| Bild: Titelbild der ZB 2-2012: junge Frau mit Wäschewagen, (c) Andreas Reiner |
ZB 2-2012

Unterstützte Beschäftigung

Bilanz nach drei Jahren

Seit 2009 gibt es die Leistung der „Unterstützten Beschäftigung“. Welche Erfahrungen wurden bisher gesammelt?

Inhalt des Schwerpunkts:

| Bild: Titelbild der ZB 2-2012: junge Frau mit Wäschewagen, (c) Andreas Reiner |

ZB 2/2012

Unterstützte Beschäftigung

Bilanz nach drei Jahren

Seit 2009 gibt es die Leistung der „Unterstützten Beschäftigung“. Für wen ist sie gedacht? Was ist ihr Zweck? Und welche Erfahrungen wurden in den vergangenen drei Jahren mitdiesem neuen Instrument gesammelt?

Die seit Jahren steigende Zahl von Menschen, die in Werkstätten für behinderte Menschen arbeiten, war im Jahr 2009 Anlass für den Gesetzgeber, eine zusätzliche Möglichkeit zu schaffen, dass wesentlich behinderte Menschen nicht einfach in Werkstätten beschäftigt werden, sondern möglichst auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ihren Lebensunterhalt verdienen können. Immer deutlicher war die Kritik geworden, dass wesentlich behinderte Menschen nach ihrer schulischen Ausbildung in einer Sonder- oder Förderschule zu häufig gleichsam „automatisch“ in eine Werkstatt wechseln. Nicht jeder wesentlich behinderte Mensch ist aber auf eine solche Sondereinrichtung zur Teilhabe am Arbeitsleben angewiesen, die für die Öffentliche Hand auch noch sehr teuer ist.

Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und damit mitten in der Gesellschaft entspricht überdies dem Gedanken der Inklusion, wie sie die auch in Deutschland geltende UN-Behindertenrechtskonvention fordert. Die Bundesagentur für Arbeit als Träger der Arbeitsvermittlung, die Rehabilitationsträger und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH) haben schon bald Umsetzungsempfehlungen für die neue Leistung miteinander abgestimmt. Speziell für den Teil der Berufsbegleitung gibt es eine weitere unter den Integrationsämtern abgestimmte Empfehlung.

Für wen? … Zur Zielgruppe der Unterstützten Beschäftigung zählen insbesondere Schulabgänger mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Aber auch Erwachsene mit einer seelischen Behinderung, welche so schwer ist, dass die Eingliederung in eine Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) erwogen wird, gehören dazu. Weiter können auch behinderte Menschen, die bereits in einer WfbM arbeiten und für den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt geeignet sind, profitieren.

Qualifizierung … Die Unterstützte Beschäftigung ist die individuelle betriebliche Qualifizierung, Einarbeitung und Begleitung behinderter Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes. Ziel ist ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis. In einer ersten Phase von zwei bis maximal drei Jahren, für die in der Regel die Bundesagentur für Arbeit die Kosten trägt, werden die Menschen in Betrieben qualifiziert, können sich in Praktika erproben und erreichen nach dieser Zeit im Idealfall einen festen Arbeitsplatz. Dann erfolgt die weitere Begleitung durch einen Träger der Unterstützten Beschäftigung, häufig ein damit beauftragter Integrationsfachdienst.

Begleitung … Ist ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis erreicht, ist aber dauerhaft eine weitergehende Unterstützung erforderlich, wird diese in Form einer Berufsbegleitung erbracht. Dafür ist in der Regel das Integrationsamt zuständig. Die Dauer der Begleitung richtet sich nach dem individuellen Bedarf. Die Berufsbegleitung reicht von einer psychosozialen Betreuung bis zu einem zeitlich begrenzten intensiven Jobcoaching. Ergänzt werden diese Leistungen bei Bedarf durch alle Leistungen der Begleitenden Hilfe im Arbeitsleben.

Steigende Nachfrage … Ende Oktober 2011 befanden sich 3.078 Teilnehmer in der ersten Phase der Unterstützten Beschäftigung, die Fallzahlen waren von 2010 auf 2011 um rund 38 Prozent angestiegen. Etwa 80 Prozent der Teilnehmer hatten bisher noch keinen Berufsabschluss oder eine mindestens dreijährige Berufstätigkeit vorzuweisen. In einigen Bundesländern gibt es Modelle zum Übergang Schule-Beruf mit erfolgreichen Maßnahmen, die anstelle der Unterstützten Beschäftigung angeboten werden. Die Nachfrage ist also tatsächlich noch weit höher.

Bewertung und Ausblick … Bis sich neue gesetzliche Instrumente zur beruflichen Teilhabe behinderter Menschen etabliert haben, vergeht immer eine gewisse Zeit. Vor diesem Hintergrund sind die Fallzahlen der Inanspruchnahme der Unterstützten Beschäftigung schon sehr gut. Die getroffenen Absprachen und Empfehlungen hinsichtlich der Übergabe der Fälle aus dem Zuständigkeitsbereich der Bundesagentur für Arbeit zu den Integrationsämtern müssen aber in der Praxis noch besser eingehalten werden. Unabdingbar ist eine frühzeitige Einbindung der Integrationsämter nach Abschluss der ersten Phase, für welche die Bundesagentur für Arbeit zuständig ist.

Bei Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf zeigt sich auch die Notwendigkeit einer besseren schulischen Vorbereitung für eine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Hier wird nochmals der Gesetzgeber gefragt sein, was dadurch erschwert wird, dass die Kultushoheit bei den Ländern liegt. Gute Ansätze in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen sollten dabei zum Standard entwickelt werden. Dem dient auch die „Initiative Inklusion“ des Bundes, die Mittel für die Weiterentwicklung der beruflichen Orientierung schwerbehinderter Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf bereitgestellt hat.

Gewonnen werden müssen selbstverständlich auch die Arbeitgeber, die Praktika, Qualifizierungsplätze und reguläre Arbeitsplätze für diese Zielgruppe bereitstellen sollen. Deshalb ist eine gute Information der Partner in den Betrieben sehr wichtig. Dazu gehören neben den Personalverantwortlichen auch die Schwerbehindertenvertretungen, die viele Türen öffnen können. Für stärker Eingeschränkte, zum Beispiel Menschen mit einer geistigen Behinderung, kommen selbstverständlich eher einfach strukturierte Tätigkeiten in Betracht. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass dies mit der richtigen Unterstützung auch gelingen kann und die Betroffenen nach der Einarbeitung sehr verlässliche Mitarbeiter sind. Vielleicht helfen der derzeit immer noch freundliche Arbeitsmarkt und die Konjunktur mit, die Billanz der Unterstützten Beschäftigung noch weiter zu verbessern.

 

Info: Was heißt...?

Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM): Sie ist eine Rehabilitationseinrichtung zur Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nicht tätig sein können. Je nachdem, in welchem Bereich der WfbM der behinderte Mensch tätig ist, trägt entweder die Agentur für Arbeit oder der Träger der Eingliederungshilfe die entstehenden Kosten in der WfbM.

Eingliederungshilfe: Sie ist eine Leistung der Sozialhilfe. Leistungsberechtigt sind alle Personen, die dauerhaft körperlich, geistig oder seelisch wesentlich behindert sind. Sie ist in der Eingliederungshilfe- Verordnung zum SGB XII (Sozialhilfe) geregelt.

Wesentliche Behinderung:Der Begriff der wesentlichen Behinderung stammt aus der Sozialhilfe: Er knüpft an den allgemeinen Begriff der Behinderung an und erfordert zusätzliche eine erhebliche Beeinträchtigung der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft. Es handelt sich um gravierende Behinderungen, die durchaus schwerer sein können als viele anerkannte Schwerbehinderungen. Oft liegt beides vor: Viele wesentlich behinderte Menschen haben auch einen Schwerbehindertenausweis vom Versorgungsamt. Sie brauchen diesen Ausweis aber nicht, um Leistungen der Eingliederungshilfe zu bekommen.

ZB 2/2012

Zeit haben, um sich zu bewähren

Stefanie Kekeisen hat ihr Ziel erreicht: Mit Hilfe der Unterstützten Beschäftigung ist es der 25-Jährigen gelungen, einen Arbeitsplatz im Wohnpark St. Klara – einer Seniorenwohnanlage – zu erhalten.

Stefanie Kekeisen füllt einen Wäschesack, (c) Andreas Reiner
Stefanie Kekeisen ist Hauswirtschaftshelferin, (c) Andreas Reiner
Ein langer, teils frustrierender Weg liegt hinter ihr. Nach Beendigung der Förderschule für Lernbehinderte absolvierte Stefanie Kekeisen eine Ausbildung zur Beiköchin, die sie nicht abschloss. Probebeschäftigungen und Trainingsmaßnahmen folgten, blieben aber erfolglos. Die zuständige Arbeitsagentur in Biberach, Baden-Württemberg, entschied sich schließlich für Maßnahmen im Rahmen der ersten Phase der Unterstützten Beschäftigung und beauftragte damit den Integrationsfachdienst (IFD) in Biberach.

Der IFD … Christel Hall, Integrationsberaterin beim IFD, traf Stefanie Kekeisen Anfang Juni 2010 zum ersten Mal: „Sie wünschte sich, mit alten Menschen zu arbeiten, da sie damit bereits gute Erfahrungen gemacht hatte, und wollte ihre erworbenen Fähigkeiten in der Hauswirtschaft einsetzen.“ Ein Praktikum in einem Seniorenheim sollte dies bestätigen. Heidi Haga, Leiterin des Wohnparks St. Klara in Schemmerhofen bei Biberach, sagte zu.

Orientieren … In den folgenden vier Monaten lernte Stefanie Kekeisen den Arbeitsablauf in der Seniorenanlage kennen, der mit drei Wohneinheiten und 33 Betten für die junge Frau eine überschaubare Größe hat. Zuerst arbeitete sie im hauswirtschaftlichen Bereich. Dann half sie bei der Pflege. Zur Seite stand ihr eine betriebliche Patin, die die Heimleitung dafür abgestellt hatte. Aufgrund des Verlaufs des Praktikums konnte sich Heidi Haga eine dauerhafte Zusammenarbeit vorstellen: „Voraussetzung war, dass Stefanie Kekeisen für die pflegerischen Arbeiten noch entsprechend qualifiziert wurde. Im hauswirtschaftlichen Bereich konnte sie bereits eingesetzt werden.“

Qualifizieren und stabilisieren … Das Praktikum wurde verlängert und Stefanie Kekeisen ging mit viel Elan an die Arbeit. Ihre Patin unterstützte sie und zeigte ihr, wie bestimmte pflegerische Tätigkeiten auszuführen sind. Aber es wurde deutlich, dass die Pflege Stefanie Kekeisen überforderte. Die Konsequenz: Ihre zukünftigen Aufgaben sollten sich auf den Bereich der Hauswirtschaft konzentrieren. Deshalb wurde im August 2011 ein neuer Arbeitsplatz geschaffen: Die 25-Jährige ist jetzt in allen drei Wohnbereichen für die Wäsche zuständig und hilft bei der Verteilung der Mahlzeiten. Damit sich alle sicher sein konnten, dass die Leistungen von Stefanie Kekeisen stabil sind, wurde sie weitere drei Monate begleitet. Heute hat sie ihren Arbeitsplatz im Griff und geht – wenn es ihre Zeit zulässt – gerne mit den Bewohnern spazieren oder spielt Brettspiele, was sehr geschätzt und gerne angenommen wird.

Sichern … Christel Hall vom IFD hatte regelmäßig Kontakt zu allen Beteiligten. Einmal pro Woche war sie vor Ort. Probleme wurden im Einzelgespräch oder kleinen Gesprächsrunden thematisiert. Auch der wöchentliche Projekttag, an dem berufsübergreifende Kenntnisse vermittelt werden, half Stefanie Kekeisen, sich im Arbeitsleben zurechtzufinden. Im Oktober 2011 erhielt sie einen auf zwei Jahre befristeten Arbeitsvertrag. Auf Wunsch der Heimleitung unterstützt der IFD Biberach den Wohnpark St. Klara auch weiterhin, um das Arbeitsverhältnis zu sichern. Auftraggeber hierfür – zweite Phase der Unterstützten Beschäftigung – ist das Integrationsamt des Kommunalverbandes Jugend und Soziales in Karlsruhe.

 

ZB 2/2012

Mit Arbeitstugenden überzeugt

Seit fast einem Jahr ist Sven Krobitzsch nun bei der Arntz Sägetechnik GmbH fest angestellt. Mit Fleiß und Teamgeist hat er sich die Anerkennung im Betrieb erworben.

Sven Krobitzsch mit Metallbändern für die Sägeherstellung, (c) Wolfgang Schmidt
Sven Krobitzsch ist Produktionshelfer, (c) Wolfgang Schmidt
„Ohne das mehrmonatige Praktikum hätten wir nicht erkannt, was in ihm steckt“, sagt die Fertigungsleiterin Dana Schnabel. Im Rahmen der Unterstützten Beschäftigung wurde Sven Krobitzsch bei der Firma Arntz Sägetechnik GmbH in Schmölln bei Gera als Produktionshelfer angelernt. Davor war der ausgebildete Hochbaufachwerker lange Zeit arbeitslos. Sogar die Aufnahme in eine Werkstatt für behinderte Menschen wurde einmal erwogen. Denn wegen seiner Lernschwäche braucht der 31-Jährige für neue Aufgaben eine intensive Anleitung und Einarbeitung. Auch danach sind regelmäßige Kontrollen seiner Arbeit unerlässlich, weil die Konzentration im Tagesverlauf deutlich nachlässt. Der Sägenhersteller Arntz hat sich darauf eingestellt. Zumal Fehler bei der Verarbeitung der eingesetzten hochwertigen Metalle schnell beträchtliche Kosten verursachen können.

Einsatz als „Tandem“ ... Sven Krobitzsch gehört zu einer Mannschaft mit 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in Früh- und Spätschicht im Einsatz ist. Dabei bilden immer zwei Kollegen ein Team. Diese Arbeitsweise ist insofern ideal für den schwerbehinderten Mitarbeiter, weil er so ständig einen Kollegen zur Seite hat, der ihn anleiten und kontrollieren kann. „Der damit verbundene personelle Betreuungsaufwand wird durch einen regelmäßigen Zuschuss des Integrationsamtes an den Betrieb finanziell abgefedert“, erklärt Katja Trenkmann vom Integrationsfachdienst beim Bildungswerk der Thüringer Wirtschaft e.V. Sie begleitet die zweite Phase der Unterstützten Beschäftigung, die mit dem Abschluss eines befristeten Arbeitsvertrages begonnen hat. Die Übergabe der Zuständigkeit von einem privaten Bildungsträger an den Integrationsfachdienst erfolgte im Sommer 2011 in einem Planungsgespräch, an dem auch der Reha-Berater der Arbeitsagentur und eine Mitarbeiterin des Integrationsamtes teilnahmen.

Technische Hilfen ... Weil alles weitgehend reibungslos läuft, bestand die Aufgabe von Katja Trenkmann bisher vor allem darin, den Betrieb bei der Beantragung von Leistungen zu unterstützen. Im Fall von Sven Krobitzsch hat das Integrationsamt beim Thüringer Landesverwaltungsamt neben dem besonderen Betreuungsaufwand die Anschaffung zweier technischer Geräte gefördert: Ein Gerät zur automatischen Vermessung mittels Laser sowie eine spezielle Abkantschere. Beides erleichtert Sven Krobitzsch die Arbeit, wenn er Metallbänder auf eine vorgegebene Länge zuschneidet. Zusammen mit seinem Kollegen kümmert er sich auch um die Sicherung und Verpackung der geschweißten Bandsägen.

Integration geglückt ... „Mit Anerkennung motivieren“, das hatte Katja Trenkmann dem Betrieb im Umgang mit dem behinderten Mitarbeiter besonders empfohlen. Doch Anerkennung bei Vorgesetzten und Kollegen hat sich Sven Krobitzsch durch Fleiß und Lernbereitschaft längst selbst verdient. Der Betrieb seinerseits kümmert sich weit über die fachliche Anleitung hinaus auch um persönliche Belange des jungen Mannes. So geschehen, als sein Auto, auf das er wegen der Schichtarbeit angewiesen ist, einmal Probleme machte. Für Sven Krobitzsch ist seine Arbeit mehr als ein Job. Sie hilft ihm, sein Leben zu meistern.

 


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