oft nachgesagt, die Eingliederung besonders betroffener behinderter Menschen in eine Werkstatt für behinderte Menschen sei für sie ein bequemer Weg, weil sie dauerhaft nicht die Kosten dafür aufbringen muss. Mit welchen Konzepten steuern Sie dem entgegen?

Weise Ich wehre mich zunächst gegen den Vorwurf. Angesichts der beschriebenen Schwierigkeiten, behinderte Menschen in den Arbeitsmarkt
zu bringen, sind die Werkstätten oft der einzige Weg, nicht der bequemste.
Aber vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels sehe ich künftig mehr
Möglichkeiten für unsere Vermittler, Arbeitgeber davon zu überzeugen,
auch einen behinderten Menschen einzustellen. Wir werden Überzeugungsarbeit leisten.

ZB Von Verbänden ist auch häufig der Vorwurf zu hören, schwerbehinderte Arbeitslose gehörten bei der BA zur nachrangig wichtigen Kundengruppe, da ihre Eingliederung teuer und aufwändig sei. Was tun Sie, um die Betroffenen wieder in den ersten Arbeitsmarkt einzugliedern?

Weise Wir haben zahlreiche Instrumente, die von Qualifizierung bis hin
zu einem Zuschuss zum Lohn an den Arbeitgeber reichen. Wenn ich alle
Leistungen für Schwerbehinderte zusammenrechne, haben wir allein im
Jahr 2010 dafür rund 5 Milliarden Euro ausgegeben. Es mangelt also weder
an Instrumenten noch an Geld. Das Problem ist, dass es – noch – zu wenig
Nachfrage auf dem Markt nach der Arbeitskraft behinderter Menschen
gibt. Dagegen können wir nur Argumente einsetzen.

 

 

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Wichtiger Hinweis:
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