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Behinderung
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ZB 4-2020

Digitalisierung hilft der Inklusion

Die Corona-Pandemie beflügelt den technologischen Wandel. Für Menschen mit Behinderung bedeutet die Digitalisierung eine bessere Integration in den ersten Arbeitsmarkt – wie das Beispiel der hessischen Softwarefirma Drägert & Lienert verdeutlicht.

Es waren gespenstische Tage während des Lockdowns im März. Hauptverkehrsstraßen sahen am Montagvormittag aus wie sonst nur an Heiligabend um 20 Uhr: ausgestorben. In den Chefetagen vieler Unternehmen liefen dagegen die Drähte der Telefone und Videokonferenz-Tools heiß. Schnell brauchte es eine Lösung, um die Geschäfte nach der kompletten Kontaktsperre infolge der Corona-Pandemie aufrechtzuerhalten. IT-Abteilungen mussten sich mit der bangen Frage vieler Unternehmensführungen auseinandersetzen: Wie können wir schnell alle Beschäftigten ins Homeoffice bringen?

Unternehmen, die bereits vor der Krise stabile IT-Strukturen aufgebaut hatten und die Digitalisierung angegangen waren, waren im Vorteil. Andere zogen nun nach. „Es hat auf jeden Fall durch Corona einen Digitalisierungsschub gegeben – dies vor allem in Unternehmen, die Arbeitsplätze ins Homeoffice verlagern konnten“, sagt Christoph Metzler vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Teilweise hätten Arbeitnehmer zum ersten Mal in der Corona-Krise Tools wie Microsoft-Teams oder die Videoplattform Zoom ausprobiert und festgestellt, wie einfach das Büro zu Hause funktioniere, erzählt der Inklusionsexperte.


Tablets als Unterstützung

 

 

Für die Zeit nach der Corona-Pandemie könnte dies eine bessere Integration von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt bedeuten. Denn schon 2019, also vor der aktuellen Krise, hätten sich Personalverantwortliche in einer repräsentativen IW-Befragung optimistisch gegeben, sagt Metzler. Fast ein Drittel der Unternehmen in Deutschland glaubt, dass die Digitalisierung die Jobchancen für Menschen mit Behinderung verbessert – von den großen Unternehmen mit mehr als 250 Beschäftigten sagt dies sogar fast die Hälfte, so das Ergebnis der Umfrage bei 1.200 Firmen. Demnach sagen 55 Prozent der Unternehmen, dass die Nutzung von Smartphones und Tablets – also ein niedrigschwelliger Einstieg – Menschen mit Behinderung den Arbeitsalltag erleichtert hat. Generell sei aufgrund der Corona-Pandemie die gesamte Gesellschaft offener geworden, neue Wege zu gehen, glaubt Metzler.

 

Software hilft Blinden bei Gericht

 

Ein Unternehmen, das schon seit Jahren neue Wege beschreitet, ist die Drägert & Lienert GbR aus dem hessischen Marburg. Die kleine Firma ermöglicht mit ihren Produkten blinden und sehbehinderten Menschen eine Teilhabe am Arbeitsleben. Hansjörg Lienert, Chef der Firma, erzählt von den Tagen des Stillstands im März und April. „Wir hatten das Glück, dass wir kurz vor dem Lockdown eine cloudbasierte Telefonanlage angeschafft hatten – so dass Mitarbeiter zu Hause wie im Büro arbeiten konnten“, erzählt der 64-Jährige. Laufende Projekte hätten seine zehn festangestellten Mitarbeiter sehr gut aus dem Homeoffice gemanagt. Das hochspezialisierte kleine Unternehmen ist erfolgreich. Seit Bestehen hat es bislang 15 Softwarelösungen für Arbeitsplätze blinder und sehbehinderter Menschen entwickelt.

 

Voraussetzung: Barrierefreiheit

 

Softwareprogramme für blinde Anwender arbeiten oft mit Screenreadern, die den Bildschirminhalt vorlesen. Wird die Behörden- oder Unternehmenssoftware aktualisiert, funktionieren die Screenreader meist nicht mehr und müssen angepasst werden. Viele Programme aus der hessischen Softwareschmiede erfordern keine Screenreader-Anpassungen und sind damit zukunftsfähig und günstiger – das macht die Software so erfolgreich. Ein eindrucksvolles Beispiel für die Teilhabe an der Arbeitswelt sei ein blinder Physiker, der in Kanada mit DL-Produkten erfolgreich einen eigenen Betrieb mit 40 Mitarbeitern führe, erzählt Lienert, der selbst zu 90 Prozent erblindet ist, nicht ohne Stolz.

Beim Thema Barrierefreiheit entwickelt der Firmenchef Leidenschaft: Es sei eine zivilisatorische Aufgabe, dass Websites barrierefrei programmiert werden, sagt er. „IT und Websites sind heute Teil der Daseinsvorsorge, die für alle Menschen zugänglich sein muss“, so seine Forderung. Deshalb solle bei jeder Ausschreibung für neue Software Barrierefreiheit als Voraussetzung gefordert werden. Und da sind deutsche Firmen schon auf einem guten Weg, wie die IW-Studie gezeigt hat: Bereits heute untersucht ein Drittel aller Unternehmen Software auf Barrierefreiheit – bei größeren Unternehmen ist der Wert noch höher.


Mehr zu Digitalisierung und Behinderung

Der Informationsdienst des Instituts der deutschen Wirtschaft hat Zahlen und Daten zum Thema aufbereitet unter

iwd.de > Suchbegriff „Digitaler Nebeneffekt

 

 

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