| Bild: Titel der ZB Zeitschrift, (c) BDA |

ZB 1-2014

SBV WAHL 2014

Wir brauchen Sie!

Im Herbst 2014 wird die Schwerbehindertenvertretung neu gewählt! "Vorbildlich" nennt der neue Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer (BDA) das Engagement der Vertrauenspersonen. Im Interview mit der ZB wirbt er für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zugunsten schwerbehinderter Menschen.

 

| Bild: Titel der ZB Zeitschrift, (c) BDA |
ZB 1-2014

WIR brauchen SIE

Gefordert ist ein WIR

Im Herbst 2014 wird in den Betrieben die Schwerbehindertenvertretung gewählt: Ihr ehrenamtliches Engagement wird geschätzt, auch und nicht zuletzt von Arbeitgebern. Interview mit dem neuen Arbeitgeberpräsidenten Ingo Kramer.

 

Herr Kramer, nach vier Jahren steht nun wieder die Wahl der Schwerbehindertenvertretung (SBV) an. Welche Bedeutung hat dieses Amt aus Ihrer Sicht? Was kann die SBV bewirken?


Ingo Kramer Die SBV hat besonderes Fachwissen und Expertise. Sie ist für uns Arbeitgeber wichtig und als Ansprechpartner geschätzt. Entscheidend für einen erfolgreichen Umgang mit dem Thema Schwerbehinderung im Unternehmen ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, von der letztlich alle im Betrieb profitieren: Arbeitgeber, schwerbehinderte Mitarbeiter und Mitarbeiter ohne Behinderung.

BRÜCKEN BAUEN

Sie führen selbst ein traditionsreiches mittelständisches Unternehmen. Wie sieht Ihre Vorstellung von einer inklusiven Arbeitswelt aus?

Kramer
Wir müssen erreichen, dass alle Menschen – ob mit oder ohne Behinderung – ihre individuellen Kompetenzen und Fähigkeiten bestmöglich entfalten können. Hierfür setze ich mich zum Beispiel auch als Vorsitzender der Stiftung der Deutschen Wirtschaft ein. Eine inklusive Gesellschaft hilft nicht nur den Betroffenen, im Gegenteil: Etliche Unternehmen wissen, dass ihnen die Potenziale von Menschen mit Handicap sehr nützlich sein können. SAP zum Beispiel hat vor einigen Monaten angekündigt, künftig mit einem Spezialunternehmen zusammenzuarbeiten, um Menschen mit Autismus als Softwaretester, Programmierer und Spezialisten für Datenqualitätssicherung einzustellen. Das Unternehmen will die einzigartigen Talente von Menschen mit Autismus gezielt nutzen und ihnen helfen, einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen. Behindert bedeutet eben nicht automatisch leistungsgemindert. Um das bestehende Engagement der Unternehmen bekannter zu machen, Hilfestellungen zu geben und zum Nachahmen anzuregen, hat die BDA gemeinsam mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) die Kampagne "Inklusion gelingt!" gestartet. Damit möchten die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft die Inklusion vorantreiben und Brücken für Menschen mit Behinderung in Ausbildung, Arbeit und Gesellschaft bauen.

NETZWERKE KNÜPFEN

Wie können Betriebe und Unternehmen konkret vom Engagement einer SBV profitieren?

Kramer Durch eine enge Zusammenarbeit von Arbeitgebern, Schwerbehindertenvertretung und Betriebsrat können sinnvolle Regelungen und Hilfen für langzeiterkrankte sowie gesundheitlich eingeschränkte Mitarbeiter erarbeitet werden. Angesichts der immer älter werdenden Belegschaften werden Angebote im Rahmen einer demografiefesten Personalpolitik weiter an Bedeutung gewinnen, die darauf abzielen, die Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten und Potenziale von Menschen mit Handicaps besser zu erschließen. Hierbei sind das Fachwissen und die Erfahrung der Schwerbehindertenvertreter oft von unschätzbarem Wert.


Die neue Bundesregierung spricht sich in ihrem Koalitionsvertrag für eine Stärkung der Schwerbehindertenvertretungen aus. Würden Sie diese Forderung unterstützen? Und wenn ja, wie?

Kramer Grundsätzlich kann ich nichts Verkehrtes daran finden, wenn die Arbeit der Schwerbehindertenvertretungen mehr Beachtung und praktische Unterstützung erfährt, indem zum Beispiel die Arbeitsagenturen und Job- Center noch enger mit den Schwerbehindertenvertretungen zusammenarbeiten und diese als Ansprechpartner im Betrieb nutzen. Das erhöht die Chancen für arbeitslose schwerbehinderte Menschen, den Einstieg beziehungsweise Wiedereinstieg in Arbeit zu schaffen. Im Rahmen des Projekts "Wirtschaft inklusiv", das von den in der Bundesarbeitsgemeinschaft für ambulante berufliche Rehabilitation zusammengeschlossenen Bildungswerken der Wirtschaft durchgeführt wird, soll es gerade auch darum gehen, noch bessere Netzwerke und Kontakte zwischen den Akteuren vor Ort zu schaffen. Auch hier werden die Schwerbehindertenvertretungen eine wichtige Rolle spielen. Ich würde mir auch wünschen, dass die Schwerbehindertenvertretungen, die in der Regel ja den Betrieb sehr gut kennen, noch mehr als Unterstützer der Arbeitgeber verstanden werden – zum Beispiel indem sie bei der Suche nach Arbeitsplätzen helfen, die für die Besetzung mit einem schwerbehinderten Menschen überhaupt in Frage kommen. Weitere gesetzliche Regulierungen brauchen wir für all dies jedoch nicht.

GUTES MITEINANDER

Was möchten Sie den Kandidatinnen und Kandidaten für das Amt der SBV mit auf den Weg geben?

Kramer Ich finde es vorbildlich, wenn sich Menschen über ihren eigentlichen Job hinaus ehrenamtlich für Kolleginnen und Kollegen engagieren. Allen Kandidatinnen und Kandidaten, die sich in diesem Jahr der Wahl zur Schwerbehindertenvertretung stellen, wünsche ich daher viel Erfolg! Und wenn gewählt ist, habe ich einen besonderen Wunsch an alle Schwerbehindertenvertretungen: Denken Sie nicht nur an Ihre schwerbehinderten Kolleginnen und Kollegen im Betrieb, sondern auch an die schwerbehinderten Menschen, die erst noch in Lohn und Brot kommen müssen. Stellen Sie den Arbeitsagenturen und den Integrationsämtern Ihr Fachwissen über die Arbeitsplatzanforderungen im Betrieb und die dazu passenden Talente behinderter Menschen zur Verfügung, um geeignete Arbeitsplätze zu akquirieren. Entscheidend für den Erfolg ist ein stets konstruktives Miteinander aller Beteiligten.

 

PORTRÄT

Portrait von Ingo Kramer, (c) BDA
(c) BDA
Ingo Kramer

Im November 2013 wurde Ingo Kramer (61) zum neuen Arbeitgeberpräsidenten gewählt. Er folgte Dieter Hundt an die Spitze der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Der Familienunternehmer führt in dritter Generation eine Anlagenbaufirma in Bremerhaven – die J. Heinr. Kramer Gruppe – mit rund 260 Beschäftigten.

Seit mehr als zehn Jahren ist Ingo Kramer Präsidiumsmitglied der BDA. Der Diplom-Wirtschaftsingenieur ist außerdem Mitglied im Vorstand des Arbeitgeberverbandes Nordmetall. In seiner Freizeit betätigt sich der vierfache Familienvater als Hobbysegler und ehrenamtlicher Seenotretter.

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SBV Wahl 2014

Warum es sich lohnt, eine SBV zu wählen

Die ZB hat sich umgehört: bei Schwerbehindertenvertretungen, Betroffenen, Arbeitgebern und Fachleuten ...

Portrait von Constanze Kovalev, (c) Michael Helbig
c) Michael Helbig
"Die Schwerbehindertenvertretungen sind für die Integrationsämter ein wichtiger Türöffner in die Betriebe und Dienststellen. Denn sie kennen sich mit der Situation vor Ort am besten aus und können bei Bedarf frühzeitig Unterstützung anfordern!"

Constanze Kovalev (46), stellvertretende Leiterin des Integrationsamtes beim Landesamt für Soziales und Versorgung des Landes Brandenburg in Cottbus und zuständig für Seminare und Öffentlichkeitsarbeit.

 

 

Portrait von Dr. med. Lutz Apelt, (c) Klaus Wolf
(c) Klaus Wolf
"Jeder braucht seinen Platz und verdient eine faire Chance. Menschen dabei zu begleiten, ihre Talente zu entfalten und selbstbestimmt zu leben, ist meine spannende Aufgabe, auf die ich mich täglich aufs Neue freue."

Dr. med. Lutz Apelt (54) ist seit 2010 Schwerbehindertenvertreter und seit 2013 Personalrat am Klinikum der Universität München mit etwa 10.000 Beschäftigten, darunter über 600 schwerbehinderte Menschen.

 

 

 

Portrait von Alfons Adam, (c) Frank T. Koch
(c) Frank T. Koch
"Seit 20 Jahren bin ich als Schwerbehindertenvertreter aktiv. Ich setze mich dafür ein, dass Inklusion keine bloße Worthülse ist, sondern im Arbeitsalltag gelebt wird, zum Beispiel mit besseren Ausbildungschancen für behinderte Jugendliche. Auf politischer Ebene engagiere ich mich für eine Stärkung der SBV und ihrer Rechte im Sozialgesetzbuch IX."

Alfons Adam (58) vertritt als Konzern- und Gesamtschwerbehindertenvertretung bei der Daimler AG die Interessen von 8.500 betroffenen Mitarbeitern und von über 50 Schwerbehindertenvertretungen der einzelnen Standorte. Er ist außerdem Vorsitzender des Arbeitskreises der Schwerbehindertenvertretungen der Deutschen Automobilindustrie.

 

 

Portrait von Carolin Linkemeyer, (c) Hartwig Heuermann
(c) Hartwig Heuermann
"Es gibt mir Sicherheit, dass ich mich bei Fragen oder Problemen jederzeit an die Schwerbehindertenvertretung wenden kann. Sie ist für mich die erste Anlaufstelle. Hier fühle ich mich als Betroffene verstanden. Die Vertrauensperson weiß Bescheid über Hilfen, klärt mich über meine Rechte auf und berät mich in meinen ganz persönlichen Angelegenheiten."

Carolin Linkemeyer (34), Beamtin im mittleren Dienst, ist eine von 25 schwerbehinderten Angestellten im Finanzamt Ibbenbüren/Westfalen.

 

 

 

Portrait von Angelika Teppe, (c) Karsten Socher
(c) Karsten Socher
"Mit der Schwerbehindertenvertretung haben wir einen kompetenten Ansprechpartner, wenn es um die Belange unserer behinderten Mitarbeiter geht. Ich finde es gut, wenn sie auch selbst die Initiative ergreift und Vorschläge macht, wie die Integration schwerbehinderter Menschen praktisch umsetzbar ist. So können wir dafür sorgen, dass jeder Beschäftigte in unserem Unternehmen, unabhängig von einer Behinderung, seine Fähigkeiten einbringen und weiter entwickeln kann!”

Angelika Teppe (52) ist Personalleiterin bei der ALMO-Erzeugnisse Erwin Busch GmbH in Bad Arolsen bei Kassel, einem Hersteller für medizinische Einmalspritzen. Von den insgesamt 360 Beschäftigten haben 16 Personen eine Schwerbehinderung.

 

 

Portrait von Monika Schneck, (c) Peter Lutz
(c) Peter Lutz
"Ich war schon immer jemand, der gern anpackt, nach Lösungen sucht und Menschen hilft – als Schwerbehindertenvertreterin kann ich genau das tun! Sowohl als Vertrauensperson als auch als Personalrätin stehen für mich dabei der Mensch und seine Gesundheit im Mittelpunkt. Deshalb setze ich mich besonders für das Betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) ein, das erkrankten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Rückkehr in den Betrieb erleichtert.”

Monika Schneck (60) wurde 2010 zur Vertrauensfrau der Menschen mit Behinderung gewählt. Bei den sondergesetzlichen Wasserwirtschaftsverbänden Emschergenossenschaft und Lippeverband mit Sitz in Essen kümmert sie sich um rund 140 behinderte Kolleginnen und Kollegen. Insgesamt arbeiten in den Verbänden etwa 1.500 Menschen.

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SBV WAHL KOMPAKT

Alles was Sie brauchen

... zur Vorbereitung und Durchführung der Wahl:

  • Broschüren, Handlungshilfen, Formulare
  • Interaktiver Schnupperkurs
  • Kurse vor Ort
  • BIH Forum

 

| Bild: Anzeigenaktion von Leidmedien.de: Mann ist buchstäblich an seinen Rollstuhl gefesselt, (c) Leidmedi |

Leidmedien.de

Mehr als bloß Worte

Negative Sprachbilder, Floskeln und Klischees zementieren Vorurteile gegenüber behinderten Menschen. Die Internetseite "leidmedien.de" zeigt Alternativen auf.

 

Anzeigenaktion von Leidmedien.de: Mann ist buchstäblich an seinen Rollstuhl gefesselt,
(c) Leidmedien.de
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Leidmedien.de

Mehr als bloß Worte

Negative Sprachbilder tragen dazu bei, verbreitete Vorurteile gegenüber behinderten Menschen zu festigen. Leidmedien.de engagiert sich für eine Berichterstattung aus einer anderen Perspektive. Die ZB sprach mit der Projektleiterin Lilian Masuhr.

Medien haben großen Einfluss auf das Denken der Menschen – Journalisten wissen das und dennoch bedienen sie sich häufig einseitiger Sprachbilder, Floskeln und Klischees. Formulierungen wie "er ist an den Rollstuhl gefesselt" oder "sie ist trotz ihrer Behinderung berufstätig" lassen negative Bilder im Kopf entstehen, die unsere Vorstellung von behinderten Menschen prägen. Dass es auch anders geht, zeigt das Projekt Leidmedien.de.

Portrait von Lilian Masuhr, (c) Leidmedien.de
(c) Leidmedien.de
Frau Masuhr, worauf genau spielt der Name "Leidmedien" an?

Lilian Masuhr In den Medien werden Menschen mit Behinderung vor allem als Leidende und Opfer oder – im anderen Extrem – als Helden wahrgenommen. Statt ausgewogen zu informieren, festigen die "Leidmedien", wie wir sie nennen, das verbreitete Bild von Behinderung: Das schwere Schicksal, das überwunden werden muss – obwohl viele Betroffene gerne leben, gerade auch mit ihrer Behinderung.

Die Behinderung schönzureden, ist aber auch keine Lösung …

Masuhr Wir behaupten nicht, dass Sprache die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Kopf stellen kann. Andere Ausdrucksweisen allein können nichts daran ändern, dass behinderte Menschen nach wie vor ökonomisch schlechter gestellt sind, oft in Sondereinrichtungen leben, in der Umwelt auf Barrieren stoßen und mehr Gewalt erfahren als Nichtbehinderte. Sprache kann aber sehr wohl Bewusstsein schaffen und veraltete Denkmuster aufbrechen. Deshalb spielt sie eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung von Inklusion.

Mittlerweile ist "behindert" ein häufig gebrauchtes Schimpfwort auf Schulhöfen. Darf man noch "behindert" sagen?

Masuhr
Wir schreiben nicht vor, was man darf und was nicht. Stattdessen wollen wir sensibilisieren und Alternativen aufzeigen. "Behindert" ist für uns zunächst eine neutrale Bezeichnung, die zudem einen wichtigen Aspekt zum Ausdruck bringt: Behindert ist man nicht, behindert wird man – und zwar durch eine nicht barrierefreie Umwelt.

Wir freuen uns, wenn über Menschen mit Behinderungen berichtet wird – und der Verfasser dabei auch in Kauf nimmt, mal eine unpassende Formulierung zu verwenden. Wer sich sorgt, im Interview oder generell im Gespräch mit Betroffenen etwas falsch zu machen, findet auf unserer Internetseite viele Tipps!

WIETERE INFORMATIONEN

Leidmedien.de

Die Internetseite ist ein Projekt der SOZIALHELDEN e.V. in Kooperation mit der Aktion Mensch. Sie bietet Hilfestellung für eine diskriminierungsfreie Berichterstattung.

www.leidmedien.de

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Urlaubsabgeltung

Tilgungsbestimmung


Leitsatz

Die Tarifvertragsparteien sind bei der Regelung der Abgeltung tariflichen Mehrurlaubs europarechtlich nicht gehindert, den Abgeltungsanspruch an die Arbeitsfähigkeit des Arbeitnehmers zu binden.

BAG, Urteil vom 16.07.2013 – 9 AZR 914/11

Sachverhalt und Entscheidungsgründe Die schwerbehinderte Klägerin war von Februar 2004 bis März 2008 arbeitsunfähig erkrankt und bezog von März 2005 bis August 2006 eine Rente wegen voller Erwerbsminderung. Mit einer Unterbrechung von März bis Juni 2008 war sie bis zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses im Oktober 2010 erneut arbeitsunfähig. Sie verlangt von der Beklagten noch die Abgeltung tariflichen Mehrurlaubs aus den Jahren 2004 bis 2010 und weitere Abgeltung gesetzlichen Urlaubs aus den Jahren 2005 bis 2007. Ihre Revision hatte nur teilweise Erfolg. Das Bundesarbeitsgericht (BAG) erklärte, dass der gesetzliche Urlaub zwar nicht erlischt, wenn der Arbeitnehmer erkrankt und deshalb bis zum Ende des Urlaubsjahres und/oder des Übertragungszeitraums arbeitsunfähig ist. Besteht die Arbeitsunfähigkeit jedoch auch am 31. März des zweiten auf das Urlaubsjahr folgenden Jahres fort, so gebietet auch Unionsrecht keine weitere Aufrechterhaltung des Urlaubsanspruchs. Der tarifliche Mehrurlaub aus den Jahren 2004 bis 2008 konnte von den Tarifvertragsparteien frei geregelt werden und ist aufgrund der Befristung verfallen. Der tarifliche Mehrurlaub für die Jahre 2009 und 2010, der für die Klägerin auch einen zusätzlichen Tag aufgrund ihrer Schwerbehinderung umfasste, steht ihr hingegen zu. Der Tarifvertrag enthält keine Anhaltspunkte, dass die Zahlung von Urlaubsabgeltung von der Arbeitsfähigkeit oder ihrer Wiederherstellung abhängen soll.

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Hilfsmittelversorgung

Hörgeräte


Leitsätze

1. Bewilligt die Krankenkasse für ein Hörgerät den Festbetrag, bleibt sie als erstangegangener Rehabilitationsträger verpflichtet zu prüfen, ob ein anderer Rehabilitationsträger die Mehrkosten zu übernehmen hat. 2. Wird ein Hörgerät nur wegen der besonderen Anforderungen der ausgeübten Erwerbstätigkeit an die Hörfähigkeit des Versicherten benötigt, aber auch im Alltagsleben benutzt, kommt eine Kostenteilung zwischen Krankenkasse (Festbetrag) und Rentenversicherungsträger (Mehrkosten) in Betracht.

BSG, Urteil vom 24.01.2013, B 3 KR 5/12 R

Sachverhalt und Entscheidungsgründe Die 1965 geborene Klägerin leidet an einer progredienten hochgradigen Innenohrschwerhörigkeit rechts, einer mittelgradigen Innenohrschwerhörigkeit links sowie an einem beidseitigen Tinnitus. Sie ist Diplom-Pflegewirtin und seit 2006 als Qualitätsmanagementbeauftragte bei einem Wohlfahrtsverband beschäftigt. Sie macht einen Anspruch auf Übernahme der durch den Festbetrag nicht gedeckten Kosten geltend. Das Bundessozialgericht (BSG) wies die Revision der beigeladenen Krankenversicherung zurück. Die Klägerin begehrt die Versorgung mit einem Hörgerät. Somit handelt es sich um einen Antrag auf Teilhabeleistungen nach § 14 Abs. 1 Satz 1 SGB IX. Nach der Auslegungsregelung des § 2 Abs. 2 SGB I geht es um eine umfassende, nach Maßgabe des Leistungsrechts des Sozialgesetzbuches bestmögliche Versorgung. Die Beigeladene musste das Hörgerät in Höhe des Festbetrages aus eigenem Leistungsrecht (SGB V) sowie die Mehrkosten als erstangegangener Rehabilitationsträger in Form einer Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben nach SGB VI finanzieren.

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Schadenersatz

Arbeitsorganisation


Leitsätze

1. Um eine behinderungsgerechte Beschäftigung zu ermöglichen, ist der Arbeitgeber auch zu einer Umgestaltung der Arbeitsorganisation verpflichtet. 2. Führt der Arbeitgeber ein gebotenes Präventionsverfahren nicht durch, muss der schwerbehinderte Arbeitnehmer nur das Vorliegen der Voraussetzungen von § 84 Abs. 1 oder 2 SGB IX und die Einschränkung seiner Leistungsfähigkeit vortragen.

LAG Hessen, Urteil vom 21.03.2013 – 5 Sa 842/11

Sachverhalt und Entscheidungsgründe
Die seit 1993 bei der Beklagten als Kommissioniererin beschäftigte Klägerin ist einem schwerbehinderten Menschen gleichgestellt. Sie ist seit April 2008 mit geringen Unterbrechungen arbeitsunfähig erkrankt.Ihre bisherige Tätigkeit kann sie behinderungsbedingt nur noch eingeschränkt ausüben. Anfang September 2010 bot sie unter Bezug auf einen ärztlichen Entlassungsbericht ihre Arbeitskraft wieder an. Sie beantragte gleichzeitig ihre innerbetriebliche Umsetzung und die Zuweisung einer Bürotätigkeit. Die Beklagte verwies sie auf die Beschäftigung in der Poststelle an einem anderen Standort. Das Landesarbeitsgericht (LAG) sprach ihr einen Schadenersatzanspruch (§ 280 Abs. 1 BGB) in Höhe der entgangenen Vergütung zu. Die Klägerin kann gemäß § 81 Abs. 4 Satz 1 Nr. 4 SGB IX verlangen, dass sie nur mit leichteren Arbeiten beschäftigt wird, sofern im Betrieb die Möglichkeit dazu besteht. Von einer Unzumutbarkeit für den Arbeitgeber (§ 81 Abs. 4 Satz 3 SGB IX) kann erst gesprochen werden, wenn eine langfristige Unterschreitung der Durchschnittsleistung um mehr als ein Drittel feststellbar ist. Den angebotenen Arbeitsplatz hat die Klägerin nicht annehmen müssen, da damit eine endgültige Abänderung des Arbeitsvertrages verbunden gewesen wäre.

| Bild: Mario Kunze bei der Arbeit im Markthaus Mannheim, (c) Klaus Landry |
Markthaus Mannheim

Verborgene Talente entdecken

Mario Kunze ging 24 Jahre lang in eine Werkstatt für behinderte Menschen. Heute trägt er als Mitarbeiter eines Lebensmittelmarktes zum Unternehmenserfolg bei.

Mario Kunze bei der Arbeit im Markthaus Mannheim, (c) Klaus Landry
Neue Perspektive: Mario Kunze kann heute seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten, (c) Klaus Landry
ZB 1-2014

Markthaus Mannheim

Verborgene Talente entdecken

Behinderte Menschen haben oft viel mehr Potenzial, als es ihr Lebenslauf auf den ersten Blick vermuten lässt. In der Markthaus Mannheim gGmbH tragen auch ehemalige Beschäftigte einer Werkstatt für behinderte Menschen wie Mario Kunze zum Unternehmenserfolg bei.

Ganze 24 Jahre verbrachte Mario Kunze in den Heidelberger Werkstätten, bevor er einen Arbeitsvertrag – den ersten seines Lebens! – unterschreiben konnte. "Darauf haben wir feierlich angestoßen", erinnert sich Heinz Schneider, Personalleiter beim Markthaus Mannheim. Dabei ist Mario Kunze kein Einzelfall: Innerhalb von zwei Jahren hat das Integrationsunternehmen 19 Männer und Frauen eingestellt, deren Fähigkeiten im Grenzbereich zwischen einer Werkstatt für behinderte Menschen und dem allgemeinen Arbeitsmarkt liegen.

Ich wollte da unbedingt hin
Seit mehreren Jahren macht Heinz Schneider in Sonder- und Förderschulen sowie Werkstätten regelmäßig "Werbung" für das Markthaus Mannheim, um Auszubildende oder neue Mitarbeiter zu gewinnen. Denn das Integrationsunternehmen wächst Jahr für Jahr und braucht Arbeitskräfte. Im Frühjahr 2013 eröffnete der fünfte Markthaus-Lebensmittelmarkt in Nußloch bei Heidelberg und stellt seitdem die Nahversorgung im Ort sicher. "Ich wollte da unbedingt hin!", sagt Mario Kunze mit fester Stimme und für einen Moment geht der großgewachsene Mann mit dem sanften Wesen aus sich heraus. Der Wille, zu lernen und zu arbeiten, ist für Personalchef Heinz Schneider mit das wichtigste Einstellungskriterium. Auch die Frage nach den Schwächen eines behinderten Bewerbers dient vor allem dazu, ein passendes Arbeitsumfeld für den Betroffenen zu finden und mögliche Förderbedarfe frühzeitig zu erkennen. Nur so können seiner Ansicht nach bestmögliche Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Einstieg geschaffen werden. "Weil behinderte Menschen oft viel mehr Potenzial haben, als es ihr Lebenslauf auf den ersten Blick vermuten lässt, ist es auf der anderen Seite wichtig, individuelle Talente und Fähigkeiten durch ein Betriebspraktikum zu entdecken und gezielt zu fördern", bekräftigt Heinz Schneider.

Mario Kunze im Gespräch mit seiner Marktleiterin Gisela Uhrig, (c) Klaus Landry
Mario Kunze im Gespräch mit seiner Marktleiterin Gisela Uhrig, (c) Klaus Landry
Im Team geschätzt

Nach acht Wochen Praktikum erhielt Mario Kunze die Zusage für einen unbefristeten sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz. Seit November 2013 verstärkt der 45-Jährige das Mitarbeiterteam in Nußloch, das nunmehr aus der Marktleiterin und ihrer Stellvertreterin sowie fünf schwerbehinderten Beschäftigten und einer Auszubildenden besteht. Wegen der langen Ladenöffnungszeit arbeiten sie in zwei Schichten: von 7 bis 15 Uhr und von 11 bis 19 Uhr. Pünktlich zu sein, ist für Mario Kunze Ehrensache. Lieber nimmt er einen früheren Bus und wartet eine halbe Stunde vor verschlossener Tür, als zu spät zur Arbeit zu kommen. Marktleiterin Gisela Uhrig schätzt seine Verlässlichkeit. Ihre Aufgabe ist es, die Arbeitsabläufe im Laden zu organisieren und gleichzeitig die individuellen Bedürfnisse und Einschränkungen der behinderten Mitarbeiter zu berücksichtigen. Mario Kunze, zum Beispiel, kommt mit Zahlen schnell durcheinander und stottert, wenn er aufgeregt ist, was Gespräche mit Kunden naturgemäß erschwert. Für Integrationsunternehmen wie das Markhaus Mannheim gehört es jedoch zum Alltagsgeschäft, aus Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen und Fähigkeiten ein leistungsfähiges Team zu schmieden.

Das ist mein Bereich
Mario Kunze zeigt stolz auf die meterlangen Kühlregale – eines mit Molkereiprodukten, ein anderes mit Wurst- und Fleischpackungen bestückt. Über Wochen hinweg hat er mit einem "Integrationscoach" geübt: Lieferungen entgegengenommen, Waren in Regale einsortiert und Mindesthaltbarkeitsdaten überprüft ... Inzwischen erledigt er seine Aufgaben nahezu selbstständig. Hin und wieder wird er von Kunden angesprochen. "Wenn ich nicht weiter weiß, hole ich die Marktleiterin", sagt der behinderte Verkäufer bestimmt. So ist es zwischen den beiden vereinbart.

"Wir sind oft überrascht, mit welchem Elan und mit welcher Motivation unsere behinderten Mitarbeiter bei der Sache sind und wie viel Einsatzbereitschaft in ihnen steckt", erklärt Heinz Schneider. Wenn einzelne Mitarbeiter wegen ihrer Behinderung mehr Zeit benötigen, um ihre Aufgaben zu erledigen, werde dies häufig durch zusätzliches Personal ausgeglichen. Bezogen auf die Ladenfläche beschäftigt das Integrationsunternehmen daher mehr Arbeitskräfte als beispielsweise die 15 großen Discounter. Wer im Markthaus- Lebensmittelmarkt einkauft, findet dafür immer einen freundlichen Mitarbeiter, der behilflich ist oder Zeit für ein nettes Wort findet. Das gehört zur Philosophie des Unternehmens dazu und viele Kunden, vor allem ältere Menschen, schätzen die persönliche Atmosphäre und die zentrale Lage des Geschäfts. Neben konkurrenzfähigen Preisen, die das Markthaus durch eine Kooperation mit REWE anbieten kann, braucht es auch immer wieder neue Ideen, wie ein kürzlich eingerichteter Secondhand-Bereich, um Kundschaft anzuziehen.

Im Wettbewerb bestehen
Eine Rückkehr in die Werkstatt für behinderte Menschen kommt für Mario Kunze nicht in Frage. Dennoch ist er froh, dass ihm diese Möglichkeit zugesichert wurde. Durch seine Arbeitsstelle im Lebensmittelmarkt kann Mario Kunze heute seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten. Eingliederungshilfe benötigt er nicht mehr. "Damit profitiert auch die Gesellschaft von einer Integration in den ersten Arbeitsmarkt", stellt Heinz Schneider klar.

Das Markthaus Mannheim erhält für die Beschäftigung von Mario Kunze Zuschüsse vom KVJS-Integrationsamt Baden-Württemberg sowohl eine Aufwandsentschädigung für die personelle Unterstützung – zum Beispiel bei der Einarbeitung – als auch einen Produktivitätsausgleich. Eine solche Förderung kann prinzipiell jeder Betrieb erhalten, der schwerbehinderte Menschen beschäftigt. Es handelt sich dabei also nicht um Subventionen, sondern um einen fairen Nachteilsausgleich. Dass das Mannheimer Integrationsunternehmen auf dem Markt wettbewerbsfähig ist und schwarze Zahlen schreibt, verdankt es in erster Linie den eigenen Anstrengungen und dem Engagement seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

PORTRÄT

Portrait von Heinz Schneider, (c) Klaus Landry
(c) Klaus Landry
"Selbstverständlich können auch Menschen mit wesentlichen Behinderungen ein hohes Maß an Leistungsfähigkeit entwickeln, wenn sie individuell gefördert werden und die Rahmenbedingungen stimmen. Der Gewinn für unser Unternehmen liegt jedoch vor allem in der besonders hohen Motivation und Loyalität unserer behinderten Mitarbeiter. Sie sind eine Bereicherung, sowohl für das soziale Miteinander als auch für unseren wirtschaftlichen Erfolg."

Heinz Schneider ist Leiter Personal & Integration beim Markthaus Mannheim.

WEITERE INFORMATIONEN

Recycling-Kaufhaus Mannheim gGmbH

Das Markthaus öffnete 1997 als bundesweit größtes Öko- und Secondhand-Kaufhaus seine Pforten. Seit 2002 ist es ein anerkanntes Integrationsunternehmen. Mittlerweile gehören auch fünf Markthaus-Lebensmittelmärkte in der Rhein-Neckar-Region zum Unternehmen. Aktuell sind rund 116 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, 48 von ihnen haben eine Schwerbehinderung.


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