| Bild: Mitarbeiterin des Hygiene-Centers der Backhaus Lüning GmbH |

Integrationsabteilung

Die etwas andere Geschäftsidee

Die Gründung einer Integrationsabteilung ist für einen Arbeitgeber auch in wirtschaftlicher Hinsicht überlegenswert. Aber was sind eigentlich Integrationsabteilungen? Ein Beispiel aus der Praxis.

ZB 3/2008

Integrationsabteilung

Die etwas andere Geschäftsidee

Die Gründung einer Integrationsabteilung ist für einen Arbeitgeber auch in wirtschaftlicher Hinsicht überlegenswert. Aber was sind eigentlich Integrationsabteilungen? Welchen Zweck verfolgen sie? Ein Beispiel aus der Praxis.

Bei Integrationsprojekten lassen sich drei Varianten unterscheiden: Integrationsunternehmen sind rechtlich und wirtschaftlich selbstständige Firmen, Integrationsbetriebe sind wirtschaftlich selbstständige Teile eines Unternehmens oder eines öffentlichen Arbeitgebers, Integrationsabteilungen sind unternehmens- oder betriebsinterne Abteilungen. Dass die Gründung einer Integrationsabteilung für einen privaten oder öffentlichen Arbeitgeber auch wirtschaftlich von Interesse sein kann, ist noch viel zu wenig bekannt. Denn unter den in den Jahren 2000 bis heute entstandenen über 500 Integrationsprojekten sind die meisten als Integrationsunternehmen gegründet worden und nur ein geringer Teil als Integrationsabteilung.

Wirtschaftlicher und sozialer Auftrag

Egal ob Integrationsunternehmen, Integrationsbetrieb oder Integrationsabteilung – ihr gemeinsames Kennzeichen ist die Integration behinderter Menschen ins Arbeitsleben und die Beschäftigung von überdurchschnittlich vielen besonders betroffenen schwerbehinderten Menschen. Deshalb sind die Förderleistungen, aber auch die Anforderungen, nämlich einen wirtschaftlichen und zugleich einen sozialen Auftrag zu erfüllen, bei allen Formen von Integrationsprojekten dieselben. Die Unterscheidung in Integrationsunternehmen einerseits und Integrationsbetriebe sowie -abteilungen andererseits ist dann von Bedeutung, wenn es um die Fördervoraussetzungen geht. Zum Beispiel gilt die gesetzlich vorgegebene Begrenzung des Anteils schwerbehinderter Menschen an der Gesamtzahl der Beschäftigten – mindestens 25 Prozent und aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit maximal 50 Prozent – nur für Integrationsunternehmen.

Integration statt Isolation

Weshalb ist es für ein bestehendes Wirtschaftsunternehmen überlegenswert, eine Integrationsabteilung zu gründen? Zum Beispiel, weil bisher fremd vergebene Aufgaben in den Betrieb zurückgeholt und dadurch Kosten eingespart und eine flexiblere Steuerung erreicht werden kann. Wenn dann noch soziales Engagement für die Beschäftigung besonders betroffener schwerbehinderter Menschen hinzukommt, verbinden sich die Ansätze zu der Idee, eine Integrationsabteilung im eigenen Betrieb zu gründen. Für den Integrationsgedanken ist dabei wichtig, dass die Integrationsabteilung nicht etwa ein vom sonstigen Betrieb isolierter Bereich ist, sondern aktiver Teil des betrieblichen Geschehens. Wie gut dies gelingen kann, zeigt das Beispiel der Backhaus Lüning GmbH in Bingen.

 

„Eine von uns beauftragte Studie hat den gesamtwirtschaftlichen Nutzen von Integrationsprojekten belegt.“
> Werner Reiter, Referent in der Abteilung Soziales/Integrationsamt beim Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung Rheinland Pfalz in Mainz

 

| Bild: Mitarbeiterin des Hygiene-Centers der Backhaus Lüning GmbH |
ZB 3/2008

Backhaus Lüning:

Eine saubere Sache ...

Im „Hygiene-Center“, einer Integrationsabteilung der Backhaus Lüning GmbH in Bingen, sorgt täglich ein Team schwerbehinderter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für saubere Körbe und Bleche.

Große gelbe Kunststoffkörbe stapeln sich bis unter die Decke: die nächste Füllung für die Korbwaschanlage, deren leises Brummen anzeigt, dass sie noch beschäftigt ist. Im „Hygiene-Center“, einer Integrationsabteilung der Backhaus Lüning GmbH in Bingen am Rhein, herrscht Hochbetrieb. Denn morgen Früh sollen in den sauberen Körben wieder frisch gebackene Brötchen zum Verkauf liegen. Sechs schwerbehinderte Mitarbeiter reinigen täglich 8.000 Körbe und Bleche, dazu Kessel und Stikkenwagen, wie die Transportfahrzeuge für Bleche genannt werden.

Hygiene-Center eingerichtet

Das Backhaus Lüning ist ein Familienunternehmen in dritter Generation, das heute 450 feste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie 150 Aushilfskräfte beschäftigt. Hinzu kommen 43 Auszubildende. Im Umkreis von 50 km betreibt das Unternehmen 45 Filialen, die vom Produktionsstandort in Bingen-Büdesheim beliefert werden.

„Wir planten 2003 eine Geschäftserweiterung und dabei entstand die Idee, eine Integrationsabteilung einzurichten“, so der Firmenchef Ludger Lüning. Ein Jahr später wurde das Hygiene-Center eröffnet und bisher fremd vergebene Reinigungsarbeiten in den Betrieb zurückgeholt. Eine Entscheidung, die sowohl kostengünstiger ist als auch logistische Vorteile für das Unternehmen hat. „Wir sparen Zeit und lange Wege“, erklärt Ludger Lüning. Das Hygiene-Center ist fest in die Produktions- und Logistikprozesse des Unternehmens eingebunden. Dies bedeutet auch: Die behinderten Kollegen müssen ihren Part zuverlässig erledigen, um einen reibungslosen Ablauf im Betrieb zu gewährleisten.

IFD: Mitarbeiter vermittelt

„Die Mitarbeiter des Hygiene-Centers zählen zu dem Personenkreis schwerbehinderter Menschen, die besondere Schwierigkeiten haben, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unterzukommen“, so Ingrid König, Leiterin des Integrationsfachdienstes in Mainz, der geeignete schwerbehinderte Mitarbeiter für das Hygiene-Center vermittelt und für die übliche Dauer von einem halben Jahr betreut hat. Danach übernahm der Berufsbegleitende Dienst eines Integrationsfachdienstes in Alzey die weitere Betreuung. „Am Anfang“, erinnert sich Ingrid König, „ging es mehr darum, Vorgesetzte und Kollegen für die Behinderungen zu sensibilisieren, zum Beispiel dass ein Mitarbeiter mit Diabetes zusätzliche Pausen braucht, um seinen Blutzuckerspiegel zu kontrollieren.“ Der Integrationsfachdienst ist auch zur Stelle, wenn es Schwierigkeiten gibt: „Einmal bat mich der Arbeitgeber, mit einer behinderten Mitarbeiterin zu sprechen, die sich beharrlich weigerte, eine Sicherheitskappe aufzusetzen, weil sie es behinderungsbedingt nicht nachvollziehen konnte. Ich konnte sie schließlich davon überzeugen, dass dies notwendig ist.“ Im Laufe der Jahre kam es auch vor, dass Mitarbeiter ausschieden, weil trotz aller Bemühungen eine Beschäftigung nicht funktionierte. Auf der anderen Seite gelang es bereits zwei Mitarbeitern aus dem Hygiene-Center, innerhalb des Betriebes eine qualifiziertere Tätigkeit in anderen Bereichen zu übernehmen.

Lohnendes Engagement

„Die Integrationsabteilung des Backhauses Lüning ist bislang einmalig in Rheinland-Pfalz“, so Werner Reiter vom Integrationsamt beim Landesamt für Soziales, Jugend und Versorgung Rheinland Pfalz in Mainz, das die Einrichtung des Hygiene-Centers mit einer Investitionshilfe gefördert hat.

Zuschüsse gab es auch für die Beratung durch eine externe Unternehmensberatungsfirma. „Die Integrationsabteilung basiert auf einem betriebswirtschaftlich tragfähigen Konzept“, bestätigt Werner Reiter. Wo ein Mitarbeiter behinderungsbedingt nicht die volle Leistung erbringen kann, zahlt das Integrationsamt als Ausgleich einen Lohnkostenzuschuss. Nicht zuletzt wird auch die Betreuung durch den Integrationsfachdienst vom Integrationsamt finanziert. „Förderung alleine kann jedoch nicht die Triebfeder sein, eine Integrationsabteilung zu gründen. Es gehört viel persönliches Engagement dazu“, weiß Ingrid König. Der Aufbau eines weiteren Integrationsbetriebes im vergangenen Jahr – ein Bistro mit dem Namen „Bäcker-Rant“ in Bad Kreuznach – ist der beste Beweis, dass sich dieses Engagement für das Backhaus Lüning lohnt.

 

„Wir möchten der Region, von der wir leben, etwas zurückgeben. Wir tun dies, indem wir Arbeitsplätze für schwerbehinderte Menschen schaffen.“
> Ludger Lüning, Backhaus Lüning GmbH in Bingen

 


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