| Bild: Titel ZB 1/2018 (c) Horst Rudel |

ZB 1-2018

SBV Wahl 2018

Chancen nutzen

Die Schwerbehindertenvertretungen in den Betrieben und Dienststellen leisten einen wichtigen Beitrag für Inklusion auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Im Herbst 2018 werden sie neu gewählt. Nutzen Sie die Chance – ob als Kandidat oder als schwerbehinderter Wähler! Für eine starke Interessenvertretung und mehr berufliche Teilhabe!

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| Bild: SBV WAHL Button |
SBV Wahl 2018

Für eine inklusive Arbeitswelt

Rund 40.000 Schwerbehindertenvertretungen sind in deutschen Betrieben und Dienststellen aktiv. Ihre Aufgaben sind gesetzlich geregelt: Sie reichen von der persönlichen Beratung und Unterstützung schwerbehinderter Beschäftigter über die Mitwirkung bei Einstellungen bis hin zur Beantragung von Maßnahmen, die die Beschäftigungssituation verbessern.

EIN PLUS FÜR ALLE

Die Schwerbehindertenvertretung ist in erster Linie die betriebliche Interessenvertretung der schwerbehinderten und gleichgestellten Arbeitnehmer. Aber auch Arbeitgeber profitieren von einer kompetenten Vertrauensperson. Sie berät und unterstützt beispielsweise bei der Beantragung von Förderleistungen. Bei Schwierigkeiten am Arbeitsplatz schaltet sie sich frühzeitig ein und zieht bei Bedarf externe Fachleute hinzu. Das kommt dem gesamten Betrieb zugute.

Für die Integrationsämter und Arbeitsagenturen ist die Schwerbehindertenvertretung ein wichtiger Türöffner in die Betriebe. Ihre Bemühungen, Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen zu sichern und die Schaffung neuer Arbeitsplätze zu fördern, haben mehr Aussicht auf Erfolg, wenn Vertrauensleute als kundige Partner zur Verfügung stehen. Denn sie kennen sich mit den Gegebenheiten vor Ort am besten aus, werden frühzeitig auf Probleme aufmerksam und bringen Ideen für deren Lösungen ein.

Die Schwerbehindertenvertretung leistet somit einen unverzichtbaren Beitrag für die Beschäftigung behinderter Arbeitnehmer. Dies hat auch die Politik erkannt und entsprechend reagiert: Die Rechte und Arbeitsbedingungen der Schwerbehindertenvertretung wurden im vergangenen Jahr gestärkt. Seither ist beispielsweise die Kündigung eines schwerbehinderten Menschen unwirksam, wenn die Schwerbehindertenvertretung vom Arbeitgeber nicht beteiligt wurde. Außerdem sind ihre Ansprüche auf Freistellung und Fortbildung erweitert worden. In großen Betrieben können zudem mehr Stellvertreter herangezogen werden.

WACHSENDER BEDARF

Angesichts der aktuellen und künftigen Herausforderungen ist die Stärkung der Schwerbehindertenvertretung zu begrüßen. So ist die Zahl der schwerbehinderten Beschäftigten in den letzten zehn Jahren um fast 34 Prozent auf 1,03 Millionen gestiegen. Dies geht aus der Statistik des Anzeigeverfahrens hervor. Damit wächst auch der Bedarf an Unterstützung. Gleichzeitig führt die demografische Entwicklung dazu, dass junge Fachkräfte rarer werden. Arbeitgeber müssen sich daher verstärkt mit gesundheitlicher Prävention und der Wiedereingliederung erkrankter Mitarbeiter auseinandersetzen. Schon heute ist die Schwerbehindertenvertretung ein wichtiger Akteur im Betrieblichen Eingliederungsmanagement. Inklusion erfordert aber nicht nur die Sicherung bestehender Arbeitsverhältnisse, sondern auch den Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt. Betriebe sollen offener werden, insbesondere für junge Menschen mit Behinderung und für arbeitslose schwerbehinderte Menschen. Zu Beginn des Jahres waren mehr als 163.000 ohne Job. Zwar ist die Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen aufgrund der guten Wirtschaftslage zurückgegangen. Doch nach wie vor haben es Menschen mit einer Behinderung deutlich schwerer, einen Arbeitsplatz zu finden.

ZUKUNFT GESTALTEN

Wie sich die zunehmende Digitalisierung der Arbeitswelt auf die Inklusion auswirken wird, bleibt abzuwarten. Klar ist: Sie birgt für behinderte Menschen Chancen und Risiken zugleich. Auf der einen Seite bieten moderne Technologien neue und individuelle Möglichkeiten der Unterstützung. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, dass Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen wegfallen – beispielsweise einfache Routinetätigkeiten. In diesem Spannungsfeld gilt es, die Interessen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auch in Zukunft erfolgreich zu vertreten.

Das Amt der Schwerbehindertenvertretung ist in der Tat eine anspruchsvolle Aufgabe. Doch viele Vertrauenspersonen machen die Erfahrung: Der Einsatz lohnt sich, ich kann etwas bewegen!

 

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SBV Wahl 2018

Stimmen aus der Praxis

| Bild: Joachim Steck (c) Horst Rudel |
"In vielen Unternehmen ist die SBV die treibende Kraft für Inklusion. Dafür braucht sie einen langen Atem! Deshalb ist es von Vorteil, so wie ich in jungen Jahren zu beginnen: Man kann langsam in das Amt hineinwachsen
und etwas aufbauen. Anfangs hatte ich durchaus Bedenken, was meine berufliche Karriere angeht. Heute stelle ich fest, dass die SBV mir eher Türen geöffnet hat. Was mich schon immer an dieser Arbeit gereizt hat, ist das ungeheuer breite fachliche Spektrum. Hier kann man etwas bewegen und mitgestalten. Die SBV ist – neben dem Vorstandsvorsitzenden – das interessanteste Amt in einem Unternehmen!“

Joachim Steck (55) ist seit 2000 Schwerbehindertenvertretung und
Gesamtschwerbehindertenvertretung bei der Landesbank Baden-Württemberg in Stuttgart. Rund 450 der insgesamt circa 10.000 Beschäftigten sind schwerbehindert oder gleichgestellt. Bis zu seiner Freistellung vor zehn Jahren arbeitete Joachim Steck als Projektleiter und Führungskraft im IT-Bereich der Bank.

 

Wir sagen Ja zu Inklusion, ...

| Bild: Hans-Hermann Specht (c) Claudius Pflug |
"Inklusion hat für mich etwas mit gesellschaftlicher Verantwortung zu tun. Beinahe jeder kennt doch in seinem privaten Umfeld jemanden, der betroffen ist. Wir beschäftigen vier Menschen mit einer Behinderung und sind immer wieder beeindruckt von der sozialen Kompetenz dieser Mitarbeiter. Eine Bereicherung für das ganze Unternehmen! Anfangs war das durchaus ein Lernprozess für alle: nämlich jeden Mitarbeiter individuell zu sehen und flexibel auf die Anforderungen zu reagieren. Inklusion kann gelingen, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer versuchen, sich in die Situation des anderen hineinzuversetzen.“

Hans-Hermann Specht (57) betreibt einen Edeka-Markt in Ludwigsfelde/Brandenburg mit derzeit mehr als 80 Angestellten. Er beschäftigt eine Mitarbeiterin mit Kleinwuchs sowie hör- und sehbehinderte Mitarbeiter.

| Bild: Antje Knabe (c) Christoph Edelhoff |
"Die Pflege ist – wie jeder weiß – eine wichtige, aber harte Arbeit. Ich sehe mich vor allem als Lotse für unsere Beschäftigten mit gesundheitlichen Problemen. Wer längere Zeit erkrankt ist, sucht nach gangbaren Wegen für den Wiedereinstieg. Und auch der Arbeitgeber hat ein großes Interesse daran, seine Fachkräfte zu halten. Hier versuche ich, Lösungen aufzuzeigen. Natürlich nicht allein, sondern in und mit unserem BEM-Team. Gemeinsam gelingt es uns immer wieder, nachhaltige Lösungen zu entwickeln. An diesem Beispiel wird deutlich, wie unverzichtbar Netzwerkarbeit für die SBV ist.“

Antje Knabe (56) ist Schwerbehindertenvertreterin am Friedrich-Ebert-Krankenhaus in Neumünster mit 2.100 Beschäftigten. 136 haben eine Schwerbehinderung oder Gleichstellung. Nach dem krankheitsbedingten Ausscheiden ihrer Vorgängerin rückte Antje Knabe 2011 in das Amt nach. Die gelernte Krankenschwester ist in Teilzeit beschäftigt und für die SBV- Arbeit freigestellt.

... Teilhabe und Vielfalt!

| Bild: Iris Meuer (c) Harald Oppermann |
"Wir setzen uns gemeinsam für eine faire, offene und inklusive Arbeitsumgebung ein, die Unterschiede begrüßt, anerkennt und wertschätzt. Eine wichtige Voraussetzung ist ein respektvoller Umgang auf Augenhöhe. Selbst bei gegenläufigen Interessen geht es darum, die Sichtweisen aller Beteiligten zu würdigen und mit einzubeziehen. Daraus entwickelt sich eine kreative Dynamik, die uns voranbringt in Richtung Inklusion. Wenn man bedenkt, dass die meisten Behinderungen erst im Laufe des Lebens eintreten, wird deutlich, wie wichtig und wertvoll das Engagement der SBV ist.“

Iris Meuer (52) ist Inklusionsbeauftragte des Arbeitgebers bei H&M in Deutschland. Bundesweit beschäftigt das schwedische Bekleidungsunternehmen 19.000 Mitarbeiter. Fast 700 haben eine Schwerbehinderung, darunter sind 200 gehörlose Kolleginnen und Kollegen.

| Bild: Silke Schmeißer (c) Thomas Müller |
"Schon immer kamen andere Menschen gern auf mich zu, um sich mir anzuvertrauen. Als mich dann vor vier Jahren unsere Gesamt-SBV fragte, ob ich nicht für unseren Bereich Ost kandidieren wolle, habe ich spontan gedacht: Das ist etwas für mich! Die Mitarbeiter sind froh, erstmals vor Ort einen Ansprechpartner zu haben. Jemand, der sich auskennt und dem sie vertrauen können. Behinderung ist ja nach wie vor ein sensibles Thema. Aus der Belegschaft kommen viele Fragen. Das Klima ist offener geworden.“

Silke Schmeißer (38) ist Schwerbehindertenvertreterin und Betriebsrätin für den Bereich Ost der Drogeriemarktkette dm. Von den insgesamt rund 4.500 Beschäftigten sind mehr als 80 schwerbehindert oder gleichgestellt. Silke Schmeißer arbeitet als stellvertretende Leiterin der dm-Filiale in Gotha.

 

 

 

 

 

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SBV-Wahl 2018

Packen wir’s an!

Damit die Wahl erfolgreich wird: Die Integrationsämter unterstützen Sie bei der Vorbereitung und Durchführung der Wahl. Zum Beispiel mit Kursen vor Ort.

| Bild: Hartmut Walter (c) Werner Kaiser |
"Die Schwerbehindertenvertretungen machen sich stark für Inklusion am Arbeitsplatz. Dafür hat der Gesetzgeber ihre Rechte erweitert und gleichzeitig die Arbeitgeber stärker in die Pflicht genommen. Ich beobachte, dass die Vertrauensleute ihre Aufgabe heute mit einem größeren Selbstverständnis wahrnehmen. Das hat sicher auch mit der wachsenden Bedeutung von Gesundheitsmanagement und BEM in den Unternehmen zu tun. Denn auch hier leistet die SBV mit ihrer Fachkompetenz einen wichtigen Beitrag. Wir, die Integrationsämter, unterstützen sie. Zum Beispiel durch Kurse, Fachliteratur und persönliche Beratung.“

Hartmut Walter (59), Mitarbeiter im Bereich Schulungs- und Öffentlichkeitsarbeit des Integrationsamtes beim Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie in Hildesheim

Rechtzeitig planen

Die SBV Wahl findet zwischen dem 1. Oktober und dem 30. November 2018 statt. Dies betrifft Betriebe und Dienststellen mit mindestens fünf schwerbehinderten Beschäftigten. Es gibt zwei Wahlverfahren: das förmliche oder das vereinfachte. In jedem Fall sind bestimmte Schritte und Fristen einzuhalten. Deshalb empfehlen wir Ihnen, die Vorbereitung der Wahl schon jetzt anzugehen. Viel Erfolg!

10 Argumente für eine SBV

 

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| Bild: Sven Krobitzsch (c) Wolfgang Schmidt |
Nachgehakt

Wenn alle Seiten mitziehen

Fünf Jahre nach der Unterstützten Beschäftigung: Wie geht es Sven Krobitzsch heute? Und was sagt sein Arbeitgeber? Ein Rückblick.

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Nachgehakt

Wenn alle Seiten mitziehen

Mithilfe der Unterstützten Beschäftigung hat Sven Krobitzsch auf dem Arbeitsmarkt Fuß gefasst. Fünf Jahre ist es her, dass die ZB darüber berichtet hat. Was ist aus ihm geworden? Wir haben nachgefragt.

| Bild: Sven Krobitzsch und sein Team (c) Wolfgang Schmidt |
Seine Geschichte zeigt, was möglich ist, wenn alle Seiten mitziehen“, sagt Luzie Herrmann vom Integrationsfachdienst (IFD) in Gera. Sie begleitet Sven Krobitzsch, kennt seinen beruflichen Weg: Wie er vor fünf Jahren bei der Firma Arntz Sägetechnik GmbH im thüringischen Schmölln anfing. Wie er im Rahmen der Unterstützten Beschäftigung als Produktionshelfer qualifiziert und dort schließlich in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen wurde.

Akzeptiert und integriert

Prokurist Thomas Rettberg bestätigt: „Herr Krobitzsch ist absolut zuverlässig und pünktlich, er ist sehr gut im Team integriert und fast nie krank.“ Der 36-jährige Mitarbeiter gehört zu einer Mannschaft, die in Früh- und Spätschicht im Einsatz ist. Dabei bilden immer zwei Kollegen ein Team. Diese Arbeitsweise kommt Sven Krobitzsch entgegen, weil ihm so immer ein Kollege zur Seite steht, der ihn anleiten und sein Arbeitsergebnis kontrollieren kann. „Das funktioniert, weil alle seine Einschränkungen akzeptieren“, erklärt Luzie Herrmann. Selbstverständlich sei das nicht. Eher ein Verdienst des Arbeitgebers und der Kollegen. So murrt keiner, wenn der behinderte Mitarbeiter für seine Aufgaben etwas mehr Zeit oder zusätzliche Pausen braucht. Denn jeder weiß: Er gibt sein Bestes.

Veränderte Arbeitsbedingungen

Trotzdem ist es gut, dass Luzie Herrmann nur einen Anruf entfernt ist. „Sven Krobitzsch lässt sich schnell entmutigen, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Er fällt dann in ein Motivationsloch. Im Gespräch versuche ich, ihn wieder aufzubauen“, sagt die IFD-Beraterin. Seine Sorgen nimmt sie ernst. Etwa, wenn er mit Veränderungen in seinem Arbeitsumfeld hadert: Im vergangenen Jahr bezog die Firma eine neue Produktionshalle, seither werden dort ausschließlich Bandsägen hergestellt. Die Metallteile, die Sven Krobitzsch und seine Kollegen bearbeiten, sind größer als früher. Sven Krobitzsch findet, dass die Arbeit dadurch anstrengender geworden ist. „Im Sommer wollte er aufgrund der Hitze auf Teilzeit umsteigen“, erinnert sich Thomas Rettberg. „Wir konnten ihn davon überzeugen, dass er weitermacht. Er wird schließlich gebraucht!“

Finanzieller Ausgleich

Zum Ausgleich der behinderungsbedingten Leistungseinschränkung seines Mitarbeiters erhält der Arbeitgeber einen Zuschuss, ebenso für den Betreuungsaufwand.

Ein Glücksfall

Und Sven Krobitzsch? Die Arbeit ist sein Lebensinhalt. Sie fordert ihn heraus, gibt ihm aber auch Halt. Der Arbeitsplatz bei Arntz war ein Glücksfall, damals, als er arbeitslos war und sogar die Aufnahme in eine Werkstatt für behinderte Menschen erwogen wurde. Es spricht viel dafür, dass diese Beschäftigung Bestand hat. Auch wenn es immer wieder Veränderungen geben wird.

 

| Bild: Paragrafenzeichen |
Recht


Hinweis: Die zitierten Vorschriften entsprechen dem Rechtsstand bis 31.12.2017

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Schwerbehindertenvertretung

Herausgabe eines Raums


Leitsätze

  1. § 96 Abs. 9 SGB IX räumt der Schwerbehindertenvertretung keinen Rechtsanspruch auf Überlassung eines eigenen Raums ein. Die Vorschrift eröffnet für den Arbeitgeber das Ermessen, ob er der Schwerbehindertenvertretung eigene Räume und Sachmittel zur Verfügung stellt, anstelle sie auf die Mitbenutzung der Räume des Betriebsrats zu verweisen.
  2. Die Schwerbehindertenvertretung hat keinen Anspruch auf einen bestimmten Raum, auch wenn er ihr einmal zugewiesen worden ist. Die Ausübung eines Herausgabeverlangens auf den zugewiesenen Raum unterliegt nur der Missbrauchskontrolle.

LAG Schleswig-Holstein, Beschluss vom 26.04.2017 – 6 TaBV 47/16

Sachverhalt und Entscheidungsgründe
Die Beteiligten streiten um die Herausgabe eines seit Jahren von der Schwerbehindertenvertretung genutzten Raums, der sich unmittelbar neben dem Betriebsratsbüro befand. Der Aufforderung, den Raum aufzugeben und in ein anderes Gebäude zu ziehen, in dem alle mit dem Thema Gesundheit befassten Institutionen untergebracht werden sollten, kam die Schwerbehindertenvertretung nicht nach. Dem Antrag auf Herausgabe des Büroraums gab das Arbeitsgericht Lübeck statt, die dagegen eingereichte Beschwerde wurde vom Landesarbeitsgericht (LAG) Schleswig-Holstein abgewiesen.

Das Gericht führte aus, dass § 96 Abs. 9 SGB IX der Schwerbehindertenvertretung keinen Rechtsanspruch auf Überlassung eines eigenen Raums einräumt. Das SGB IX verweise die Schwerbehindertenvertretung vielmehr darauf, die Räume und Sachmittel des Betriebsrats mitzubenutzen. Ob der Arbeitgeber der Schwerbehindertenvertretung eigene Räume zur Verfügung stellt, steht in seinem Ermessen. Tut er dies, kann daraus kein Anspruch auf einen bestimmten Raum hergeleitet werden. Das Verlangen des Arbeitgebers auf Herausgabe eines bisher genutzten Raums unterliege lediglich der Missbrauchskontrolle. Das Verlangen dürfe nicht zur Erreichung unzulässiger Zwecke und nicht willkürlich eingesetzt werden.

 

 

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Diskriminierung

Entschädigung

Leitsätze

  1. Der am Ende eines Lebenslaufs unter der Überschrift „Besondere persönliche Merkmale“ allein enthaltene Vermerk „zu 80 % schwerbehindert“ ist ein ausreichender Hinweis auf eine bestehende Schwerbehinderung.
  2. Die Verletzung der Förderpflicht nach § 81 Abs. 1 Satz 1und 2 SGB IX, die fehlende Bestellung eines Schwerbehindertenbeauftragten nach § 98 SGB IX sowie die Nichterfüllung der Mindestbeschäftigungsquote nach § 71 Abs. 1 SGB IX indizieren eine Diskriminierung wegen Behinderung.
  3. An die Annahme eines Rechtsmissbrauchs bei der Geltendmachung einer Entschädigung nach § 15 AGG sind hohe Anforderungen zu stellen.

LAG Hamm, Urteil vom 13.06.2017 – 14 Sa 1427/16

Sachverhalt und Entscheidungsgründe
Der 1968 geborene zum Software-Ingenieur und Volljuristen ausgebildete Kläger bewarb sich bei der Beklagten aus einer Selbstständigkeit heraus erfolglos auf eine Stelle, für die ein „frisch gebackener Jurist“ gesucht wurde. Der Lebenslauf enthielt unter der Überschrift „Besondere persönliche Merkmale“ den Hinweis „zu 80 % schwerbehindert“. Die Beklagte hatte die Stelle nicht der Bundesagentur für Arbeit gemeldet, hatte keinen Schwerbehindertenbeauftragten bestellt und die Pflichtquote nach § 71 Sozialgesetzbuch (SGB) IX nicht erfüllt. Gegen die Nichtberücksichtigung bei der Bewerbung machte der Kläger gerichtlich Schadensersatzansprüche nach Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz (AGG) geltend. Das Landesarbeitsgericht (LAG) Hamm führte aus, der Kläger werde unter anderem auch wegen seiner Schwerbehinderung diskriminiert. Sein Hinweis auf seine Schwerbehinderteneigenschaft im Lebenslauf unter dem Punkt „Besondere persönliche Merkmale“ sei ausreichend platziert, da die Information ohne Weiteres erkennbar und wahrnehmbar war. Indizien für die Benachteiligung des Klägers wegen seiner Behinderung sind die Tatsachen, dass die Beklagte ihrer Förderpflicht nach § 81 Abs. 1 und 2 SGB IX nicht nachgekommen ist und sie der Agentur für Arbeit die freie Stelle nicht gemeldet hatte. Hinzu kommt das Fehlen eines Schwerbehindertenbeauftragten im Betrieb und die Nichterfüllung der Mindestbeschäftigungsquote nach § 71 Abs. 1 SGB IX.

Eine rechtsmissbräuchliche Geltendmachung des Schadensersatzanspruchs wurde nicht gesehen. An die Annahme eines solchen Einwands sind hohe Anforderungen zu stellen. Es müssen im Einzelfall besondere Umstände vorliegen, die ausnahmsweise den Schluss auf ein rechtsmissbräuchliches Verhalten rechtfertigen. Allein aus der Güte des Bewerbungsschreibens, der Zahl der erfolglosen Bewerbungen und der Zahl der Entschädigungsprozesse kann nicht auf einen Rechtsmissbrauch geschlossen werden.

 

| Bild: Ein schwerbehinderter Mitarbeiter und sein Roboterkollege APAS bei der Montage. (c) Fraunhofer IAO/L |
Unterstützende Robotertechnik

Mensch und Maschine – ein Team

Der Inklusionsbetrieb ISAK erprobt gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut IAO neue Wege der Unterstützung für Mitarbeiter mit einer Körperbehinderung.

 

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Unterstützende Robotertechnik

Mensch und Maschine – ein Team

Arbeitsabläufe optimieren und Belastungen für die Belegschaft minimieren: Robotertechnik macht es möglich. Die ISAK gGmbH, ein Inklusionsbetrieb in Sachsenheim bei Stuttgart, nimmt an einem Forschungsprojekt teil, bei dem ein Roboter monotone und gelenkbelastende Arbeiten übernimmt.

| Bild: Der Roboterarm passt sich unterschiedlichen Tischhöhen an (c) Fraunhofer IAO/Ludmilla Parsyak |
Präzise fährt der Roboterarm eine Kunststoffplatte mit 64 Steckplätzen ab und presst ein Plastikteil in das andere. Sobald ISAK-Betriebsleiter Andreas Paul Müller zu nah an den automatischen Produktionsassistenten herankommt, bleibt dieser abrupt stehen. „Der Roboterarm ist mit einer feinen Sensorhaut überzogen“, erklärt Andreas Paul Müller. Dank der modernen Sicherheitssensorik kann der sonst übliche Schutzzaun zum Roboter entfallen. Mensch und Maschine arbeiten hier unmittelbar zusammen.

KOLLEGE ROBOTER

Die ISAK gGmbH, die für Kunden aus der Industrie Lohnarbeiten ausführt, nimmt teil am Forschungsprojekt „AQUIAS – Teilhabe durch Robotik“. Das Projekt wird vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) wissenschaftlich begleitet und von der Firma Bosch technisch unterstützt (siehe Info-Box). Die Wissenschaftler gehen der Frage nach, wie die barrierefreie Mensch-Roboter-Kooperation gezielt für schwerbehinderte Beschäftigte genutzt werden kann. Die individuelle Unterstützung durch mobile Produktionsassistenten verspricht schwerbehinderten Menschen mehr Teilhabe am Arbeitsleben. „Unser Ziel ist es, auch Mitarbeitern, die wegen ihrer Behinderung diese Montagearbeiten bislang nicht ausführen konnten, ein neues Arbeitsfeld zu eröffnen“, erklärt Geschäftsführer Thomas Wenzler. Etwa die Hälfte seiner rund 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben körperliche Einschränkungen.

BELASTUNGEN ABBAUEN

Bei der Montage von Bauteilen soll der Roboter die belastenden und monotonen Einpressarbeiten übernehmen, die bislang von schwerbehinderten Beschäftigten mit einer Handhebelpresse ausgeführt wurden. Mit seinem Greifer zieht er vom Mitarbeiter vorbereitete Werksteile zu sich und schiebt sie nach der Bearbeitung wieder zurück. „Die abschließenden Kontroll- und Prüfaufgaben bleiben dagegen beim Menschen“, betont Thomas Wenzler. Die höhenverstellbaren Arbeitstische erlauben es, abwechselnd im Sitzen oder im Stehen zu arbeiten. So werden einseitige Belastungen vermieden. Für den automatischen Produktionsassistenten ist dies kein Problem, denn er passt sich mit seinem Roboterarm flexibel an die veränderte Tischhöhe an.

JOBS SICHERN

Seit Mai 2017 ist der Roboter in der Werkhalle von ISAK im Einsatz. „Bei der täglichen Arbeit sehen wir immer wieder Verbesserungsmöglichkeiten. In enger Zusammenarbeit mit der Firma Bosch versuchen wir, die noch bestehenden Kinderkrankheiten zu beseitigen“, sagt Thomas Wenzler. Zum Beispiel soll der Roboter gleich erkennen, welche Steckplätze belegt sind und welche nicht. Die leeren Steckplätze soll er überspringen. Das spart viel Zeit. „Wir wollen effizienter arbeiten, aber nicht auf Kosten unserer Beschäftigten. Das ist auch grundsätzlich der Ansatz des Forschungsprojektes AQUIAS. Denn: Sobald Robotertechnik eingesetzt wird, wächst bei den Mitarbeitern die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz. Deshalb benötigen wir einen Roboter, der sie in ihrer Arbeit unterstützt und nicht verdrängt“, betont Geschäftsführer Thomas Wenzler.

Auch wenn der Arbeitsplatz für viele Behinderungsarten geeignet ist, gibt es doch auch Einschränkungen: Menschen, die einen Herzschrittmacher tragen oder an einem Anfallsleiden erkrankt sind, dürfen nicht mit dem Roboter arbeiten. „Es gibt einfach noch zu wenige Erkenntnisse darüber, wie sich die Frequenz des Roboters auf die Frequenz eines Herzschrittmachers auswirkt“, erläutert Betriebsleiter Andreas Paul Müller.

NEUE WEGE GEHEN

Auf lange Sicht möchte sich das Unternehmen für die Zukunft wappnen. Weitere Einsatzmöglichkeiten des Roboters werden schon jetzt mitgedacht. So könnte zum Beispiel der Stanzstift durch einen Schrauber ersetzt werden, sodass Teile sicher miteinander verschraubt werden können. Doch bis dahin steckt noch viel Forschungsarbeit in der Robotertechnik. Für Thomas Wenzler ist klar, sich mit seinem Unternehmen und seinen Beschäftigten zielstrebig auf diesen Weg zu begeben.

| Bild: Thomas Wenzler (c) privat |
"Sobald Robotertechnik eingesetzt wird, wächst bei den Mitarbeitern die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz. Deshalb benötigen wir einen Roboter, der sie in ihrer Arbeit unterstützt und nicht verdrängt."

Thomas Wenzler, Geschäftsführer der ISAK gGmbH, Sachsenheim

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Projekt AQUIAS –

Teilhabe durch Robotik

AQUIAS ist die Abkürzung für „Arbeitsqualität durch individuell angepasste Arbeitsteilung zwischen Servicerobotern und schwer-/nichtbehinderten Produktionsmitarbeitern“. Es handelt sich dabei um ein Verbundprojekt zwischen dem Inklusionsbetrieb ISAK, der Fraunhofer- Gesellschaft und der Robert Bosch GmbH. AQUIAS wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziell gefördert.

Die Wissenschaftler des Fraunhofer- Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO entwickeln in dem Projekt Praxislösungen der Mensch- Roboter-Kollaboration. Die Firma Bosch stellt den mobilen Produktionsassistenten „APAS“ bereit und passt ihn speziell für ISAK an. Der Inklusionsbetrieb ISAK führt im Auftrag seiner Kunden aus der Automobilindustrie, der Medizintechnik oder dem Sanitärbereich Qualitätsprüfungen durch, montiert und verpackt Ware. Die Praxisphase des Projektes läuft noch bis September 2018.

Mehr Informationen unter: www. aquias.de und www.isakggmbh.de

 


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