| Bild: Peter Ellinghaus (l.) erklärt, wie die Kehrmaschine eingestellt wird© Simone Bahrmann |
Betriebsintegrierte Arbeitsplätze

Die Chance ergreifen

Bei Kai Patrick Humberg hat es geklappt. Doch betriebsintegrierte Arbeitsplätze führen nicht zwangsläufig zu einem regulären Beschäftigungsverhältnis: Pro und Contra.

ZB 4/2013

Betriebsintegrierte Arbeitsplätze

Die Chance ergreifen

Hecken und Büsche schneiden, Beete pflegen, Unkraut jäten: Hier ist Kai Patrick Humberg in seinem Element. Der junge Mann kam über einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz an eine Festanstellung in der Lungenklinik Hemer im Sauerland.

Peter Ellinghaus und Kai Patrick Humberg bei der Arbeit,© Simone Bahrmann
Peter Ellinghaus und Kai Patrick Humberg bei der Arbeit, © Simone Bahrmann

 

Nach der Förderschule kam Kai Patrick Humberg 2004 in die Iserlohner Werkstätten, wo er in Elektromontage, Industriemontage und Landschaftsgärtnerei ausgebildet wurde. „Besonders für die Landschaftsgärtnerei hatte er ein Händchen, das haben wir schnell gemerkt“, erinnert Hecken und Büsche schneiden, Beete pflegen, Unkraut jäten: Hier ist Kai Patrick Humberg in seinem Element. Der junge Mann kam über einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz an eine Festanstellung in der Lungenklinik Hemer im Sauerland. sich Werkstattleiter Christophe Hessling. Um diese Neigung noch weiter zu fördern, wurde der junge Mann mit Lernschwierigkeiten 2006 in die Landschaftsgärtnergruppe der Werkstatt aufgenommen, wo er den Umgang mit den verschiedenen Gartengeräten einübte. „Ich wollte aber mal ausprobieren, wie ich auf einem Arbeitsplatz außerhalb der Werkstatt klarkomme“, beschreibt der junge Mann seine Motivation.

 

Chancen wahrnehmen

2010 bewarb er sich deshalb über das Projekt Chance 20Plus – ein Programm der Iserlohner Werkstatt für den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt – bei der Lungenklinik in Hemer. Eine Mitarbeiterin der Werkstatt hatte die Klinik auf das Projekt aufmerksam gemacht und diese erklärte sich bereit, es mit einem Werkstattbeschäftigten im „Technischen Dienst“ zu versuchen. Kai Patrick Humberg schien der passende Kandidat für die dortigen Gartenarbeiten zu sein. Es folgten vier Wochen Praktikum, in denen der junge Mann seinen Arbeitgeber überzeugte: Die Lungenklinik übernahm den 28-Jährigen zunächst auf einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz. Wie bei dieser Beschäftigungsform üblich, behielt Kai Patrick Humberg weiterhin seinen Status als Werkstattbeschäftigter. Die Lungenklinik zahlte für die Arbeitsleistung des behinderten jungen Mannes ein vertraglich vereinbartes Entgelt an die Werkstatt.

Talente statt Schwächen sehen

„Als Vorgesetzter hat mich seine freundliche und hilfsbereite Art eingenommen“, sagt Peter Ellinghaus, Leiter der Haustechnik-Abteilung. Anfangs war regelmäßig ein Werkstattmitarbeiter vor Ort, der mit Kai Patrick Humberg die Arbeitsschritte einübte. Manchmal braucht der behinderte junge Mann heute noch Hilfe, um seine zahlreichen Aufgaben nicht aus dem Auge zu verlieren. Doch sein Chef weiß auch um seine Stärken: „Bei der Arbeit mit den Grünflächen hat er mich mit seiner Kreativität und Sorgfalt beeindruckt.“ Dass Kai Patrick Humberg Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben hat, wurde da zur Nebensache. So entschloss sich die Lungenklinik 2012, ihn als festen Mitarbeiter im Unternehmen einzustellen.

Ein nahtloser Übergang

Auch in den folgenden Monaten stand die WerkEin Werkstattmitarbeiter besuchte gelegentlich den Arbeitsplatz, sprach mit Peter Ellinghaus und Kai Patrick Humberg, half bei Fragen weiter. „Ich glaube, es kommt letztlich darauf an, dass menschlich alles passt, egal ob es um behinderte oder um nicht behinderte Mitarbeiter geht“, fasst Peter Ellinghaus zusammen und ergänzt: „Man darf sich einfach nicht von den eigenen Vorurteilen und Bedenken leiten lassen. Wir haben Herrn Humberg eine Chance gegeben und er hat uns überzeugt!“

ZB 4/2013

Pro und Contra

Betriebsintegrierte Arbeitsplätze

Diese Arbeitsplätze haben zwei Seiten: Sie bergen Chancen und Risiken. Welche Argumente sprechen dafür? Und welche dagegen?

Pro

Ziel der betriebsintegrierten Arbeitsplätze ist es – im Hinblick auf die Anforderungen der UN-Behindertenrechtskonvention –, den Werkstattbeschäftigten die Möglichkeit zu geben, bei einem Arbeitgeber ihre berufspraktischen Fähigkeiten und sozialen Kompetenzen weiterzuentwickeln und schließlich den Übergang in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis auf dem ersten Arbeitsmarkt zu erreichen. Es gibt natürlich auch Werkstattbeschäftigte, die diesen letzten Schritt hin zu einer Anstellung im Betrieb nicht gehen können oder möchten. Für diese Menschen bieten betriebsintegrierte Arbeitsplätze oder Außenarbeitsplätze durch die räumliche Trennung vom Gebäude der Werkstatt ein höheres Maß an Inklusion als die Beschäftigung in einer Werkstatt für behinderte Menschen.

Contra

Betriebsintegrierte Arbeitsplätze können die Situation von Menschen mit Behinderungen auch verfestigen. Ihr Status als Beschäftigte einer Werkstatt für behinderte Menschen bleibt nämlich erhalten. Sie erhalten weiterhin zumeist nur ein geringes Taschengeld und bleiben voll auf Sozialleistungen angewiesen. Für Arbeitgeber ist das bequem und risikolos: Sie beschäftigen externe Mitarbeiter, für die sie keine Arbeitgeberrolle übernehmen müssen, denn diese bleiben ja Werkstattmitarbeiter. Das ist sehr kostengünstig, denn der Arbeitgeber bezahlt der Werkstatt in der Regel ein vergleichsweise geringes Entgelt. Der Arbeitgeber darf diese Mitarbeiter sogar auf seine eigenen Pflichtplätze nach dem Sozialgesetzbuch IX anrechnen, spart also Ausgleichsabgabe. Erkrankt der Mitarbeiter oder entspricht er nicht den Erwartungen, kann er problemlos „ausgetauscht“ werden. Das birgt die Gefahr, dass Arbeitgeber kaum motiviert werden können, die Beschäftigten in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis zu übernehmen, selbst wenn diese leistungsmäßig das Potenzial dazu haben.

 

 


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