| Bild: Lukas Krämer schaut durch die Kamera, (c) Hans Krämer
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Videoblogger

Lukas Krämer hat den Dreh raus

Lesen und schreiben kann Lukas Krämer nicht. Aber Videos produzieren. Darin ist er sogar so gut, dass er sein Hobby zum Beruf gemacht hat.

ZB 2-2020

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Lukas Krämer hat den Dreh raus

Lesen und schreiben kann Lukas Krämer nicht. Aber Videos produzieren. Darin ist er sogar so gut, dass er sein Hobby zum Beruf gemacht hat.

| Bild: Lukas Krämer schaut durch die Kamera, (c) Hans Krämer
"Ich mache meine Videos, um aufzuklären und um Leute wachzurütteln", sagt Lukas Krämer, (c) Hans Krämer
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Lukas Krämer ist der beste Beweis für das, was er selbst in einem seiner Videos sagt: "Viele stellen sich vor, dass geistig behinderte Menschen dumm sind – aber so ist es nicht." Im Gegenteil: Der 26-Jährige ist ein blitzgescheiter junger Mann, der neugierig ist, viel hinterfragt und seine Meinung klar äußert. Auch öffentlich.

Dabei war er im Alter von vier Jahren an einer Hirnhautentzündung erkrankt, die Teile seines Sprachzentrums zerstörte. Er kann deshalb weder lesen noch schreiben. Und: "Ich wurde oft wegen meines Sprachfehlers gehänselt", erzählt Lukas Krämer. Dennoch stellt er sich nicht nur hinter, sondern auch mutig vor die Kamera.

Seinem YouTube-Kanal "SakulTalks" folgen mehr als 3.200 Abonnenten, seit Ende 2016 hat er fast 400 Videos gedreht. Darin klärt er auf, zum Beispiel über "Behinderung und Arbeitsbetrieb". Er porträtiert Menschen mit verschiedenen Behinderungen ("Wie ist das … Autismus zu haben?"), er vertritt seine Meinung ("Stellt endlich mehr Menschen mit Behinderung ein!"). Er greift Themen wie das Bundesteilhabegesetz auf.

| Bild: Lukas Krämer mit Mikro interviewt Corinna Rüffer, (c) Hans Krämer
Interview mit seiner Chefin: Corinna Rüffer ist behindertenpolitische Sprecherin der Grünen, (c) Hans Krämer
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Kurioses erstes Treffen in Berlin
Vor allem aber trifft er Menschen, um sie zu interviewen. Einer dieser Menschen war im Mai 2017 Corinna Rüffer, die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen. Inzwischen hat die Politikerin den jungen Filmemacher für das Team ihres Wahlkreisbüros in Trier engagiert. Dabei war die erste Begegnung der beiden ein paar Monate zuvor noch kurios: Lukas Krämer war mit einer Gruppe auf Berlinfahrt, zu der jeder Bundestagsabgeordnete politisch interessierte Menschen aus dem eigenen Wahlkreis einladen darf. Während des Gesprächs mit Corinna Rüffer überkam den jungen Mann eine bleierne Müdigkeit – er schlief ein und begann zu schnarchen. So laut, dass die 44-Jährige lachen musste.

"Ich hatte damals noch Schlafapnoe", erklärt Lukas Krämer. Nächtliche Atemaussetzer führten dazu, dass er tagsüber oft völlig übermüdet war. Gelangweilt hatte Corinna Rüffer den 26-Jährigen damals also keineswegs. Umgekehrt hatte er sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. "Wenn die erste Begegnung so skurril ist, vergisst man das so schnell nicht", schmunzelt sie.

"Sie ist echt nett und hat viele gute Ideen für Menschen mit Behinderungen", findet Lukas Krämer. Ideen hat der Trierer auch und er will etwas bewirken. "Ich mache meine Videos, um aufzuklären und um Leute wachzurütteln. Vor allem diejenigen, die keine Behinderung haben", sagt Lukas Krämer. Der Einsatz für den Mindestlohn in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) ist ihm eine Herzensangelegenheit. Er hat selbst in einer solchen Einrichtung gearbeitet und empfand die Bezahlung als – freundlich formuliert – "nicht das Gelbe vom Ei". Noch dazu fühlte er sich unterfordert.

Glücksfall für alle Beteiligten Sein Leid klagte er Corinna Rüffer, mit der er nach der Schnarch-Episode über Facebook in Kontakt geblieben war. "Lukas hat gesagt: ‚Ich bin genervt von der Werkstatt‘", erinnert sich die Grünenpolitikerin. "Er hat gefragt, ob er für mich arbeiten könne. Ich hielt das für eine gute Idee. Denn ich wusste, dass er mit seinen speziellen Kompetenzen gute Öffentlichkeitsarbeit machen kann."

Jetzt hat er bei Corinna Rüffer eine Festanstellung über 35 Stunden pro Woche, die gefördert wird durch das Budget für Arbeit. Mit dieser Leistung soll WfbM-Mitarbeitern unter anderem durch Lohnkostenzuschüsse für den Arbeitgeber dabei geholfen werden, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Bei Lukas Krämer hat das geklappt und sich als Glücksfall für alle Beteiligten entpuppt: "Egal, womit er befasst ist: Das Thema Inklusion läuft immer mit – auf ganz authentische Weise", sagt Corinna Rüffer. "Er entwickelt Drehbücher, filmt bei Demos und begleitet mich mit der Kamera im Wahlkreis bei Veranstaltungen oder bei der Reihe ‚Sag mal, Frau Rüffer …‘, wo mich Leute zu sich nach Hause einladen können. Er bringt sich mit Ideen bei Bürobesprechungen ein, die Absprachen sind ultraproduktiv, es ist ein gedeihliches Zusammenarbeiten. Noch dazu ist er der zuverlässigste Mensch unter der Sonne."

Hauptdarsteller auf der großen Leinwand Passenderweise hatte sich Lukas Krämers Leben durch einen Film verändert, als er noch ein Teenager war.  Damals wurde er von Gleichaltrigen oft gemobbt und sogar verprügelt. Regisseur Achim Wendel erfuhr von der Geschichte, sah darin Stoff für die Leinwand. Sein Kurzfilm "London liegt am Nordpol" lief 2010 tatsächlich im Kino – mit dem 15-jährigen Lukas Krämer als Hauptdarsteller. Peter heißt er im Film, aber eigentlich ist es die Geschichte seines Lebens. "Der Film hat eine große Rolle gespielt", sagt er rückblickend. Zum einen setzte er sich selbstbewusst mit dem Thema Behinderung auseinander. Zum anderen wuchs sein Entschluss: "So etwas will ich in naher Zukunft beruflich machen. Nur der Weg war mir nicht klar."

Mittlerweile hat er den Weg gefunden mit seinem YouTube-Kanal und dem Engagement für Corinna Rüffer. Lukas Krämer wird dranbleiben an seinem Ziel, die Themen von Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft zu bringen. "Damit die Leute ein Gespür dafür bekommen, dass sie Menschen sind wie du und ich – ob mit oder ohne Behinderung. Menschen mit Behinderungen wollen kein Mitleid, sondern ganz normal behandelt werden wie jeder andere auch. Viele sind nicht behindert – sie werden aber von der Gesellschaft behindert." Diese Barrieren, die vor allem in den Köpfen existieren, möchte Lukas Krämer aus dem Weg räumen.

 

Drei Fragen an Lukas Krämer

Wie kamen Sie auf die Idee, einen Videokanal zu eröffnen, um über Behinderungen zu sprechen?

Lukas Krämer Früher habe ich in einer Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet. Dort verdient man leider nicht viel, nur durchschnittlich 200 Euro im Monat. Die Arbeit hat mir auch keinen Spaß gemacht. In der Zeit hatte ich auf YouTube schon einen Kanal für Gaming (Computer- und Videospiele, Anmerkung der Redaktion). Ich habe überlegt: Das ist genau das, was mir liegt. Warum versuche ich das nicht einfach? Ende 2016 habe ich dann den Kanal "SakulTalks" aufgemacht. Da habe ich meine Geschichte erzählt und über meine Erkrankung geredet.

Sie können weder lesen noch schreiben, weil Sie mit vier Jahren an Meningitis erkrankt waren. Bekommen Sie Unterstützung bei den Videos oder machen Sie alles selbst?

Krämer Das mache ich seit mehreren Jahren komplett alleine. Dafür gibt es ja Hilfsmittel. Ich nutze zum Beispiel den Google Übersetzer. Damit kann ich Texte über ein Headset einsprechen und mir Texte vorlesen lassen. Ein großer Aufwand ist die Vorbereitung, wenn ich Texte auswendig lernen will, um sie aufzusprechen. Oder Fragen für Interviews. Dafür brauche ich manchmal zwei Tage. Oft informiere ich mich auch über Themen und spreche frei. Für das Aufnehmen und Bearbeiten eines Videos brauche ich in der Regel etwa zehn Stunden.

Was hat sich verändert, seit Sie für Corinna Rüffer arbeiten?

Krämer Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und setze mich gleichzeitig für Menschen mit Behinderungen ein. Das passt doch perfekt! Alleine kann ich ja nicht so viel erreichen wie gemeinsam mit Corinna. Außerdem komme ich in Kontakt zu interessanten Leuten, die ich interviewen kann: zum Beispiel zu Inklusions-Aktivist Raul Krauthausen oder zu Katrin Langensiepen, der ersten Frau im Europaparlament mit einer sichtbaren Behinderung.


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