| Bild: Titelbild ZB 4/2013, (c) Wolfgang Schmidt |

ZB 4-2013

Inklusion in der Arbeitswelt

Eine Frage der Einstellung

Wie weit ist das Thema Inklusion bereits in den Unternehmen angekommen? Und was genau erschwert oder erleichtert die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen? Dazu Ergebnisse einer mainfränkischen Studie, die Einschätzungen einer Integrationsamtsleiterin und Aussagen von Arbeitgebern.

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| Bild: Titelbild ZB 4/2013, (c) Wolfgang Schmidt |
Inklusion in der Arbeitswelt

Eine Frage der Einstellung

Wie weit ist das Thema Inklusion bereits in den Unternehmen angekommen? Und was genau erschwert oder erleichtert die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen? Antworten einer mainfränkischen Studie.

Mainfranken gehört zu den führenden Hightech-Standorten in Europa. 60.000 Firmen sind dort angesiedelt, renommierte Hochschulen und Forschungseinrichtungen bilden mit Unternehmen innovative Schwerpunktzentren, zum Beispiel auf dem Gebiet der Elektromobilität und der Medizintechnik. Die in der Mitte Deutschlands gelegene Region verzeichnet mit 3,5 Prozent eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten bundesweit. Gleichzeitig stellt die Industrie- und Handelskammer (IHK) Würzburg-Schweinfurt fest, dass es für ihre Unternehmen zunehmend schwieriger wird, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden.

„Wir müssen uns fragen, welche Potenziale auf dem Arbeitsmarkt bisher noch nicht genutzt werden“, sagt Dr. Alexander Zöller, Bereichsleiter Standortpolitik in der IHK. Aufschluss darüber sollte unter anderem eine repräsentative Befragung regionaler Unternehmen zur Beschäftigung schwerbehinderter Menschen geben. „Wir wollten wissen, inwieweit das Thema Inklusion bereits in den Unternehmen angekommen ist“, sagt IHK-Mitarbeiterin Dr. Sibylle Holste, die mit dieser Studie eine Art Bestandsaufnahme darüber vorlegte, wie selbstverständlich das Miteinander von behinderten und nicht behinderten Menschen tatsächlich ist.

Inklusion verändert das Denken

Zwei Drittel der Arbeitgeber – so ein Ergebnis der Studie – setzen Arbeitskräfte mit Behinderung ein und machen damit überwiegend gute Erfahrungen. Sie sind bereit, Einstellungshemmnisse zu überwinden und betroffenen Menschen eine Chance zu geben. Dass die persönliche Motivation der Verantwortlichen einen großen Einfluss auf diese Entscheidung hat, unterstreicht eine Expertise der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Die Wissenschaftler interviewten Arbeitgeber, Betroffene und Fachleute, um herauszufinden, welche Barrieren schwerbehinderte Menschen vom allgemeinen Arbeitsmarkt ausschließen und so Inklusion verhindern. Vorbehalte und Vorurteile auf Unternehmensseite zählen zu den wichtigsten.

Die UN-Behindertenrechtskonvention hat mit ihrem Leitbild der Inklusion einen gesellschaftlichen Bewusstseinswandel angestoßen. Dass dieser Wandel auch bisher noch skeptische Arbeitgeber zum Umdenken bewegen könnte, glaubt Dr. Sibylle Holste: „Die mainfränkische Wirtschaft befindet sich nicht im luftleeren Raum, sondern ist Teil der Gesellschaft. Das Thema Inklusion ist in aller Munde. Es geht um Partizipation im Alltag und dazu gehört auch die Teilhabe am Arbeitsleben.“

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„Wir müssen mehr aufklären“

Christiane Heemskerk, Leiterin des Integrationsamtes bei der Regionalstelle Unterfranken des Zentrum Bayern Familie und Soziales, über die Erwartungen von Arbeitgebern und wie das Integrationsamt darauf reagiert.

Frau Heemskerk, Arbeitgeber sind häufig der Meinung, dass ihre Arbeitsplätze nicht zu schwerbehinderten Menschen passen – oder umgekehrt. Wie ist Ihre Erfahrung?

Christiane Heemskerk, (c) Ina Brosch
Christiane Heemskerk, (c) Ina Brosch

Christiane Heemskerk Ich denke, da muss man realistisch sein: Tatsächlich ist nicht jeder Arbeitsplatz mit jeder Schwerbehinderung in Einklang zu bringen. Andererseits bin auch ich immer wieder überrascht, welche technischen Möglichkeiten es gibt, um einen Arbeitsplatz behinderungsgerecht zu gestalten. Die technischen Berater der Integrationsämter stehen den Betrieben hier sehr kompetent zur Seite. Dabei wird geprüft, ob im konkreten Fall nicht doch etwas machbar ist, auch wenn dies zunächst unwahrscheinlich erscheint. Und schließlich möchte ich noch darauf hinweisen, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher Behinderungen gibt und ein Arbeitsplatz, der für eine bestimmte Einschränkung nicht behinderungsgerecht ausgestattet werden kann, für eine Vielzahl anderer Behinderungsarten durchaus geeignet ist. Ich denke da zum Beispiel an blinde Programmierer, gehörlose Maschinenschlosser, Rollstuhlfahrer im Büro oder lernbehinderte Produktionshelfer, die an ihrem Arbeitsplatz für den Arbeitgeber praktisch ohne Einschränkungen tätig sind.

Die finanzielle Förderung scheint kaum Anreize für Arbeitgeber zu bieten. Gleichzeitig gibt es immer mehr Förderprogramme. Wie passt das zusammen?

Heemskerk Viele der Förderprogramme setzen ja gerade nicht auf finanzielle Anreize, sondern auf praktische Unterstützung, die aus meiner Sicht für Arbeitgeber häufig viel wertvoller ist, als es reine Geldleistungen sein können. In Bayern werden zum Beispiel im Rahmen der Programme „Übergang Schule-Beruf“ und „Initiative Inklusion“ verstärkt Integrationsfachdienste eingesetzt, die bei der Einarbeitung betreuen, aber auch über längere Zeiträume die schwerbehinderten Mitarbeiter am Arbeitsplatz begleiten und Arbeitgeber sowie Arbeitnehmer bei sämtlichen auftretenden Problemen beraten und unterstützen.

Wie arbeitet das Integrationsamt mit den Kammern zusammen?

Heemskerk Derzeit konzentriert sich die Zusammenarbeit in Bayern auf die Schulung der Ausbildungsberater, die bei der Kammer im Kontakt mit den Arbeitgebern stehen und bei Bedarf dann auch den Kontakt zwischen Arbeitgebern und dem Integrationsamt herstellen.

Was nehmen Sie aus dieser Studie für Ihre Arbeit mit?

Heemskerk Für uns ist die Aussage der Arbeitgeber wichtig, dass fast 30 Prozent noch keine Erfahrung mit dem Integrationsamt gemacht haben, und andererseits, dass 20 Prozent den besonderen Kündigungsschutz als Einstellungshemmnis ansehen. Beide Aussagen zeigen uns, dass wir in den Betrieben noch mehr aufklären und uns als Partner für Fragen der Beschäftigung schwerbehinderter Menschen stärker etablieren müssen.

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Was sagen Arbeitgeber?

Ergebnisse einer Studie der IHK Würzburg-Mainfranken, 2012

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Warum beschäftigen Sie schwerbehinderte Menschen?

Alois Bröder, Geschäftsführer bei Redur Messwandler: Wir haben mehr als 20 Jahre Erfahrung mit der Beschäftigung schwerbehinderter Menschen. Mitarbeiter mit Behinderung sind grundsätzlich weder besser noch schlechter als andere Mitarbeiter. Auch wenn es in den meisten Fällen sehr gut läuft, von drei schwerbehinderten Beschäftigten mussten wir uns in der Vergangenheit trennen, weil es nicht funktioniert hat. Man hört ja häufig, dass so etwas nicht möglich sei wegen des besonderen Kündigungsschutzes. Wir haben andere Erfahrungen gemacht!

Ob behindert oder nicht: Entscheidend ist, dass der Betroffene zu den beruflichen Aufgaben passt. Bei jedem freien Arbeitsplatz prüfen wir, ob er für schwerbehinderte Menschen geeignet ist. Wenn ja, sind wir offen für Bewerber mit Behinderung. Jeder von uns kann morgen einen Unfall haben und plötzlich behindert sein. Wenn wir sagen, „einen Behinderten will ich nicht einstellen“, und morgen sind wir selbst betroffen: Was können wir dann erwarten?

Alois Bröder mit behinderter Mitarbeiterin, © Hermann J. Knippertz
© Hermann J. Knippertz
Die Redur Messwandler GmbH in Merzenich bei Düren ist spezialisiert auf Stromwandler. Rund 40 Männer und Frauen, zehn davon schwerbehindert, fertigen und prüfen Geräte, mit denen sich Elektrizität erfassen, umwandeln, übertragen und messen lässt. Praktikanten der Dürener Werkstatt für behinderte Menschen haben hier regelmäßig die Gelegenheit, sich in einem „richtigen“ Betrieb zu erproben. Redur Messwandler war eines der ersten Unternehmen, die vom Landschaftsverband Rheinland mit dem „Prädikat behindertenfreundlich“ ausgezeichnet wurden.

 

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Was bedeutet für Sie Inklusion?

Sonja Diem, Gesellschafterin bei Medi-Kabelhandel: Ein Gemeinwesen funktioniert umso besser, je inklusiver es ist. Davon bin ich überzeugt. Deshalb ist es mir wichtig, auch schwerbehinderten Bewerbern eine Chance zu geben. Eine Probebeschäftigung ist eine gute Möglichkeit, sich näher kennenzulernen und zu sehen, ob man zusammenpasst. Bei Florian Kraus passte es! Er hat das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus, und arbeitet jetzt schon acht Jahre bei uns im Unternehmen.

Für das unmittelbare betriebliche Umfeld, also Kollegen und Vorgesetzte, ist es ganz wichtig, die Auswirkungen einer Behinderung zu kennen. Wir schauen aber bewusst nicht nur auf die Defizite, sondern auch auf die besonderen Fähigkeiten des Betroffenen! Florian Kraus zum Beispiel braucht zwar eine intensivere Arbeitsanleitung, dafür sorgt er im Lager engagiert und zuverlässig für Ordnung.

| Bild: Sonja Diem, Gesellschafterin bei Medi-Kabelhandel © Werner Bachmeier |
Die Medi-Kabelhandels GmbH mit Sitz im bayerischen Waldkraiburg produziert und verkauft über 5.000 verschiedene Kabel- und Leitungstypen. Die Kunden weltweit kommen vor allem aus der Automobilindustrie, der Elektro- und der Medizintechnik. Sie können bei der oberbayerischen Firma Kabel nach individuellen Anforderungen fertigen lassen. Rund 70 Angestellte sind in Vertrieb, Lager, Spulerei und Versand tätig. Die Firma beschäftigt insgesamt fünf schwerbehinderte Menschen.

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Welche Erfahrungen machen Sie mit behinderten Menschen?

Jürgen Hahn, Inhaber und Geschäftsführer bei Reinert Kunststofftechnik: Als ich 1997 die Firma übernahm, habe ich mir vorgenommen, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Hier gibt es tatsächlich viele Tätigkeiten für Betroffene. Ich denke dabei vor allem an unsere Mitarbeiter mit geistiger Behinderung. Diese Menschen tun uns gut, ihre Motivation überträgt sich auf die anderen Reinert-Mitarbeiter. Die Qualität der Produkte ist hervorragend, die Fehlzeiten sind absolut niedrig ... Das hätte man nicht erwartet: Dass die Betroffenen so präzise und konstant acht Stunden am Tag zupacken können. Wenn wir Besuch von Kunden haben, zeige ich ihnen auch gerne, wer an unseren Arbeitsplätzen „schafft” und wie das funktioniert. Warum auch nicht?! Wir sind stolz darauf, sagen zu können: „Schaut her, für uns ist es ganz normal, dass hier Menschen mit Behinderung arbeiten.”

Jürgen Hahn, Inhaber und Geschäftsführer bei Reinert Kunststofftechnik © Friedrich Stampe
Jürgen Hahn (r.) und ein Mitarbeiter, © Friedrich Stampe

Die Reinert Kunststofftechnik GmbH & Co. KG in Bissingen an der Teck/Baden-Württemberg produziert unter anderem Zulieferteile für die Automobilindustrie. Derzeit arbeiten 13 Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen in Produktion und Verwaltung, teilweise sogar im Schichtbetrieb. Das Unternehmen erhielt 2012 den „Mittelstandspreis für soziale Verantwortung in Baden-Württemberg“ in der Kategorie bis 150 Mitarbeiter.

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Wie profitiert Ihr Betrieb von einer bunten Belegschaft?

Ulrike Schröder, Inhaberin der Orthopädie-Schuhtechnik Schwarzenberg: Mein Vater hat nach einem Arbeitsunfall als Schornsteinfeger einen kaufmännischen Beruf erlernt und 1990 den Schuhtechnik-Betrieb übernommen. Seit 2011 teilen wir uns die Geschäftsführung. Wir bemühen uns, das Geschäft stetig weiterzuentwickeln. Behinderte Menschen gehören ganz selbstverständlich zum Mitarbeiterteam. Ich lerne viel von unseren Beschäftigten mit Behinderung. Sie leben uns vor, wie man schwierige persönliche Situationen meistern kann. Es wird einem dabei bewusst, dass es wirklich wichtigere Probleme gibt als die Dinge, über die wir uns im Alltag schnell aufregen. Die behinderten Beschäftigen passen gut ins Team, zum Beispiel ein Kollege mit Querschnittslähmung, der, bevor er zu uns kam, nur noch Praktikumsstellen erhalten hatte. Es geht hier sehr familiär zu. Und gerade durch unsere Verschiedenheit ergänzen wir uns wirklich gut.

Ulrike Schröder, Inhaberin der Orthopädie-Schuhtechnik Schwarzenberg © Wolfgang H. Schmidt
Ulrike Schröder (l.) und ein Mitarbeiter in der Werkstatt © Wolfgang H. Schmidt

Die Orthopädie-Schuhtechnik Schwarzenberg GmbH im Erzgebirge, rund 50 Kilometer südlich von Chemnitz, versteht sich als „Dienstleister rund um das Thema Gesundheit“. Zum Betrieb gehören ein Fachgeschäft für Bequemschuhe, professionelle Fußbehandlungen, Rückenschulkurse und eine Ergotherapie-Praxis. Fünf der insgesamt 31 Beschäftigten haben ganz unterschiedliche Behinderungen.

 


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