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ZB 4-2015

Arbeiten nach Krebs

Behutsam wieder einsteigen

Krebs wird verstärkt zum Thema in den Betrieben. Einerseits erkranken immer mehr Menschen. Andererseits ist deren Motivation, zur Arbeit zurückzukehren, besonders hoch. Wie die Rückkehr von an Krebs erkrankten Beschäftigten in den Beruf gelingen kann.

Uwe Mehlhase steht neben einem Edeka-Plakat, (c) Claudius Pflug
2013 erkrankte Uwe Mehlhase an Krebs. Die Rückkehr zur Arbeit war für ihn ein wichtiger Schritt in Richtung Normalität, (c) Claudius Pflug
In Deutschland erhalten immer mehr Menschen die Diagnose Krebs. Das Robert Koch-Institut geht davon aus, dass allein im Jahr 2014 fast eine halbe Million Menschen in Deutschland neu an Krebs erkrankt sind. Das liegt vor allem an der fortschreitenden Alterung der Bevölkerung. Aber auch unter den Erwerbstätigen und damit in den Betrieben wird Krebs zunehmend zum Thema: Etwa jeder dritte Neuerkrankte ist laut Robert Koch-Institut jünger als 65 Jahre.

Tiefe Einschnitte Krebs ist nicht gleich Krebs. Es gibt zahlreiche verschiedene Formen, die sich hinsichtlich der Behandlungsmöglichkeiten und Überlebenschancen stark unterscheiden. Bösartige Tumorerkrankungen führen zu tiefen Einschnitten im Leben der Betroffenen – auch mit Auswirkungen auf die Arbeit.Viele Erkrankte können ihrem Beruf nicht mehr im gewohnten Rahmen nachgehen. Einige haben dauerhafte Einschränkungen, können nicht mehr schwer heben, lange stehen oder haben psychische Probleme. Bei anderen sind die Einschränkungen zeitlich begrenzt, sie können nach der Genesung ihre Tätigkeit wieder voll ausüben.

Risiko Arbeitslosigkeit Mit der Rückkehr zur Arbeit bei Krebspatienten hat sich Professor Dr. Anja Mehnert in einer aktuellen Studie* beschäftigt. "Krebspatienten sind hoch motiviert, wieder zu arbeiten", sagt die Wissenschaftlerin der Universität Leipzig und erklärt: "Krebs ist eine lebensbedrohende Erkrankung. Die Rückkehr in den Beruf wird oft mit dem wieder Gesundsein gleichgesetzt." Für eine erfolgreiche Wiederaufnahme der Arbeit ist das sehr wichtig. Dennoch kommt es immer wieder zu Problemen. "Das Risiko arbeitslos zu werden, ist bei Krebspatienten erhöht", sagt Prof. Dr. Anja Mehnert. Manchmal ist gerade die hohe Motivation der Patienten ein Problem, so die Erfahrung von Dr. Michael Castillo, Leiter des Arbeitsmedizinischen Dienstes beim Landschaftsverband Rheinland. Sie wollen zur Arbeit zurück, bevor ihr Körper sich erholt hat. "Dadurch können wieder Erkrankungen entstehen", sagt er. Hier müssen die Beschäftigten gebremst werden.

Gute Vorbereitung hilft Für eine gelingende Wiedereingliederung können Beschäftigte, Arbeitgeber, Schwerbehindertenvertretung und Kollegen viel tun. Grundsätzlich wirkt sich eine gute Vorbereitung günstig aus – auch im Hinblick auf die Information von Arbeitgeber und Kollegen über die Krankheit. Bei vielen an Krebs erkrankten Beschäftigten gibt es hier große Unsicherheiten. "Keine Informationen sind schlecht, das führt häufig zu Gerüchten", so ein Ergebnis der Wissenschaftlerin Anja Mehnert. Zu viele Details über die Krankheit und ihre Behandlung würden Arbeitgeber und Kollegen schnell überfordern. Ihre Empfehlung vor dem Hintergrund der Studie: mit dem Arbeitgeber besprechen, dass man wegen Krebs behandelt wurde, wie der Stand ist und zu welchen Einschränkungen es bei der Arbeit kommen kann.

Auch der Arbeitsmediziner Michael Castillo rät den Betroffenen, schon vor dem ersten Arbeitstag Kontakt zum Betriebsarzt, der Schwerbehindertenvertretung oder einer anderen Person des Vertrauens aufzunehmen. Dann kann schon vorab geklärt werden, ob Veränderungen am Arbeitsplatz erforderlich sind. "Das ideale Instrument bei der Rückkehr ist das Betriebliche Eingliederungsmanagement", erklärt Dr. Michael Castillo. Ziel des Verfahrens ist es, Arbeitsunfähigkeit zu überwinden und den Arbeitsplatz zu erhalten. Der Arbeitgeber muss ein Betriebliches Eingliederungsmanagement durchführen, wenn ein Beschäftigter innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen arbeitsunfähig ist.

Schwerbehindertenausweis vorteilhaft Vielfältige Angebote zur Unterstützung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern bietet das Integrationsamt. Voraussetzung ist aber, dass beim Arbeitnehmer eine Schwerbehinderung anerkannt ist. Dr. Michael Castillo weiß, dass viele sich scheuen, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. "Aber der Ausweis bringt große Vorteile", argumentiert der Arbeitsmediziner. Neben den Leistungen des Integrationsamtes gehören dazu der besondere Kündigungsschutz und zusätzlicher Urlaub, der schwerbehinderten Menschen zusteht. "Wenn man schon Einschränkungen hat, sollte man diese Möglichkeiten auch nutzen", so Dr. Michael Castillo. Auch Beschäftigte, die keine Einschränkungen haben, erhalten bei Krebs einen Schwerbehindertenausweis. Denn es besteht die Gefahr, dass die Krankheit erneut auftritt. Um dem gerecht zu werden, wird die Schwerbehinderung zeitlich befristet anerkannt (siehe Info-Kasten).

Psychische Belastung Neben körperlichen Einschränkungen kommt es nach der Erfahrung von Dr. Michael Castillo häufig auch zu großen psychischen Belastungen. "Bei Krebs sollte es eigentlich wie bei der Notfallseelsorge immer das Angebot einer psychologischen Beratung geben", empfiehlt er. Psychisch belastend ist beispielsweise die Angst vor Neuerkrankungen. Aber auch Belastungen am Arbeitsplatz können sich negativ auswirken. "Stress ist ein Faktor, der das Immunsystem schwächt. Das ist wissenschaftlich belegt", erklärt er. Kompetente Beratung und Unterstützung bieten die Fachkräfte der Integrationsfachdienste. Auch der Arbeitgeber ist gefragt und kann viel bewirken. Die Wissenschaftlerin Anja Mehnert hat mit ihrer Studie nachgewiesen, dass eine wohlwollende Haltung des Arbeitgebers eine wichtige Rolle spielt: "Dazu gehören Wertschätzung, ein gutes Arbeitsklima – aber auch eine gewisse Flexibilität bei den Arbeitszeiten und der Arbeitsgestaltung. Hilfreich ist beispielsweise, wenn die Betroffenen öfter Pausen machen dürfen." Manchmal sind es die kleinen Dinge, die eine große Rolle bei der Integration von schwerbehinderten Menschen in den Beruf spielen.

* Professor Dr. Anja Mehnert „Berufliche Wiedereingliederung nach onkologischer Rehabilitation“ unter www.psychotherapie.uni-wuerzburg.de > Terminarchiv

 

WEITERE INFORMATIONEN

Heilungsbewährung

Menschen mit einem Krebsleiden erhalten einen Schwerbehindertenausweis mit zeitlicher Befristung von in der Regel bis zu fünf Jahren: die sogenannte Heilungsbewährung. Denn der langfristige Erfolg einer therapeutischen Behandlung kann noch nicht sicher beurteilt werden. Wichtig für Arbeitgeber: Der Grad der Behinderung wird grundsätzlich unabhängig vom ausgeübten Beruf beurteilt. Er sagt also noch nichts über die Leistungsfähigkeit des krebserkrankten Mitarbeiters am Arbeitsplatz aus!

Hilfen für Beschäftigte

Die Anerkennung der Schwerbehinderung ist Voraussetzung für Leistungen und Hilfen des Integrationsamtes. Dazu kommen der Zusatzurlaub und der besondere Kündigungsschutz für schwerbehinderte Menschen. Was viele nicht wissen: Das Schwerbehindertenrecht sieht Teilzeitarbeit vor. Um den Lebensunterhalt zu sichern, können Betroffene eine Erwerbsminderungsrente durch den Rehaträger beziehen – auch zeitlich befristet.

Unterstützung und Beratung bieten:

 

WEITERE INFORMATIONEN

Slideshow "Arbeiten nach Krebs – Den Rhythmus finden"

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.