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ZB 4-2016

Tandem-Tour

Eine Win-win-Situation

Wie passen Tandemfahren und Inklusion zusammen? Sehr gut, wissen alle, die sich für das Aktionsbündnis "Jobs für  Menschen mit Behinderung" aufs Fahrrad schwangen und Beispiele bester Praxis besuchten: darunter das Integrationsunternehmen "discovering hands".

Constanze Kovalev und Guido Becker stehen neben ihrem Tandem, (c) Claudius Pflug
Gemeinsam traten Constanze Kovalev und ihr Mitarbeiter Guido Becker für Inklusion in die Pedale, (c) Claudius Pflug
Als am Montag, dem 26. September, Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit Fahrrädern an der Startlinie am Brandenburger Tor standen, herrschte gute Stimmung. Bereits zum zweiten Mal traten die Teilnehmer in die Pedale, um auf Inklusion im Arbeitsleben aufmerksam zu machen. Dazu besuchten sie Betriebe, die für eine gelungene Inklusion stehen. Je ein behinderter und ein nicht behinderter Mensch teilten sich ein Tandem und steuerten auf ihrer Route quer durch die Hauptstadt verschiedene Etappenziele an. Ungefähr eine halbe Stunde nach dem Startschuss erreichten die Fahrer das erste Ziel – das "discovering hands-Zentrum". Danach folgten noch Stopps beim Restaurant Pfefferberg, am Roten Rathaus, bei den Berliner Verkehrsbetrieben sowie der SNT-AG, einem Dienstleister für Kundenkommunikation. Ein weiteres Highlight war der offizielle Empfang am Bundesministerium für Arbeit und Soziales durch die parlamentarische Staatssekretärin Gabriele Lösekrug-Möller.

An einer Schneiderpuppe wird die Tastuntersuchungsmethode erklärt, (c) Claudius Pflug
Bei ihrem Halt erfuhren die Teilnehmer der Tandem-Tour alles rund um die Arbeit der Medizinischen Tastuntersucherinnen bei
Bei "discovering hands" (entdeckende Hände) arbeiten blinde und stark sehbehinderte Frauen in der Brustkrebsfrüherkennung. Was vor rund zehn Jahren als Modellprojekt begann, ist in der Berliner Frauenarztpraxis von Gynäkologin Claudia Jäggi inzwischen gelebter Alltag. Der Duisburger Frauenarzt Frank Hoffmann hatte damals die Idee, den überlegenen Tastsinn blinder und sehbehinderter Menschen einzusetzen, um die Tastdiagnostik im Rahmen der Brustkrebsfrüherkennung zu verbessern. Denn "je früher ein Tumor erkannt wird, desto größer sind die Heilungschancen", erklärt Claudia Jäggi die Bedeutung der Vorsorgeuntersuchung. Die Ärztin arbeitet seit 2015 im Berliner "discovering hands-Zentrum" und freut sich über die gelungene Umsetzung des Modellprojektes.

Rückblick Das Projekt wurde 2005 vom Integrationsamt beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) in Köln gefördert und brachte die Ausbildung für diese Tätigkeit hervor, die es bis dato noch nicht gab. "Das Konzept von ,discovering hands‘ schafft nicht nur ein hohes Maß an Sicherheit für die frühe Erkennung von Brustveränderungen, sondern ermöglicht auch den Patientinnen eine angenehme Untersuchungssituation", so Claudia Jäggi weiter.

In einer neunmonatigen theoretischen und praktischen Fortbildung werden die Tourblinden und sehbehinderten Teilnehmerinnen in Berufsförderungswerken zu Medizinischen Tastuntersucherinnen (MTU) ausgebildet. "In der Ausbildung lernen sie neben medizinischen Grundlagen, wie zum Beispiel Aufbau und Funktion der weiblichen Brust, auch Grundkenntnisse diagnostischer und therapeutischer Methoden", sagt die Berliner Gynäkologin. Darüber hinaus stellt das Erlernen der Brust-Tastuntersuchung anhand von Modellen einen Schwerpunkt der Ausbildung dar. Und auch der Umgang mit den Patientinnen und die richtige Ansprache wollen gelernt sein. "Wenn die Tastuntersucherinnen mit den Patientinnen sprechen, ist es wichtig, dass sie alles allgemein verständlich erklären. Auf der anderen Seite müssen sie im Gespräch mit dem Arzt aber in die medizinische Fachsprache umswitchen können", erklärt die Ärztin.

Eine Frau bringt Markierungsstreifen auf der Brust einer Schneiderpuppe an, (c) Claudius Pflug
(c) Claudius Pflug
Positives Feedback
Die Tastuntersucherinnen im Berliner Zentrum haben bisher durchweg positive Erfahrungen bei ihrer Arbeit gemacht. Häufig seien die Patientinnen von der Untersuchung angenehm überrascht und schätzten die Aufmerksamkeit und das Einfühlungsvermögen der MTUs. Auch die Tastuntersucherinnen sind mit ihrer Arbeit glücklich. Für viele ist es eine Alternative zur Arbeitslosigkeit oder zum Job als Telefonistin. "Das Schöne an ,discovering hands‘ ist, dass der ausgezeichnete Tastsinn der sehbehinderten MTUs die Brustkrebsfrüherkennung so enorm verbessert und ihre Integration in den Arbeitsalltag zudem prima gelingt. Es entsteht also eine Win-win-Situation, beide Seiten profitieren", so Claudia Jäggi.

Auch die Teilnehmer der Tandem-Tour, die für mehr Inklusion im Arbeitsleben wirbt, zeigten sich begeistert. Vor allem für das Verfahren interessierten sie sich. Entwickelt wurde es vom Initiator der Ausbildung, Dr. Frank Hoffmann. Das Verfahren hilft, einen verdächtigen Befund zu lokalisieren. Mit Hilfe von Markierungsstreifen, die auf der Brust angebracht werden, entsteht eine Art Koordinatensystem, in dem die Tastuntersucherinnen gezielt kleinste Knötchen aufspüren und dem Arzt später den genauen Punkt angeben können. Ein aufwändiges Verfahren, das ungefähr 40 Minuten Zeit in Anspruch nimmt. Das Gute: Die MTUs können sich diese Zeit nehmen, ein Arzt im normalen Praxisalltag kaum. Eine MTU kann die Brust also ganz systematisch und sorgfältig abtasten und schon kleinste Gewebeveränderungen aufspüren, die gerade einmal fünf bis sechs Millimeter groß sind. Das hat eine Studie der Universität Erlangen bestätigt.

Eine sehbehinderte Mitarbeiterin erklärt die Untersuchungsmethode anhand einer Tafel, (c) Claudius Pflug
Eine sehbehinderte Mitarbeiterin erklärt anhand einer Tafel, wie die Brust der Patientinnen systematisch abgetastet wird, (c) Claudius Pflug
Gelebte Inklusion
Auch Constanze Kovalev vom Integrationsamt beim Landesamt für Soziales und Versorgung in Brandenburg trat bei der Tandem-Tour mit in die Pedale. Die stellvertretende Leiterin des Integrationsamtes freute sich über den Halt bei "discovering hands". "Insbesondere nach der Führung, die wir heute im Rahmen der Tandem-Tour bekommen haben, ist mir bewusst geworden, dass ,discovering hands‘ ein tolles Beispiel für gelebte Inklusion mit enormer Strahlkraft ist. Vor Ort zu erleben, mit wie viel Selbstbewusstsein und Engagement die sehbehinderten MTUs über ihre Arbeit berichten, war sehr beeindruckend", sagt Constanze Kovalev.

Das Berliner "discovering hands-Zentrum" ist das erste deutschlandweit und beschäftigt derzeit sechs Medizinische Tastuntersucherinnen, die Claudi Jäggi anleitet. Mittlerweile gibt es eine weitere Einrichtung dieser Art in Leverkusen. "Das Ziel ist, noch viel mehr Frauen für die Ausbildung zu gewinnen", erklärt die Ärztin. Zudem solle das Projekt nicht auf Deutschland beschränkt bleiben. Auch in Österreich ist es bereits erfolgreich gestartet.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.