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Behinderung
&
Beruf

ZB 4-2018

Interview

"Wir lassen die Arbeitgeber nicht alleine"

Der Übergang von der Schule auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ist für junge Menschen mit einer Behinderung schwierig. Fragen dazu an Karl-Friedrich Ernst, Leiter des Integrationsamtes beim Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) Baden-Württemberg.

Porträt von Karl-Friedrich Ernst, (c) Uli Deck
(c) Uli Deck
Herr Ernst, was kann getan werden, damit junge Menschen mit Behinderungen, deren Weg nach der Schule oft in eine Werkstatt für behinderte Menschen führt, eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt finden?

Karl-Friedrich Ernst Die Unterstützung muss so früh wie möglich beginnen, also nicht erst nach der Schulentlassung. In Baden-Württemberg wird schon in den letzten Schuljahren im Rahmen von Berufswegekonferenzen festgestellt, welche Potenziale die Schüler für den allgemeinen Arbeitsmarkt haben. Die Lehrinhalte bereiten auf den Arbeitsmarkt vor und es finden erste Praktika statt. Deshalb beauftragen wir bereits in dieser Phase die Integrationsfachdienste (IFD). Die Konzepte in den Bundesländern sind aber unterschiedlich. Bei uns schließt sich eine Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme an, die die Agenturen für Arbeit fördern.

In Ihrem Bundesland, Baden-Württemberg, wurden in den letzten zwölf Jahren über 4.400 Vermittlungen für diese Zielgruppe auf den allgemeinen Arbeitsmarkt erreicht, ein in Deutschland weit überdurchschnittliches Ergebnis. Was war der wichtigste Erfolgsfaktor?

Ernst Der Prozess ist komplex und es gibt viele Beteiligte: die Schulen, die Bundesagentur für Arbeit, die Träger der Eingliederungshilfe, die Werkstätten für behinderte Menschen, für die Sache offene Arbeitgeber und natürlich die Schüler und ihre Eltern. Wenn hier das Zusammenspiel nicht klappt, taugt die ganze Konzeption nichts. Und genau diese Zusammenarbeit funktioniert bei uns. Die Integrationsfachdienste sind durchgängig dabei, von der Schule bis zur Sicherung des Erreichten. In Baden-Württemberg gehen entgegen dem Bundestrend die Werkstattaufnahmen zurück. Selbstverständlich brauchen wir die Werkstätten aber weiter, wir müssen realistisch bleiben.

In welchen Branchen und mit welcher Nachhaltigkeit gelingt der Übergang?

Ernst Man hört ja immer wieder den Satz, in unserer hoch spezialisierten Arbeitswelt seien die einfachen "Nischen"-Arbeitsplätze weggefallen. Das stimmt aber nicht. Es finden sich immer Möglichkeiten: zum Beispiel in der Gastronomie, im Garten- und Landschaftsbau, in Bauhöfen von Kommunen und in Pflegeeinrichtungen. Rund 84 Prozent der erreichten Arbeitsverhältnisse sind über Jahre beständig.

Welche Rolle spielen dabei finanzielle Leistungen der Integrationsämter und der Bundesagentur für Arbeit?

Ernst Sicher eine wichtige, aber nicht die entscheidende. Ich halte die Zusammenarbeit für wichtiger, auch die Dienstleistung für die Arbeitgeber, die wir mit einem zustande gekommenen Arbeitsverhältnis nicht alleinlassen. Die jungen Menschen legen ihre Behinderung mit der Vermittlung eines Arbeitsplatzes ja nicht einfach ab. Da muss oft nachgesteuert werden und der Integrationsfachdienst steht als "Kümmerer" weiter bereit.

 

Interview

Berufsorientierung muss früh beginnen

Die Integration von jungen Menschen mit Behinderungen in den allgemeinen Arbeitsmarkt steht für Dr. Petra Wendland, Rehaberaterin bei der Agentur für Arbeit in Eberswalde, an erster Stelle. Im Gespräch erklärt sie, wie das gelingen kann.

Porträt von Dr. Petra Wendland Foto, (c) Jan Roehl
(c) Jan Roehl
Die Beschäftigung in Werkstätten für behinderte Menschen ist für die öffentliche Hand sehr teuer, separiert die Betroffenen und macht sie abhängig von Leistungen des Staates. Wie agiert die Bundesagentur für Arbeit?

Petra Wendland Indem wir alles tun, um den behinderten Menschen eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung beziehungsweise Ausbildung zu ermöglichen. Beispielsweise durch eine sehr früh einsetzende intensive Phase der inklusiven Berufsorientierung, die in der Regel drei Jahre vor dem Schulabschluss beginnt. Im Fokus stehen dabei folgende zentrale Fragen: Was sind die Stärken, die Interessen und die Wünsche des betroffenen jungen Menschen? Um das herauszufinden und entsprechende Weichen für eine spätere Integration in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu stellen, sind Berufswegekonferenzen unter Beteiligung der Lehrkräfte, der Eltern, des Integrationsfachdienstes und der Beratungsfachkraft der Agentur für Arbeit sowie das individuelle Beratungsgespräch von besonderer Bedeutung.

Ebenso wie Praktika, oder?

Wendland Absolut. Durch eine intensive Zusammenarbeit mit den Kammern und Betrieben besteht die Möglichkeit, kürzere oder längere Betriebspraktika zu realisieren. Diese sind sehr wichtig, um in die Arbeitswelt hineinzuschnuppern und die eigenen Stärken, Schwächen und beruflichen Neigungen zu erkennen. Viele junge Menschen mit Behinderungen knüpfen gerade durch diese Praktika Kontakte zu potenziellen späteren Arbeitgebern.

Und nur – dies möchte ich wirklich betonen – wenn es nach einer intensiven Phase der Eignungsabklärung wirklich keine Möglichkeit gibt, den behinderten Menschen in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln, wird er in eine Werkstatt für behinderte Menschen eingegliedert. Das ist aber immer die letzte aller möglichen Optionen.

Die Zusammenarbeit der Agenturen für Arbeit und der Integrationsämter ist im Sozialgesetzbuch IX ausdrücklich geregelt. Wie funktioniert sie in der Praxis?

Wendland Gut. So werden zum Beispiel beim Übergang Schule – Beruf auf der Grundlage einer Kooperationsvereinbarung zur Berufsorientierung die Integrationsfachdienste von den Integrationsämtern beauftragt, wodurch eine enge Zusammenarbeit gesichert ist. Darüber hinaus informieren wir natürlich unsere Kunden, dass sie sich immer auch an den Integrationsfachdienst wenden können.

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.