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ZB 4/2011

"Eine kluge Einsatzplanung ist gefragt"

Wo sehen die Integrationsämter für schwerbehinderte Menschen Perspektiven am Arbeitsmarkt? Die Vorsitzende der BIH, Dr. Helga Seel, nimmt Stellung.

ZB Wie bewerten die Integrationsämter die aktuelle Entwicklung am Arbeitsmarkt?

Dr. Helga Seel, (c) Marc Köppelmann
Dr. Helga Seel, (c) Marc Köppelmann
Dr. Helga Seel
Trotz motivierender Entwicklung der Konjunktur ist der Blick auf die aktuelle Situation der schwerbehinderten Menschen am Arbeitsmarkt ernüchternd. Es hilft jedoch nicht weiter, die Situation nur zu beklagen. Wir haben mit dem Schwerpunkt der ZB die Arbeitslosigkeit bewusst thematisiert, um die Problematik etwas differenzierter zu betrachten. Für uns ist klar, dass wir letztlich nur gemeinsam mit den Arbeitgebern etwas verändern können.

ZB Was können sie Arbeitgebern anbieten?

Dr. Seel Wir müssen den Kontakt zu den Arbeitsgebern und auch zu den Betroffenen selbst noch weiter ausbauen, individuell beraten und insgesamt immer wieder mit guten Beispielen aufklären. Dazu gehört auch, das Angebot an finanziellen Leistungen bekannt zu machen: Die Integrationsämter bieten zusätzlich zu den Zuschüssen, die die Arbeitsagentur über einen in der Regel auf drei Jahre begrenzten Zeitraum zum monatlichen Arbeitsentgelt zahlen kann, für die Schaffung neuer Arbeitsplätze unter bestimmten Voraussetzungen Zuschüsse und Darlehen zu den Investitionskosten.

Die Leistungen der Integrationsämter haben den wesentlichen Vorteil, dass sie auch auf Dauer angelegt sein können. Erfahrungsgemäß sind es weniger die relativ hohen kurzfristigen Zuschüsse, die Arbeitgeber zur Einstellung eines behinderten Menschen bewegen, sondern die verlässliche Aussicht auf eine langfristige Förderung, wenn es Unterstützungsbedarf gibt.

Und schließlich stehen auch die Integrationsfachdienste den Betrieben für persönliche Beratung und für die Vermittlung von schwerbehinderten Arbeitskräften zur Verfügung und helfen beim Ausfüllen von Förderanträgen.

ZB Welche Perspektiven bieten der sich abzeichnende Fachkräftemangel oder die Zeitarbeit?

Dr. Seel Beim aktuellen Arbeitsplatzangebot steht die Zeitarbeitsbranche ganz oben. Die ist aber aufgrund der geforderten Mobilität und Flexibilität nicht unbedingt geeignet für Menschen mit Behinderung. Bessere Chancen sehe ich im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel. Hier können sich auf zwei Arten Chancen für schwerbehinderte Menschen eröffnen: Zum einen sollten Betriebe gut ausgebildeten schwerbehinderten Fachkräften eine Chance geben. Zum anderen erfordert gerade der Mangel an Fachkräften von den Betrieben auch eine kluge Einsatzplanung für die vorhandenen Fachkräfte. Es rechnet sich, diese Mitarbeiter da einzusetzen, wo sie ihre Kenntnisse und Fertigkeiten effektiv verwerten können und eben nicht in Aufgabenfeldern, die auch von Beschäftigten mit einer geringeren Qualifikation genauso gut erfüllt werden können. In Betrieben, in denen diese Strategie konsequent verfolgt wird, können Nischenarbeitsplätze entstehen, die wiederum auch behinderten Menschen eine Chance auf Teilhabe bieten.

ZB Was ist Ihr Appell an die Unternehmen?

Dr. Seel Ich wünsche mir, dass in der Wirtschaft die Erkenntnis reift, dass
Vielfalt in der Belegschaft eine Bereicherung sein kann und soziale Verantwortung kein Zuschussgeschäft sein muss. Es gibt zahlreiche behinderte Menschen, die zunächst nicht zu 100 Prozent auf ein Stellenangebot passen, die aber nach einer gezielten Einarbeitung die Ansprüche erfüllen. Um dies zu erkennen, hilft oft nur eines: sich kennen lernen – von Mensch zu Mensch. Wenn der Funke überspringt, treten die anfänglichen Bedenken meist schnell in den Hintergrund. Nichts ist so überzeugend wie die eigene Erfahrung.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.