Symbol Gebärdensprache Symbol Leichte Sprache

Behinderung
&
Beruf

Titel ZB 1/2009 ZB 1/2009

Unterstützte Beschäftigung

Ziel: Erster Arbeitsmarkt

Mehr besonders betroffene schwerbehinderte Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigen! Mit diesem Ziel wurde Anfang des Jahres die „Unterstützte Beschäftigung“ gesetzlich eingeführt. Was beinhaltet diese neue Leistung und wer profitiert davon?

Der 19-jährige Falk Rothe aus Esslingen und der 21-jährige Werner Englert aus Herbsthausen im Main-Tauber-Kreis haben es bereits geschafft: Sie wechselten nach dem Besuch einer Förderschule nicht in die Werkstatt für behinderte Menschen, sondern fanden eine Anstellung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Falk Rothe hat beim Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises Esslingen eine feste Stelle gefunden, während Werner Englert in dem Kfz-Meisterbetrieb „Die Werkstatt“ in Bad Mergentheim arbeitet. Für beide schwerbehinderten jungen Männer gab es nach dem Ende ihrer Schulzeit zunächst eine Empfehlung für die Werkstatt für behinderte Menschen. Dann aber setzten umfangreiche Bemühungen der beteiligten Schulen, der Agenturen für Arbeit und der Integrationsfachdienste in Esslingen und Tauberbischofsheim und des Integrationsamtes des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales Baden-Württemberg (KVJS) für sie ein. Auch die Handwerkskammer und selbstverständlich die Betriebe waren an dem Erfolg beteiligt. Eine ganze Reihe von Praktika und die Vorbereitung in den Schulen trugen dazu bei.

Beide jungen Männer gehören zu der Zielgruppe, für die im Sozialgesetzbuch IX seit dem 1. Januar 2009 ein neuer Fördertatbestand „Unterstützte Beschäftigung“ geschaffen wurde. Zwar haben Falk Rothe und Werner Englert ihr Ziel noch ohne dieses neue Instrument erreicht. Sie profitierten vielmehr von den regionalen Maßnahmen, wie sie das KVJS-Integrationsamt und wie sie andere Integrationsämter initiiert haben. Der Bundesgesetzgeber wollte aber, dass aus regionalen Erfolgen ein bundesweiter Erfolg wird und hat deshalb das nun im Sozialgesetzbuch IX verankerte Förderinstrument geschaffen, dessen Kern der neue Paragraf 38a ist.

Zielgruppe oder wer profitiert?


Unterstützte Beschäftigung erfüllt eine Forderung des Koalitionsvertrages der Bundesregierung: Danach sollen mehr behinderte Menschen die Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt außerhalb von Werkstätten für behinderte Menschen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu erarbeiten. Besonders Schulabgängerinnen und Schulabgänger aus den Förderschulen sollen damit eine bessere Perspektive bekommen. Dabei geht es um junge Menschen, für die eine Berufsausbildung wegen Art und Schwere ihrer Behinderung nicht in Betracht kommt, bei denen aber gleichwohl die Prognose besteht, dass eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt mit Hilfe der Unterstützten Beschäftigung gelingen kann. Wesentlich bei der Unterstützten Beschäftigung ist der Grundsatz: „Erst platzieren, dann qualifizieren“.

Erste Phase: Qualifizierung

Unterstützte Beschäftigung soll in zwei Abschnitten verlaufen: In einer zwei- bis maximal dreijährigen Qualifizierungsphase sollen berufliche Schlüsselqualifikationen, zum Beispiel die Konzentration auf die Arbeit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit gefördert werden. Auf betrieblichen Erprobungsplätzen sollen die Fähigkeiten der behinderten Menschen für die Praxis getestet und weiterentwickelt werden. Ist eine geeignete Tätigkeit gefunden, die auch eine Perspektive zur Übernahme bietet, erfolgt die Einarbeitung auf diesem Arbeitsplatz. Es ist aber auch die Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Maßnahmen gegeben: Wird festgestellt, dass doch die Beschäftigung in einer Werkstatt der bessere Weg ist, wird diese Lösung verfolgt. Denkbar ist aber auch der Wechsel in eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme oder in eine Berufsausbildung, falls dieser Weg sich als machbar erweist.

Beauftragte Dienste

Durchgeführt wird diese Qualifizierungsphase von einem Träger der Unterstützten Beschäftigung. Das kann ein Integrationsfachdienst sein, aber auch ein sonstiger Dritter. Ersteres bietet sich insbesondere in Regionen an, in denen die Integrationsfachdienste schon mit Erfolg für die Zielgruppe tätig sind, was ja bereits in ihrem gesetzlich festgelegten Aufgabenkatalog enthalten ist, allerdings nicht in allen Regionen praktiziert wird. Beauftragt und finanziert wird der Träger der Unterstützten Beschäftigung von den zuständigen Rehabilitationsträgern, wobei insbesondere bei den Schulabgängern die Bundesagentur für Arbeit zuständig sein wird. Das Integrationsamt ist indessen nur für schwerbehinderte Menschen in Beschäftigung – also erst in der Phase der Berufsbegleitung – zuständig.

Zweite Phase: Berufsbegleitung

Nach Abschluss der ersten Phase der Unterstützten Beschäftigung schließt sich eine zweite Phase an, die das Gesetz als „Berufsbegleitung“ bezeichnet. Nach dem Zustandekommen eines sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisses soll eine weitere enge Begleitung am Arbeitsplatz mit dem Ziel der Stabilisierung der erreichten Erfolge stattfinden. Das neue Gesetz geht dabei davon aus, dass nicht in jedem Fall eine Berufsbegleitung erforderlich ist, was aber kaum realistisch sein dürfte. Für diese zweite Phase sollen sich die Integrationsämter ebenfalls externer Träger bedienen. Zwischen der ersten und der zweiten Phase wird es also in aller Regel einen Wechsel des zuständigen gesetzlichen Leistungsträgers geben. Im Unterschied zu den sonstigen Leistungen der Integrationsämter ist die Berufsbegleitung im Rahmen der Unterstützten Beschäftigung in der gleichen Form wie bei der „Arbeitsassistenz“ als Rechtsanspruch und nicht als Ermessensleistung ausgestaltet. Damit ist ein klarer Vorrang dieser Leistung vor anderen Leistungen bei der Vergabe der Mittel der Ausgleichsabgabe festgelegt.

Anreize für Arbeitgeber

Sehr wichtig wird es weiter sein, sich die Kooperation der Arbeitgeber zu sichern. Ohne einstellungsbereite Arbeitgeber wird die Unterstützte Beschäftigung wirkungslos bleiben. Da es sich um einen besonders betroffenen Personenkreis handelt, der vermittelt werden soll, wird es ohne flankierende finanzielle Einstellungsanreize, zum Beispiel durch die Agenturen für Arbeit in Form von Eingliederungszuschüssen und auch weiteren Leistungen der Integrationsämter im Rahmen der Begleitenden Hilfe im Arbeitsleben, nicht gehen. Als richtungweisend haben sich in der Vergangenheit für die Phase der Berufsbegleitung Modelle in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen erwiesen, die finanzielle Leistungen der Integrationsämter mit aufstockenden Lohnkostenzuschüssen der Sozialhilfe bündeln. Die Träger der Sozialhilfe haben ein hohes Interesse daran, dass wesentlich behinderte Menschen, die ihre Behinderung durch Aufnahme einer Berufstätigkeit ja nicht einfach verlieren, dauerhaft außerhalb der Werkstätten integriert werden.

Ein Baustein von vielen

Wichtig ist schließlich, dass die Unterstützte Beschäftigung keinesfalls als isolierte Maßnahme angesehen werden darf. So haben praktische Erfahrungen gezeigt, dass schon die schulische Vorbereitung in der Förderschule eine ganz wichtige Bedeutung hat. Für eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt müssen bereits dort die Weichen gestellt werden und es muss frühzeitig erkannt werden, wer sich für eine Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt eignet. Die Bemühungen dürfen nicht erst mit der Unterstützten Beschäftigung nach der Schulentlassung einsetzen. Die verschiedenen gesetzlichen Leistungsträger sollen ihre Zusammenarbeit und weitere Details des neuen Angebots der Unterstützten Beschäftigung in einer „Gemeinsamen Empfehlung“ auf der Ebene der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation vereinbaren.

Vorhandene Strukturen nutzen

Da das Gesetz sehr allgemein gehalten ist, bedarf es sicher noch näherer Abstimmung über die genaue Bestimmung der behinderten Menschen, die zur Zielgruppe gehören. Geklärt werden muss auch, welche Träger beauftragt werden. Die Integrationsämter wollen vermeiden, dass es im Hinblick auf die schon vorhandene Struktur der Integrationsfachdienste in Deutschland, für die sie im Jahr bereits rund 64 Millionen Euro ausgeben, zu Doppelstrukturen kommt. Eine völlig neue Landschaft von Anbietern Unterstützter Beschäftigung hätte auf die vorhandenen Integrationsfachdienste gravierende Auswirkungen. Wo leistungsfähige Integrationsfachdienste vorhanden sind, setzen die Integrationsämter daher auf Kontinuität.

ZB Online

Alle Ausgaben
Aktuelle Ausgabe
2019 2018 2017 2016
2015 2014 2013 2012
2011 2010 2009 2008
2007 2006 2005

Wichtiger Hinweis:
Die Artikel im ZB-Archiv geben die jeweils gültige Rechtslage zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder. Bei Unklarheiten wenden Sie sich bitte an Ihr zuständiges Integrationsamt.