| Bild: Titelbild ZB 2/2011 |

ZB 2-2011

Epilepsie

Ein überschätztes Risiko?

Erfahren Sie mehr über die Erkrankung und was im Beruf zu beachten ist.

Inhalt des Schwerpunkts:

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ZB 2/2011

Epilepsie

Ein überschätztes Risiko?

Verunsicherte Arbeitgeber sind oft der Grund, warum Epilepsie-Patienten ihren Job verlieren oder gar nicht erst bekommen. Dahinter steht vor allem die Angst vor Arbeitsunfällen. Fachkundige Beratung vor Ort könnte viele Beschäftigungsverhältnisse retten.

Menschen mit Epilepsie leiden nicht nur an ihrer Krankheit, sondern wesentlich stärker unter den Vorurteilen ihrer Mitmenschen. Früher war es der Aberglaube an eine dämonische Besessenheit, welche die Kranken verfemte. Heute sind es Vorurteile anderer Art, zum Beispiel, die Epilepsie sei eine Geisteskrankheit und werde vererbt. Obwohl diese Vorstellungen wissenschaftlich längst widerlegt sind, halten sie sich hartnäckig. Nur langsam gelingt es durch Aufklärung davon zu überzeugen, dass Epilepsien Krankheiten sind wie andere auch, mit milden und schweren Verläufen, und dass sie heute wirkungsvoll behandelbar sind und oft sogar ausgeheilt werden.

Mit Medikamenten und richtiger Lebensweise anfallsfrei

Etwa fünf Prozent der Bevölkerung erleiden mindestens einmal im Laufe
ihres Lebens einen epileptischen Anfall, ohne anfallskrank zu werden. Es handelt sich hierbei um Gelegenheitsanfälle, die durch einen bestimmten
Anlass ausgelöst werden, zum Beispiel durch Fieberkrämpfe, eine schwere Infektion, durch Alkohol oder Drogenentzug. Bei etwa einem Prozent der Bevölkerung treten diese Anfälle aber auch spontan immer wieder auf. Bei ihnen liegt eine Epilepsie vor. In Deutschland sind fast 800.000 Menschen betroffen.

Die typische Erscheinungsform einer Epilepsie ist der Anfall, ausgelöst durch eine Funktionsstörung des Gehirns. Die Ursachen sind vielfältig: Ein
Großteil der Epilepsien entsteht durch eine Schädigung des Gehirns, zum
Beispiel durch Sauerstoffmangel bei der Geburt, Hirnhautentzündung, Tumore oder Schädel-Hirn-Trauma.

Epileptische Anfälle können ganz unterschiedlich verlaufen (siehe Info-
Kasten). Die Abstände zwischen den Anfällen betragen mitunter Tage, Wochen, manchmal sogar viele Monate oder Jahre. Viele Betroffene haben in dieser Zeit keine gesundheitlichen Probleme. Das heißt, sie sind nur
durch die Symptome eingeschränkt, die während eines Anfalls auftreten.
Epilepsien werden überwiegend medikamentös mit Antiepileptika behandelt.
Optimal eingestellt werden 70 bis 75 Prozent aller Epilepsie-Patienten
dauerhaft anfallsfrei. Eine geregelte Lebensführung ist ebenfalls von großer
Bedeutung, um Anfälle zu vermeiden. Dazu gehören ausreichend
Schlaf, ein regelmäßiger Tagesablauf und das Meiden von Alkohol.

Übereilte Kündigung oder Frühverrentung

Neben ihrer Krankheit plagen die Betroffenen auch Existenzsorgen. Viele sind arbeitslos oder frühverrentet. Nach Angaben der Deutschen Epilepsievereinigung ist nicht einmal jeder zweite epilepsiekranke
Mensch im erwerbsfähigen Alter in Arbeit. Verunsicherte Arbeitgeber
sind oft der Grund, warum Epilepsie-Patienten ihren Job verlieren.
Sie befürchten Arbeitsunfälle und Haftungsansprüche. Tatsächlich sind aber Menschen mit Epilepsie nicht häufiger in Arbeitsunfälle verwickelt als andere Mitarbeiter. Dies gilt auch für gewerblichtechnische Berufe, wie Studien des Chemiekonzerns BASF und des Berufsbildungswerks Bethel belegen.

Das konkrete Unfallrisiko hängt in erster Linie von der Art der Anfälle, deren Verlauf und von der Arbeitsplatzsituation ab. Nur durch eine genaue Beschreibung des Anfallablaufs ist eine individuelle Gefährdungsbeurteilung möglich. Die Sicherheit am Arbeitsplatz lässt sich bei Bedarf oft schon durch einfache Veränderungen erhöhen, etwa mit Schutzabdeckungen über offenen Maschinen. Bei schwerbehinderten Beschäftigten kann der Technische Beratungsdienst des Integrationsamtes Vorschläge entwickeln und die Realisierung unterstützen. Das Integrationsamt gewährt bei Bedarf weitere Leistungen, zum Beispiel Assistenz bei Dienstreisen, wenn epilepsiebedingt keine Fahreignung vorliegt und die Nutzung eines Pkws zwingend erforderlich ist.

Haftung nur bei „grob fahrlässigem“ Handeln

Ein epileptischer Anfall während der Arbeitszeit stellt im Allgemeinen keinen Arbeitsunfall dar. Es sei denn, betriebliche Umstände haben wesentlich zur Entstehung oder zur Schwere des Unfalls beigetragen, zum Beispiel bei einem Sturz in eine Maschine. Bei einem Arbeitsunfall tritt die gesetzliche Unfallversicherung ein. Der Arbeitgeber haftet nur bei grob fahrlässigem
oder vorsätzlichem Handeln. Er hat keine Regressansprüche der Versicherung oder strafrechtlichen Konsequenzen zu befürchten, wenn er die Einsatzmöglichkeiten des anfallskranken Mitarbeiters sachgerecht geprüft
und entsprechende Vorkehrungen getroffen hat. Dazu zählt eine fachkundige Beratung durch den Betriebsarzt und durch die betriebliche Fachkraft für Arbeitssicherheit.

Der Beschäftigte hat gegenüber dem Betrieb eine Informationspflicht,
wenn bei einem epileptischen Anfall Risiken für ihn selbst oder Dritte entstehen könnten. Nach zweijähriger Anfallsfreiheit wird das Gefährdungsrisiko von Fachleuten jedoch als so gering eingeschätzt, dass in der Regel sogar Berufe wie Industriemechaniker, OP-Schwester oder Erzieherin wieder ausgeübt werden dürfen. Ausnahmen bilden Berufe wie Zimmerer (Absturzhöhen) oder Taxi- und Lkw-Fahrer. Hier wird eine anfallsfreie Zeit von fünf Jahren ohne Medikation verlangt.

Mehr Informationen
... bietet ein Infoblatt von REHADAT in Zusammenarbeit mit dem LWL-Integrationsamt Westfalen und dem Epilepsie-Zentrum Bethel:

Epilepsie und Arbeitsleben
Größe: 554.10 KB / Stand: 20.05.2011

 

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Erste Hilfe bei einem großen Anfall

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Epilepsien: Anfallsarten

Beim großen Anfall – Grand mal – verliert der Betroffene das Bewusstsein, er versteift sich, stürzt und beginnt am ganzen Körper zu zucken. Während des Anfalls, der eine bis anderthalb Minuten dauert, hat der Kranke keine Kontrolle über seinen Körper. Er kann sich in die Zunge beißen, einnässen und ist anschließend benommen und desorientiert. Diese Anfälle sind weniger gefährlich, als sie nach außen wirken. Der Grand-mal-Anfall ist bei weitem nicht die häufigste Anfallsform.
Bei Absencen haben die Betroffenen eine bis zu 30 Sekunden dauern -
de Bewusstseinspause, in der sie starr oder verträumt blicken und nicht ansprechbar sind.
Einfache fokale Anfälle erfolgen bei vollem Bewusstsein. Sie äußern
sich in Form von flüchtigen Wahrnehmungen, etwa durch ein aufsteigendes
Wärmegefühl, einen bestimmten Geruch oder Geräusche. Sie können auch als Vorgefühl („Aura“) einem Anfall mit Bewusstseinsverlust vorausgehen.
Bei psychomotorischen Anfällen ist das Bewusstsein eingeschränkt.
Dabei werden häufig sinnlose Handlungen ausgeführt wie Kauen, Wischen, Sprechen von unsinnigen Sätzen oder zielloses Herumlaufen.

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Wenn das Bewusstsein Pause macht

| Bild: Arbeitssituation in der Glasmanufaktur, (c) Michael Helbig |
Seit 26 Jahren ist Uwe Besa in der gleichen Firma tätig – bei wechselnden
Eigentümern. Auf dem Werksgelände in dem kleinen Ort Tschernitz, nahe der polnischen Grenze, produziert seit 2008 die mittelständische Glasmanufaktur Brandenburg Spezialglas für die Solarindustrie. Uwe Besa arbeitet zunächst in der Glasschleiferei als Maschinenfahrer im Schichtbetrieb. Mehrmals im Jahr wird der 47-Jährige von einer kurzen Bewusstlosigkeit überfallen. Meist spürt er vorher eine leichte Übelkeit aufsteigen. Nach einigen Sekunden ist er wieder ganz klar und arbeitet weiter, als wäre nichts geschehen. Doch einmal kann er sich vor dem „Blackout“ nicht rechtzeitig setzen, fällt die Treppe hinunter und verletzt sich am Kinn. Die Ärzte sind zunächst ratlos.

Die Diagnose Epilepsie erhält Uwe Besa erst vergangenes Jahr. Verursacht werden die Anfälle durch eine Vernarbung in der linken Gehirnhälfte, die vermutlich von einem früheren Arbeitsunfall herrührt. Uwe Besa wird medikamentös eingestellt. Anfangs machen ihn die Tabletten müde, doch schon bald ist er beschwerdefrei. Nur einmal erleidet er einen
Rückfall, worauf die Dosis erneut angepasst wird. Dies liegt nun schon
Monate zurück.

Aufgrund seiner Erkrankung darf Uwe Besa vorerst keinen Gabelstapler fahren und nicht mehr in Nachtschicht arbeiten. Um eine Weiterbeschäftigung
zu ermöglichen, richtete der Arbeitgeber extra einen neuen Arbeitsplatz ein. Dort schneidet Uwe Besa seither an einer „geschlossenen“ Maschine Glasplatten nach Kundenwunsch zu. Um eine Verletzungsgefahr beim Aufnehmen und Ablegen des Glases zu vermeiden, wird zusätzlich ein halbautomatischer Greifarm eingebaut, den die Firma selbst konstruiert
hat. An den Materialkosten von 25.000 Euro beteiligt sich das Integrationsamt beim Landesamt für Soziales und Versorgung Brandenburg.
Gern ist Uwe Besa auf den Vorschlag des Arbeitgebers eingegangen,
in Zukunft auch Lehrlinge auszubilden. Auf die Ausbildereignungsprüfung bereitet er sich derzeit vor.

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Wissen, was zu tun ist

Kerstin Arlt* erinnert sich noch genau an ihre Reaktion, als der Arzt ihr 1989 mitteilt, dass sie soeben einen epileptischen Anfall erlitten hatte. Sie erschrickt und denkt: „Das sind doch die Leute, die ständig umfallen.“ Aber der Mediziner beruhigt, es könne sich um ein einmaliges Ereignis handeln, ausgelöst durch Stress.

Einige Jahre später kommt der nächste Anfall. Kerstin Arlt wird bewusstlos, krampft und stürzt zu Boden. Danach bekommt sie ein Medikament und hat lange Zeit Ruhe. Inzwischen ist Kerstin Arlt am Landgericht Zwickau in der Geschäftsleitung tätig. Als 1999 ihr zweites Kind auf die Welt kommt und sie stillen möchte, darf sie die Tabletten absetzen. Fünf Jahre hält der anfallsfreie Zustand an und fast scheint es, als sei die Krankheit überwunden. Da erleidet sie 2004 erneut einen Anfall. Es sollte nicht der letzte bleiben, trotz neuer Tabletteneinstellung. Manchmal – denkt sie heute – wären die Anfälle vermeidbar gewesen, hätte sie auf ihr Körpergefühl gehört und sich rechtzeitig an einen ruhigen Ort zurückgezogen.

Ihre Kollegen sind stark verunsichert, geraten bei einem Anfall in große Aufregung und rufen zur Sicherheit stets den Notarzt. Während eines stationären Aufenthalts im Sächsischen Epilepsie-Zentrum Kleinwachau in Radeberg, lernt die Beamtin eine Epilepsie-Beraterin kennen, die Seminare gibt und auf Wunsch auch in Betriebe kommt. Im Fall von Kerstin Arlt übernimmt das Integrationsamt beim Kommunalen Sozialverband Sachsen die Fahrtkosten für den Besuch der Fachfrau am Landgericht Zwickau.

Nach dem Kollegenseminar wissen nun alle in Kerstin Arlts Abteilung Bescheid. Sie haben gelernt, die Gefahren eines Anfalls richtig einzuschätzen und wissen, wie sie sich verhalten müssen: Während des wenige Minuten dauernden Anfalls bleiben sie bei Kerstin Arlt und passen auf, dass sie sich nicht weh tut oder gar verletzt. Danach verständigen die Kollegen ihren Mann, der die Erschöpfte abholt, damit sie sich zu Hause ausruhen kann, bevor sie am nächsten Tag wieder ganz normal zur Arbeit geht.

(* Name von der Redaktion geändert)

 

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„Fehlbeurteilungen vermeiden“

Fragen an Peter Brodisch den Leiter des Netzwerkes Epilepsie und Arbeit in München.

Herr Brodisch, die Diagnose Epilepsie bedeutet für viele Betroffene das Aus im Job. Woran liegt das?

Porträt: Peter Brodisch, (c) Klaus D. Wolf
Peter Brodisch, (c) Klaus D. Wolf
Peter Brodisch Schuld sind oft Fehlbeurteilungen bei der Frage, ob der epilepsiekranke Mitarbeiter an seinem Arbeitsplatz weiter beschäftigt werden kann. Dazu kommt Angst ... epileptische Anfälle können ja erschreckend aussehen. Bei einem Grand-mal-Anfall hat man den Eindruck: Da stirbt gleich jemand! Viele Betroffene schämen sich für ihre Erkrankung und ziehen sich resigniert zurück. Oder sie leugnen die Anfälle, obwohl diese offensichtlich sind.

Wie kommt es zu den Fehlbeurteilungen?

Brodisch Die arbeitsmedizinischen Richtlinien für epilepsiekranke Beschäftigte, die BGI 585, sind noch zu wenig bekannt. Dazu werden oft Empfehlungen vom Schreibtisch aus getroffen, die zusätzliche Hürden aufbauen. So wie im Fall eines Betroffenen, der auf Anraten seines Neurologen nur noch unter ständiger Aufsicht an seinem Arbeitsplatz hätte tätig sein dürfen! In der Praxis zeigte sich, dass dies weder notwendig, noch für den Betrieb zumutbar war.

Es fehlt also an fachkundiger Beratung vor Ort?

Brodisch Genau. Mit dem bundesweiten Projekt „Netzwerk Epilepsie und
Arbeit“ wollen wir diese Versorgungslücke schließen. Dabei bauen wir auf
schon vorhandenen regionalen Angeboten auf. In unseren Fachteams arbeiten zum Beispiel Mitarbeiter von Epilepsie-Beratungsstellen, Neurologen, Betriebsärzte, Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Integrationsämter und Integrationsfachdienste eng zusammen.

Wie sieht die Arbeit eines Fachteams konkret aus?

Brodisch Die Fachteams beraten epilepsiekranke Arbeitnehmer, Arbeitgeber und beteiligte Experten. Zunächst wird der neurologische Hintergrund abgeklärt, also der Anfallsverlauf und die Behandlungsprognose. Dann werden bei einer Betriebsbegehung anfallsbedingte Selbst- und Fremdgefährdungen am Arbeitsplatz erörtert. Maßnahmen zur Arbeitssicherheit und zum richtigen Umgang mit Epilepsie im Betrieb werden festgelegt, zum Beispiel die Erste Hilfe.

In Bayern sind Fachteams bereits im Einsatz. Wie sieht ihre bisherige
Bilanz aus?

Brodisch Im vergangenen Jahr haben wir 100 Klienten in 70 Berufsfeldern
beraten. Darunter waren auch viele „Risikoarbeitsplätze“, wo es erhebliche Probleme gab. In vier von fünf Fällen konnte der Arbeitsplatz erhalten
werden.

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Netzwerk Epilepsie und Arbeit
Das Projektbüro bei der Inneren Mission in München verantwortet bis Februar 2013 die Entwicklung regionaler Fachteams in ganz Deutschland. Mehr Informationen und Kontakt:
www.epilepsie-arbeit.de

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Hilfe für Betroffene und Arbeitgeber
Fachkundige Beratung und Unterstützung in allen Fragen der Beschäftigung von Menschen mit Epilepsie leisten spezialisierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei den Integrationsämtern und den von ihnen beauftragten Integrationsfachdiensten. Ratsuchende können sich an ihr zuständiges Integrationsamt wenden!

| Bild: Projektbesprechung des DIMDI, (c) DIMDI |

Projekt DIMDI

Integration aus Überzeugung

Innerhalb eines halben Jahres stellte das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) 13 schwerbehinderte Menschen ein: Für den Aufbau eines bundesweiten Arzneimittel-Informationssystems.

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Projekt DIMDI

Integration aus Überzeugung

Innerhalb eines halben Jahres stellte das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) in Köln 13 schwerbehinderte Men schen ein. Die neu en Kolleginnen und Kollegen arbeiten mit am Aufbau eines bundesweiten Arzneimittel-Informationssystems.

Besprechung: Eva Wiotte mit Sibylle Windhof und Barbara Höfgen, (c) DIMDI
Eva Wiotte, Sibylle Windhof und Barbara Höfgen (v. li.)

Mit dem Internetportal PharmNet. Bund.de stellen Bund und Länder der
Öffentlichkeit ein Arzneimittel-Informationssystem zur Verfügung. Neben
administrativen Daten rund um die Zulassung von Arzneimitteln enthält
es auch Fach- und Gebrauchsinformationen. Der Aufbau des Portals begann im Jahr 2005 und verursachte einen hohen Personalbedarf beim DIMDI. Die Idee, dieses Vorhaben in einem Teilprojekt mit schwerbehinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu unterstützen, hatte Sibille Windhof, Vertrauensfrau für schwerbehinderte Menschen beim DIMDI. „Bei der Umsetzung konnten wir auf eine Menge Erfahrung im Umgang mit behinderten Menschen und Fachkenntnis zurückgreifen“, erklärt Sibille
Windhof. Das DIMDI engagiert sich schon seit vielen Jahren für die Qualifizierung und Integration behinderter Menschen.

Große Herausforderung

„Ein Netzwerk an Kontakten und Ansprechpartnern ist für die erfolgreiche Eingliederung unabdingbar“, so Sibille Windhof. Als Initiatorin der Beschäftigungsoffensive ist sie zusammen mit Kirsten Gödecker, Beauftragte für den Haushalt und Sachgebietsleiterin beim DIMDI, und Barbara Höfgen, Leiterin der Arbeitsgruppe „Informationssystem Arzneimittel“, federführend an der Umsetzung beteiligt. Sowohl personell als auch finanziell stellt dieses Projekt enorme Herausforderungen an die Behörde. Die Vertrauensfrau der schwerbehinderten Menschen begleitete den gesamten Prozess – von der Projektkoordination über die Einbindung der Arbeitsagenturen bis zur Einstellung neuer Mitarbeiter. Während Barbara Höfgen die fachliche Einbindung der neuen Kollegen koordinierte, war Kirsten Gödecker für die finanzielle Planung und die Beschaffung von Fördermitteln verantwortlich. „Wir haben von vielen Seiten Unterstützung
erhalten und sind auf viel Entgegenkommen gestoßen, natürlich auch im Bundesgesundheitsministerium. Finanziell wurden wir zu einem großen Teil vom Integrationsamt beim Landschaftsverband Rheinland unterstützt“, erklärt die Haushaltsverantwortliche.

Teil der Unternehmenskultur

Die 13 schwerbehinderten Menschen, die im Jahr 2010 vom DIMDI eingestellt wurden, nehmen allerdings in verschiedenen Behörden unterschiedliche Aufgaben wahr. Drei behinderte Menschen sind direkt beim DIMDI beschäftigt, die anderen verteilen sich auf das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, das Paul-Ehrlich-Institut und das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Dort arbeiten
sie unter anderem an der Datenerfassung und -pflege sowie an der Qualitätssicherung von Datenbankinhalten. Als Projektleiterin koordiniert die
schwerbehinderte Eva Wiotte beim DIMDI den Einsatz der ebenfalls schwerbehinderten Kolleginnen und Kollegen in den einzelnen Behörden.

Das DIMDI fühlt sich als Institut im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit besonders verpflichtet, einen Beitrag zur Integration von Menschen mit Behinderung zu leisten. Von derzeit 145 Mitarbeitern arbeiten 31 Menschen mit einem Handicap beim DIMDI. Das entspricht einer Quote von rund 21 Prozent. „Die behinderten Menschen gehören mittlerweile zur Identität unserer Behörde. Daher stellt der selbstverständliche Umgang mit ihnen einen Teil unserer Unternehmenskultur
dar“, beschreibt Sibille Windhof das Arbeitsklima. Im DIMDI stehen – so die Institutsphilosophie – der Mensch und die bestmögliche Einbringung seiner Arbeitskraft in das Berufsleben im Vordergrund.

Berufliche Praxis fördern

„Viele unserer Neueinstellungen kamen aus der Langzeitarbeitslosigkeit
oder aus Umschulungen. Durch das Projekt erhalten sie die Chance, im
Arbeitsleben wieder Fuß zu fassen“, erläutert Sibille Windhof. Die Vorlaufzeit
für die gesamte Maßnahme mit Konzeption, Antragstellung, Mittelbeschaffung und so weiter betrug fast ein Jahr.

Nach dem Auswahlverfahren begann die Tätigkeit der neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einem Fortbildungsblock, der sie in das Informationssystem einführte und auch dem Kennenlernen diente. Für das Projekt konnte das DIMDI hochqualifiziertes Personal gewinnen, darunter viele Akademiker. Als einzige erhält Iris Gödecker, die in der Presse-
und Öffentlichkeitsarbeit des DIMDI mitarbeitet, eine Ausbildung als Volontärin. Die Handicaps der neu eingestellten Kolleginnen und Kollegen haben sehr unterschiedliche Ausprägungen: Neben Menschen mit motorischen Einschränkungen arbeiten beispielsweise auch hörbehinderte
und mehrfach behinderte Personen sowie Autisten am Ausbau der Datenbank mit.

„Eine Bewerberin hat mit 30 Jahren das erste  Vorstellungsgespräch bei uns absolviert“, erklärt Sibille Windhof, „aufgrund ihrer Qualifikation erhielt sie anschließend einen Arbeitsvertrag.“

Arbeitsumfeld anpassen

Mit der Barrierefreiheit des DIMDIGebäudes ist eine notwendige Voraussetzung für die Beschäftigung behinderter Menschen erfüllt. Automatiktüren, Aufzüge mit Bedienungstableau in Brailleschrift, Projektionsmöglichkeiten und Lautsprecher in Kursräumen sowie behinderungsgerechte Toiletten sind genauso vorhanden wie Escape-Chairs, mit denen im Notfall gehbehinderte Beschäftigte transportiert werden können.

Einzelne Arbeitsplätze lassen sich an die individuellen Beeinträchtigungen
der behinderten Beschäftigten anpassen. Höhenverstellbare Schreibtische,
Vorlesegerät, Vergrößerungssoftware und große Tastaturen sind
nur ein Teil der Hilfsmittel, auf welche die Mitarbeiter im Arbeitsalltag zurückgreifen können. Flexible Arbeitszeitmodelle und Telearbeitsplätze
bieten auch schwerbehinderten Mitarbeitern die Möglichkeit, trotz ihres Handicaps ihrer Arbeit nachzugehen, bei Bedarf von zu Hause aus. Trotz aller Bemühungen, die Arbeitsbedingungen optimal zu gestalten, verlief die Eingliederung aber nicht in jedem Fall problemlos. So wurden zum Beispiel krankheitsbedingte Ausfälle durch das Betriebliche Eingliederungsmanagement im DIMDI aufgefangen.

Perspektiven bieten

Der Aufbau von PharmNet.Bund.de ist ein langfristiger Prozess, der sich
aus vielen Teilprojekten zusammensetzt. Wann das Projekt abgeschlossen
sein wird, ist noch offen. Die Verträge der schwerbehinderten Beschäftigten
sind zunächst auf zwei Jahre befristet. Unabhängig davon, wie es für die Betroffenen weitergehen wird, steht heute schon fest: Ihre Chancen
am Arbeitsmarkt werden sich durch die Beschäftigung beim DIMDI und die damit verbundene Berufspraxis eher verbessern. „Geht nicht, gibt‘s nicht – das ist bei DIMDI wirklich kein leerer Spruch. Nicht nur die Unternehmenskultur erfährt durch die behinderten Beschäftigten eine Bereicherung. Auch wir wachsen mit unseren Projekten“, so Sibille Windhof.

| Bild: Handwerksarbeiter in Arbeitskleidung, (c) chrisboy2004 |

Bundesprogramm

Initiative Inklusion

Das neue Bundesprogramm „Initiative Inklusion“ will mehr Ausbildung und Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen erreichen. Mit rund 100 Millionen Euro wird es vom BMAS während der fünfjährigen Laufzeit von 2011 bis 2016 unterstützt.

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Bundesprogramm

Initiative Inklusion

Das neue Bundesprogramm „Initiative Inklusion“ will mehr Ausbildung und Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen erreichen, damit mehr schwerbehinderte Menschen Seite an Seite mit nicht behinderten Menschen arbeiten – ganz im Sinne einer inklusiven Teilhabe am Arbeitsleben.

Handwerksarbeiter in Arbeitskleidung
(c) iStockphoto/chrisboy2004

Mit rund 100 Millionen Euro wird es vom Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (BMAS) aus dem Ausgleichsfonds während der fünfjährigen Laufzeit von 2011 bis 2016 unterstützt. Die erste Phase läuft von 2011 bis 2013. Das Bundesprogramm ist Teil des Nationalen Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention.

Die vier Säulen des Bundesprogramms

  1. Förderung der beruflichen Orientierung für schwerbehinderte Schülerinnen und Schüler
  2. Förderung von betrieblichen Ausbildungsplätzen und der Hinführung zu Ausbildung und Beschäftigung
  3. Förderung der Beschäftigung älterer schwerbehinderter Menschen
  4. Förderung der Inklusionskompetenz der Kammern


Ziel 1:

Rund 20.000 Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf durchlaufen innerhalb der beiden letzten Schuljahre ein berufliches Orientierungsverfahren mit dem Ziel, durch frühzeitige und umfassende Berufsorientierung die Chancen auf eine Ausbildung oder Beschäftigung zu
erhöhen.
Zum beruflichen Orientierungsverfahren gehören etwa Kompetenzanalyse,
Kompetenzförderung, Organisation, Durchführung und Auswertung von Praktika – vorrangig auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt – sowie die Begleitung des Überganges in das Arbeitsleben. Die Umsetzung beginnt
mit dem Schuljahr 2011/2012 und erstreckt sich auch auf das Schuljahr
2012/2013. An dem Verfahren zur beruflichen Orientierung sind neben
der Bundesagentur für Arbeit und der Schule weitere Akteure beteiligt. Ein
Ziel besteht auch darin, Strukturen aufzubauen oder weiterzuentwickeln.

Ziel 2:

1.300 neue betriebliche Ausbildungsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt für behinderte Jugendliche sollen mit Hilfe der Förderung geschaffen werden. Ebenso wird die Heranführung an die betrieb liche Ausbildung gefördert.
Es ist immer eine betriebliche Ausbildung anzustreben, die nach dem Berufsbildungsgesetz oder nach besonderen Regelungen für behinderte Menschen erfolgen soll. Die bereits in der Schule beginnende vorbereitende Förderung zur Entwicklung der Ausbildungsfähigkeit kann bis zu zwölf Monaten dauern, wie etwa die Begleitung von Praktika bis zu drei Monaten sowie die Vermittlung beruflicher Kenntnisse etwa zwei Monate.

Ziel 3:

Rund 2.000 ältere schwerbehinderte Arbeitslose sollen aktiviert und mit spezifischen Unterstützungsangeboten in Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden.
Ältere schwerbehinderte Menschen sind überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen. Um ihnen eine möglichst lange Teilhabe am allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen, sind spezifische Angebote notwendig, wie etwa Unterstützung bei der Vermittlung, Orientierung und Aktivierung, Begleitung während der Beschäftigung sowie Lohnkostenzuschüsse und Prämien an den Arbeitgeber

Ziel 4:

Förderung der Inklusionskompetenz bei Kammern
Industrie-, Handels-, Handwerks- und Landwirtschaftskammern sind wichtige
Partner bei der Umsetzung des Programms. Vor dem Hintergrund der besonderen Anforderungen zur Verbesserung der Beschäftigungssituation
behinderter Menschen ist es sinnvoll, die Inklusionskompetenz bei den Kammern zu stärken. Dies erfordert auch eine engere Zusammenarbeit
mit den Integrationsämtern und ihren Integrationsfachdiensten.

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Info: Wie wird das Bundesprogramm finanziert?
Aus dem Ausgleichsfonds. Er wird vom BMAS verwaltet und für überregionale Vorhaben zur Teilhabe schwer behinderter Menschen am Arbeitsleben ein gesetzt. Dazu führen die Integrationsämter 20 Prozent der Ausgleichsabgabe an den Fonds ab. Vorschläge für die zweckgebundenen Mittel gibt der Beirat für die Teilhabe behinderter Menschen, dem auch die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH) angehört.

| Bild: Deutscher Bundestag, (c) TommL |

Behindertenpolitik

Wer vertritt welche Position im Bundestag?

Die behindertenpolitischen Sprecherinnen und Sprecher der Bundestagsfraktionen zur
Arbeits- und Ausbildungsmarktpolitik für Menschen mit Behinderungen.

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Wer vertritt welche Position im Bundestag?

Porträt: Maria Michalk, (c) privat
Maria Michalk, (c) privat
MARIA MICHALK
(CDU/CSU)

Wir richten unsere Ziele nach der UN-Behindertenrechtskonvention
aus, wobei die dritte Säule „Beschäf tigung“ eine Schlüsselfunktion
hat. Es gibt bereits viele Arbeitsmarktinstrumente, die auf die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen eingehen und diese in eine reguläre Beschäftigung integrieren. Doch leider zeigt die aktuelle Arbeitslosenstatistik, dass sie offensichtlich nicht effizient genug wirken. Hier
gilt: Was funktioniert, ist weiter zu fördern. Doch darüber hinaus sind neue Möglichkeiten auszuhandeln und umzusetzen. Insbesondere die Arbeitgeber müssen weiter unterstützt werden, indem man ihnen mehr zutraut und nicht noch mehr vorschreibt. Das heißt, sie sind in die Ausarbeitung konkreter Maßnahmen unmittelbar einzubeziehen.

Porträt

www.maria-michalk.de

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Wer vertritt welche Position im Bundestag?

 

Porträt: Silvia Schmidt, (c) privat
Silvia Schmidt, (c) privat
SILVIA SCHMIDT
(SPD)

Die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen auf dem allgemeinen
Arbeitsmarkt hat oberste Priorität. Um die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung zu senken, wäre ein Förderprogramm zur Integration von schwerbehinderten Menschen – flankiert von einer Erhöhung der Ausgleichs -
abgabe und einer Öffentlichkeitskampagne – der richtige Weg. Viele Unternehmen sind zu schlecht informiert, wie die Beschäftigung und Ausbildung schwerbehinderter Menschen gelingen kann und welche Unterstützung möglich ist. Dazu müssen die Integrationsämter und die Integrationsfachdienste gestärkt werden. Des wegen setzen wir uns auch dafür ein, dass die Leistungen der Integrationsfachdienste weiterhin – wie bisher – freihändig vergeben werden können.

Porträt

ZB 2/2011

Wer vertritt welche Position im Bundestag?

 

Porträt: Markus Kurth, (c) privat
Markus Kurth, (c) privat
MARKUS KURTH
(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Trotz des viel beschworenen Paradigmenwechsels, der mit dem
Sozialgesetzbuch IX eingeleitet wurde, ist die derzeitige Situation für Menschen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt unbefriedigend. Das Ziel einer vorrangigen Teilhabe am Arbeitsleben auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ist nur in bescheidenem Umfang erreicht. Menschen mit Behinderungen weisen eine konstant niedrigere Beschäftigungsquote sowie eine deutlich höhere Arbeitslosenquote als der Durchschnitt der Bevölkerung auf. Ins besondere Frauen mit Behinderungen sind von der schlechten Arbeitsmarktlage betroffen. Daher besteht die dringende Notwendigkeit,
die Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben weiterzuentwickeln.

Porträt

www.markus-kurth.de

ZB 2/2011

Wer vertritt welche Position im Bundestag?

 

Porträt: Gabriele Molitor, (c) privat
Gabriele Molitor, (c) privat
GABRIELE MOLITOR
(FDP)

Wie im Koalitionsvertrag vereinbart, steht die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Mittelpunkt unserer Politik. Dabei setze ich mich besonders für eine verbesserte berufliche Teilhabe für Menschen mit Behinderung ein und sehe den Fachkräftemangel als Chance für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen. Eine frühzeitige berufliche Orientierung sowie eine verzahnte Ausbildung, wie sie in verschiedenen Modellprojekten unter anderem zwischen der METRO Group und den Berufsbildungswerken durchgeführt wurde, ermöglicht Jugendlichen mit Behinderung, Arbeitspraxis zu sammeln und einen Zugang zum ersten Arbeitsmarkt zu finden.

Porträt

www.gabi-molitor.de

ZB 2/2011

Wer vertritt welche Position im Bundestag?

 

Porträt: Dr. Ilja Seifert, (c) privat
Dr. Ilja Seifert, (c) privat
DR. ILJA SEIFERT
(DIE LINKE)

Menschen mit Behinderungen haben ein Recht auf gute Arbeit, von der man leben kann. Das gilt auch für Beschäftigte in Behindertenwerkstätten. Maßstab ist dabei Artikel 27 der UN-Behindertenrechtskonvention. Es ist inakzeptabel, wenn der überwiegende Teil der Unternehmen kaum oder
überhaupt keine Menschen mit Behinderungen beschäftigt. Solange Menschen mit Behinderungen überproportional von Arbeitslosigkeit,
prekären Beschäftigungsverhältnissen und Niedriglöhnen betroffen sind, brauchen wir die Schwerbehindertenquote in der ursprünglichen Höhe von sechs Prozent. Wir brauchen auch höhere Ausgleichsabgaben für diejenigen,
die die Quote nicht erfüllen, um damit diejenigen zu unterstützen, die Menschen mit Behinderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt zu guten Bedingungen ausbilden und beschäftigen.

Porträt

www.ilja-seifert.de

| Bild: Paragrafen |

Recht

  • Befristung eines Arbeitsvertrages
  • Kündigung und Betriebliches Eingliederungsmanagment
  • Arbeitszeit bei Beamten

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Arbeitsvertrag

Befristung

Leitsätze:
1. Der berechtigte Wunsch des Arbeitgebers, die Eignung eines
Arbeitnehmers zu erproben, kann nicht losgelöst von dessen
für die Arbeitsleistung relevanten persönlichen Fähigkeiten
betrachtet werden.
2. Gezielte tätigkeitsbegleitende Unterstützungsmaßnahmen
– beispielsweise durch eine Arbeitsassistenz – können auch eine
länger als sechs Monate dauernde Erprobungszeit rechtfertigen.
BAG, Urteil vom 02.06.2010 – 7 AZR 85/09

Sachverhalt und Entscheidungsgründe:
Der Kläger war bei der Beklagten zunächst aufgrund eines unbefristeten Arbeitsvertrages mit einer Probezeit von sechs Monaten als Sachbearbeiter im Bereich der Kopierbetreuung und Warenannahme tätig. Er ist einem schwerbehinderten Menschen gleichgestellt und leidet an einem so genannten Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Das zuständige Integrationsamt bewilligte der Beklagten Förderleistungen in Form einer Arbeitsassistenz. Die Beklagte schloss sodann mit dem Kläger einen Vertrag über die Auflösung des Arbeitsverhältnisses zum Ende der Probezeit und gleichzeitig einen erneuten, diesmal befristeten Arbeitsvertrag für weitere sechs Monate. Die Arbeitsassistenzleistung wurde entsprechend verlängert. Der Kläger vertrat die Auffassung, die Befristung des Arbeitsvertrages sei unwirksam. Das Arbeitsgericht hat der Klage stattgegeben, die Berufung hiergegen war erfolgreich. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) wies die Revision des Klägers zurück. Die in dem zweiten Arbeitsvertrag vereinbarte Befristung sei wirksam, denn sie sei durch den Sachgrund der Erprobung gemäß § 14 Abs. 1 Satz 2 Nr. 5 Teilzeit- und Befristungs gesetz (TzBfG) gerechtfertigt. Die zwölfmonatige Erprobung sei wegen der spezifischen Situation des Klägers angezeigt.

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Kündigung

Betriebliches Eingliederungsmanagement

Leitsatz:
Ein Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) nach § 84
Abs. 2 SGB IX ist bei Vorliegen der sonstigen Voraussetzungen
auch dann durchzuführen, wenn keine betriebliche Interessenvertretung im Sinne des § 93 SGB IX gebildet ist.
BAG, Urteil vom 30.09.2010 – 2 AZR 88/09

Sachverhalt und Entscheidungsgründe:
Der 1971 geborene Kläger, gelernter Anlagenmechaniker, erkrankte im September 2006 arbeitsunfähig. Nach Abschluss einer Rehabilitationsmaßnahme teilte die Rentenversicherung mit, dass er nur noch körperlich leichte Arbeiten verrichten solle. Die Beklagte, welche rund 200 Arbeitnehmer beschäftigt, kündigte daraufhin das Arbeitsverhältnis. Mit seiner Kündigungsschutzklage trug der Kläger vor, er könne zwar seine bisherige Arbeit nicht mehr verrichten, er könne aber als Sicherheitsbeauftragter, in der Materialverwaltung oder mit allgemeinen
Verwaltungsaufgaben weiterbeschäftigt werden. Das Arbeitgericht hat die Klage abgewiesen, die hiergegen eingelegte Berufung war erfolgreich. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat das Urteil aufgehoben und die Sache zur erneuten Verhandlung und Entscheidung an das Landesarbeitsgericht zurückverwiesen. Die Beklagte sei verpflichtet gewesen, mit dem Kläger ein BEM durchzuführen. Das gesetzliche Ziel eines BEM sei auch dann sinnvoll und erreichbar, wenn eine betriebliche Interessenvertretung im Sinne von § 93 Sozialgesetzbuch (SGB) IX nicht gebildet sei. Der im Wege des BEM
durchzuführende Klärungsprozess sei kein zwingend formalisiertes Verfahren, sondern lasse den Beteiligten jeden denkbaren Spielraum. Die Beklagte habe bisher nicht hinreichend dargelegt, dass weder eine leidensgerechte Anpassung und Veränderung des bisherigen Arbeitsplatzes des Klägers noch sein Einsatz auf einem anderen Arbeitsplatz bei geänderter Tätigkeit möglich gewesen sei. Es fehle insbesondere an hinreichend konkretem Vortrag dazu, dass auch die Schaffung eines leidensgerechten Arbeitsplatzes durch Umstrukturierung der betrieblichen Abläufe ausgeschlossen gewesen sei.

ZB 2/2011

Arbeitszeit

Beamte

Leitsatz:
Die Möglichkeit der Verkürzung der regelmäßigen Wochenarbeitszeit
von 41 auf 40 Stunden nach § 3 Abs. 1 Satz 2 AZVO gilt nur für schwerbehinderte Beamte.
BVerwG, Urteil vom 29.07.2010 – 2 C 17/09

Sachverhalt und Entscheidungsgründe:
Der Kläger ist Beamter im Dienste der Beklagten und einem schwerbehinderten Menschen gleichgestellt. Widerspruch und Klage gegen den abgelehnten Antrag, seine regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit von 41 auf 40 Stunden zu verkürzen, blieben in allen Instanzen erfolglos. Das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) entschied, dass sich weder aus § 3 Abs. 1 Satz 2 Arbeits zeitverordnung (AZVO) noch aus der Fürsorgepflicht des Dienstherren ein entsprechender Anspruch ergebe. Der Zweck
der Gleichstellung (§ 2 Abs. 3 SGB IX), nämlich die Gewährleistung der Teilhabe am Arbeitsleben, mache es nicht erforderlich, dem entsprechenden Personenkreis eine Arbeitszeitverkürzung zukommen zu lassen. § 124 SGB IX, der auch Beamte erfasse, führe ebenfalls zu keinem anderen Ergebnis. Für Bundesbeamte betrage die regelmäßige wöchentliche Arbeitszeit 41
Stunden. Damit werde vom Kläger keine Mehrarbeit verlangt.


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