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ZB 4-2019

Menschen mit geistiger Behinderung

Unterschätzte Mitarbeiter

Bislang arbeiten nur wenige Menschen mit einer geistigen Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Dank gezielter Förderung werden es aber stetig mehr. Und sie beweisen, dass sie dort am richtigen Platz sind.

Christine Blank mit ihrem E-Lastenfahrrad, (c) Thomas Langer
Im Berufsleben angekommen: Christine Blank aus Franken mit ihrem E-Lastenfahrrad, (c) Thomas Langer
Wie gut, dass Dennis Schneider keine Höhenangst hat. Geschickt lenkt er den beeindruckend großen Stapler an das Hochregal heran. Dann bewegt sich die verglaste Fahrerkabine samt Fracht wie ein Lift nach oben bis unter das riesige Hallendach, wo er die Ware vorschriftsgemäß einlagert. Dennis Schneider arbeitet seit fünf Jahren im Logistikzentrum der Firma Beurer in Uttenweiler in Baden-Württemberg. Wer ihm bei der Arbeit zuschaut, kann kaum glauben, dass der 27-Jährige eine geistige Behinderung hat.

NEU DENKEN

"Menschen mit einer geistigen Behinderung wird in unserer Gesellschaft seit jeher wenig zugetraut. Meist ohne Schulund Berufsabschluss gelten sie per se als erwerbsunfähig", beklagt Berthold Deusch vom KVJS-Integrationsamt Baden-Württemberg. Er tritt diesem Vorurteil entschieden entgegen: "Das ist ein Denken von vorgestern!" Heute weiß man: Eine geistige Behinderung muss nicht von beruflicher Teilhabe auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt trennen. "Für uns ist es eine vielfach bestätigte Tatsache, dass sie trotz intellektueller Einschränkungen erstaunliche berufliche Kompetenzen entwickeln können", betont der Fachmann aus Karlsruhe.

GEISTIG BEHINDERT?

Menschen mit einer geistigen Behinderung bilden keine einheitliche Gruppe mit fest umschriebenen Eigenschaften. Die kognitive und motorische Leistungsfähigkeit wie auch das sozial-motionale Verhalten sind individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt Menschen mit einer geistigen Behinderung, die alltägliche Abläufe weitgehend selbstständig bewältigen können, andere sind dabei umfassend auf Hilfe angewiesen. Zentrales Merkmal einer geistigen Behinderung ist die erhebliche Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten infolge einer angeborenen oder früh erworbenen Hirnschädigung oder Hirnfunktionsstörung.

Die häufigste genetische Ursache einer geistigen Behinderung ist das Down-Syndrom. Andererseits gibt es erworbene zerebrale Schädigungen zum Beispiel durch Sauerstoffmangel bei der Geburt oder durch eine Hirnhautentzündung. Die Behinderung zeigt sich im frühkindlichen Alter meist als deutliche Entwicklungsverzögerung, die alle Bereiche der kindlichen Entwicklung betrifft, an enen Lernen wesentlich beteiligt ist.

Menschen mit einer geistigen Behinderung haben vielfach eine anerkannte Schwerbehinderung. Das hindert sie aber nicht daran, sich beruflich zu qualifizieren und eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt aufzunehmen. Denn ärztliche Gutachten, Intelligenztests und der Grad der Behinderung sagen oft wenig darüber aus, welchen Anforderungen an einem Arbeitsplatz ein behinderter Mensch individuell gewachsen ist.

RAUS AUS DER WERKSTATT

Fast 90 Prozent dieser jungen Menschen – rund 91.000 – besuchen eine Sonderoder Förderschule.1 Viele von ihnen wechseln danach in eine Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM). 2018 arbeiteten dort 236.000 Menschen mit einer geistigen Behinderung.2
1 Kultusministerkonferenz, 2 BAG WfbM

Dennoch ist dieser Weg nicht zwingend. Seit einigen Jahren werden bundesweit verstärkt Anstrengungen unternommen, den allgemeinen Arbeitsmarkt für diese Personengruppe zu erschließen. Vor allem mithilfe einer vertieften Berufsorientierung für Schülerinnen und Schüler konnten regional beachtliche Erfolge  erzielt werden. Allein in Baden-Württemberg haben seit 2005 fast 5.000 Menschen mit einer geistigen Behinderung eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufgenommen.

LERNEN DURCH HANDELN

"Viele Menschen denken: Wir sind dumm. Wir können nichts lernen. Das stimmt nicht! Wir lernen anders. Wir lernen manchmal langsamer oder brauchen besondere Unterstützung. Deshalb wollen wir Menschen mit Lernschwierigkeiten genannt werden." Das schreiben Betroffene auf der Website von "Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e. V.", einer Selbstvertretungsvereinigung von Menschen mit einer geistigen Behinderung – so die gebräuchliche, auch im SGB IX verwendete Bezeichnung.

Lernen können Menschen mit einer geistigen Behinderung vor allem durch praktisches Handeln in lebensnahen Situationen, wenn sie den Sinn und den Zusammenhang ihres Tuns verstehen. Bei professioneller Förderung erreichen sie teilweise Arbeitsleistungen wie nicht behinderte Menschen. Die Erfolgsformel für ihre berufliche Inklusion lautet: die individuellen Anlagen erkennen und durch gezieltes Job-Coaching eine passende Arbeit in einem Betrieb erschließen. "Wichtigster Berater und Begleiter für die betroffenen Menschen und ihre Arbeitgeber ist der Integrationsfachdienst. Er kümmert sich um die notwendige Unterstützung – von Anfang an", so Berthold Deusch, der beim KVJS-Integrationsamt das Referat "Koordinierung der Integrationsfachdienste und Arbeitsmarktprogramme für schwerbehinderte Menschen" leitet.

Das Beispiel von Dennis Schneider zeigt, was Menschen mit einer geistigen Behinderung zu leisten imstande sind, wenn ihre Entwicklung gefördert wird. Obwohl er nur wenig lesen und schreiben kann, hat er auf anderem Weg viel gelernt und erreicht: den Staplerschein, dazu die Berechtigung zum Führen eines Sonderfahrzeugs, den Pkw-Führerschein, ein Auto und sogar eine eigene Wohnung.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Im Arbeitsleben beachten

So können Sie Menschen mit geistiger Behinderung unterstützen:

  • Einen festen Ansprechpartner für die Arbeit und sonstige betriebliche Angelegenheiten benennen.
  • Die Aufgaben klar beschreiben. Besonders geeignet: überschaubare Routinetätigkeiten.
  • Soziale Kontakte im Arbeitsumfeld fördern.
  • Arbeitsaufgaben so lange einüben,  bis sie "sitzen", bei Bedarf mit begleitender Unterstützung eines Job-Coachs oder einer IFD-Fachkraft (finanziert von der Bundesagentur für Arbeit oder dem Integrationsamt).
  • Oftmals reichen die klassischen Förderleistungen aus, z. B. Eingliederungszuschüsse der Agentur für Arbeit und Lohnkostenzuschüsse des Integrationsamtes.
  • Gute Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt bieten auch individuell gestaltete berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen, so z. B. in Baden-Württemberg, oder die "Unterstützte Beschäftigung" durch eine individuelle betriebliche  Qualifizierung.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Filmporträt

Auf YouTube gibt es neben weiteren Beispielen einen Film über Dennis Schneider, der ihn bei der Arbeit zeigt: www.youtube.de, Suchbegriff "BVE KoBV KVJS" (ca. 4 Minuten)

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Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.