| Bild: Moderatorin Bettina Eistel mit Dirk Müller-Remus und Philip von den Linden von auticon GmbH, (c) Tom Maelsa |
Konferenzreihe

„Unternehmen Inklusive Arbeit“

Vor dem Hintergrund des viel diskutierten Fachkräftemangels will eine bundesweite Konferenzreihe behinderte Menschen in den Blick der Personalverantwortlichen rücken.

 

ZB 4/2012

Konferenzreihe

Unternehmen Inklusive Arbeit

Mit einer bundesweiten Konferenzreihe wirbt der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Hubert Hüppe bei Arbeitgebern für die Einstellung von Menschen mit Handicap. Die ZB berichtet von der Auftaktveranstaltung in Berlin...

Hubert Hüppe, (c) Tom Maelsa
Hubert Hüppe, (c) Tom Maelsa
Der Kollege mit Autismus sei vielleicht nicht der „Reißer“ auf der Betriebsfeier, dafür aber überdurchschnittlich gut qualifiziert, was logisches Denken und abstrakte Lösungsstrategien betrifft. Mit diesem Beispiel will Hubert Hüppe, der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, eines verdeutlichen: Die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung ist nicht bloß eine gute Tat, sondern – angesichts von Fachkräfteengpässen – auch wirtschaftlich klug gedacht. Genau das versucht die bundesweite Konferenzreihe „Unternehmen Inklusive Arbeit – Mehrwert durch Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen“ den Betrieben näherzubringen. Zur Auftaktveranstaltung am 27. September 2012 in Berlin begrüßte Hubert Hüppe als Gäste neben verschiedenen Vertretern aus Politik und Verbänden auch zahlreiche Arbeitgeber. Angesichts weit verbreiteter Vorbehalte gegenüber der Beschäftigung schwerbehinderter Menschen will die Konferenzreihe aufzeigen, wo genau es noch „hakt“, aber auch, was für Lösungen es bereits gibt. Der Behindertenbeauftragte: „Ich lade Sie ein, mehr über das Fachkräftepotenzial behinderter Menschen zu erfahren und neue Wege der Fachkräftesicherung zu gehen.“

Politischer Anstoß, persönliches Engagement Dem demografischen Wandel und dem damit verbundenen Fachkräftemangel muss aktiv begegnet werden, da waren sich auch Hans-Joachim Fuchtel, Parlamentarischer Staatssekretär des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS), und Ulrich Schönleiter, Ministerialdirigent des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWT), in ihren Grußworten einig. Hierfür werde zwar politisch schon etwas getan, erläuterten Hans-Joachim Fuchtel und Ulrich Schönleiter mit Hinweis auf die Initiative Jobs ohne Barrieren und auf den Nationalen Ausbildungspakt. Dennoch sei vor allem in den Köpfen der Menschen noch einiges zu ändern. Aus der Einstellungsfrage „behindert oder nicht behindert?“ müsse „geeignet oder nicht geeignet?“ werden, betonte Ulrich Schönleiter.

Mehr Wert auf dem Arbeitsmarkt Bettina Eistel, die durch die Veranstaltung führte, sinnierte über ihren eigenen „Mehrwert“ auf dem Arbeitsmarkt: Als Psychotherapeutin bei der Stadt Hamburg und als Moderatorin für das ZDF stemmt Bettina Eistel gleich zwei Jobs – und das ohne Arme. Die contergangeschädigte Moderatorin kennt die Berührungsängste der Arbeitgeber nur zu gut. Dabei sei es vor allem ihre eigene Behinderung, so Bettina Eistel, durch die sie eine besondere Kompetenz und Empathie im Umgang mit ihren Patienten erworben habe. Und nicht nur das Beispiel der quirligen Moderatorin beweist, dass aus einem Handicap auch eine Stärke werden kann. Drei Unternehmen hatte der Behindertenbeauftragte eingeladen, um von ihren positiven Erfahrungen mit der Beschäftigung schwerbehinderter Menschen zu sprechen (siehe Beispiele).

Vorbehalte au Podiumsdiskussion, (c) Tom Maelsa
Podiumsdiskussion, (c) Tom Maelsa
sräumen In einer abschließenden Diskussion mit Vertretern der Wirtschaft kamen noch einmal konkrete Fragen und Bedenken auf den Tisch. So wurde das Problem geschildert, dass manchmal trotz Einstellungsbereitschaft eines Betriebes kein behinderter Bewerber vermittelt werden kann. Außerdem gebe es immer noch bürokratische Hürden bei der Beantragung von Förderleistungen. Die Einstellung von behinderten Mitarbeitern wirkt sich auf das gesamte Betriebsklima positiv aus, so die Erfahrungen der Diskussionsteilnehmer. Und von Barrierefreiheit würden oftmals auch die nicht behinderten Kolleginnen und Kollegen profitieren. Dagegen seien die befürchteten höheren Fehlzeiten von Menschen mit Handicap mehr Mythos als Fakt. Genauso sollten sich Arbeitgeber nicht vom besonderen Kündigungsschutz abhalten lassen, Betroffenen eine Chance zu geben und sie etwa im Rahmen eines Betriebspraktikums näher kennenzulernen.

 

 

 

 

ZB 4/2012

"Unternehmen Inklusive Arbeit"

Beispiele aus der Praxis

Bettina Eistel mit Katharina Benson (globetrotter) und Sonja Winkler (HAA), (c) Tom Maelsa
Bettina Eistel mit Katharina Benson (globetrotter) und Sonja Winkler (HAA), (c) Tom Maelsa
Globetrotter Ausrüstung Denart & Lechhart GmbH, Hamburg
„Vielfalt hat bei Globetrotter schon immer eine große Rolle gespielt“, so Katharina Benson, Personalchefin beim Hamburger Outdoor-Ausrüster. Die Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen war also nur der nächste logische Schritt. Und damit diesem Schritt möglichst wenige Stolpersteine im Weg liegen, arbeitet das Unternehmen schon seit 1996 erfolgreich mit der Hamburger Arbeitsassistenz (HAA) zusammen. Als Integrationsfachdienst vermittelt die HAA auch geeignete Bewerber mit Handicap: Fachkräfte wie Marc Dodeck, der trotz seiner Mehrfachbehinderung seit zwölf Jahren bei Globetrotter im Vertrieb arbeitet und dort zu noch mehr Vielfalt beiträgt.

 

Moderatorin Bettina Eistel mit Dirk Müller-Remus und Philipp von der Linden von auticon GmbH, (c) Tom Maelsa
Moderatorin Bettina Eistel mit Dirk Müller-Remus und Philipp von der Linden von auticon GmbH, (c) Tom Maelsa
auticon GmbH, Berlin
Ein außergewöhnliches Geschäftsmodell: Bei der Berliner IT-Firma auticon arbeiten von elf Beratern fünf Menschen mit Asperger- Syndrom – einer leichteren Form des Autismus. Die Idee dazu kam Geschäftsführer Dirk Müller-Remus. Er hat selbst ein autistisches Kind und weiß um die oftmals außergewöhnlichen Fähigkeiten dieser Menschen im mathematisch- logischen Bereich. Ihre Schwächen liegen behinderungsbedingt vor allem im Sozialverhalten und in der Kommunikation. Deshalb werden die betroffenen Mitarbeiter bei auticon von Jobcoaches zum Beispiel im Umgang mit Kunden besonders geschult. Philipp von der Linden, der sich ganz konventionell bei auticon bewarb, betrachtet seine Behinderung eher als „Begabung“. So findet er nicht nur schnell eine Lösung für ein bestimmtes Problem, sondern entwickelt ganz nebenbei noch eine neue Lösungsmethode.

 

Bettina Eistel mit Dominik Otto und Matthias Robke von der Ing-DiBa, (c) Tom Maelsa
Bettina Eistel mit Dominik Otto und Matthias Robke von der Ing-DiBa, (c) Tom Maelsa
ING-DiBa AG, Frankfurt
„Entscheidend ist letztlich immer, dass sich jemand absolut engagiert für die Belange unserer Kunden einsetzt“, so formuliert es Matthias Robke, Bereichsleiter Personal in der Frankfurter Zentrale der ING-DiBa. Und an Engagement fehlte es dem blinden Dominik Otto nicht, der nach seinem BWL-Studium eine Festanstellung bei der Bank erhielt. Die behinderungsbedingten Barrieren, zum Beispiel bei der Bedienung des Computers, erzählt Dominik Otto, seien mit spezieller Software und technischen Hilfsmitteln leicht zu beheben. Unsicherheiten sind natürlich da, aber wie Dominik Otto betont, die „muss es vielleicht auch geben“. Er appelliert an Arbeitgeber, es trotzdem „einfach zu versuchen“. Dass Inklusion klappt, weiß er schließlich am besten.

 

 


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