| Bild: Titel ZB 4/2006 |
ZB 4-2006

Behinderte junge Menschen

Schule trifft Arbeitswelt

Behinderten Schülern den Einstieg ins Arbeitsleben erleichtern: Mit diesem Ziel haben die Anna-Freud-Schule in Köln, eine Förderschule für körperbehinderte junge Menschen, und die Kaufhof Warenhaus AG eine besondere Partnerschaft geschlossen.

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ZB 4/2006

Behinderte junge Menschen

Schule trifft Arbeitswelt

Behinderten Schülern den Einstieg ins Arbeitsleben erleichtern: Mit diesem Ziel haben die Anna-Freud-Schule in Köln, eine Förderschule für körperbehinderte junge Menschen, und die Kaufhof Warenhaus AG eine besondere Partnerschaft geschlossen.

 

"Keine Entspannung auf dem Ausbildungsmarkt“, so das Fazit der Bundesagentur für Arbeit bei der Veröffentlichung der Bilanz des Berufsberatungsjahres 2005/2006. Knapp 50.000 Bewerber waren danach im September 2006 noch ohne Ausbildungsplatz. Wie viele davon behindert sind, verrät die Statistik nicht. Tatsache ist aber, dass im Konkurrenzkampf um betriebliche Ausbildungsplätze Jugendliche mit einer Behinderung einen schweren Stand haben. Lediglich rund 4.900 werden in Betrieben ausgebildet.* Ihr Anteil an allen Ausbildungsplätzen liegt bei etwa einem Prozent.

Für viele behinderte Jugendliche ist eine Berufsausbildung in einer außerbetrieblichen Einrichtung, zum Beispiel in einem Berufsbildungswerk, die einzige Möglichkeit. Nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Betriebspraxis bleibt es für sie nach der Ausbildung schwierig, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Es tut sich was

Mangelndes Wissen über Behinderungen, ihre Auswirkungen und den Umgang damit sowie eine grundsätzliche Skepsis, was die Leistungsfähigkeit von behinderten Menschen angeht, sind nach wie vor wichtige Einstellungshemmnisse. Viele Schulen sind sich dessen bewusst und unternehmen besondere Anstrengungen, ihre behinderten Schüler auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Sie knüpfen zum Beispiel Kontakte zu potenziellen Ausbildungsbetrieben, Ausbildungsbetrieben, informieren sich über die Erwartungen der Arbeitgeber und die Anforderungen im Beruf und betreiben Aufklärungsarbeit, damit behinderte Schüler zum Beispiel in Bewerbungsverfahren die gleichen Chancen erhalten wie nicht behinderte Bewerber.

Andererseits gibt es Betriebe, die behinderte junge Menschen ausbilden oder beschäftigen wollen, aber keine (geeigneten) Bewerber mit einer Behinderung finden.

Gemeinsam etwas bewegen

Anstatt zu resignieren oder die Schuld bei anderen zu suchen, wollen sich immer mehr Schulen und Betriebe gemeinsam für behinderte junge Menschen stark machen. An diesem Punkt setzt die Initiative „Schule trifft Arbeitswelt“ des Integrationsamtes beim Landschaftsverband Rheinland in Köln an. Sie möchte Kontakte zwischen Schulen für behinderte Menschen und Betrieben in der Region vermitteln und Projekte anbahnen, die den Übergang behinderter junger Menschen von der Schule in den Beruf fördern.

So initiierte das Integrationsamt im Dezember 2005 ein Treffen zwischen sechs Schulleitern von Förderschulen für behinderte Menschen und sieben Arbeitgebern der Region. Darunter die Anna-Freud- Schule in Köln – die einzige Förderschule in Deutschland, die körperbehinderte Schüler bis zum Abitur führt – und Vertreter der Kaufhof Warenhaus AG. Gastgeber des Treffens war die Anna-Freud-Schule, deren Schulleiter, Ludwig Gehlen, das Projekt unterstützt. Aus diesem ersten Kontakt entwickelte sich schnell die Idee einer Partnerschaft.

Projekt "Lernpartnerschaft"

Kaufhof beschäftigt rund 25.000 Mitarbeiter in 130 Filialen bundesweit und in 15 Filialen in Belgien. Insgesamt erlernen dort etwa 1.800 Auszubildende einen Beruf. Mit dem Ziel, den Nachwuchs stärker zu fördern, hat das Unternehmen vor sieben Jahren begonnen, sich direkt an Schulen zu wenden, um junge Menschen für das Berufsfeld „Einzelhandel” zu begeistern und für das Unternehmen zu gewinnen. Dies geschieht im Rahmen von so genannten Lernpartnerschaften, die jeweils zwischen einer Kaufhof-Filiale und einer Schule in der Nähe geschlossen werden. Dabei sollen Betrieb und Schule zusammenwachsen und von einem kontinuierlichen Erfahrungsaustausch profitieren.

Bis zum Herbst 2005 waren so bundesweit 49 Lernpartnerschaften entstanden. Wieso sollte dieses Konzept nicht auch mit einer Schule für behinderte Jugendliche funktionieren? So fragte man sich im Unternehmen und sah in einer solchen Kooperation auch ein Stück soziale Verantwortung. Die Anna-Freud-Schule schien der ideale Partner dafür zu sein.

Praktikum der besonderen Art

Wie bei jeder neuen Lernpartnerschaft folgten auf das Kennenlernen der Partner mehrere Treffen, bei denen gemeinsam Ideen entwickelt wurden: Wie kann unsere Zusammenarbeit konkret aussehen? Lässt sich das alles auch praktisch umsetzen?
Schließlich vereinbarten das Unternehmen und die Schulleitung der Anna-Freud-Schule, dass im kommenden Jahr vier Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit erhalten, in drei verschiedenen Kaufhof- Filialen und im Zentralen Abruflager in Frechen ein dreiwöchiges Praktikum zu absolvieren.

Das Besondere: Die Schüler werden gemeinsam von Lehrern und Kaufhof-Mitarbeitern intensiv vorbereitet und begleitet. Die Schüler erhalten vom Betrieb ein individuelles Feedback: Wie können sie ihre Chancen auf einen der Ausbildungsplätze verbessern? Wo müssen sie noch an sich arbeiten? In der Schule werden die Jugendlichen dann bei Bedarf durch zusätzlichen Förderunterricht fit gemacht. Auch das Unternehmen profitiert von dieser Vorgehensweise: Für das Praktikum wählt die Schule diejenigen Schüler aus, die entsprechend den betrieblichen Anforderungen am besten geeignet erscheinen, und bereitet diese gezielt vor. Der Betrieb kann außerdem seine Kompetenzen im Umgang mit behinderten jungen Menschen erweitern.

Einsatz gefragt

An der Lernpartnerschaft sind viele „Mitspieler“ beteiligt. Der Erfolg hängt im Wesentlichen von ihrem Engagement ab: Schüler, Lehrer, Eltern, Ausbilder oder Personalentwickler, Kollegen im Betrieb. Die Zusammenarbeit zwischen der Anna-Freud-Schule und der Kaufhof Warenhaus AG steht erst am Beginn. In einem Jahr werden die Erfahrungen gemeinsam ausgewertet. Daraus lernen können nicht nur die Beteiligten, sondern alle, die das Projekt in dieser und den folgenden drei Ausgaben der ZB mitverfolgen werden.


* laut Statistik aus dem Anzeigeverfahren gemäß §80 Abs. 2 SGB IX für das Jahr 2004

ZB 4/2006

DIE LERNPARTNERSCHAFT ...
... umfasst mehrere Bausteine:

• Schnuppertag in der Schule für Betriebsvertreter
• Elternforum zur Berufswahlentscheidung
• Betriebsbesichtigung für Lehrer
• Schnuppertage im Betrieb für die Schüler
• Vorbereitung des Praktikums
• 3-wöchiges Praktikum mit Feedbackgespräch
• konkrete Informationen zur Berufsausbildung
• Erfahrungsaustausch und Festlegung neuer Maßnahmen

ZB 4/2006

STATEMENTS

„Im Gegensatz zu den üblichen Betriebspraktika besteht die Lernpartnerschaft zwischen Schule und Unternehmen aus mehreren Bausteinen und verlangt von allen Beteiligten besonderes Engagement.“
Ludwig Gehlen, Schulleiter der Anna-Freud-Schule – Rheinische Förderschule, Förderschwerpunkt Körperliche und motorische Entwicklung, Sekundarstufe I und II – in Köln


„Von der Lernpartnerschaft profitieren alle: Die Schüler verbessern ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz, die Lehrer erfahren mehr über die Anforderungen in der Arbeitswelt und das Unternehmen bekommt guten Nachwuchs.“
Ulrich Köster, Leitung Personal und Sozialpolitik/Recht, Kaufhof Warenhaus AG


„Sich begegnen, sich kennen lernen – das ist die Idee von ,Schule trifft Arbeitswelt’. Das Integrationsamt möchte Kontakte vermitteln, um den Übergang behinderter junger Menschen von der Schule in den Beruf zu fördern.“
Dr. Helga Seel, Leiterin des Integrationsamtes beim Landschaftsverband Rheinland in Köln

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Schule trifft Arbeitswelt

Serie - Teil 1: Eine große Chance ...

Katharina Aßenmacher und Alexander Szabados von der Anna-Freud-Schule in Köln – einer weiterführenden Schule für körperbehinderte Menschen – wurden für ein Betriebspraktikum bei der Kaufhof Warenhaus AG ausgewählt. Die ZB begleitet die Schüler ein Jahr lang.

Die Schulband „Freudscher Verspieler“ macht Musik. Denn heute – es ist der 30. August 2006 – gibt es einen Grund zum Feiern: Die Anna-Freud-Schule für körperbehinderte Menschen in Köln und die Kaufhof Warenhaus AG werden offiziell Partner. Im kommenden Jahr absolvieren vier Schüler nach entsprechender Vorbereitung durch die Schule und das Unternehmen ein Betriebspraktikum in drei Kaufhof-Filialen und dem Zentralen Abruflager in Frechen bei Köln – unter ihnen Alexander Szabados und Katharina Aßenmacher.

Die 15-jährige Schülerin und ihr zwei Jahre älterer Klassenkamerad gehen in die 9. Klasse, ihr vorletztes Schuljahr. Alexander Szabados hat Schwierigkeiten mit der Feinmotorik und der räumlichen Orientierung. Katharina Aßenmacher ist hörbehindert. Außerdem ist ihr Gang je nach Tagesform unsicher und etwas verlangsamt.

Insgesamt besuchen rund 260 behinderte Schülerinnen und Schüler aus Nordrhein-Westfalen und den angrenzenden Bundesländern die Ganztageseinrichtung, deren Bildungsangebot von der Fachoberschulreife bis zum Abitur reicht. Die Anna-Freud-Schule fördert junge Menschen mit körperlichen Behinderungen sowie chronischen und psychosomatischen Erkrankungen. Bei vielen Schülern stehen neben dem Unterricht daher auch regelmäßige Behandlungstermine in der therapeutisch-pflegerischen Abteilung der Schule auf dem Stundenplan.

Partnerschaft mit Kaufhof

In der Leseecke der Bibliothek haben es sich einige Schüler mit ihren Büchern bequem gemacht. Im „Schülertreff“ wird die Musik aufgedreht. Auf dem Pausenhof jagen zwei Jungen einem Fußball hinterher … Alexander Szabados und Katharina Aßenmacher fühlen sich wohl hier. Doch manchmal denken sie auch daran, was wohl sein wird, wenn sie in eineinhalb Jahren mit ihrer Fachoberschulreife,dem mittleren Bildungsabschluss nach Klasse 10, die Schule verlassen.

Die Vorbereitung auf das Berufsleben nimmt in der Anna-Freud-Schule seit jeher einen hohen Stellenwert ein. Zentraler Baustein der Berufsorientierung ist das dreiwöchige Betriebspraktikum, das in Klasse 9 stattfindet. „Unsere Schüler sollen dabei erste Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln“, erklärt Ludwig Gehlen, der seit 1981 an der Schule unterrichtet und vor sechs Jahren die Schulleitung übernommen hat. Ein Betriebspraktikum der besonderen Art bietet die Partnerschaft mit der Kaufhof Warenhaus AG, die im vergangenen Jahr auf Vermittlung des Integrationsamtes beim Landschaftsverband Rheinland in Köln entstanden ist.

Das Unternehmen bereitet sich vor

Unternehmen und Schule vereinbarten zunächst, in einem überschaubaren Rahmen mit vier Betriebspraktika zu starten. Im Frühjahr 2006 wurden die einzelnen Schritte, zum Beispiel Schnuppertage in Schule und Betrieb, geplant und die ersten Vorbereitungen für das Praktikum begannen.

Die Unternehmenszentrale wandte sich an verschiedene Filialen und die Geschäftsführer klärten, ob in ihren Betrieben ein Praktikum stattfinden kann: Sind Kapazitäten vorhanden, die behinderten Schüler zu betreuen? Wer ist interessiert und sensibel im Umgang mit Behinderungen? Welche Arbeitsbereiche ermöglichen einen sanften Einstieg? Schließlich fanden sich drei Praktikumsplätze „Kaufmann/Kauffrau im Einzelhandel“ in den Kaufhof- Filialen Köln/Hohe Straße, Köln-Weiden und Leverkusen. Hinzu kam ein Praktikumsplatz „Fachkraft für Lagerlogistik“ im Zentralen Abruflager in Frechen.

Auswahl der Schüler

Alexander Szabados fährt sich durch den blonden Schopf. Ob er sich vorstellen könne, ein Praktikum bei Kaufhof zu machen, hat ihn die Berufswahlkoordinatorin der Schule, Gabriele Elias-Prohl, gefragt. Klar hätte er Lust dazu! Auch Katharina Aßenmacher fand den Vorschlag verlockend, wenngleich sie noch nicht weiß, was sie später einmal beruflich machen will.

Bei der Auswahl standen zunächst die körperliche Eignung und Belastbarkeit im Vordergrund, so die Lehrerin. Welche Voraussetzungen die Schüler für das Praktikum mitbringen müssen, darüber hatte das Unternehmen die Schule schon informiert: „Der Praktikant oder die Praktikantin sollte keinen Rollstuhl und keine Assistenz benötigen, häufiges Stehen und Gehen bewältigen und sich sprachlich angemessen artikulieren können. Eine mittlere Seh- und Hörbehinderung ist möglich."

Auf der anderen Seite erfuhr der Betrieb, was beim Umgang mit den behinderten Jugendlichen zu beachten ist: Die Orientierungsprobleme von Alexander Szabados nehmen ab, wenn man ihm Gelegenheit gibt, sich mit den Räumlichkeiten am Arbeitsplatz vertraut zu machen. Die feinmotorischen Störungen tauchen überwiegend in Stresssituationen auf und verschwinden mit zunehmender Sicherheit. Die Schwerhörigkeit von Katharina Aßenmacher ist kein Problem, wenn der Gesprächspartner die junge Frau von vorne sowie angemessen laut und deutlich anspricht.

„Die beiden sind auch von ihren schulischen Leistungen und vor allem von ihrer Persönlichkeit her bestens geeignet“, erklärt Gabriele Elias-Prohl. „Katharina und Alexander können auf Menschen zugehen. Sie sind freundlich, zuverlässig und kommunikativ. Eigenschaften, die im Verkauf besonders wichtig sind.“

Schnuppertage

Kurz vor den Osterferien fand das Elternforum statt – ein Informationsabend für die Eltern der Schüler, die in die engere Wahl kamen. Der Schulleiter: „Die Eltern haben eine wichtige Aufgabe. Sie begleiten ihre Kinder auf dem Weg in den Beruf,beraten und ermutigen sie.“


Der Projektplan sah als nächstes wechselseitige Treffen in der Schule und in den Betrieben vor, damit sich die Beteiligten persönlich kennen lernen konnten. Anfang Juni besuchten die Geschäftsführer und Ausbildungsleiter der Filialen die Schule. Kurz danach kamen die Schüler mit ihren Lehrern zum Gegenbesuch in die Betriebe und wurden dort den zukünftigen „Kollegen“ vorgestellt.

In den folgenden Sommerferien verbrachten Alexander Szabados und Katharina Aßenmacher zwei Schnuppertage in „ihren“ Filialen. „Es war total klasse! Ich bin mit offenen Armen empfangen worden“, schwärmt Katharina Aßenmacher. Alexander Szabados nickt und grinst: „Nur die Füße haben abends weh getan!“


WIE ES WEITER GEHT ...
In der 2. Folge: Was die Schüler an ihren Schnuppertagen erlebt haben. Wie Lehrer und Betriebsmitarbeiter voneinander lernen ...

| Bild: Junger Mann mit Behinderung bei der Arbeit |

Job 4000

Neues Arbeitsmarktprogramm ab 2007

Ein Programm zur Verbesserung der beruflichen Integration behinderter Menschen soll insgesamt 4.000 besonders betroffenen Menschen, vor allem Schulabgängern, zu einem neuen Job verhelfen.

| Bild: Junger Mann mit Behinderung bei der Arbeit |
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Job 4000

Neues Arbeitsmarktprogramm ab 2007

Ein Programm zur Verbesserung der beruflichen Integration behinderter Menschen soll insgesamt 4.000 von ihrer Behinderung besonders betroffenen Menschen, vor allem Schulabgängern, zu einem neuen Job verhelfen.

Arbeit, Ausbildung und Unterstützung: Das sind die drei Säulen, auf denen das neue Beschäftigungsprogramm „Job 4000“ der Bundesregierung beruht. Es tritt am 1. Januar 2007 in Kraft und endet am 31. Dezember 2013. Mit diesem Arbeitsmarktprogramm soll die berufliche Integration schwerbehinderter Menschen gezielt vorangetrieben werden, indem zum Beispiel mehr Arbeitsplätze außerhalb von Werkstätten für behinderte Menschen geschaffen werden. Vor allem sollen die Chancen behinderter Menschen, die große Schwierigkeiten haben, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, wie etwa von ihrer Behinderung besonders betroffene Menschen, schwerbehinderte Jugendliche und Schulabgänger, auf Arbeits- und Ausbildungsplätze verbessert sowie behinderten jungen Menschen der Übergang von der Schule auf den allgemeinen Arbeitsmarkt erleichtert werden.

Voraussetzung: Mittel aus den Ländern

„Job 4000“ ist ein Arbeitsmarktprogramm, das aus dem Ausgleichsfonds finanziert wird, in den auch ein Teil der Ausgleichsabgabe abgeführt wird. Die Mittel der Ausgleichsabgabe werden vor allem für die Integration schwerbehinderter Menschen in den allgemeinen Arbeitsmarkt verwendet. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bietet mit dem Programm „Job 4000“ ergänzende Mittel aus dem Ausgleichsfonds an, um die Beschäftigungssituation von ihrer Behinderung besonders betroffener Menschen zu verbessern. Vorausgesetzt die Bundesländer stellen Mittel in vergleichbarer Höhe bereit.

Die Bundesagentur für Arbeit sowie die nach Hartz IV zuständigen Träger – die ARGEn oder die optierenden Kommunen – werden ebenfalls die durch „Job 4000“ geförderten Betriebe und behinderten Arbeits- oder Ausbildungssuchenden gezielt und wirkungsorientiert fördern – entsprechend ihrer Möglichkeiten nach dem Sozialgesetzbuch (SGB) III.

Welche konkreten Ziele hat das Programm "Job 4000"?

Ziel 1: 1.000 neue Arbeitsplätze
Es sollen mindestens 1.000 neue Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt für besonders betroffene schwerbehinderte Menschen geschaffen werden. Zur Zielgruppe gehören beispielsweise schwerbehinderte Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung oder Menschen mit einer geistigen Behinderung oder seelischen Erkrankung. Diese neuen Arbeitsplätze werden bis zu fünf Jahre gefördert – mit bis zu 36.000 Euro. Art und Höhe werden dem Einzelfall entsprechend festgelegt. Ziel ist: die geförderten Arbeitsplätze dauerhaft zu erhalten und die Zahl der schwerbehinderten Beschäftigten in den Betrieben zu erhöhen.

Ziel 2: 500 neue Ausbildungsplätze
Für schwerbehinderte Jugendliche sollen mindestens 500 neue betriebliche Ausbildungsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gefördert werden. Arbeitgeber, die neue betriebliche Ausbildungsplätze für schwerbehinderte Menschen schaffen, erhalten pro Ausbildungsplatz eine Prämie von maximal 3.000 Euro zu Beginn der Ausbildung und bis zu 5.000 Euro nach Abschluss der Ausbildung und gleichzeitiger Übernahme in ein unbefristetes oder 2.500 Euro bei Übernahme in ein befristetes sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis. Vorausgesetzt die wöchentliche Arbeitszeit beträgt im Jahresdurchschnitt mindestens 15 Stunden. Ziel ist: die Zahl der schwerbehinderten Auszubildenden in Betrieben zu erhöhen und die Betroffenen in ein dauerhaftes Beschäftigungsverhältnis zu bringen.

Ziel 3: 2.500 Vermittlungen in Ausbildungs- oder Arbeitsplätze
Mindestens 2.500 schwerbehinderte Menschen, insbesondere schwerbehinderte Schulabgänger, sollen mit Hilfe der Integrationsfachdienste in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden. Den Integrationsfachdiensten wird die Möglichkeit gegeben, sich bereits in der Berufsorientierungsphase zu beteiligen. Pro „Betreuung und Unterstützung“ erhalten die Integrationsfachdienste bis zu 250 Euro im Monat. Ziel ist: eine dauerhafte berufliche Eingliederung.

Finanzierung: Bund und Länder

Das Projekt „Job 4000“ wird mit insgesamt 31,25 Millionen Euro aus der Ausgleichsabgabe vom Bund finanziert. Dafür stehen für die Schaffung von 1.000 neuen Arbeitsplätzen 18 Millionen Euro, für die Schaffung von 500 neuen Ausbildungsplätzen zwei Millionen Euro zur Verfügung und die Integrationsfachdienste erhalten für die Integration von 2.500 schwerbehinderten Menschen in den allgemeinen Arbeitsmarkt 11,25 Millionen Euro. Diese Mittel werden auf die einzelnen Bundesländer verteilt – nach dem Schlüssel,der im Jahre 2006 dem vorgenommenen Finanzausgleich zugrunde liegt. Die Bundesländer stellen für die Laufzeit des Arbeitsmarktprogrammes „Job 4000“ Finanzmittel in vergleichbarer Höhe zur Verfügung.

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WAS IST ... ?

... der Ausgleichsfonds?
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales verwaltet den so genannten Ausgleichsfonds. Er wird für überregionale Vorhaben zur Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben benötigt. Seine Mittel erhält er von den Integrationsämtern: Sie führen 30 Prozent des Aufkommens der Ausgleichsabgabe an den Fonds ab.

... zu verstehen unter „von ihrer Behinderung besonders betroffenen schwerbehinderten Menschen“?
Hierbei handelt es sich zum Beispiel um behinderte Menschen, die einen besonderen Bedarf an arbeitsbegleitender Betreuung haben, insbesondere um geistig oder seelisch behinderte Menschen sowie um Menschen mit einer schweren Sinnes-, Körper- oder Mehrfachbehinderung.

| Bild: Logo der BIH |
Integrationsämter

Die BIH stellt sich vor

Wer wir sind und was wir machen: die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen – BIH.

| Bild: Logo der BIH |
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Integrationsämter

Die BIH stellt sich vor

Wer wir sind und was wir machen: die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen – BIH.

Die Wurzeln der BIH gehen zurück bis ins Jahr 1919. Damals entstanden die ersten staatlichen Hauptfürsorgestellen, die sich im gleichen Jahr zur Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Hauptfürsorgestellen zusammengeschlossen haben. Ihnen oblag nach dem Ersten Weltkrieg die Fürsorge für die Kriegsbeschädigten und die Hinterbliebenen der Kriegsopfer. Sie waren auch zuständig für die Förderung der Beschäftigung von (durch den Krieg) Schwerbeschädigten.

Entwicklung

Ein Meilenstein in der weiteren Entwicklung war das „Gesetz zur Sicherung der Eingliederung Schwerbehinderter in Arbeit, Beruf und Gesellschaft“ von 1974 – das Schwerbehindertengesetz. Es basierte auf den gesetzlichen Grundlagen von 1919, entsprach jedoch dem modernen Gedanken einer umfassenden Rehabilitation aller behinderten Menschen – unabhängig von der Ursache ihrer Behinderung.
Im Juli 2001 wurde das Schwerbehindertengesetz novelliert und in das neu geschaffene Sozialgesetzbuch IX integriert. Damit verbunden war auch eine Trennung der Aufgaben: Die „neuen“ Hauptfürsorgestellen sind seither für die Kriegsopferfürsorge zuständig. Die damals neu geschaffenen Integrationsämter fördern die Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben. Ihr gemeinsamer Dachverband ist die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH).

Organisation

Mitglieder der BIH sind heute 17 Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, die teils staatlich, teils kommunal organisiert sind. Vorsitz und Geschäftsführung der BIH liegen jeweils für mehrere Jahre bei einem der großen Integrationsämter (früher: Hauptfürsorgestellen) – seit 1994 beim Integrationsamt des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales Baden-Württemberg in Karlsruhe. Innerhalb der BIH arbeiten Experten in den Arbeitsausschüssen Schwerbehindertenrecht, Kriegsopferfürsorge sowie Information und Bildung. Darüber hinaus gibt es die Unterausschüsse Technische Beratungsdienste, Integrationsbegleitung, Hörbehinderte und EDV-System.

Leistungen

Die BIH erbringt für ihre Mitglieder eine Vielzahl von Dienstleistungen. Dazu gehören Fortbildungsveranstaltungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Integrationsämter. Darüber hinaus entwickelt die BIH EDV-Programme im Schwerbehindertenrecht, die allen Integrationsämtern zur Verfügung stehen. Auch Schulungskonzepte werden zusammen erarbeitet und umgesetzt. Die Zeitschrift „ZB Behinderte Menschen im Beruf", zahlreiche Broschüren und der Internetauftritt „www.integrationsaemter. de” sind Beispiele für die gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit unter dem Dach der BIH. All diese Dienstleistungen sparen den Mitgliedern erhebliche Kosten und ermöglichen eine einheitliche, gute Qualität des Angebots der Integrationsämter. Die Bundesarbeitsgemeinschaft vertritt die Integrationsämter und die Hauptfürsorgestellen unter anderem im Beirat für die Teilhabe behinderter Menschen beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie im Beratenden Ausschuss bei der Bundesagentur für Arbeit. Sie nimmt ferner die Interessen ihrer Mitglieder in anderen Fachgremien auf Bundesebene wahr.

 

ZIELE DER BIH

 



Vorstand der BIH, im Oktober 2006 in Kassel von den Mitgliedern der BIH im Amt bestätigt (von links): Ulrich Adlhoch und Dieter Jansing (beide Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Münster), Vorsitzender Karl-Friedrich Ernst (Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg, Karlsruhe), Jürgen Dusel (Landesamt für Soziales und Versorgung Brandenburg, Cottbus), Dr. Helga Seel (Landschaftsverband Rheinland, Köln), Walter Pohl (Landeswohlfahrtsverband Hessen, Kassel)

 

| Bild: Eine Arbeitsassistenz reicht Unterlagen an |
Forschungsprojekt

Arbeitsassistenz

Die Leistung Arbeitsassistenz verbessert die beruflichen Chancen schwerbehinderter Menschen – so die Einschätzung von Betroffenen, die im Rahmen einer Studie befragt wurden.

| Bild: Eine Arbeitsassistenz reicht Unterlagen an |
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Forschungsprojekt

Arbeitsassistenz

Die Leistung Arbeitsassistenz verbessert die beruflichen Chancen schwerbehinderter Menschen – so die Einschätzung von Betroffenen, die im Rahmen einer Studie befragt wurden.

Im Februar 2004 startete das Forschungsprojekt „Arbeitsassistenz zur Teilhabe“, das vom Integrationsamt des Landschaftsverbandes Rheinland in Köln in Zusammenarbeit mit der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen, BIH, durchgeführt wurde. Ziel der Studie war es zu überprüfen, ob und unter welchen Voraussetzungen eine Arbeitsassistenz* die beruflichen Chancen von schwerbehinderten Menschen verbessert und wie die Umsetzung der Leistung durch die Integrationsämter verläuft.

Die vorbereitenden Arbeiten wurden vom Integrationsamt in Köln übernommen, unterstützt durch eine von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesagentur für Arbeit finanzierte Stelle. Das Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung an der Universität Hannover – ies – führte die Studie durch. Nach einer quantitativen Auswertung von 445 Fragebögen folgte eine telefonische Befragung von 126 Assistenznehmerinnen und Assistenznehmern, 81 Assistenzkräften und 50 Arbeitgebern von schwerbehinderten Menschen. Der Abschlussbericht mit den Ergebnissen der Befragung liegt nun vor.

Zahlen und Fakten

Die steigende Zahl von Antragstellern seit der Einführung eines Rechtsanspruchs auf Arbeitsassistenz im Oktober 2000 spiegelt das zunehmende Interesse an diesem Instrument wider. Von 2002 bis 2004war ein Anstieg von über 100 Prozent auf 878 Leistungsempfänger zu verzeichnen.**

Bei den befragten Assistenznehmern handelt es sich in der Mehrzahl um Männer (59,5 Prozent) mit einer Sehbehinderung (40,5 Prozent) oder einer Körperbehinderung (38,1 Prozent) im Alter zwischen 35 und 54 Jahren. Insgesamt weisen die Assistenznehmer ein hohes Bildungs- und Ausbildungsniveau auf. Eine beachtliche Anzahl von Assistenznehmern befindet sich in einer leitenden Position; viele sind selbstständig. Der bevorzugte Arbeitssektor ist der Dienstleistungsbereich. Die meisten Befragten sind im Öffentlichen Dienst beschäftigt und arbeiten 30 oder mehr Stunden in der Woche. Die Tätigkeitsfelder liegen zum Beispiel im pädagogischen, juristischen oder verwaltungstechnischen Bereich.
Knapp drei Viertel der Assistenzkräfte sind Frauen.

Bei den Hilfeleistungen, die von einer Assistenzkraft erbrachtwerden, handelt es sich um Tätigkeiten, die die eigentliche Kernarbeit des Assistenznehmers unterstützen. Das Spektrum reicht dabei von Mobilitätsassistenz, über Anreichen von Dingen und Büroorganisation bis zu Vorlesen von Texten und Unterstützung bei gezielter Kontaktaufnahme zu Kunden oder Arbeitskollegen.

Positive Gesamtbewertung

Die Möglichkeit, eine Arbeitsassistenz in Anspruch nehmen zu können, wird von den Assistenznehmern und Assistenznehmerinnen sehr begrüßt und positiv bewertet. Nach Einschätzung von fast 60 Prozent der Befragten, die bei vielen auf jahrelangen Erfahrungen im Erwerbsleben beruht, verbessern sich die Chancen von schwerbehinderten Menschen auf dem Arbeitsmarkt durch eine Arbeitsassistenz sehr. Hinsichtlich der Chancen auf einen Ausbildungsplatz fällt die Einschätzung noch positiver aus. Als Begründungen wurden zum Beispiel genannt.

 

Die Arbeitgeber bestätigen die positive Einschätzung, auch wenn sie sich insgesamt zurückhaltender zeigen: 48 Prozent sind der Meinung, dass durch eine Arbeitsassistenz die Chancen schwerbehinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt deutlich steigen. Sie geben an, dass die Bereitschaft,schwerbehinderte Menschen mit einer Assistenzkraft einzustellen, wächst, wenn gängige Vorbehalte, zum Beispiel hinsichtlich der Leistungsfähigkeit von Menschen mit Behinderungen sowie des organisatorischen Aufwands einer Arbeitsassistenz, durch positive Erfahrungen ausgeräumt werden können. Mit der Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Arbeitsassistenz sind zwei Drittel der Assistenznehmerinnen und Assistenznehmer zufrieden. Weitere 20 Prozent sind teilweise zufrieden.

Bewertung der Umsetzung

Das Interesse der Integrationsämter galt auch der Umsetzung. Die Befragung erbrachte sowohl Bestätigung als auch Kritik an der Umsetzung der Leistung Arbeitsassistenz.
So wurde zum Beispiel das Antragsverfahren als zu kompliziert und zu aufwändig beschrieben. Im Gegensatz dazu wird die Beratung durch das Integrationsamt überwiegend als hilfreich und qualitativ gut bewertet.
Die Bearbeitungsdauer der Anträge erscheint den meisten Assistenznehmern zu lang und damit der angespannten Arbeitsmarktsituation nicht angemessen. Tatsächlich aber dauert die Bearbeitung der Anträge bei mehr als 60 Prozent der Antragstellenden nur bis zu drei Monaten, womit den Empfehlungen der BIH gefolgt wird. Die Gründe für eine längere Bearbeitungszeit sind unterschiedlich und sowohl auf Bearbeitungsseite als auch bei den Antragstellenden zu suchen, wenn zum Beispiel erforderliche Unterlagen fehlen.
Die Nachweispflicht wird als „viel zu aufwändig“ und „lästig“ empfunden. Die Assistenznehmer haben je nach Kostenträger und Bundesland Nachweise, wie Stundenzettel, Quittungen oder Überweisungsbelege, zu erbringen.
Die Uneinheitlichkeit der Umsetzung des Rechtsanspruchs je nach Kostenträger und Bundesland irritiert und verärgert die Antragsteller. Offensichtlich gestalten sich der Entscheidungsspielraum und die Umsetzungspraxis in unterschiedlicher Weise.
Obwohl das Prinzip der Einzelfallentscheidung in der Antragsbearbeitung gilt, scheint bei mehr als 15 Prozent der Assistenznehmer ein anderer Eindruck vorzuherrschen. Sie fordern eine „Budgetierung nach individuellem Bedarf“.
Das bewilligte Budget entspricht in den meisten Fällen, bei über 60 Prozent der Antragstellenden, genau der beantragten Höhe und wird mehrheitlich als ausreichend bewertet.

Wertvolle Rückmeldung

Mit den Ergebnissen der Studie haben die Integrationsämter eine wertvolle Rückmeldung bekommen. Die Studie bestätigt,dass sich Arbeitsassistenz als ein geeignetes Instrument der Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben erwiesen hat. Die im Abschlussbericht enthaltenen Empfehlungen zielen vor allem auf eine Vereinfachung des Verfahrens. Die Integrationsämter werden sich in einem Workshop eingehend mit den Ergebnissen der Studie auseinandersetzen und aus den Schlussfolgerungen ableiten, wo sich Verbesserungsbedarf bei der Anwendung des Instrumentes ergibt. Da, wo die Studie die Annahmen bestätigt, wird es um die Stärkung des Ansatzes gehen.



* Darunter fällt nicht die personelle Unterstützung,wie sie in vielen Fällen von den Betrieben und Dienststellen zur Verfügung gestellt wird und für die Arbeitgeber finanzielle Leistungen des Integrationsamtes erhalten.
** laut Jahresbericht der BIH 2004/2005

| Bild: Paragrafen |

Recht

  • Kündigungsschutz bei Gleichstellung
  • Wiedereingliederung mit ärztlichem Plan

ZB 4/2006

Gleichstellung

Kündigungsschutz

Leitsatz: Stellt ein behinderter Arbeitnehmer vor Ausspruch einer Kündigung einen Antrag auf Gleichstellung,so greift der gesetzliche Sonderkündigungsschutz selbst im Falle der rückwirkenden Stattgabe des Antrages frühestens drei Wochen nach Antragstellung ein. (nicht amtlicher Leitsatz)
LAG Rheinland-Pfalz, Urteil vom 12.10.2005 - 10 Sa 502/05 – in br 5/2006, S. 140 ff.

Anmerkung:
Grundsätzlich bedarf die Kündigung eines Arbeitsverhältnisses mit einem schwerbehinderten oder gleichgestellten Arbeitnehmer durch den Arbeitgeber der vorherigen Zustimmung des Integrationsamtes. Im vorliegenden Fall war bei der Arbeitnehmerin bei Ausspruch der Kündigung ein Grad der Behinderung von 40 festgestellt worden. Sie war zu diesem Zeitpunkt schwerbehinderten Menschen nicht gleichgestellt.

Mit Schreiben vom 6.12.2004 kündigte daher der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit der Klägerin zum 31.3.2005 ohne vorherige Beantragung einer Zustimmung durch das Integrationsamtes. Die Klägerin hatte allerdings bereits mit Schreiben vom 3.12.2004, und damit vor Ausspruch der Kündigung, bei der zuständigen Bundesagentur für Arbeit einen Antrag auf Gleichstellung eingereicht.

Dieser Antrag wurde zunächst abgelehnt. Hiergegen legte die Klägerin Widerspruch ein. Die Bundesagentur für Arbeit hatte daraufhin dem Widerspruch der Klägerin mit Bescheid vom 7.4.2005 abgeholfen und damit dem Gleichstellungsantrag mit Wirkung vom 3.12.2004 stattgegeben. Die Klägerin hatte gegen die ihr ausgesprochene Kündigung Kündigungsschutzklage beim Arbeitsgericht erhoben und vorgetragen, dass diese mangels der Zustimmung durch das Integrationsamt unwirksam sei.

Das Arbeitsgericht folgte dieser Argumentation und gab der Klage statt. Die hiergegen vom Arbeitgeber eingelegte Berufung beim Landesarbeitsgericht (LAG) hatte allerdings Erfolg. In seiner Begründung stellt das Landesarbeitsgericht klar, dass die Kündigung des Arbeitsverhältnisses nicht der vorherigen Zustimmung des Integrationsamtes gemäß § 85 Sozialgesetzbuch (SGB) IX bedurfte. Der von der Klägerin geltend gemachte Sonderkündigungsschutz scheitert nach Überzeugung des Gerichtes vorliegend an § 90 Abs. 2a SGB IX.

Zunächst stellt das LAG fest, dass der Regelungsinhalt dieser nach allgemeiner Ansicht sprachlich und konzeptionell missglückten Vorschrift umstritten ist. Das Gericht urteilte, dass im vorliegenden Fall die Klägerin trotz der mit Bescheid der Bundesagentur für Arbeit vom 7.4.2005 mit Wirkung ab dem 3.12.2004 erfolgten Gleichstellung den Sonderkündigungsschutz nicht in Anspruch nehmen konnte. Dies folgt aus § 90 Abs. 2a SGB IX.

Zwar lässt sich ab dem Zeitpunkt der Antragstellung vom 3.12.2004 keine von der Klägerin zu vertretende Verzögerung des Gleichstellungsverfahrens feststellen. Aber der Sonderkündigungsschutz beginnt frühestens drei Wochen nach Abgabe des Antrages auf Gleichstellung. Dies ergibt sich aus § 68 Abs. 1 und 3 SGB IX in Verbindung mit § 14 SGB IX. Da zum Zeitpunkt des Ausspruchs der Kündigung der Sonderkündigungsschutz nicht eingriff, war die Kündigung rechtmäßig.

ZB 4/2006

Ärztlicher Plan

Wiedereingliederung

Leitsatz: Begehrt ein schwerbehinderter Arbeitnehmer die Wiedereingliederung in das Arbeitsleben,so muss ein ärztlicher Wiedereingliederungsplan vorhanden sein und vorgelegt werden. (nicht amtlicher Grundsatz) BAG, Urteil vom 13.6.2006 – 9 AZR 229/05

Anmerkung:
Nach dem geltenden Arbeits- und Sozialrecht ist ein Arbeitnehmer arbeitsunfähig, wenn er aufgrund einer Erkrankung nicht seine volle vertraglich vereinbarte Arbeitsleistung erbringen kann. Andererseits ist anerkannt, dass ein arbeitsunfähiger Arbeitnehmer trotz Erkrankung oft in der Lage ist, unter erleichterten Arbeitsbedingungen tätig zu sein und ihm durch eine allmähliche Steigerung der beruflichen Belastung die Rückkehr in den Beruf erleichtert wird. Die so genannte stufenweise Wiedereingliederung wird von den Krankenkassen und sonstigen Sozialleistungsträgern gefördert (§ 74 SGB V, § 28 SGB IX).

Im Fall der stufenweisen Wiederaufnahme der Arbeit erhält der arbeitsunfähige Arbeitnehmer weiterhin die ihm sozialrechtlich zustehenden Leistungen. Arbeitsrechtlich bedarf es einer gesonderten Vereinbarung. Für schwerbehinderte Arbeitnehmer regelt § 81 Abs.4 Satz 1 Nr.1 Sozialgesetzbuch (SGB) IX einen derartigen Beschäftigungsanspruch.

Befürwortet ein niedergelassener Arzt diesen Schritt, muss er für den wiedereinzugliedernden Mitarbeiter einen Wiedereingliederungsplan anfertigen. Im vorliegenden Rechtsstreit hatte ein Arbeitnehmer, der über 20 Jahre lang in einem Restaurant der gehobenen Klasse gearbeitet hatte, nach Eintritt einer Schwerbehinderung und mehrjähriger Arbeitsunfähigkeit seine stufenweise Wiedereingliederung für zunächst drei Stunden am Tag vom Arbeitgeber verlangt. Der Arbeitgeber lehnte dies ab. Die hiergegen geführte Klage blieb in allen Instanzen erfolglos.

Das Bundesarbeitsgericht stellte in seiner Entscheidung klar, dass die Basis der Wiedereingliederung die Feststellungen im ärztlichen Wiedereingliederungsplan sind. Dieser Plan muss nach der Rechtsprechung eine Prognose enthalten, wann die Arbeitsfähigkeit wieder hergestellt sein wird. An einem solchen aussagefähigen Wiedereingliederungsplan fehlte es im vorliegenden Rechtsstreit. Aus diesem Grunde hatte der schwerbehinderte Arbeitnehmer hier das Nachsehen.


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