| Bild: ZB 1-2019 Titel, (c) Susi Knoll
|
ZB EXTRA 1-2019

SBV START

Arbeitgeber für Inklusion!

Die Schwerbehindertenvertretungen (SBV) sind jetzt neu gewählt und beginnen in diesen Wochen mit ihrer Arbeit. "Es ist ein wichtiger Einsatz für die Inklusion am Arbeitsmarkt", so bezeichnet Bundesarbeitsminister Hubertus Heil das Engagement der Vertrauenspersonen. Damit der Start gelingt, geben Experten aus Betrieben, Dienststellen und Integrationsämtern ihre Erfahrungen weiter.

ZB EXTRA 1-2019

SBV START

Arbeitgeber für Inklusion!

Die neu gewählten Schwerbehindertenvertretungen (SBV) beginnen jetzt mit ihrer Arbeit. Was erwartet sie? Wer unterstützt sie? Der Schwerpunkt dieser ZB befasst sich damit. Tipps und Ratschläge aus Betrieben und Dienststellen sowie vom Integrationsamt werden vorgestellt und Bundesarbeitsminister Hubertus Heil äußert sich zu seinen Plänen, die Teilhabe am Arbeitsleben für schwerbehinderte Menschen zu verbessern.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im Gespräch mit der ZB.

Hubertus Heil, (c) Susi Knoll
Hubertus Heil, (c) Susi Knoll
Herr Minister Heil, Sie haben im letzten Jahr zu einer regen Wahlbeteiligung für die SBV-Wahlen aufgerufen, damit die SBV auch in Zukunft auf einem breiten demokratischen Fundament steht und sich gestärkt für Inklusion einsetzen kann. Die neu gewählten Schwerbehindertenvertretungen haben jetzt ihr Amt angetreten. Was können Sie ihnen mit auf den Weg geben?

Hubertus Heil Durch das Bundesteilhabegesetz konnten wir wichtige Verbesserungen erreichen, die die Arbeit der Vertrauenspersonen der schwerbehinderten Menschen deutlich erleichtern. Allein dadurch, dass der Schwellenwert für die Freistellung der Schwerbehindertenvertretung von 200 auf 100 schwerbehinderte Menschen gesenkt wurde, erhalten viele Vertrauenspersonen nun eine Freistellung. Das festigt ihre Position innerhalb ihrer Unternehmen oder Behörden. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, allen Vertrauenspersonen ganz herzlich für ihren wichtigen Einsatz zu danken!

Vor zehn Jahren ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten und Deutschland hat sich verpflichtet, die Inklusion umzusetzen. Hierbei ist Teilhabe am Arbeitsleben ganz  entscheidend. Was werden Sie konkret unternehmen, um in diesem Bereich die Situation zu verbessern?

Heil Mit einer ganzen Reihe von Initiativen und Programmen sowie dem Bundesteilhabegesetz haben wir in der jüngeren Vergangenheit spürbare Verbesserungen für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt erreicht. Das ist uns Ansporn weiterzumachen. Ein Schlüssel zu erfolgreicher Inklusion auf dem Arbeitsmarkt ist, die Arbeitgeber dafür zu gewinnen. Deswegen wollen wir noch mehr Arbeitgeber überzeugen, dass die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen ein Gewinn ist. Und wir wollen ergänzend zum Budget für Arbeit ein Budget für Ausbildung einführen, um auch die Berufsausbildung inklusiver zu gestalten.

Die Ausgleichsabgabe hat neben der Ausgleichsfunktion auch die Funktion, Arbeitgeber zu motivieren, schwerbehinderte Menschen zu beschäftigen. Über 160.000 Betriebe und Dienststellen sind in Deutschland beschäftigungspflichtig. Rund 25 Prozent von ihnen beschäftigen keine schwerbehinderten Menschen. Reicht die Antriebsfunktion der Ausgleichsabgabe noch aus?

Heil Der Arbeitsmarkt entwickelt sich auch bei den Menschen mit Behinderungen positiv. Nie waren mehr schwerbehinderte Menschen in Arbeit als heute. Daran hat das System von Beschäftigungspflicht und Ausgleichsabgabe entscheidenden Anteil. Wir werden mit einer neuen Initiative gezielt bei den Arbeitgebern, die trotz Pflicht keinen einzigen schwerbehinderten Menschen beschäftigen, beginnend ab Frühjahr 2019 intensiv für das Arbeitskräftepotenzial der schwerbehinderten Menschen werben. Wenn es uns durch diese Aufklärungsarbeit aber nicht gelingt, mehr beschäftigungspflichtige Unternehmen davon zu überzeugen, Menschen mit Behinderungen eine Chance zu geben, müssen wir uns Gedanken machen, ob wir bei der Ausgleichsabgabe etwas ändern.

Barrierefreiheit ist meist eine wichtige Voraussetzung für die Teilhabe am Arbeitsleben. Wie ist der Stand in der Praxis? Welche Maßnahmen werden Sie ergreifen, um die Betriebe und Dienststellen bei der Umsetzung zu unterstützen?

Heil Für mein Ministerium ist Barrierefreiheit ein zentrales Thema. Kernstück ist das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG). Das BGG verpflichtet unter anderen die Bundesbehörden dazu, bauliche Barrieren abzubauen und die Barrierefreiheit bei Um- und Neubauten zu berücksichtigen. Wir wollen aber auch den privaten Unternehmern als Arbeitgeber helfen, Strukturen und Maßnahmen zu entwickeln, um Menschen mit Behinderungen einzustellen. Dazu gehört auch die Forschung darüber, wie Barrieren in Betrieben abgebaut werden können bzw. wie man am besten Barrieren nicht entstehen lässt. Wir denken, dass der Blick über den Tellerrand hinaus lohnt, und haben eine international vergleichende Studie zur Barrierefreiheit in Unternehmen in Auftrag gegeben. Wir wollen einen Überblick über Maßnahmen und Möglichkeiten für ein barrierefreies Arbeitsumfeld in anderen Ländern gewinnen und überlegen, was auch bei uns funktionieren könnte und dies dann deutschen Unternehmen und ihren Verbänden als Anregung zur Verfügung zu stellen.

Ein Hauptanliegen des SGB IX ist es, die Koordination der Leistungen und das Zusammenwirken der Leistungsträger zu gewährleisten. Ist dies zufriedenstellend gelungen?

Heil In der Vergangenheit haben die Zusammenarbeit der Leistungsträger und ihre Abstimmung untereinander gerade in komplexen Fällen oftmals nicht zufriedenstellend funktioniert. Deshalb haben wir die gesetzlichen Grundlagen im SGB IX, wo es um die Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen geht, im Zuge des Bundesteilhabegesetzes präzisiert und geschärft. Die Betroffenen können nun in den neuen Teilhabeplanverfahren stärker mitreden. Sie können zum Beispiel die Durchführung einer Teilhabeplankonferenz verlangen oder sich bei Untätigkeit der Behörden in bestimmten Fällen selbst beschaffte Leistungen erstatten lassen. Für eine belastbare Bilanz, welche Wirkung die neue Gesetzeslage in der Praxis zeigt, ist es noch zu früh. Hier setze ich auf die ebenfalls neu eingeführte Verpflichtung, zentrale Daten zum Rehabilitations-Prozess bundesweit zu erfassen. Der darauf aufbauende Teilhabeverfahrensbericht wird erstmals Ende dieses Jahres veröffentlicht und dann jährlich für mehr Transparenz sorgen.

ZB EXTRA 1-2019

SBV START

Wie ein guter Start ins Amt gelingt

Die ZB hat sich in Betrieben und Dienststellen umgehört …

Schwerbehindertenvertreterin Lydia Maus, (c) Klaus Fricke
Schwerbehindertenvertreterin Lydia Maus, (c) Klaus Fricke
"Barrierefreiheit ist eine ganz entscheidende Voraussetzung für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen. Da ich kleinwüchsig bin, habe ich darauf natürlich ein besonderes Augenmerk. Ich meine aber auch die „Barrieren im Kopf“, die viele von uns noch haben. Sie gilt es zu beseitigen, denn jeder schwerbehinderte Beschäftigte ist auch ein wertvoller Mitarbeiter und dafür kann und sollte sich die Schwerbehindertenvertretung von Anfang an einsetzen und stark machen!"

Lydia Maus (57) ist Schwerbehindertenvertreterin und Betriebsrätin im Werk Stöcken (Hannover) der Continental Reifen Deutschland GmbH. Von den insgesamt 3.800 Beschäftigten sind 180 schwerbehindert oder gleichgestellt.

 

 

 

Gesamtschwerbehindertenvertreterin Ute Rehm-Schmid, (c) Michael Bamberger
Gesamt-SBV und Betriebsrätin Ute Rehm-Schmid, (c) Michael Bamberger
"Die Schwerbehindertenvertretung braucht zur Durchsetzung ihrer Ideen Verbündete. Ein wichtiger interner Partner ist für mich der Betriebsrat. Deswegen war es mir zu Beginn meiner Tätigkeit als Schwerbehindertenvertreterin wichtig, eine gute kollegiale Basis mit dem Betriebsrat zu finden. Mein Tipp: Überzeugen Sie den Betriebsrat davon, dass Sie keine Konkurrenz sind, sondern gemeinsame Interessen haben und vor allem als Team erfolgreich sind."

Ute Rehm-Schmid (50) ist Gesamtschwerbehindertenvertreterin und seit 2018 auch Betriebsrätin bei der August Faller GmbH & Co. KG im badischen Waldkirch. Der Hersteller für pharmazeutische Verpackungslösungen beschäftigt in allen deutschen Werken rund 900 Mitarbeiter, von denen 51 schwerbehindert sind.

 

 

Vertrauensperson Stefanie Lanz-Hafki, (c) Björn Hake
Schwerbehindertenvertreterin Stefanie Lanz-Hafki, (c) Björn Hake
"Präsenz zeigen, sich bekannt machen: Das ist mein Tipp für die neu gewählten Schwerbehindertenvertretungen. Es gibt viele gute Gelegenheiten, um sich in seiner Rolle und Funktion einzubringen, zum Beispiel regelmäßige Teilnahme an Personal- oder Betriebsratssitzungen,
Monatsgesprächen, wie auch weiteren Gremien und Arbeitsgemeinschaften. Dies sichert die Beteiligung der Schwerbehindertenvertretung und dient somit der Stärkung der berechtigten Interessen der Beschäftigten. Des Weiteren ist es wichtig, sich im größeren Rahmen, wie auf Personal- oder Betriebsversammlungen, Begrüßungsveranstaltungen für neue Beschäftigte, immer wieder einzubringen. Auf diese Weise werden Hemmschwellen abgebaut und es können Kontakte auf allen Ebenen geknüpft werden."

Stefanie Lanz-Hafki (40) ist die Vertrauensperson der schwerbehinderten Menschen bei KiTa Bremen, einem Eigenbetrieb der Stadtgemeinde Bremen, mit rund 2.500 Beschäftigten. Sie vertritt die Interessen von derzeit 115 schwerbehinderten und gleichgestellten Personen.

 

Inklusionsbeauftragte Irmgard Franken, (c) Klaus D. Wolf
Inklusionsbeauftragte Irmgard Franken, (c) Klaus D. Wolf
"Als neu gewählte Schwerbehindertenvertretung haben Sie einen frischen Blick 'auf das, was läuft'. Seien Sie optimistisch, dass Sie als Interessenvertretung etwas verändern können, weil nichts, 'was schon immer so schwierig war', so bleiben muss. Seien Sie auch offen für die Argumente oder die Sichtweise der Arbeitgeberseite, weil Sie dann vermutlich entdecken, dass man auch dort das 'Bessere' will, vielleicht mit einer anderen Vorstellung über den Weg dorthin. Aber darüber kann man ja diskutieren!"

Irmgard Franken (57) ist seit Juli 2009 Inklusionsbeauftragte der Stadt München und leitet das Gesundheits- und Eingliederungsmanagement. Rund 38.000 Mitarbeiter arbeiten für die Stadt München, davon sind 2.300 schwerbehindert oder gleichgestellt.

ZB EXTRA 1-2019

SBV START

Fit für die Praxis

Die Schwerbehindertenvertretungen (SBV) sind für die Integrationsämter wichtige Partner. Das Informations- und Bildungsangebot der Integrationsämter möchte die SBV dabei unterstützen, ihre vielfältigen Aufgaben erfolgreich und akzeptiert zu bewältigen. Worauf dabei besonders zu achten ist, haben wir Ulrich Römer und Christian Vedder vom KVJS-Integrationsamt in Karlsruhe gefragt.

Ulrich Römer vom KVJS-Integrationsamt in Karlsruhe, (c) Thomas Brenner
Ulrich Römer vom KVJS-Integrationsamt in Karlsruhe, (c) Thomas Brenner
Was können Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen als Trainer der Kursangebote der BIH den neu gewählten SBV raten, damit der Einstieg ins Amt gelingt?

Ulrich Römer Das Amt erfordert eine gewisse Sensibilität und auch diplomatisches Geschick, um ans Ziel zu kommen. Mit "dem Kopf durch die Wand" funktioniert es nicht. Man muss wissen, wie man die Dinge angeht, und man muss sich in dem sicher sein, was man tut. Das heißt, ohne fundiertes Basiswissen wird der Einstieg schwierig werden. Deswegen mein Rat: Eignen Sie sich zuerst dieses Fachwissen an, bevor Sie agieren. Dazu können Sie zum Beispiel einen dreitägigen Grundkurs der Integrationsämter besuchen.

Christian Vedder vom KVJS-Integrationsamt in Karlsruhe, (c) Thomas Brenner
Christian Vedder vom KVJS-Integrationsamt in Karlsruhe, (c) Thomas Brenner
Christian Vedder
Nutzen sollten Sie auch unbedingt die Online-Medien der BIH, wie zum Beispiel das BIH LeistungsNAVI zum Förderangebot (www.leistungsnavi.integrationsaemter.de), das Online-Fachlexikon ABC mit allen Stichworten zur Beschäftigung schwerbehinderter Menschen sowie das BIH Forum (siehe Link unten). Hier erhalten Sie schnell und unkompliziert Antworten auf Ihre Fragen. Und wenn Sie auf Print nicht ganz verzichten wollen: Mit der ZB SPEZIAL Die Schwerbehindertenvertretung sind Sie sehr gut aufgestellt.

STARKE VERTRAUENSPERSONEN SIND UNSERE BESTE EMPFEHLUNG

Was ist noch wichtig?

Römer Die neu gewählten SBV müssen ihre Ansprechpartner kennen – intern wie auch extern. Sie müssen im Betrieb wissen: Wer ist mein Ansprechpartner beim Betriebsrat? Mit wem verhandle ich beim Arbeitgeber? Hat er einen Inklusionsbeauftragten? Und das gilt auch für die externen Partner: Wer ist mein Ansprechpartner beim Integrationsamt, bei der Agentur für Arbeit, bei der Deutschen Rentenversicherung, bei den Berufsgenossenschaften, beim Betriebsärztlichen Dienst oder beim Betriebsarzt?

Vedder Sie müssen keine allzu große Scheu vor den externen Partnern haben. Denn: Die Integrationsämter verstehen sich als Dienstleister. Deswegen: Gehen Sie auf Ihr Integrationsamt zu, rufen Sie an und verabreden Sie sich zu einem Gespräch zum gegenseitigen Kennenlernen. Wir freuen uns darauf. Für die Integrationsämter ist Ihr Engagement als SBV wichtig für eine erfolgreiche gemeinsame Lösungssuche. Starke Vertrauenspersonen sind unsere beste Empfehlung.

Das BIH Forum gibt es nun schon seit einigen Jahren. Angefangen hat es als Pilotprojekt. Wie wird es zwischenzeitlich angenommen?

Vedder Wir sind auf dem richtigen Weg: Mit knapp einer Million Besucher 2018 und 27 Millionen Zugriffen hat sich das Forum nicht nur bewährt, sondern zeigt sich auch als moderner und adäquater Kommunikationsweg für die SBV, um sich schnell zu informieren. Heute haben viele – fast alle – SBV ein Smartphone und nutzen es auch. Deswegen kommt das Forum ihnen auch sehr entgegen.

DAS BIH FORUM IST EIN WISSENSPOOL

Hat es auch einen besonderen Nutzen für neu gewählte Schwerbehindertenvertretungen?

Römer Das will ich meinen. Das Forum kann wie ein Wissenspool genutzt werden. Den gestellten Fragen liegen häufig ähnliche Sachverhalte zugrunde, sodass man auf viele Fragen die Antworten im Forum schon findet. Durch die Suchfunktion können Sie sich schnell einen Überblick verschaffen. Und falls nicht, kann man schnell eine Frage stellen und bekommt sie umgehend beantwortet. Es entspricht einfach dem heutigen Arbeitsstil.

Vedder Auch hier gilt: Einfach das Medium nutzen! Es kann nichts schiefgehen! Die Community hat jetzt fast 9.500 Mitglieder. Machen Sie doch auch mit und profitieren Sie davon!

Die Adresse und weitere Angebote rund um das Thema finden Sie unter: SBV START KOMPAKT


URL dieser Seite: http://www.integrationsaemter.de/druckversion/ZB-1-2019/770c11051i3p/index.html