| Bild: ZB 4-2015 Titel, (c) Claudius Pflug
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ZB 4-2015

Arbeiten nach Krebs

Behutsam wieder einsteigen

In Deutschland erkranken immer mehr Menschen an Krebs, viele stehen noch im Erwerbsleben. Damit wird die Krankheit zum Thema in den Betrieben. Hilfe bei der Rückkehr in den Beruf bietet das BEM.

Aus der Praxis

 

ZB 4-2015

Arbeiten nach Krebs

Behutsam wieder einsteigen

Krebs wird verstärkt zum Thema in den Betrieben. Einerseits erkranken immer mehr Menschen. Andererseits ist deren Motivation, zur Arbeit zurückzukehren, besonders hoch. Wie die Rückkehr von an Krebs erkrankten Beschäftigten in den Beruf gelingen kann.

| Bild: Uwe Mehlhase steht neben einem Edeka-Plakat, (c) Claudius Pflug
2013 erkrankte Uwe Mehlhase an Krebs. Die Rückkehr zur Arbeit war für ihn ein wichtiger Schritt in Richtung Normalität, (c) Claudius Pflug
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In Deutschland erhalten immer mehr Menschen die Diagnose Krebs. Das Robert Koch-Institut geht davon aus, dass allein im Jahr 2014 fast eine halbe Million Menschen in Deutschland neu an Krebs erkrankt sind. Das liegt vor allem an der fortschreitenden Alterung der Bevölkerung. Aber auch unter den Erwerbstätigen und damit in den Betrieben wird Krebs zunehmend zum Thema: Etwa jeder dritte Neuerkrankte ist laut Robert Koch-Institut jünger als 65 Jahre.

Tiefe Einschnitte Krebs ist nicht gleich Krebs. Es gibt zahlreiche verschiedene Formen, die sich hinsichtlich der Behandlungsmöglichkeiten und Überlebenschancen stark unterscheiden. Bösartige Tumorerkrankungen führen zu tiefen Einschnitten im Leben der Betroffenen – auch mit Auswirkungen auf die Arbeit.Viele Erkrankte können ihrem Beruf nicht mehr im gewohnten Rahmen nachgehen. Einige haben dauerhafte Einschränkungen, können nicht mehr schwer heben, lange stehen oder haben psychische Probleme. Bei anderen sind die Einschränkungen zeitlich begrenzt, sie können nach der Genesung ihre Tätigkeit wieder voll ausüben.

Risiko Arbeitslosigkeit Mit der Rückkehr zur Arbeit bei Krebspatienten hat sich Professor Dr. Anja Mehnert in einer aktuellen Studie* beschäftigt. "Krebspatienten sind hoch motiviert, wieder zu arbeiten", sagt die Wissenschaftlerin der Universität Leipzig und erklärt: "Krebs ist eine lebensbedrohende Erkrankung. Die Rückkehr in den Beruf wird oft mit dem wieder Gesundsein gleichgesetzt." Für eine erfolgreiche Wiederaufnahme der Arbeit ist das sehr wichtig. Dennoch kommt es immer wieder zu Problemen. "Das Risiko arbeitslos zu werden, ist bei Krebspatienten erhöht", sagt Prof. Dr. Anja Mehnert. Manchmal ist gerade die hohe Motivation der Patienten ein Problem, so die Erfahrung von Dr. Michael Castillo, Leiter des Arbeitsmedizinischen Dienstes beim Landschaftsverband Rheinland. Sie wollen zur Arbeit zurück, bevor ihr Körper sich erholt hat. "Dadurch können wieder Erkrankungen entstehen", sagt er. Hier müssen die Beschäftigten gebremst werden.

Gute Vorbereitung hilft Für eine gelingende Wiedereingliederung können Beschäftigte, Arbeitgeber, Schwerbehindertenvertretung und Kollegen viel tun. Grundsätzlich wirkt sich eine gute Vorbereitung günstig aus – auch im Hinblick auf die Information von Arbeitgeber und Kollegen über die Krankheit. Bei vielen an Krebs erkrankten Beschäftigten gibt es hier große Unsicherheiten. "Keine Informationen sind schlecht, das führt häufig zu Gerüchten", so ein Ergebnis der Wissenschaftlerin Anja Mehnert. Zu viele Details über die Krankheit und ihre Behandlung würden Arbeitgeber und Kollegen schnell überfordern. Ihre Empfehlung vor dem Hintergrund der Studie: mit dem Arbeitgeber besprechen, dass man wegen Krebs behandelt wurde, wie der Stand ist und zu welchen Einschränkungen es bei der Arbeit kommen kann.

Auch der Arbeitsmediziner Michael Castillo rät den Betroffenen, schon vor dem ersten Arbeitstag Kontakt zum Betriebsarzt, der Schwerbehindertenvertretung oder einer anderen Person des Vertrauens aufzunehmen. Dann kann schon vorab geklärt werden, ob Veränderungen am Arbeitsplatz erforderlich sind. "Das ideale Instrument bei der Rückkehr ist das Betriebliche Eingliederungsmanagement", erklärt Dr. Michael Castillo. Ziel des Verfahrens ist es, Arbeitsunfähigkeit zu überwinden und den Arbeitsplatz zu erhalten. Der Arbeitgeber muss ein Betriebliches Eingliederungsmanagement durchführen, wenn ein Beschäftigter innerhalb eines Jahres länger als sechs Wochen arbeitsunfähig ist.

Schwerbehindertenausweis vorteilhaft Vielfältige Angebote zur Unterstützung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern bietet das Integrationsamt. Voraussetzung ist aber, dass beim Arbeitnehmer eine Schwerbehinderung anerkannt ist. Dr. Michael Castillo weiß, dass viele sich scheuen, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen. "Aber der Ausweis bringt große Vorteile", argumentiert der Arbeitsmediziner. Neben den Leistungen des Integrationsamtes gehören dazu der besondere Kündigungsschutz und zusätzlicher Urlaub, der schwerbehinderten Menschen zusteht. "Wenn man schon Einschränkungen hat, sollte man diese Möglichkeiten auch nutzen", so Dr. Michael Castillo. Auch Beschäftigte, die keine Einschränkungen haben, erhalten bei Krebs einen Schwerbehindertenausweis. Denn es besteht die Gefahr, dass die Krankheit erneut auftritt. Um dem gerecht zu werden, wird die Schwerbehinderung zeitlich befristet anerkannt (siehe Info-Kasten).

Psychische Belastung Neben körperlichen Einschränkungen kommt es nach der Erfahrung von Dr. Michael Castillo häufig auch zu großen psychischen Belastungen. "Bei Krebs sollte es eigentlich wie bei der Notfallseelsorge immer das Angebot einer psychologischen Beratung geben", empfiehlt er. Psychisch belastend ist beispielsweise die Angst vor Neuerkrankungen. Aber auch Belastungen am Arbeitsplatz können sich negativ auswirken. "Stress ist ein Faktor, der das Immunsystem schwächt. Das ist wissenschaftlich belegt", erklärt er. Kompetente Beratung und Unterstützung bieten die Fachkräfte der Integrationsfachdienste. Auch der Arbeitgeber ist gefragt und kann viel bewirken. Die Wissenschaftlerin Anja Mehnert hat mit ihrer Studie nachgewiesen, dass eine wohlwollende Haltung des Arbeitgebers eine wichtige Rolle spielt: "Dazu gehören Wertschätzung, ein gutes Arbeitsklima – aber auch eine gewisse Flexibilität bei den Arbeitszeiten und der Arbeitsgestaltung. Hilfreich ist beispielsweise, wenn die Betroffenen öfter Pausen machen dürfen." Manchmal sind es die kleinen Dinge, die eine große Rolle bei der Integration von schwerbehinderten Menschen in den Beruf spielen.

* Professor Dr. Anja Mehnert „Berufliche Wiedereingliederung nach onkologischer Rehabilitation“ unter www.psychotherapie.uni-wuerzburg.de > Terminarchiv

 

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Heilungsbewährung

Menschen mit einem Krebsleiden erhalten einen Schwerbehindertenausweis mit zeitlicher Befristung von in der Regel bis zu fünf Jahren: die sogenannte Heilungsbewährung. Denn der langfristige Erfolg einer therapeutischen Behandlung kann noch nicht sicher beurteilt werden. Wichtig für Arbeitgeber: Der Grad der Behinderung wird grundsätzlich unabhängig vom ausgeübten Beruf beurteilt. Er sagt also noch nichts über die Leistungsfähigkeit des krebserkrankten Mitarbeiters am Arbeitsplatz aus!

Hilfen für Beschäftigte

Die Anerkennung der Schwerbehinderung ist Voraussetzung für Leistungen und Hilfen des Integrationsamtes. Dazu kommen der Zusatzurlaub und der besondere Kündigungsschutz für schwerbehinderte Menschen. Was viele nicht wissen: Das Schwerbehindertenrecht sieht Teilzeitarbeit vor. Um den Lebensunterhalt zu sichern, können Betroffene eine Erwerbsminderungsrente durch den Rehaträger beziehen – auch zeitlich befristet.

Unterstützung und Beratung bieten:

 

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Slideshow "Arbeiten nach Krebs – Den Rhythmus finden"

ZB 4-2015

Beispiel Einzelhandel

Die Kräfte schonen

Diagnose Krebs: Vor eineinhalb Jahren traf sie Uwe Mehlhase. Der Fleischer fiel von jetzt auf gleich an seinem Arbeitsplatz in einer Edeka-Filiale in Ludwigsfelde in Brandenburg aus. Heute freut er sich, wieder angekommen zu sein.

Uwe Mehlhase wiegt ein Stück Fleisch an der Fleischtheke des Supermarktes, (c) Claudius Pflug
Eine Umschulung kam für ihn nicht infrage: Uwe Mehlhase (r.) liebt seine Arbeit und den Kundenkontakt, (c) Claudius Pflug
Nach seiner Krebs-Diagnose unterzog sich Uwe Mehlhase einer Therapie, wurde operiert und verbrachte anschließend einige Wochen in der Reha. "Über sechs Monate lang bin ich dadurch bei der Arbeit ausgefallen", erinnert er sich. Neben den Ängsten um die Gesundheit kamen schnell auch Bedenken um die Zeit danach. "Ich habe mir schon ganz schön Sorgen gemacht, ob ich wieder zurück in den Job kann. In der Reha-Klinik hatte ich auch Gespräche über mögliche Umschulungen. Aber im Büro sitzen, das ist eigentlich gar nicht mein Ding", sagt der 51-Jährige.

Nicht allein gelassen Doch mit seinen Sorgen allein gelassen fühlte sich der Fleischer nicht. Früh hatte er seinem Arbeitgeber Hermann Specht von seiner Erkrankung erzählt. "Das war gut. So konnten wir frühzeitig planen, wie es weitergehen könnte", erklärt der Inhaber der Edeka-Filiale. Hilfreich war zudem die Beratung durch das Integrationsamt beim Landesamt für Soziales und Versorgung in Brandenburg, mit dem Hermann Specht ohnehin schon im Gespräch stand. Denn geplant ist der Aufbau einer Integrationsabteilung mit sechs schwerbehinderten Mitarbeitern für den Online-Versand. Doch anders als die berufliche Wiedereingliederung von Uwe Mehlhase liegt dieses Projekt noch in der Zukunft.

Das positive Ergebnis Gemeinsam dachten Arbeitgeber und Arbeitnehmer zunächst an eine stufenweise Wiedereingliederung. Doch aufgrund des langen Arbeitsweges von Uwe Mehlhase entschieden sie sich anders: "Ich wollte es gleich wieder Vollzeit probieren. Herr Specht hat mir versichert, wenn es zu schwer wird, finden wir eine Lösung", erinnert sich Uwe Mehlhase. Seit acht Monaten arbeitet der 51-Jährige wieder hinter der Fleischtheke und fühlt sich gut. "Wichtig war mir, dass er sich nicht übernimmt und gesund bleibt. Seinen Beruf macht er sehr engagiert. Das wollten wir unbedingt erhalten", verdeutlicht Hermann Specht.

Uwe Mehlhase und sein Kollege heben gemeinsam vor dem Wurstregal eine blaue Kiste, (c) Claudius Pflu
Ein Kollege hilft, wenn es etwas Schweres zu heben gibt, (c) Claudius Pflug
Nicht mehr so wie vorher
Dennoch gibt es Einschränkungen, mit denen Uwe Mehlhase, der einen bis 2020 gültigen Schwerbehindertenausweis hat, den Arbeitstag meistern muss. Besonders das Heben und Tragen fällt ihm schwer, beispielsweise wenn er ankommende Ware entgegennimmt oder bei der Wurstverarbeitung Fleischrohmasse bewegen muss. Konnte er früher mit solchen Gewichten problemlos umgehen, ist heute bei fünf Kilogramm Schluss. "Meine Kollegen unterstützen mich sehr, wenn es etwas Schweres zu heben gibt, helfen sie sofort", so Uwe Mehlhase. Derzeit prüft das Integrationsamt, wie der Arbeitsplatz behinderungsgerecht angepasst werden kann, sodass ein 100-prozentiger Einsatz möglich ist. Falls dies nicht geht, wird das Integrationsamt gemeinsam mit dem Integrationsfachdienst im nächsten Schritt einen finanziellen Ausgleich der außergewöhnlichen Belastung prüfen. Eins steht für Uwe Mehlhase aber schon fest: Die berufliche Wiedereingliederung ist geglückt.

ZB 4-2015

Beispiel Metallverarbeitung

Den Rhythmus finden

Mehrere hunderttausend Menschen erkranken jährlich an Krebs. Einer von ihnen war im Jahr 2011 Dirk Lechner. Der damals 44-jährige Mitarbeiter in der Montage bei SKF in Niedersachsen fiel für ein Jahr aus.

Dirk Lechner in der Werkstatt, vor ihm Radlager in zwei Reihen, im Hintergrund die Hängekrananlage,
Glücklich mit dem neuen Arbeitsplatz: Dirk Lechner nach seiner Krebserkrankung, (c) Claudius Pflug
Dirk Lechner in der Werkstatt, vor ihm Radlager in zwei Reihen, im Hintergrund die Hängekrananlage,"Mehrere Monate habe ich eine Chemotherapie bekommen, die bei mir zum Glück gut angeschlagen hat", blickt Dirk Lechner heute zurück. "Ich bin mit der Diagnose Lymphdrüsenkrebs, denke ich, von Anfang an ganz gut umgegangen und für mich war immer klar, dass ich zurückkomme, wenn es mir wieder besser geht", beschreibt er weiter. Zugute kam ihm dabei, dass SKF ein Großunternehmen mit einem fest verankerten Betrieblichen Eingliederungsmanagement ist. Schon während seines beruflichen Ausfalls stand er in Kontakt mit der Schwerbehindertenvertretung Terens Baudis und dem Betriebsarzt.

Belastungen Denn schnell war klar: Seinen alten Platz bei SKF würde er nicht wieder aufnehmen können. "Ich habe im Schichtdienst gearbeitet, also immer eine Woche in der Früh-, Spät- oder Nachtschicht, was sehr anstrengend ist", erklärt der 48-Jährige. "Hinzu kam, dass ich in der Montage in einer Fertigungslinie eingesetzt war, bei der große, mitunter zehn Kilogramm schwere Teile bewegt werden mussten – zum Beispiel für Lkw-Radlager. Sie werden dort geschliffen, montiert und verpackt, dafür muss man die körperlichen Voraussetzungen haben. Nach meiner Erkrankung hatte ich die nicht mehr", so der Monteur weiter.

Dirk Lechner und der Schwerbehindertenvertreter Terens Baudis neben der Hängekrananlage, (c) Claudi
Der Schwerbehindertenvertreter Terens Baudis (l.) hat die behinderungsgerechte Einrichtung des Arbeitsplatzes unterstützt, (c) Claudius Pflug
Neue Stelle
"Aufgrund dieses Wissens haben wir schon frühzeitig nach einer neuen Stelle im Unternehmen für Herrn Lechner gesucht, bei der weder die Belastung durch die Schichtarbeit noch durch schweres Heben und Tragen vorhanden sein sollte", erklärt die Schwerbehindertenvertretung Terens Baudis. Und es hat geklappt: Dirk Lechner fand den Weg zurück in das Berufsleben – stufenweise. Erst arbeitete er zwei Wochen vier Stunden pro Tag, dann zwei Wochen sechs Stunden und dann wieder Vollzeit. "Am Anfang war es eine ganz schöne Umstellung, zu Hause war ich einfach viel ausgeruhter. Erst mal wieder in den Rhythmus zu finden, das hat eine ganze Zeit gedauert. Ich bin einfach nicht mehr so belastbar, sowohl körperlich als auch psychisch", sagt Dirk Lechner.

Wiedereingliederung erfolgreich Doch die Anstrengungen haben sich gelohnt. Heute ist er sehr glücklich mit seiner neuen Stelle, bei der er mit weiteren ebenfalls behinderten Mitarbeitern von sechs bis 14 Uhr zusammenarbeitet. Zugute kommen den Beschäftigten dort Hebehilfen und eine ganz neu installierte Hängekrananlage, die die Arbeit ebenfalls erleichtert. Die Anlage wurde finanziell gefördert vom Integrationsamt beim Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Stufenweise Wiedereingliederung

Hierbei handelt es sich um eine medizinische Rehabilitationsmaßnahme. Stufenweise sollen dabei Beschäftigte, die längere Zeit arbeitsunfähig waren, wieder an die Belastungen ihres Arbeitsplatzes herangeführt werden. Zum Beispiel, indem der Betroffene anfangs nur wenige Stunden täglich arbeitet oder leichtere Tätigkeiten übernimmt. Er bleibt im arbeitsrechtlichen Sinne arbeitsunfähig und erhält in der Regel Krankengeld.

 

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Slideshow "Arbeiten nach Krebs – Den Rhythmus finden"

| Bild: Das Logo der United Nations in Französisch und Englisch am Eingang des UNO-Hauptsitzes in Genf, (c) iStock/Pius Lee
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Staatenbericht
Es gibt noch viel zu tun

Die UN fordert von Deutschland mehr Inklusion auf dem Arbeitsmarkt. "Es geht um Wahlfreiheit", sagt Brandenburgs Behindertenbeauftragter Jürgen Dusel.

ZB 4-2015

Staatenbericht

Es gibt noch viel zu tun

Wie ist es um die Inklusion in Deutschland bestellt? Die Prüfung des Staatenberichts durch den UN-Fachausschuss fällt kritisch aus. Im Bereich Arbeit und Beschäftigung gibt es erheblichen Nachholbedarf.

| Bild: Das Logo der United Nations in Französisch und Englisch am Eingang des UNO-Hauptsitzes in Genf, (c) iStock/Pius Lee
Deutschland auf dem Prüfstand: Im März 2015 fand in Genf eine Anhörung vor dem UN- Fachausschuss statt, (c) iStock/Pius Lee
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"Mir geht’s gut, ich bin glücklich", antwortet Bettina Friedrich*, wenn man sie nach ihrer Arbeit fragt. Die 27-Jährige gibt in der Cafeteria der Grund- und Werkrealschule Lauda in Baden-Württemberg das Essen aus. Vor vier Jahren hat sie einen Riesenschritt gewagt: von der Werkstatt für behinderte Menschen zu einer festen Stelle mit eigenem Einkommen.

Situation in Deutschland Was Bettina Friedrich gelungen ist, nämlich der Wechsel aus einer Sondereinrichtung für behinderte Menschen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt, stellt in Deutschland immer noch die Ausnahme dar. Dies kritisiert der UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen in seinem Bericht zur Staatenprüfung: "Der Ausschuss ist besorgt über

Empfehlungen Der Ausschuss empfiehlt Deutschland deshalb unter anderem "die schrittweise Abschaffung der Werkstätten für behinderte Menschen durch sofort durchsetzbare Ausstiegsstrategien und Zeitpläne sowie durch Anreize für die Beschäftigung bei öffentlichen und privaten Arbeitgebern im allgemeinen Arbeitsmarkt". Außerdem sollen Menschen mit Behinderungen keine Abstriche bei ihrer Sozial- und Altersversicherung hinnehmen müssen, die gegenwärtig an die Werkstätten für behinderte Menschen gebunden ist.

Auftrag "Das ist herbe Kritik an der Beschäftigungssituation von Menschen mit Behinderung in Deutschland", findet Karl-Friedrich Ernst, Leiter des KVJS-Integrationsamtes in Baden-Württemberg, dem die Forderungen des UN-Ausschusses zu weit gehen. Schließlich würden die Werkstätten für behinderte Menschen in Deutschland auch in Zukunft gebraucht. Gleichzeitig sehen er und andere Fachleute, dass bei Weitem noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, wesentlich behinderten Menschen den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu erleichtern.

| Bild: Bettina Friedrich und ihre Kollegin bei der Essensausgabe in der Kantine, (c) Paul Esser
Arbeiten Hand in Hand: Bettina Friedrich (r.) und ihre Kollegin in der Kantine, (c) Paul Esser
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Beharrliches Handeln Integrationsämter arbeiten deshalb schon länger an dem Thema Übergang Werkstatt – allgemeiner Arbeitsmarkt und treffen damit den Nerv der Zeit. Es geht für sie um die Frage, für welche Menschen mit Behinderung es eine Alternative zur Werkstatt gibt. Und wie man diese realisieren kann. "Wenn man hier mit Realitätssinn, Augenmaß, aber auch großer Beharrlichkeit vorgeht, kann man Erstaunliches erreichen", ist sich Karl-Friedrich Ernst sicher. Die Zahlen geben ihm recht: Allein im Jahr 2014 konnten über 1.600 Werkstattbeschäftigte mit Unterstützung der Integrationsämter auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß fassen. Eine von ihnen ist Bettina Friedrich aus Lauda. Nach dem Einstieg in der Schul-Cafeteria absolvierte sie dort eine einjährige Qualifikation der IHK Heilbronn-Franken als "Fachhelferin Küche". Sie hat ihr Bestes gegeben und die Prüfung mit Eins bestanden.

* Name von der Redaktion geändert

 

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Staatenprüfung

Der UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen prüft alle Vertragsstaaten, inwieweit sie die UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt haben. Nach einer Anhörung im März 2015 in Genf hat der Ausschuss seine "Abschließenden Bemerkungen zur Staatenprüfung" Deutschlands vorgelegt.

Eine deutsche Fassung ist erhältlich unter: www.gemeinsam-einfach-machen.de

 

INTERVIEW

Es geht um tatsächliche Wahlfreiheit

Rückenwind oder herbe Kritik: Wie sind die Ergebnisse der Staatenprüfung zu bewerten? Fragen an Brandenburgs Behindertenbeauftragten Jürgen Dusel. Er nahm an der Anhörung durch den UN-Fachausschuss teil.

Porträt von Jürgen Dusel, Behindertenbeauftragter in Brandenburg, (c) Claudius Pflug
Jürgen Dusel, (c) Claudius Pflug
Herr Dusel, wie bewerten Sie den Prüfbericht?

Jürgen Dusel Als ein Vertreter der deutschen Delegation habe ich die Befragung durch den UN-Ausschuss als äußerst konstruktiv wahrgenommen. Man muss auch die Kritik richtig einordnen: Wir sind schon auf einem hohen Niveau, was die Förderung einer gleichberechtigten Teilhabe angeht. Aber von einem relativ wohlhabenden Staat wie Deutschland wird seitens der Vereinten Nationen natürlich mehr erwartet als von anderen, weniger reichen Ländern. Wir sollten die Ergebnisse der Staatenprüfung ernst nehmen und nutzen, um in der Sache weiterzukommen. Dafür geben uns die Empfehlungen Rückenwind.

Was sagen Sie zu der Forderung, die Werkstätten für behinderte Menschen schrittweise abzuschaffen?

Dusel Ich sehe das eher als Auftrag, darüber nachzudenken, welche Alternativen es zur Werkstatt gibt. Also: Wie gelingt es, beispielsweise die Werkstatt für behinderte Menschen zu vermeiden, ohne sie zu verdammen und ihre Arbeit zu diskreditieren.

Aber wie bringt man Arbeitgeber in unserer wettbewerbsorientierten Gesellschaft dazu, leistungsschwächere Menschen zu beschäftigen?

Dusel Inklusion auf dem Arbeitsmarkt ist – so meine ich – in erster Linie eine Haltungsfrage. Und in zweiter Linie auf einen Prozess angelegt: weg von einer institutionellen Beschäftigung hin zu einer individuellen Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt, zum Beispiel in einem Integrationsprojekt. Inklusion bedeutet für diese Menschen, dass sie ihre gesetzlich verbriefte Wahlfreiheit bei Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben auch tatsächlich ausüben können. Und das geht nur, wenn sie Alternativen zur Werkstatt haben.

 

ZUR PERSON

Jürgen Dusel

Jürgen Dusel ist Beauftragter der Landesregierung für die Belange der Menschen mit Behinderungen in Brandenburg. Von 2002 bis 2009 leitete der 50-jährige Jurist das Integrationsamt beim brandenburgischen Landesamt für Soziales und Versorgung in Cottbus. Darüber hinaus war Jürgen Dusel, der von Geburt an stark sehbehindert ist, sechs Jahre lang Mitglied im BIH-Vorstand.

| Bild: Die Gewinner bei der Preisverleihung des RheumaPreises: Bettina Wittmann, Benedikt Ziegler, Lisa Nysen, (c) Mario Andreya
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RheumaPreis 2015
Helden im Berufsalltag

Schmerzen und körperliche Einschränkungen können sie nicht aufhalten: Die Gewinner des RheumaPreises verfolgen unbeirrt ihre beruflichen Ziele – mit Erfolg.

ZB 4-2015

RheumaPreis 2015

Helden im Berufsalltag

Was Rheumakranke beruflich leisten, ist oft bewundernswert. Der RheumaPreis zeichnete in diesem Jahr erneut drei von ihnen aus. Als Vorbilder machen sie anderen Betroffenen Mut.

| Bild: Die Gewinner bei der Preisverleihung des RheumaPreises: Bettina Wittmann, Benedikt Ziegler, Lisa Nysen, (c) Mario Andreya
Die Gewinner bei der Preisverleihung am 12. Oktober 2015 in Berlin: Bettina Wittmann, Benedikt Ziegler, Lisa Nysen (v. l.), (c) Mario Andreya
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"Mich beeindrucken alle, jeder hat etwas Besonderes geleistet!" sagt Christian Vedder über die diesjährigen Preisträger. Für die BIH Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen sitzt er in der Jury des RheumaPreises. Das elfköpfige Gremium hat aus 50 Bewerbungen in diesem Jahr erneut drei Gewinner ausgewählt: Betriebswirtin Bettina Wittmann, Speditionskauffrau Lisa Nysen und Fotodesign-Student Benedikt Ziegler.

Aufklären Einer wissenschaftlichen Studie* zufolge geben derzeit rund zehn Prozent der Berufstätigen mit rheumatoider Arthritis in den ersten fünf Jahren ihrer Erkrankung ihren Arbeitsplatz auf. Wer weiterarbeiten kann, leidet häufig unter schlecht angepassten Arbeitsbedingungen. "Der RheumaPreis will aufklären und zeigen, wie es besser geht. Deshalb ist die BIH als Partner dabei", erklärt Christian Vedder. Wie wichtig Aufklärung ist, hat Lisa Nysen (23) gleich zu Beginn ihrer Ausbildung bei der Spedition Meyer logistics in Willich am Niederrhein erfahren. Zunächst wurde die junge Frau mit skeptischen Fragen konfrontiert: "So jung und schon Rheuma?" Aber heute ist sie froh, dass sie von Anfang an offen mit ihrer  Behinderung umgegangen ist. Im Anschluss an ihre Ausbildung zur Speditionskauffrau bekam sie eine Festanstellung in der Personalabteilung des Unternehmens.

Mut machen Auch Bettina Wittmann (37) nimmt ihre Rolle als Vorbild bereitwillig an: "Ich biete der Krankheit nur wenig Raum in meinem Leben. Ich setze mir beruflich und privat immer neue Ziele und bin stolz, wenn ich sie erreicht habe." Seit 17 Jahren arbeitet die Betriebswirtin bei der Eisengießerei Dossmann GmbH im baden-württembergischen Walldürn-Rippberg, wo sie sich auch als Betriebsrätin und Schwerbehindertenvertretung engagiert. Lisa Nysen und Bettina Wittmann haben Glück mit ihren Arbeitgebern, die sie darin unterstützen, arbeitsfähig zu bleiben. Beide profitieren von einem speziell eingerichteten Arbeitsplatz: eine teilbare Computer-Tastatur, ein neuer, leicht bedienbarer Wasserhahn im Waschraum, eine zweite Stechuhr, um lange Wege zu verkürzen, oder ein Büro im Erdgeschoss erleichtern beispielsweise die Arbeit von Bettina Wittmann.

| Bild: Christian Vedder und die Preisträgerin Bettina Wittmann lachen in die Kamera, (c) Mario Andreya
Christian Vedder von der BIH hielt die Laudatio auf Bettina Wittmann, (c) Mario Andreya
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Wege finden Obwohl die Arbeitsagentur Benedikt Ziegler zu einem ruhigen Bürojob rät, entschließt sich der damalige Abiturient für seine Leidenschaft: die Fotografie. Im nächsten Jahr wird der 25-Jährige sein Fotodesign-Studium an der Fachhochschule Dortmund abschließen. Trotz rheumabedingter Schmerzen und körperlicher Einschränkungen meistert er das herausfordernde Studienpensum und schafft es noch, nebenher als freier Fotograf zu arbeiten.

Christian Vedder kommt bei diesen Geschichten aus dem Staunen nicht heraus. Für ihn sind die RheumaPreis-Träger Helden im Berufsalltag.

* Quelle: www.rheumapreis.de > Hintergrund

 

WEITERE INFORMATIONEN

RheumaPreis

Der RheumaPreis wird seit 2009 jährlich an Arbeitnehmer und Arbeitgeber verliehen, die gemeinsam einen Weg gefunden haben, mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen beruflich aktiv zu sein. Aktuell haben die Partner des Preises einen Zehn-Punkte-Plan ("Call to action") erarbeitet, um die berufliche Situation von Menschen mit Rheuma zu verbessern. Bewerbungsschluss für den RheumaPreis 2016 ist der 30. Juni 2016.

Mehr unter: www.rheumapreis.de

| Bild: Simone Wuschech und ihr Mitarbeiter Guido Becker auf dem Tandem, (c) Anestis Aslanidis
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Aktionsbündnis
Volle Fahrt für Inklusion

Eine Tandem-Tour bildete den Auftakt der Kampagne "Jobs für Menschen mit Behinderung". Ihr Ziel: behinderte Stellenbewerber und Arbeitgeber zusammenbringen.

ZB 4-2015

Aktionsbündnis

Volle Fahrt für Inklusion | Bild: Logo der Kampagne
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Mit einer ungewöhnlichen Aktion Aufmerksamkeit schaffen, das gelang mit dem Auftakt der Kampagne "Jobs für Menschen mit Behinderung". Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft schwangen sich dazu auf Tandems. Mit von der Partie war Simone Wuschech, Leiterin des Integrationsamtes im Landesamt für Soziales und Versorgung des Landes Brandenburg und Mitglied im Vorstand der BIH.

| Bild: Simone Wuschech und ihr Mitarbeiter Guido Becker neben ihrem Tandem, (c) Anestis Aslanidis
Traten für die Inklusionskampagne in die Pedale: Simone Wuschech und ihr Mitarbeiter Guido Becker, (c) Anestis Aslanidis
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Die weiße Jacke mit dem kleinen, blauen BIH-Logo sitzt, die beiden Verschlussenden des Fahrradhelms klicken ineinander: Simone Wuschech und Guido Becker sind startklar und schwingen sich auf das Tandem, das vor ihnen steht. So sah es aus, als der Startschuss für die dreitägige Tandem-Tour der Stiftung MyHandicap von Nürnberg nach München fiel.

Erfolgreiches Miteinander Die Idee dahinter: Behinderte und nicht behinderte Menschen fahren gemeinsam ein Tandem und zeigen, wie ein erfolgreiches Miteinander von Arbeitnehmern und Arbeitgebern aussehen kann. Denn ein zentrales Element der Kampagne "Jobs für Menschen mit Behinderung" ist es, potenzielle Arbeitnehmer mit Behinderung und Arbeitgeber besser zu vernetzen. Die Internet-Plattform www.myhandicap.de soll dabei helfen. Bewerber können im Portal ein Persönlichkeitsprofil erstellen und in der Jobbörse platzieren. Arbeitgeber wiederum können passende Bewerber finden und sich über die Rahmenbedingungen einer Beschäftigung und über Fördermöglichkeiten informieren.

Start der Tandem-Tour "Bevor es losging, waren wir beide schon ein bisschen aufgeregt, Tandem fährt man ja schließlich nicht jeden Tag", erinnert sich Simone Wuschech, die auf der ersten Etappe gemeinsam mit ihrem schwerbehinderten Mitarbeiter Guido Becker für die BIH in die Pedale trat. "Ich war gern als Botschafterin der Kampagne dabei. Die Idee, damit ein weiteres Zeichen für eine inklusive Arbeitswelt zu setzen, hat mir sehr gefallen."

Viele Teams Neben ihr nahmen noch weitere Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft an der Tour teil – zum Beispiel die erfolgreiche Paralympionikin Anna Schaffelhuber, die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen Verena Bentele sowie Vertreter der Sozialversicherungen.

Los ging es dann am Montagmorgen des 21. September 2015 vor der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. In drei Etappen fuhren die Tandem-Teams an jedem der Tour-Tage verschiedene Unternehmen an, die für eine gelungene Inklusion im Arbeitsprozess stehen.

Etappenziele Der Münchner Flughafen wurde als eines der Etappenziele gewählt. Die Quote von Mitarbeitern mit Behinderung unter den mehr als 8.000 Beschäftigten beträgt zurzeit etwa elf Prozent – weit mehr als in anderen Unternehmen üblich. "Alle öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen, die während der Tour besucht wurden, finde ich bemerkenswert. Ob Münchener Flughafen oder Audi in Ingolstadt – alle stehen für sich und haben Vorbildcharakter", fasst Simone Wuschech zusammen.

Ein weiterer Stopp in München, die Allianz SE. Für die Versicherung gehören behinderte Menschen ganz selbstverständlich zur Belegschaft dazu. Weltweit setzt sie verschiedene Initiativen zur Förderung von Inklusion am Arbeitsplatz um. In Deutschland kümmert sich beispielsweise eine Gruppe junger Mitarbeiter um die Einstiegschancen von Studenten mit Behinderungen.

| Bild: Beschäftigter bei der Rädermontage bei der Audi A3 Produktion in Ingolstadt, (c) Audi
Eine Station auf der Tandem-Tour: Audi in Ingolstadt. Auf ergonomische Arbeitsbedingungen wird hier viel Wert gelegt, (c) Audi
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Auch das Audi-Werk in Ingolstadt wurde von den radelnden Teams angefahren. Dort arbeiten etwa 6.700 Arbeitnehmer mit Leistungseinschränkungen, mehr als 2.000 davon mit Behinderung. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat das Unternehmen in Zusammenarbeit mit Betriebsrat und Schwerbehindertenvertretung rund 400 neue Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen geschaffen.

Gute Beispiele Neben den drei genannten Beispielen für gelungene Inklusion am Arbeitsplatz gibt es noch zahlreiche weitere. Und im Verlauf der Tour wurden unter anderem auch noch eine Filiale der Deutschen Post in München, die Siemens AG sowie das Rathaus in Erlangen angefahren, bevor es beim Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration in München über die Ziellinie ging.

Alle Beispiele zeigen, wie Inklusion im Arbeitsleben funktionieren kann. "Menschen mit Behinderung sollen ebenso am Arbeitsleben teilhaben wie alle anderen auch und ihre Fähigkeiten einbringen können", sagt Andrea Nahles, Arbeitsministerin und Schirmherrin des Aktionsbündnisses "Jobs für Menschen mit Behinderung". "Wir müssen dabei helfen, bei den Arbeitgebern zum Teil noch immer bestehende Vorurteile abzubauen und ganz konkrete Wege aufzeigen, wie die inklusive Arbeitswelt gelingen kann", sagt die Schirmherrin weiter. Die Kampagne will genau dafür sensibilisieren, erklärt Stiftungsgründer von MyHandicap Jochen Schoss: "Wenn Arbeitgeber erst einmal die Berührungsangst verloren haben, stellen sie vielfach fest, dass hervorragende Leistungen erbracht werden, dass die Loyalität hoch ist und dass man sich ohne viel Aufwand auf die Behinderung einstellen kann. Wir wollen deshalb aktiv auf die Unternehmen zugehen."

 

WEITERE INFORMATIONEN

Stiftung MyHandicap

MyHandicap unterstützt Menschen, die durch eine Behinderung in ihrem Alltag maßgeblich beeinträchtigt sind. Auf dem Internetportal sind Informationen zu allen Lebensbereichen sowie ein Forum zum Informationsaustausch und eine Jobbörse zu finden.

Mehr unter: www.myhandicap.de

 

INTERVIEW

"Auf die Stärken blicken"

| Bild: Porträt von Simone Wuschech, (c) Thomas Meinicke
Simone Wuschech ist Mitglied im BIH-Vorstand, (c) Thomas Meinicke
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Tandem fährt man ja nicht jeden Tag, wie hat das gemeinsame Fahren mit Ihrem Kollegen Guido Becker geklappt?

Simone Wuschech Zu Beginn hatte ich sehr großen Respekt, wir beide hatten das noch nie vorher probiert. Das Schwierige ist zunächst das synchrone Auf- und Absteigen und man muss den Rhythmus finden. Wir beide haben das aber sehr schnell hinbekommen und es machte uns total viel Spaß. Ich musste lernen zu vertrauen, dass mein Mitarbeiter das Tandem schon richtig lenkt, auf dem hinteren Sitz steuert man ja nicht. Für uns beide war das alles eine ganz neue Erfahrung.

Ein schönes Symbol für das Miteinander von behinderten und nicht behinderten Menschen in der Arbeitswelt …

Wuschech Ja, absolut. Es ist wichtig, den Blick auf die Stärken der behinderten Menschen zu richten und passgenaue Arbeitsplätze für sie zu schaffen. Gemeinsam gilt es, vorhandene Barrieren zu überwinden.

Haben die besuchten Betriebe ein "Erfolgsrezept" für Inklusion?

Wuschech Ich bin fest davon überzeugt, dass es auf die Menschen selbst ankommt, angefangen bei den Betriebs- und Dienststellenleitungen, den Führungskräften bis hin zu jedem einzelnen Mitarbeiter. Inklusion als ein selbstverständliches Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung am Arbeitsplatz muss fest in unseren Köpfen und Herzen verankert sein. Ein wichtiger Motor, der die Inklusion vorantreibt, sind dabei die Schwerbehindertenvertretungen.

ZB 4-2015

Leidensgerechter Arbeitsplatz

Freikündigung

Leitsätze
1. Eine Pflicht zur Freikündigung eines leidensgerechten Arbeitsplatzes für einen erkrankten Arbeitnehmer allein auf der Grundlage des allgemeinen Kündigungsschutzes besteht nicht. Das gilt auch bei Vorliegen einer Schwerbehinderung des erkrankten Arbeitnehmers, wenn der betroffene Stelleninhaber seinerseits allgemeinen Kündigungsschutz nach dem Kündigungsschutzgesetz (KSchG) genießt.

2. Eine auf dauerhafte krankheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit gestützte Kündigung verstößt nicht ohne Weiteres gegen das Verbot der Benachteiligung wegen einer Behinderung nach § 7 Abs. 1 Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG).

BAG, Urteil vom 20.11.2014 – 2 AZR 664/13

Sachverhalt und Entscheidungsgründe Der mit einem Grad der Behinderung von 30 gleichgestellte Kläger war seit Ende 2006 dauerhaft arbeitsunfähig erkrankt. Seit 2007 bezog er eine Intebefristete Rente wegen Erwerbsminderung. Nach Zustimmung durch das Integrationsamt kündigte die Beklagte Ende 2010 das Arbeitsverhältnis. Der Kläger hat vorgetragen, er könne seine bisherige Tätigkeit als "Call-Center-Agent" wegen eines bei der Arbeit erlittenen akustischen Schocks nicht mehr vollschichtig ausüben. Er könne jedoch als "Supervisor" arbeiten, zumindest sei für ihn eine Stelle als Lagerarbeiter freizumachen.

Das Bundesarbeitsgericht (BAG) hat die Revision für begründet erachtet. Zwar bestehe weder eine Verpflichtung zur Schaffung einer neuen Stelle noch zur Freikündigung einer besetzten Stelle. Auch sei die Kündigung unionsrechtlich wirksam, wenn der Arbeitgeber nicht imstande sei, die bestehende Leistungsunfähigkeit des Arbeitnehmers durch angemessene, ihn nicht unzumutbar belastende Maßnahmen zu beseitigen. Die Beklagte habe aber gegen ihre Verpflichtung verstoßen, ein ordnungsgemäßes Betriebliches Eingliederungsmanagement durchzuführen. Sie hätte prüfen müssen, ob eine Teilzeitarbeit als "Call-Center-Agent" möglich gewesen wäre.

ZB 4-2015

Behinderung
Arbeitsweg

 

Leitsätze
1. Eine Änderung des Arbeitsortes kann im Einzelfall unter § 81 Abs. 4 Sozialgesetzbuch (SGB) IX fallen.

2. Die Frage, an welchem konkreten Ort die Arbeitsleistung des schwerbehinderten Menschen zu erbringen ist, bleibt grundsätzlich dem Weisungsrecht des Arbeitgebers überlassen.

LAG Hamburg, Urteil vom 15.04.2015 – 5 Sa 107/12

Sachverhalt und Entscheidungsgründe Der 1979 geborene Kläger besitzt seit 2007 einen Grad der Behinderung von 90. Seit 2003 arbeitet er als Verkaufsmitarbeiter für die Beklagte, welche deutschlandweit eine Vielzahl von Filialen betreibt. Um an seinen Einsatzort in einer Hamburger Filiale nördlich der Elbe zu gelangen, muss der bei Lüneburg wohnende Kläger mit dem Pkw entweder den Elbtunnel oder die Elbbrücken nutzen. 2010 und Anfang 2011 bewarb er sich erfolglos um eine Versetzung an einen anderen, wohnortnahen Standort. Er stützte sich dabei auf mehrere ärztliche Bescheinigungen, in denen ein Wechsel auch im Hinblick auf bestehende Angstzustände bei der erforderlichen Nutzung eines Pkw empfohlen wurde.

Das Landesarbeitsgericht (LAG) Hamburg stellte aufgrund von Gutachten fest, dass ein Einsatz des Klägers an einem Standort nördlich der Elbe behinderungsbedingt nicht infrage kommt. Da die Beklagte die Beschäftigung des Klägers in einer anderen Filiale abgelehnt habe, könne der schwerbehinderte Kläger im Klagewege eine von gegebenenfalls mehreren behinderungsgerechten Einsatzmöglichkeiten konkretisieren. Gründe, die ihr die Erfüllung des Anspruchs gemäß § 81 Abs. 4 Satz 3 SGB IX unzumutbar machen würden, habe die Beklagte nicht vorgetragen.

ZB 4-2015

Betriebsbedingte Kündigung

Kleinstbetrieb

 

Leitsatz
Insbesondere bei einem Kleinstbetrieb, der nicht zu einer Sozialauswahl verpflichtet ist, kann bei einer betriebsbedingten Kündigung das Interesse des Arbeitgebers gegenüber dem Interesse des schwerbehinderten Menschen, seinen Arbeitsplatz zu behalten, überwiegen.

OVG Mecklenburg-Vorpommern, Urteil vom 24.03.2015 – 1 L 19/14

Sachverhalt und Entscheidungsgründe Der Kläger, mit einem Grad der Behinderung von 30 gleichgestellt, war bei der Beigeladenen als Hotelleiter angestellt. Ende 2010 erteilte das beklagte Integrationsamt die Zustimmung zur ordentlichen betriebsbedingten Kündigung gemäß § 85 Sozialgesetzbuch IX. Nach erfolglosem Widerspruchsverfahren gab das Verwaltungsgericht der hiergegen gerichteten Klage statt. Die Berufung der Beigeladenen vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) hatte Erfolg. Das beklagte Integrationsamt habe zu Recht in der Begründung des Widerspruchsbescheides darauf abgestellt, dass die Kündigung des Klägers nicht auf dessen Behinderung beruhte, sondern betriebsbedingt aufgrund der Umstrukturierungsmaßnahmen der Beigeladenen erfolgte, die insbesondere der Personalreduzierung von sieben auf fünf Mitarbeitern dienten. Eine zum Wegfall des Beschäftigungsverhältnisses führende, nachvollziehbare Unternehmerentscheidung habe das Integrationsamt hinzunehmen.


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