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ZB 1-2012

BIH-Zukunftswerkstatt

Im Dialog mit der Schwerbehindertenvertretung

Eine Fachtagung über aktuelle und zukünftige Herausforderungen für Betriebe

Inhalt des Schwerpunkts:

| Bild: Titelbild: Frau in einer Gesprächsrunde |
ZB 1/2012

BIH-Zukunftswerkstatt

Im Dialog mit der Schwerbehindertenvertretung

Fachkräftemangel, demografischer Wandel, Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit … – das alles stellt Unternehmen vor große Herausforderungen. Was können Schwerbehindertenvertretungen und Integrationsämter zur Lösung solcher Zukunftsaufgaben beitragen? eine Fachtagung der BIh ging dieser Frage nach.

„Gut aufgestellt für die Fragen der Zukunft“ – unter diesem Leitgedanken
veranstaltete die Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsämter und Hauptfürsorgestellen (BIH) am 8. und 9. November 2011 eine Fachtagung – „Zukunftswerkstatt“ – in Bad Honnef. Jedes der bundesweit 17 Integrationsämter hatte erfahrene und aktive Schwerbehindertenvertretungen
und Beauftragte des Arbeitgebers zu einem intensiven fachlichen Austausch eingeladen.

Arbeitswelt im Wandel

Fachkräftemangel, alternde Belegschaften, Zunahme psychischer Erkrankungen – das sind nur einige der Themen, mit denen sich private und
öffentliche Arbeitgeber zukünftig verstärkt auseinander setzen müssen.
Die damit verbundenen Fragestellungen betreffen auch die Beschäftigung
schwerbehinderter Menschen. „Wir wollen mit Ihnen erörtern: Wie
ist der Diskussionsstand in Ihrem Betrieb oder in Ihrer Dienststelle? Welcher Handlungsbedarf ergibt sich für Sie? Und welche Unterstützung wird von Seiten des Integrationsamtes benötigt?“ So die BIHVorsitzende Dr. Helga Seel in ihrer Begrüßungsrede.

„Gesprächsstoff“ für die nachfolgenden Diskussionen lieferten Professor Dr. Mathilde Niehaus, Lehrstuhl für Arbeit und Berufliche Rehabilitation an der Universität zu Köln, und Dr. Helmut Schröder vom Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) in Bonn mit statistischen Prognosen und wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen. Sie stellten die Entwicklung des Arbeitskräftepotenzials in den nächsten Jahren dar und beschrieben betriebliche sowie individuelle Strategien zur Sicherung der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit.

Erfahrungen und Ideen

In einer Podiumsrunde berichteten Vertreter der privaten Wirtschaft und des öffentlichen Dienstes, was sie bereits unternehmen, um die Arbeitsfähigkeit ihrer Mitarbeiter zu erhalten, um jungen Menschen mit Behinderung eine Chance auf Ausbildung zu geben, um dem Fachkräftemangel zu begegnen und um insgesamt schwerbehinderte Menschen zu integrieren (siehe Seite 12). Die anschließenden Workshops boten den Teilnehmern die Gelegenheit, vier ausgewählte Themen in kleineren Gruppen zu bearbeiten: Maßnahmen zum Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit, Verwirklichung einer inklusiven Unternehmenskultur, Weiterbildung und lebenslanges Lernen sowie viertens mehr Teilhabechancen für behinderte Menschen. Die Workshops wurden vorbereitet und geleitet von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Integrationsämter, die in großer Zahl zur Tagung gekommen waren, um ihr Knowhow weiterzugeben, aber auch, um Anregungen für ihre Arbeit auf zunehmen.

 

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„Begegnung auf Augenhöhe“

Fragen an Rosita Schlembach vom Integrationsamt beim
Landeswohlfahrtsverband Hessen, die im BIH-Ausschuss Bildung und Information an den Vorbereitungen der Fachtagung beteiligt war.

ZB Frau Schlembach, was hat die BIH dazu bewogen, eine „Zukunftswerkstatt“ zu veranstalten?

Rosita Schlembach, (c) Karsten Socher
Rosita Schlembach, (c) Karsten Socher
Rosita Schlembach
Die Integrationsämter haben den Anspruch praxisnahe Leistungen für Unternehmen und schwerbehinderte Menschen anzubieten. Dazu muss man wissen, was vor Ort gebraucht wird. In der Zukunftswerkstatt haben wir also in erster Linie mit großen Ohren zugehört, nachgefragt und erörtert, wo die Probleme liegen, welche Aktivitäten in den Betrieben und Dienststellen bereits erprobt sind und wie sich die Arbeitswelt auf die kommenden Entwicklungen einstellt. Die diskutierten „Zukunftsthemen“ – wie der demografische Wandel, eine längere Lebensarbeitszeit oder lebenslanges Lernen im Beruf – betreffen schwerbehinderte Arbeitnehmer genauso, und Schwerbehindertenvertretungen wie auch Beauftragte des Arbeitgebers sollten dies im Blick haben. Schwerbehindertenvertretungen sind uns als Partner besonders wichtig, weil sie in den Unternehmen Spezialisten für Fragen zu Behinderung und Arbeit sind.

ZB Was wurde konkret diskutiert?

Schlembach Da kann ich nur einige Punkte anreißen: Deutlich wurde,
dass Führungskräfte, die überzeugt sind von der Beschäftigung schwerbehinderter Menschen und sich engagieren, etwas bewegen können.
Bemerkenswert ist auch, wie wirkungsvoll in einem solch kooperativen Umfeld die Beiträge der Schwerbehindertenvetretungen sind. Die Beispiele
aus den Unternehmen zeigten noch einmal deutlich, dass Arbeitgeber, die
schon in Sachen Gesundheitsförderung, moderne Arbeitsplatzgestaltung
und Weiterbildung aktiv sind, klare Vorteile haben. Uns selbst müssen wir kritisch fragen, wie die Zusammenarbeit unter den Leistungsträgern verbessert werden kann, um schneller nötige Unterstützung bereitzustellen.

ZB Wie geht es jetzt weiter?

Schlembach In der Veranstaltung wurde ein bunter Strauß von Vorschlägen
und Praxisbeispielen gebunden und die Integrationsämter haben sich vorgenommen, diese regional und gemeinsam – auch mit anderen Partnern – weiterzuverfolgen. Im Moment sind wir auf BIH-Ebene dabei, die Ergebnisse auszuwerten. Sie werden in die aktuelle Arbeit einfließen,
etwa wenn es darum geht, das Beratungsangebot der Integrationsämter weiter zu verbessern und mit zu einer guten Vernetzung der Akteure beizutragen.

Ganz konkret wurde die Erwartung an die Integrationsämter formuliert, nicht nur im Einzelfall zu unterstützen, sondern die Unternehmen auch rundum zu beraten, zum Beispiel bei ergonomischen Fragen. Das Organisationsteam der Veranstaltung schlägt deshalb vor, die Beratung der Integrationsämter hin zu einem systemischen Beratungsangebot auszubauen. Außerdem
wird ein besonderes Informationsangebot zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement für kleine und mittelständische Unternehmen
erarbeitet.

ZB Werden sie die Zukunftswerkstatt fortsetzen?

Schlembach Die Resonanz war toll! Wir haben sehr viel Lob und Dank von
unseren Gästen erhalten. Auch wir sagen danke schön für eine aktive
Teilnahme und wertvolle Rückmeldungen zu unserer Arbeit. Der Austausch
hat uns allen gut getan und er soll auch keine Einmal-Aktion gewesen sein.

 

 

 

 

ZB 1/2012

„Wir haben uns auf den Weg gemacht“

Vertreter der privaten Wirtschaft und des öffentlichen Dienstes berichteten auf der Fachtagung, was ihre Unternehmen bereits tun, um die Arbeitsfähigkeit ihrer Mitarbeiter zu erhalten und schwerbehinderte Menschen einzugliedern.

Arbeitgeberrunde auf Podium, (c) Hermann J. Knippertz
Arbeitgeberrunde auf der Fachtagung, (c) Hermann J. Knippertz

Bei der Stadt Düsseldorf brachte 2002 der Abschluss einer Integrationsvereinbarung die Wende: Damals lag die Beschäftigungsquote der Landeshauptstadt knapp unter 5 Prozent, Tendenz fallend. Heute sind 6,75 Prozent der fast 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schwerbehindert. Dank dieser Initiative konnte auch die Aus- und Weiterbildungssituation der Betroffenen verbessert und die Führungskräfte konnten für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen sensibilisiert werden. Eine beharrliche und auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Integrationsarbeit, unterstützt durch das Instrument der Integrationsvereinbarung, trägt heute Früchte.

"Grundsätzliche Antworten finden, die sich dynamisch weiter entwickeln."
> Peter Esch, Stadt Düsseldorf

Bei der Metro-Gruppe arbeiten deutschlandweit rund 94.000 Menschen.
Während in einigen Vertriebslinien, wie bei real, behinderte und nicht behinderte Menschen schon ganz selbstverständlich zusammenarbeiten,
ist das Thema in anderen Vertriebslinien weniger präsent. Inklusion
heißt bei Metro: Mitarbeiter in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptieren und ihren Talenten entsprechend einsetzen. Ein Schwerpunkt der Integrationsarbeit
besteht darin, bei Führungskräften Vorbehalte abzubauen.

"Mit langfristigen Zielen einen Bewusstseinswandel erreichen."
> Bettina scharff, Metro AG in Düsseldorf

McDonalds Deutschland in München mit 570 Mitarbeitern betreut bundesweit 62.000 Beschäftigte in FranchiseUnternehmen und CompanyRestaurants. Das Unternehmen ist entschlossen, die Beschäftigungsquote von derzeit 1,2 Prozent deutlich zu erhöhen. Auslöser war das hautnahe Erleben, wie erfolgreich die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen sein kann. Eine aktuelle Informations und Aufklärungskampagne wirbt auch bei den selbstständigen Franchise-Partnern für die Einstellung schwerbehinderter Menschen. 2012 wurde eine Kooperation mit den Integrationsämtern zur Schaffung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen für schwerbehinderte Menschen und zur verzahnten Ausbildung mit Berufsbildungswerken gestartet.

"Erfolgreiche Beispiele überzeugen – mit Druck geht gar nichts!"
> Gabriele Fluck, McDonalds Deutschland in München

Das MercedesBenzWerk Bremen der Daimler AG ist Arbeitgeber von rund 12.400 Menschen. Eine langfristige Personalplanung soll dem Fachkräftemangel rechtzeitig entgegenwirken, zum Beispiel durch gezielte Weiterqualifizierung für Mitarbeiter in der Altersgruppe 40 bis Anfang 50. Einen besonderen Stellenwert aber hat die Ausbildung von jungen Menschen
mit Behinderung. In den vergangenen fünf Jahren konnten mehr als 150 Auszubildende mit Handicap eingestellt und nach Abschluss der Ausbildung
übernommen werden. Jedes Jahr werden etwa zehn Jugendliche mit Lernbehinderung ausgebildet.

"Durch gezielte Qualifizierung älteren Mitarbeitern Perspektiven bieten"
> Reiner Baeck, Daimler AG in Bremen

Die LH Bundeswehr Bekleidungsgesellschaft mbH in Köln kann eine Beschäftigungsquote von zehn Prozent vorweisen. Großen Wert wird auf die Sensibilisierung von Führungskräften für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen gelegt. Durch eine gute Nachfolgeplanung und gezielte Weiterbildung gelingt es zunehmend, Führungskräfte mit dem entsprechenden Fachwissen intern zu rekrutieren.

"Die Vielfalt unserer Mitarbeiter macht uns erfolgreich"
> Anne-Cathrin Kreysel, LH Bundeswehr Bekleidungsgesellschaft mbH in Köln

 

 

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Stimmen zur Fachtagung

"Gut gefallen hat mir die Mischung aus erfahrenen und ‚jungen‘ Vertrauensleuten. Ich habe viele Impulse für die tägliche Arbeit mitgenommen. es wäre wünschenswert, die Kontakte nachhaltig zu fördern, zum Beispiel über Patenschaften."
> Birgit Prünte, Schwerbehindertenvertretung, QVC Call Center GmbH & Co. KG in Bochum

"Die Fachtagung war eine informative und sehr gelungene Veranstaltung. Und ich konnte erkennen, dass unsere Niederlassung bereits viel für die Integration schwerbehinderter und leistungsgeminderter Menschen unternimmt. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass mehr Arbeitgebervertreter an der Tagung teilgenommen hätten, um so einen noch intensiveren Meinungsaustausch zu ermöglichen."
> Elke Ebert, Beauftragte des Arbeitgebers, Deutsche Post AG, Niederlassung BRIEF, Berlin Südost

"Die Veranstaltung hat deutlich gemacht, wie bedeutsam und lohnenswert die enge Zusammenarbeit zwischen den betrieblichen Akteuren und den Mitarbeitern der Integrationsämter für den Beschäftigungserhalt schwerbehinderter Menschen ist. Die Tagung deckte Schwachstellen in der Arbeit der beteiligten Partner auf, gab aber auch Anregungen, wie man an das Thema erfolgversprechender herangehen kann."
> Jürgen scholz, Leiter des Integrationsamtes beim Kommunalen Sozial verband Sachsen (KSV) in Chemnitz

"Die Fachtagung gab den betrieblichen Vertretern die Möglichkeit, ihre Erwartungen an die Integrationsämter zum Ausdruck zu bringen. Die Teilnehmer nutzten dieses Angebot, so dass die Integrationsämter jetzt schon sehr genau wissen, welche Unterstützung brauchen die betrieblichen Akteure für ihre Arbeit. spannend war zudem der bundesweite Austausch."
> Constanze Kovalev, Integrationsamt beim Landesamt für Soziales und Versorgung des Landes Brandenburg in Cottbus

 

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Zukunftsaufgaben: Daten & Fakten

Einige ausgewählte Daten und Fakten zeigen, wie sich die Rahmenbedingungen für die Beschäftigung schwerbehinderter Menschen verändern.

Strukturwandel: Die deutsche Wirtschaft entwickelt sich weg von einer Produktionswirtschaft hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft. 1991 arbeiteten 36 Prozent der Erwerbstätigen im produzierenden Gewerbe, heute sind es nur noch 24 Prozent.

Demografische Entwicklung: Nach einer Prognose des Statistischen Bundesamtes schrumpft die Bevölkerung in Deutschland von heute 82 Millionen auf 69 Millionen im Jahr 2050. Dagegen wird bis 2020 mehr als jeder dritte Erwerbstätige älter als 50 Jahre alt sein. In einigen Unternehmen gibt es bereits Demografie-Manager.

Fachkräftemangel: Aufgrund des demografischen Wandels wird laut Bundesagentur für Arbeit (BA) das Potenzial an Erwerbspersonen bis zum Jahr 2025 um rund 6,5 Millionen Personen sinken – und damit auch das Angebot an qualifizierten Fachkräften.

Arbeitsmarkt: Während die allgemeine Arbeitslosigkeit 2011 gegenüber dem Vorjahr um acht Prozent auf unter drei Millionen gesunken ist, stieg die Zahl der Arbeitslosen schwerbehinderten Menschen auf 180.000 – ein Zuwachs von drei Prozent.

Ausbildungsmarkt: Inzwischen gibt es mehr Ausbildungsplätze als Bewerber (Stand 9/2011: + 18.000) Gleichzeitig monieren Betriebe oft fehlende Ausbildungsreife. Nur etwa sieben Prozent der bei der BA gemeldeten Jugendlichen mit Behinderung machen eine reguläre betriebliche Berufsausbildung.

Psychische Erkrankungen: Laut DAKGesundheitsreport verdoppelten sich seit 1997 die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen.

Inklusion: Seit 26. März 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in
Deutschland geltendes deutsches Recht. Ihr Leitbild ist die Inklusion, also die vollumfängliche Einbeziehung behinderter Menschen in die Gesellschaft von Anfang an – auch im Arbeitsleben.

 


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