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ZB 4-2016

Nachgehakt

Eine andere Wirklichkeit

Der Software-Konzern SAP stellt gezielt Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung ein. Als die ZB vor knapp zwei Jahren berichtete, arbeiteten dort 13 Personen mit Asperger-Syndrom, heute sind es schon 22. Einer von ihnen ist Thorsten Menke.

Porträt von Thorsten Menke, (c) Andreas Arnold
"Redewendungen sind für mich wie eine Fremdsprache", sagt Thorsten Menke, (c) Andreas Arnold
Als Erstes fällt die Brille auf. Rechts und links entlang der Gläser sind zentimeterbreite Lederstücke angebracht – fast wie Miniatur-Scheuklappen. "Ein Schutz“, sagt Thorsten Menke und nimmt die Brille ab, um genauer zu erklären. Die bläulich schimmernden Gläser filtern das Wellenspektrum des Lichtes, die Lederelemente verhindern, dass seitlich Strahlen einfallen. "Das Licht ist nicht mehr so grell, das Weiß nicht so spitz", beschreibt er. Thorsten Menke arbeitet als IT-Entwickler bei SAP in Walldorf. Und er hat das Asperger-Syndrom. SAP ist neben dem IT-Dienstleister Auticon eines der bekannten Unternehmen in Deutschland, die gezielt Menschen mit Asperger-Syndrom einstellen. Dabei handelt es sich um eine Ausprägung der Autismus-Spektrum-Störung, eine angeborene tiefgreifende Störung der Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung im Gehirn.

Zu dem Treffen ist Thorsten Menke auf die Minute pünktlich gekommen. "Alles andere hätte mich gewundert", sagt Stefanie Lawitzke, Leiterin des SAP-Projekts "Autism at Work" in Deutschland. Feste Rahmenbedingungen für den Arbeitstag sind für viele Kollegen mit Autismus wichtig.

Viele Erwerbslose Ehrgeiziges Ziel von SAP ist, dass diese in Zukunft ein Prozent der rund 12.000 Mitarbeiter in Deutschland ausmachen. Derzeit sind an den beiden Standorten in Baden-Württemberg 22 Menschen mit Asperger-Syndrom eingestellt. Sie kommen aus ganz Deutschland, viele waren vorher ohne Anstellung. Schätzungen zufolge sind nur fünf Prozent der Menschen mit Autismus auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt. Um das ehrgeizige Ziel von SAP zu erreichen, hat der Konzern ein Kooperationsprojekt mit dem Integrationsamt beim Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) vereinbart. Neben dem intensiven Austausch zwischen dem Integrationsamt und SAP hat die Arbeitsagentur Heidelberg eine wichtige Funktion übernommen: Sie koordiniert die Kooperation mit auswärtigen Arbeitsagenturen, sodass es keine formalen Barrieren bei bundesweiten Bewerbungen gibt.

Auch Thorsten Menke war lange arbeitslos, irgendwann hat er aufgehört, die Absagen auf seine Bewerbungen zu zählen. Heute bringt der promovierte Biologe bei der IT-Entwicklung die naturwissenschaftliche Sichtweise ein.

Risiko der Reizüberflutung Thorsten Menke spricht sehr reflektiert über das Asperger-Syndrom: "Wir kriegen eine andere Wirklichkeit mit." Ein Kennzeichen: Wenn mehrere Menschen in einem Raum reden, nimmt er alles Gesprochene gleichberechtigt wahr. "Andere Menschen sind irgendwie in der Lage das herauszufiltern, was sie hören wollen. Ich nicht", sagt er. Bei Thorsten Menke kann das zur Reizüberflutung führen. "Dann sind meine Gedanken weg. Ich bin anwesend, aber nicht produktiv", sagt er.

Trotzdem teilt er mit vier Kollegen ein Büro – bei ständig offener Tür. Thorsten Menke hat für seinen Arbeitsplatz  einfache Lösungen gefunden. Noise-Canceling-Kopfhörer lassen Umgebungsgeräusche verstummen. "Wenn es mir trotzdem zu viel wird, höre ich mir Meeresrauschen an", sagt der 46-Jährige. An einem Monitor hat er als Blende eine Pappe angebracht und beschränkt sein Blickfeld. Ein Kompromiss mit seinem Kollegen, der gerne die Verbindungstür zum Nachbarbüro offen hat. Kollegen nimmt er erst wahr, wenn sie direkt vor ihm stehen und tatsächlich etwas von ihm wollen.

Soziale Kommunikation Zu den charakteristischen Merkmalen von Menschen mit dem Asperger-Syndrom gehören Probleme bei der sozialen Kommunikation. "Ich verstehe manchmal nicht den Sinn dessen, was gesagt wird", beschreibt Thorsten Menke. Ironie, Scherze und das, was zwischen den Zeilen mitgeteilt wird, sind für ihn schwer zu entschlüsseln.

Die besonderen Herausforderungen, die die Beschäftigung von Menschen mit autistischem Syndrom mit sich bringt, sind Stefanie Lawitzke sehr bewusst. "Bei SAP herrschen zum Teil denkbar ungünstige Rahmenbedingungen für Autisten", sagt sie. Die große Freiheit und Eigenverantwortung der Mitarbeiter, die zur Unternehmens-Philosophie gehören, stehen im Gegensatz zu den Bedürfnissen vieler Menschen mit Asperger-Syndrom nach festen Strukturen und klaren Abläufen. "Es ist ganz wichtig, dass man einen professionellen Partner wie den Integrationsfachdienst an der Seite hat", sagt sie.

Unterstützung durch den IFD Geraldine Elspaß vom Integrationsfachdienst unterstützt SAP im Auftrag des KVJS-Integrationsamtes. Die Experten der Integrationsämter kennen sich mit der Behinderungsart aus, sie beraten und fördern Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Geraldine Elspaß ist regelmäßig bei SAP, führt Gespräche mit den Menschen mit Asperger-Syndrom, mit deren Kollegen und Vorgesetzten. "Hauptthema ist: Wie können die Mitarbeiter ihre volle Arbeitsleistung so einbringen, dass es ihnen dabei gut geht", beschreibt die Sozialpädagogin. Sie vermittelt bei Kommunikationsproblemen innerhalb der Teams und sucht gemeinsam mit den Beteiligten kleine, individuelle Lösungen. So hat einer der Mitarbeiter mit Asperger-Syndrom eine Liste mit Fragen, die er bei neuen Aufgaben systematisch abarbeitet. Dadurch gewinnt er die Struktur, die er für eine produktive Arbeit benötigt. Es gab auch Enttäuschungen in der SAP-Belegschaft. "Manche Mitarbeiter haben erwartet, dass unsere Kollegen im Spektrum quasi Superhelden mit extremen Fähigkeiten sind", erzählt Stefanie Lawitzke. "Tatsächlich sind es einfach sehr gut qualifizierte Kollegen." Ihre Erfahrung: Arbeitgeber und Kollegen müssen hinter der Beschäftigung von Menschen mit Asperger-Syndrom stehen und alle Beteiligten müssen aufeinander eingehen. "Im Idealfall gewinnt das Unternehmen dann einen sehr engagierten und loyalen Mitarbeiter."

Auch wenn es für ihn oft anstrengend ist: Thorsten Menke ist mit seiner Arbeit glücklich. "Und jetzt", sagt er zum Abschied, "muss ich Ihnen noch die Hand geben. Sonst fühlen Sie sich nicht wohl."

 

Interview

Kontinuität ist wichtig

Berthold Deusch leitet das Referat Integrationsfachdienste (IFD) und Arbeitsmarktprogramme des KVJS-Integrationsamtes in Karlsruhe. Mit dem Thema "Autismus" befasst er sich schon seit 35 Berufsjahren.

Porträt von Berthold Deusch, (c) KVJS
Berthold Deusch, Leiter des Referates Integrationsfachdienste (IFD) und Arbeitsmarktprogramme des KVJS-Integrationsamtes in Karlsruhe, (c) KVJS
Bei dem Projekt "Autism at Work" von SAP arbeiten die Menschen mit Autismus überwiegend als IT-Experten. Liegt hier deren besondere Stärke?

Berthold Deusch Das kann man so nicht sagen. Der IFD begleitet in Baden-Württemberg 160 Menschen mit autistischem Syndrom in regulären Arbeitsverhältnissen – die wenigsten sind in der IT beschäftigt. Sie arbeiten beispielsweise als Alltagsbegleiter in der Altenpflege, als Radio- und Fernsehtechniker, als Landschaftsgärtner oder in der Stadtverwaltung. Wichtig ist, dass die Fähigkeiten und Kompetenzen der Menschen mit Autismus zu den Unternehmen passen.

Welche Rahmenbedingungen müssen Betriebe schaffen, damit die Beschäftigung gelingt?

Deusch Die Arbeitgeber müssen für ein reizreduziertes Umfeld sorgen. Gespräche, Bewegungen oder Licht lenken stark ab und sollten vermieden werden. Gut geeignet ist im Prinzip das Einzelsachbearbeiter-Büro. Wichtig ist auch Kontinuität im personellen Umfeld. Die Mitarbeiter mit Autismus brauchen feste Ansprechpartner. Die Aufgaben sollten so strukturiert sein, dass die Beschäftigten eine bestimmte Routine entwickeln können. Dazu gehören auch klare Absprachen.

Wie unterstützt das Integrationsamt Arbeitnehmer mit Autismus und ihre Arbeitgeber?

Deusch Wir setzen schon in der Berufsvorbereitung an. Dabei schauen wir auf die Stärken der Menschen mit autistischem Syndrom und für welche Berufe sie die erforderlichen Kompetenzen mitbringen. Wir schaffen die Möglichkeit, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich gegenseitig erproben können. Hier ist in der Regel ein Praktikum sinnvoll. Natürlich beraten wir die Arbeitgeber sehr genau und klären, welche finanziellen Leistungen möglich sind. Damit endet die Unterstützung nicht – die Experten des IFD bleiben auch nach der Übernahme in ein Beschäftigungsverhältnis in engem Kontakt mit Arbeitgeber und Arbeitnehmer und klären vor Ort weiteren Unterstützungsbedarf. Dieses Angebot gibt es natürlich nicht nur in Baden-Württemberg: Die Integrationsämter machen sich bundesweit für die Beschäftigung von Menschen mit Autismus stark.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.